Kolumne „Bild der Woche“

Die Tarnung der Idylle

Von Katja Petrowskaja
 - 07:30

Hier scheint nichts Besonderes zu geschehen. Dieses Foto ist unauffällig. Trotz des scharfen Titels der Serie „Krieg im Park“ passiert hier anscheinend nicht viel. Den Krieg sieht man nicht, nicht einmal, wenn man nach einer versteckten Metapher sucht. Ein friedliches Foto mit Spuren einer Zufälligkeit, etwas lässig gemacht. Je lässiger, desto echter – als würde uns dieses Foto eine unmanipulierte Realität zeigen wollen. Das Foto ist grobkörnig, dadurch gerät hier alles „aus dem Fokus“, wird wackelig, wie der Betrunkene vor dem Baum. Fröhlich winkt er jemandem zu, wir sehen nicht, wem. Er hält eine Flasche Wasser in der Hand, steht unsicher. In der Ferne sitzen zwei Paare oder Gruppen (Frühstück im Grünen?) in der gleichen Distanz zu dem Mann. Damit bringen sie das Bild wieder ins Gleichgewicht, bilden die Komposition. Ordnung und Unordnung ergänzen sich. Auf dem Rasen steht ein Kinderwagen, schwarz wie unser Held. Ein ziemlich typisches kultiviertes Gelände in Osteuropa: Ein Blumenbeet mit Stiefmütterchen, ein Tannenbaum, alte Bäume. Wenn es überhaupt einen Ort gibt, an dem nichts passiert, scheint es hier zu sein, und das ist heutzutage eine gute Nachricht.

Ich sehe aber, was du nicht siehst, und das ist der Krieg, der in diesem Land herrscht, auch wenn das weit entfernt von diesem Park ist – sagt uns die Fotografin. Vielleicht sitzt der Krieg auch in unseren Knochen? Ich meine diejenigen „wir“, die aus diesem Land kommen und die mit diesem „unsichtbaren“ Krieg leben müssen. Ich schaue erneut auf den fröhlichen und netten Helden. Gibt es etwas in dem Bild, das alarmiert, das auf einen Krieg deutet, oder trage ich wie viele von „uns“ „die Leichen im Kopf“?

Die Serie „Krieg im Park“ von Yevgenia Belorusets besteht aus 24 Bildern, die in einem zentralen Park auf dem Wladimir-Hügel in Kiew gemacht wurden. Ob ein Betrachter durch ein Fragment das Ganze erraten kann, wenn er nur dieses eine Foto anschaut? Kommt das Alarmierende durch den Titel? Durch die anderen Bilder? Oder dadurch, dass wir eventuell verstehen können, in welcher Stadt, in welchem Land dieser Park sich befindet? Der Krieg in der Ostukraine, der durch viele andere politische Krisen fast vergessen wurde, wird in der Serie nur angedeutet. Die meisten Bilder sind idyllisch oder möchten sich idyllisch tarnen. Eine weiße Figur schimmert in der Tiefe des Parks, eine Frau sitzt an einem Kiosk früh am Morgen, drei Fotos eines jungen Paares zeigen die Schritte einer Liebeseroberung, eine Frau sitzt mit einem Soldaten auf der Bank, sie schauen in die Kamera. Ihre Gesichter sind unscharf, als wäre das ein Zeichen ihrer Zärtlichkeit. Der Fokus liegt hinter ihnen, auf der schwarzen schmutzigen Erde, die scharf ist wie die bevorstehende Trennung. Weist sie auf den Krieg und den Tod? Auf einem anderen Foto sind vier Soldaten zu sehen, die am Rand des Parks sitzen, so wie auch der Krieg am Rande der Wahrnehmung tobt. Sonst herrscht Frieden. Die meisten Menschen sind klein, in der Distanz zu sehen, der Park ist fast leer. So lassen die Fotos viel unbesetzten Raum: frei zum Spazieren, frei zur Interpretation.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Vielleicht kann Fotografie auch hier etwas mehr sehen als der Mensch mit bloßem Auge, wie in „Blow up“ von Michelangelo Antonioni, wo ein Fotograf im Park von den Bewegungen im Wind rauschender Blätter angezogen wird. Als er, zurück in seinem Studio, den Film entwickelt, entdeckt er durch die Vergrößerung eine Leiche auf einem Foto. Nicht durch seine Augen, sondern durch die Fotografie wird er zum Zeugen eines Mordes im Park, als wäre die Kamera fähig, etwas zu sehen, was der begrenzte Blick des Menschen nicht sehen kann. Die Negative verschwinden, und er bleibt ohne Beweise mit dem Geschehen im Kopf zurück, mit einem inneren Narrativ, das er mit sich trägt. Nur noch seine Empfindung, seine Wahrnehmung sagen ihm, dass er ein Verbrechen fotografiert hat. Der Park ist leer. Wind und Bäume zeugen nur von sich selbst.

Wo sind die Grenzen der Interpretation? Die Grenzen der Ruhe im Park? Ist diese Idylle tatsächlich täuschend? Die Fotografin spielt mit dieser Grenze, hinterfragt den Zuschauer. Vielleicht ist der Alarm zum Bestandteil auch meiner Wahrnehmung geworden, aber ich weiß, dass dieser Park an das Michailowski-Kloster grenzt. Seine lange Außenmauer ist mit Tausenden Fotos Gefallener dieses latenten Krieges geschmückt. Eine endlose, wachsende Reihe außerhalb des Rahmens dieses Bildes.

Quelle: F.A.S.
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