Kopenhagen nach den Anschlägen

Wie kurz die Wege zu den Abgründen sind

Von Matthias Hannemann, Kopenhagen
 - 09:14
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Sie haben den Wachmann begraben, am Nachmittag war das, die Ministerpräsidentin hat geweint. Noch am Abend biegen die Menschen beim Runden Turm von Kopenhagen in die Krystalgade ein, um Blumensträuße vor die Synagoge zu legen und auf die Maschinenpistolen zu starren. Polizisten bewachen den Ort, an dem Dan Uzan starb. Ihre Wagen rollen durch die Straßen der Stadt.

Die Gaststätten sind randvoll. Beim Italiener schmettert ein Bariton, beim Iren wird Fußball geschaut. Selbst in der Kellerbar an der Synagoge, auf Augenhöhe mit den Blumen, wenn man so will, wird unbeschwert gescherzt. „Und morgen gibt es einen Outlet-Verkauf in dem Designgeschäft, schon gehört?“, flötet eine Radfahrerin ins Mobiltelefon. Die Dänen, die in der Krystalgade von den Rädern steigen und sich bei der Hand halten, stört diese Gleichzeitigkeit nicht. Vielleicht sind die vertrauten Geräusche sogar beruhigend und gut.

Die Anschläge waren keine Überraschung

Das Einzige, was sie an diesem Abend irritiert, ist eine in Folie gesteckte Mohammed-Karikatur, die jemand unter die Blumen auf dem regennassen Asphalt schob. Geht das hier und jetzt? Ratlose Blicke. Ein Mann schüttelt den Kopf. „Wir müssen deeskalieren“, sagt er, „das war mein erster Gedanke, als ich von den Anschlägen hörte. Deeskalation fängt mit deinem Facebook-Eintrag an.“ An traurigen Plätzen wie diesen wird man schnell pastoral.

Andernorts fielen die Worte heftiger aus. Alle Parteien mit Ausnahme der Dansk Folkeparti hätten die Augen vor der Terrorgefahr verschlossen, sagte der rechtspopulistische Politiker Mogens Camre nach den Anschlägen und schob „der großen Mehrheit in Christiansborg“ eine Mitverantwortung für das Geschehen zu. Ein junger Muslim wiederum sagte einem Fernsehreporter im Svanevej, wo die Polizei den mutmaßlichen Täter erschoss: Wer angegriffen werde, müsse sich verteidigen. Und wer den Propheten mit einer Bombe auf dem Kopf zeichne, verdiene den Tod.

Beide Auftritte werden in den Tagen nach den Anschlägen auch von denen erwähnt, die sich abgeklärt geben und hervorheben, dass die Sicherheitsleute und Polizisten doch einen guten Job gemacht hätten. Die Dänen vertrauen dem Staat. Doch sie beginnen zu ahnen, wie kurz die Wege zu den Abgründen sind. Die Angriffe seien nicht überraschend gekommen, sagt der Journalist Morten Skjoldager, der sich seit dem Wirbel um die Mohammed-Karikaturen vor zehn Jahren in alle Gerichtsverfahren setzte, die auf vereitelte Anschläge folgten, ob die Täter nun allein gegen Zeichner wie Kurt Westergaard oder im Team gegen „Jyllands-Posten“ vorgingen. „Aber der entscheidende Punkt ist: Jetzt ist es passiert. Und nicht nur das: Es hat Unschuldige getroffen.“

Einen freundlichen Wachmann; er wurde per Kopfschuss getötet. Und einen Filmemacher namens Finn Nørgaard, der an das Gute im Menschen glaubte, wie seine Freunde behaupten, und nur eine Diskussionsrunde zum Thema Meinungsfreiheit besuchen wollte. Er war nicht der schwedische Karikaturist Lars Vilks, den der Täter als Ziel im Sinn gehabt haben dürfte.

Das Land verteidigen, wenn man es angreift

Hinzu komme, dass die Polizei die Leute in der Nacht zum Sonntag dazu aufforderte, sich nicht im Stadtzentrum aufzuhalten, sagt Skjoldager. In einem Land, das Offenheit gewohnt ist, reicht das für ein mulmiges Gefühl. Ein Hinweis auf die Unsicherheit. Wobei auch viele Muslime das Grauen nun packt. Sie fürchten, es nun noch schwerer zu haben als ohnehin schon.

