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Maskulinität in der Krise

Wo sind die echten Männer?

Von Claudius Seidl
 - 12:00
Muskeln, ein Panzer und definitiv keine Brille: Brad Pitt in der Rolle des verletzlichen Achilles in „Troja“ (2004) Bild: defd Deutscher Fernsehdienst, F.A.S.

Die heroischen Zeiten sind immer schon vorbei gewesen. Wenn die Heldensage erzählt wird, sind die Helden tot (oder, wie Herakles, in den Olymp entrückt). Siegfrieds Leiche wurde in Worms verbrannt, die des Achilles im Meer bestattet. Und jene, die einander von den Helden erzählen, die Dichter und ihr Publikum, trauern vielleicht der vergangenen Größe hinterher - und sind doch froh, dass sie es nicht mehr mit den Hydren und den Drachen zu tun bekommen. Oder gar mit dem Zorn der Götter, der noch fürchterlicher ist. Die Zeit der Helden war die Vorgeschichte, dann waren die Ungeheuer vernichtet, und die Götter ließen nichts mehr von sich hören. Danach kam die Zeit der Gesetze und der Polizei, die Achilles, in seinem Zorn, schon wegen Ruhestörung hätte verwarnen müssen.

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Zu erkennen, dass wir in postheroischen Zeiten leben, in einem postheroischen Land, das von postheroischen Männern bevölkert ist, das wäre also kein Grund zum Jammern. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Im deutschen Selbstgespräch ist aber trotzdem und, wie es scheint, immer dringlicher von der postheroischen Gegenwart, dem postheroischen Krieg, dem postheroischen Mann die Rede, und zwar in einem Tonfall, als würde hier etwas grundsätzlich Neues diskutiert. Das klingt, erstens, so, als ob die Zeit der Helden gestern erst zu Ende gegangen wäre; und zweitens wird mit dieser Rede suggeriert, dass das, was den deutschen Mann da draußen erwarte, in den Städten, oder weiter weg, in den Konflikten, in welche auch die Bundeswehr involviert ist, mythische Dimensionen hätte, vergleichbar den Ungeheuern der Heldensage. Als ob da draußen also der Feind wäre, der niedergerungen, besiegt, vernichtet, und nicht etwa das Problem, das gelöst werden müsste.

Der Bankrott deutscher Männlichkeit?

Wenn der Politikwissenschaftler Herfried Münkler vom postheroischen Krieg spricht, dann tut er das anscheinend kühl und analytisch und klagt nicht, sondern stellt nur fest, dass man vom westlichen Mann, wenn Krieg herrscht, keinen Heldenmut und keine Opferbereitschaft mehr erwarten kann. Wenn die Publizistin Cora Stephan (neulich, in der „Neuen Zürcher Zeitung“) vom postheroischen Mann spricht, meint sie Köln in der Silvesternacht, wo das deutsche Weichei offenbar zu schwach und zu feige war, seine Frau vor den fremden Männern zu beschützen. Überhaupt scheint jene Nacht, wenn man die Kommentare liest, der totale Bankrott deutscher Männlichkeit gewesen zu sein: In heroischeren Zeiten hätten diese Typen nicht gewagt, eine deutsche Frau anzufassen, und wenn doch, dann wäre es ihnen schlecht bekommen. Schon trauen sich die Polen, den deutschen Mann als Radfahrer und Veganer zu verspotten, und die herrschende Meinung in Russland scheint seit langem darauf hinauszulaufen, dass, wo die Frauen so stark und die Homosexuellen so sichtbar und selbstbewusst sind, für die Entfaltung deutscher Männlichkeit kein Raum mehr bleibe.

Was in Köln passierte, wissen die, die dabei gewesen sind. Alle anderen, also auch die meisten jener Kommentatoren, die in jener Nacht das Ende der Männlichkeit gesehen haben, sind auf Berichte und Zeugenaussagen angewiesen, und die meisten der Frauen, die von den Angriffen und Belästigungen berichtet haben, waren mit anderen Frauen unterwegs, ohne männliche Beschützer, wie das ihr Recht ist in der westlichen Welt. Als neulich im Deutschlandfunk ein Paar von jener Nacht berichtete, stellten sich die Dinge ungefähr so dar, dass beide überrumpelt waren, und während die Frau begrapscht wurde, wehrte sich der Mann gegen andere Männer, die ihn bedrängten, versuchte gleichzeitig die völlig verschreckten Kinder im Auge zu behalten, und als er sich befreit hatte, kümmerte er sich um Frau und Kinder und schaute, dass sie alle herauskamen aus dem Gewühl.