Ein Bild reicht, um sie in Wallung zu bringen. Vor dem Kulturzentrum mit den zerschossenen Scheiben, dem „Krudttønden“ am Stadion, was nichts anderes als „Pulverfass“ heißt, schaut ein Muslim im Studentenalter über die abgelegten Blumen, Fähnchen, Beileidsbekundungen, Schwüre („Ihr werdet uns nicht brechen“), Vilks-Zeichnungen und die „Charlie Hebdo“-Ausgabe mit dem weinenden Propheten. Er beginnt leise zu schimpfen. „Das hier ist gut!“, ruft er, auf eine schwarze Karte zeigend, die den „Islamischen Staat“ kritisiert: „Das sind Verbrecher, die den Koran missbrauchen, und das ist die Kategorie, in die auch der Mörder vom Samstag gehört.“ Aber das Bild da drüben - ein Schwein auf dem Koran? „Das ist nicht gut, gar nicht gut, das soll nicht sein.“

Wir reden. Er beteuert sogleich, ein guter Däne zu sein: „Ich würde dieses Land sogar verteidigen, wenn man es angreift“, sagt er. „Ich bin hier daheim.“ Eine ältere Frau mit Kopftuch zieht ihn ständig davon. „Sprich nicht mit denen“, sagt sie, erklär das nicht, es bringt ja doch nichts.“ Allah werde die Sünder, die das nicht verstehen, am Jüngsten Tag zur Rechenschaft ziehen.

Weiter zurück in der Geschichte

An der Bahnhofshalle, in der man die Abendnachrichten auf einem großen Bildschirm verfolgen kann, beobachtet ein bärtiger Mann in weißem Gewand an diesem Abend skeptisch, was der Vertreter der muslimischen Community den herausgeputzten Reportern so sagt.

Der nächste Morgen. Im Fernsehen wird debattiert. Ein Band läuft durchs Bild: „Kommunen an Schulen: Sagt nicht, dass der Terrorist Muslim war.“ Die Konservativen fordern mehr Geld und Polizei. Die Ministerpräsidentin kündigt Anti-Terror-Maßnahmen an. Im September ist Wahl. Dazu einige Obama-Worte aus der Ferne und eine Meldung aus Thule in Grönland. Die Interessen der Amerikaner und Dänen sind manchmal verflochtener, als man so denkt.

Ist ein Gefängnisaufenthalt an der Radikalisierung schuld? Auch das ist so eine Frage beim Frühstück. Schließlich saß Omar Abdel Hamid El-Hussein wegen eines brutalen Messerangriffs ein. Der Sachbuch-Autor Aydin Soei aber, den ich in der Harbo Bar treffe, in deren Nähe zwei junge Türken im August 2003 den Rucksacktouristen Antonio Currá zu Tode brachten, lotst uns viel weiter in die Geschichte zurück.

Das Schlechteste aus Amerika importiert

Soei beschäftigt sich seit Jahren mit dem Einwanderer-Milieu. Als Kind iranischer Einwanderer erfuhr er am eigenen Leib, wie man in den alten Arbeitergettos, in die Dänemark die Gastarbeiter und Flüchtlinge steckte, zum Problemkind wird, das in der Schule durch Prügelei auffällt. Und was es bedeuten kann, im richtigen Umfeld zu leben: „Als wir umzogen, kam ich in eine Schule, in der sich keiner prügeln mochte. In einem Viertel mit kleinen Häuschen.“ Das ermutigte Aydin bis zum Studium. Wichtiger noch: „Der romantische Traum vom Leben in der Gang, den viele Einwandererjungen haben, schwand bei mir einfach dahin.“ Bei dem Zweiundzwanzigjährigen, der mitten in Kopenhagen loszog mit gestohlenen Waffen, war dieser Traum präsent. Er wuchs in einer Zeit auf, in der sich die Banden von Kopenhagen immer heftigere Auseinandersetzungen mit Gruppen wie den Hells Angels lieferten. Mit Schießereien sogar.

Und dann liefen er und Soei sich über den Weg. 2011 war das, in dem Jahr, in dem Soei sein Buch über die „Wütenden jungen Männer“ aus dem Milieu veröffentlichte. Soei hatte den amerikanischen Streetworker Rafi Peterson in den Mjölnerpark begleitet. „Ihr habt das Schlechteste von Amerika importiert“, rief der den sechs oder acht Jugendlichen zu, mit denen er über den Rapper Tupac, den Islam und das Gettoleben diskutierte. „Ich hatte keine Wahl. Aber ihr, verdammt, wachst in einem Sozialstaat auf!“

Eine Hilfsaktion einfacher Bürger

Einer von ihnen war ein Achtzehnjähriger mit palästinensischen Wurzeln. Soei erkannte ihn nun auf den Bildern des Attentäters sofort. Der Mann soll selbst den „Brothas“ zu krass geworden sein. Ohne die auf der Hand liegenden politischen Motive kleinzureden, sagt Soei: „Ein paranoider Gangster aus einer Loser-Umgebung. Vermutlich konnte er noch nicht mal genau sagen, in welcher Gesellschaft er leben möchte.“ An der Stelle in Nørrebro, an der die Polizei Omar Abdel Hamid El-Hussein erschoss, stellten einige Freunde Anfang der Woche in Schild auf: „Möge Allah mit Dir gnädig sein. Ruhe in Frieden, Captian.“ Das „Captian“ schrieben sie falsch.