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Einen Mangel an Männlichkeit möchte man diesem Mann eigentlich nicht vorwerfen - aber selbst wenn es in jener Nacht an jenem Ort ein paar Männer gab, die sich zu alt, zu schlecht trainiert, zu bebrillt fühlten, als dass sie sich auf eine Schlägerei mit einer Überzahl sehr junger und sehr aggressiver Männer hätten einlassen wollen: Was folgte denn daraus? Dass eine Gesellschaft umso dekadenter, weicher, unmännlicher wird, je mehr Nerds und Brillenschlangen sie sich leistet? Wenn wir nur die Starken und Gewaltbereiten duldeten, wer hätte dann das Rad erfunden und wer die Brille? Was unterschiede uns noch von den Pavianen, in deren Horden tatsächlich nur die Stärksten überleben?

Es bleibt aber, auch wenn dieser Weichei-Vorwurf weder mit der Empirie noch mit vernünftigen Argumenten belegt werden kann, trotzdem ein Unbehagen und eine Unsicherheit, ein gewisser Verdacht gegen uns selbst, dass wir, nach Jahrzehnten ohne Krieg und echte Not, allseits abgesichert gegen die meisten existentiellen Gefahren und beschützt vom Rechtsstaat und seinen Institutionen und verwöhnt von all den Vergnügungen, auf die wir ein Anrecht zu haben glauben, dass wir in dieser Zeit und dieser Welt weicher und müder geworden seien, ängstlich und so dekadent, wie wir uns die Bewohner der spätantiken Metropolen vorstellen. Da draußen, das folgt fast zwangsläufig aus dieser Hypothese, da draußen, an der Peripherie unserer reichen Welt, muss es Männer geben, die nicht so reich und verwöhnt sind wie wir selber und gerade deshalb härter, kampfbereiter, den Ursprüngen der Männlichkeit viel näher.

Warum russische Männer über über die westlichen lachen

Dieser Verdacht wird, nur zum Beispiel, immer wieder auch von außen genährt, von Wladimir Putin und all den Ideologen und Sinnstiftern um ihn herum, die sich selber und uns immer wieder erklären, dass unsere Hartnäckigkeit, mit der wir das patriarchalische System demontieren, und unsere Selbstverständlichkeit im Umgang mit Homosexuellen unsere Moral untergraben und den Testosteronspiegel so deutlich senken, dass ein echter Russe über westliche Männer nur lachen kann. Und Putin selber scheint ja Verträge, Verhandlungen, Diplomatie für die Erfindungen von Weicheiern zu halten, die Angst haben vor der Härte echter Konflikte.

Der Verdacht wird genährt durch jene jungen Männer in den Terrorgruppen des Nahen Ostens, die den Tod nicht fürchten und vor Morden nicht zurückschrecken; und die dem Feind, als welchen sie uns betrachten, mit einem Hass begegnen, dem wir nichts als Abscheu, Ekel, Entsetzen entgegenzusetzen haben, Gefühle und Reflexe also, die viel schwächer und weniger verbindlich sind, weshalb man versucht ist, sich diesem Gegner unterlegen zu fühlen.

Der Konflikt zwischen denen drinnen und denen draußen lässt sich, seit in der Antike die Römer und die Germanen einander gegenüberstanden, immer auf zwei Arten erzählen. Einmal so, dass da draußen die kräftigeren und naturwüchsigeren Männer stehen, hungrig, mutig und kein bisschen korrumpiert vom Reichtum der Zivilisation, weshalb sie deren dekadente Bewohner demnächst besiegen werden.

Tugend und Moral gibt es nicht gratis dazu

Derselbe Konflikt lässt sich aber auch so schildern, dass der Barbar am Rand der zivilisierten Welt gar kein richtiger Mann ist, eher ein groß und geschlechtsreif gewordenes Kind, unendlich grausam und unbeherrscht. Wogegen ein Mann in diesem Verständnis nur einer ist, der an sich gearbeitet, Geist und Körper gebildet hat, ein Mensch, dessen Herrschaftsanspruch mit der Beherrschung seiner selbst beginnt. „Virtus“, das lateinische Wort bezeichnet nicht nur die Männlichkeit, den Mut und die Kraft, sondern auch Tugend, Moral und Sittlichkeit, was man nicht in dem Sinn lesen sollte, dass, wer das entsprechende Chromosom besitzt, die Tugend und Moral gratis mitgeliefert bekommt. Sondern, in den Jargon unserer Gegenwart übersetzt, so, dass Männlichkeit weniger eine Frage der Biologie als eine der Kultur ist, eine Fähigkeit also, die man lernen, üben, sich aneignen muss.