Man muss über dieses rohe, verführbare Milieu reden, bevor man sich zur Jüdischen Gemeinde aufmacht. Denn einen aggressiven Antisemitismus, erklärt der Historiker Morten Thing, der sich mit der jüdischen Geschichte in Dänemark auskennt wie wenige andere, habe es im Land früher kaum gegeben. Sicherlich sei die Legende falsch, dass der König in den Jahren der deutschen Besatzung mit einem Judenstern an der Uniform durch Kopenhagen geritten sei; sie diente dazu, die Jahre der Zusammenarbeit mit den Deutschen und die waschechten dänischen Nazis vergessen zu machen.

Aber schon durch die Rettung der über 7000 dänischen Juden im Krieg, eine Hilfsaktion einfacher Bürger, fühlten sich die Juden in der dänischen Nachkriegsgesellschaft gut aufgehoben. Dieses Gefühl änderte sich erst im Zuge des Palästina-Konflikts. Wobei viele Dänen die Bombe, die im Juli 1985 vor der Synagoge explodierte, bald wieder vergaßen. Es wurde ja keiner verletzt.

Gefahr für das jüdische Leben

So unterschätzten Außenstehende noch nach den Anschlägen von Paris die Gefahr. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Dan Rosenberg Asmussen, sagt völlig übermüdet, weil er der internationalen Presse seit Tagen im Viertelstundentakt Interviews gibt: „Dass hier am Samstag mehr Polizei war als sonst, lag vor allem an der Schießerei im ,Krudttønden‘. Aber was wäre geschehen, hätte der Täter eine umgekehrte Reihenfolge gewählt?“

Asmussen hatte nach den Anschlägen in Belgien und Frankreich vergeblich um bessere Sicherheitsvorkehrungen gebeten. Nun hofft er, die Anschläge seien ein „Wake-up call“. Auswandern würden die dänischen Juden zwar kaum. Aber sie würden ihre Kinder eines Tages womöglich nicht mehr in die Kindergärten schicken oder die Synagoge betreten. Das jüdische Leben wäre vorbei. Die Zahl der Zwischenfälle war schon vor den Anschlägen hoch.

Auf der Suche nach Beispielen für den Antisemitismus, der im Kern ein Antiisraelismus ist, stößt man auf einen Artikel über einen dänischen Imam aus Odense, dessen Name schon im Zuge der Mohammed-Krise fiel. Er soll die Israelis im Herbst als Affen und Schweine bezeichnet haben.

Ein echtes Gespräch? Unmöglich

Bleibt Dänemark wirklich so cool, wie manche Beobachter meinen? Einige hundert Meter von der Synagoge entfernt, im Redaktionsbüro der liberalen „Berlingske“, hat Tom Jensen dazu aufgerufen, jetzt bloß einen kühlen Kopf zu bewahren: eine Mahnung sowohl an die Rechte, die nach den Anschlägen sogleich wieder die Einwanderungsfrage aufs Tableau zu bekommen versuchte, wie an jene, „die sich als Vertreter des Humanismus und eines anständigen Menschenbildes“ betrachten und nicht merken, dass sie dabei die Kernwerte der Demokratie verraten. Mit Letztgenannten meint er vor allen den Schriftsteller Carsten Jensen, der von einer „Selbstradikalisierung“ Dänemarks sprach und dabei die verheerende Wirkung der dänischen Rechten betonte. Das sei nicht weit von der Pressemitteilung entfernt, welche die radikale Gruppe Hizb-ut-tahrir nach den Anschlägen herausgegeben habe, sagt Tom Jensen.

Bloß, wie kommt man aus diesem zunehmend stickigen Klima heraus? „Ich weiß gar nicht, ob das Debattenklima das Problem ist“, sagt der Schriftsteller Jonas T. Bengtsson, der die radikalen Außenseiter der Gesellschaft in seinen Büchern beschreibt. „Es ist schon gut, dass wir nicht alles weichkochen wie im in den Konsens vernarrten Schweden.“ Aber ein bisschen sensibler sein, ohne die eigenen Positionen dabei ganz zu verraten, offen sein für ein echtes Gespräch?

„Schön wär’s“, sagt er. Und lacht dreckig, weil ein echtes, auf eine Lösung der anschwelenden Krisen gerichtetes Gespräch unter den Bedingungen des Politzirkus und der sozialen Medien, wo extreme Meinungsäußerungen dominieren, schlechterdings unmöglich erscheint.

Wer es bislang nicht war, wird im Dänemark dieser Tage erst recht nicht zum Optimisten.

Quelle: F.A.Z.
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