Und genau das ist ja die andere Front, an welcher die westliche Männlichkeit sich so bedroht und in Frage gestellt fühlt, dass man, nur zum Beispiel, den neuen Roman von Michael Kumpfmüller, der „Die Erziehung des Mannes“ heißt und von einem Mann erzählt, der so schwach und gehemmt und konfliktscheu ist, dass ihm sein Leben eher widerfährt, als dass er es wirklich führte, dass man also diesen Roman nicht als Porträt eines sonderbaren und in seiner Schwäche schon wieder bemerkenswerten Mannes liest. Sondern, wie das ja auch der Titel nahelegt, als Beschreibung eines Symptoms, als Nahaufnahme von Zuständen von allgemeiner Bedeutung, als Schilderung der männlichen Bedingung überhaupt.

Diese Bedingung ist ja (um jetzt wieder von der Welt und nicht von jenem Roman zu sprechen) vor allem dadurch gekennzeichnet, dass fast jeder Mann in der westlichen Welt irgendwann erkennen muss, dass Männlichkeit weder biologisch noch kulturell eine exklusive Eigenschaft der Männer ist. Wer unbedingt ein Mann sein will, kann einer werden: Das ist ja das Versprechen jener Transgender-Bewegung, welche längst im sogenannten Mainstream angekommen ist, wo Männer, die als Frauen geboren wurden, und Frauen, die mal Männer waren, uns anlächeln auf den Titelseiten der populären Illustrierten. Und was es mit der kulturellen Männlichkeit auf sich hat, liest man in fast jedem Interview, das amerikanische Unternehmerinnen und Firmenchefinnen geben; die Damen reden da gerne von den „balls“, die es brauche, um erfolgreich zu sein.

Jammern hilft da nicht, und die Beschwörung russischer Sehnsüchte, also einer Welt, in der die Frauen unterwürfig und die Homosexuellen unsichtbar sind, schafft auch nur den dämlichen Selbstwiderspruch einer Männlichkeit, die vor selbstbewussten Frauen sofort einknickt, die also das Gegenteil dessen ist, was zu sein sie behauptet.

Zurück zur Realität

In patriarchalischen Verhältnissen wird auch der Patriarch vom Patriarchat beherrscht, und wer, als Mann, vermutet, dass es früher, als Männlichkeit das exklusive Recht der Männer war, glücklichere Zeiten waren, der kann ja, einerseits, in Büchern und alten Filmen die Selbstzeugnisse jener Zeit studieren. Mit den Patriarchen zum Beispiel des alten deutschen Films, schweren Männern wie Emil Jannings oder Heinrich George, schweren Männern, die ihre Herzen hinter dicken Panzern aus Speck und Kleidung verbargen und selbst da, wo sie zu herrschen glaubten, unterdrückt wirkten von einer rigiden Männlichkeitsnorm, möchte heute kein Mann mehr tauschen.

Man kann aber auch noch einmal an jene Nacht in Köln denken, als, wie man in den Kommentaren lesen konnte, das deutsche Weichei mit einer „archaischen Männlichkeit“ konfrontiert war. Dass junge Männer, die sich zusammenrotten, um Frauen zu betatschen, zu begrapschen und sexuell zu belästigen, dafür bestraft werden müssen, wenn man sie identifiziert, ist ja eh klar. Darf man aber an diese Feststellung noch die Frage knüpfen, wie unglücklich, unbefriedigt und einsam jemand sein muss, dessen Silvesternacht auf solche geraubten und erzwungenen Berührungen hinausläuft? Wenn das die archaische Männlichkeit ist, dann möchte man doch ausdrücklich lieber das moderne Weichei sein.

Es hilft also alles nichts. Diese Gegenwart, in der Männlichkeit nichts Exklusives ist und nichts, was man mit dem Y-Chromosom geschenkt bekommt, mag eine Zumutung sein. Es ist zugleich die beste Gegenwart, die Männer jemals hatten.

Quelle: F.A.S.
Claudius Seidl
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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