Debatten
Neue „F.A.Q.“-Ausgabe

Auf den Spielwiesen der Menschenzüchter

Von Sonja Kastilan
© Your Photo Today, F.A.Z.

Wenn Lena Dunham ihre Orangenhaut auf einem Magazincover präsentiert und sich so gegen das herrschende Schönheitsdiktat auflehnt, ist das bemerkenswert. Aber sicher nicht Ausdruck einer allgemeinen Trendwende. Junge Frauen lassen sich die Zehen verkürzen, Beine verlängern, Oberarme und Bauchdecke straffen, die Brüste oder den Po vergrößern, Lippen aufspritzen, Pigmentflecken bleichen, die Haut peelen, Nase und Kinn neu formen, Haare entfernen und womöglich transplantieren, wenn sie nur glauben, dass es sie attraktiver mache.

Jedes Land, jede Kultur, jedes Milieu hat eigene Vorlieben ­– Brasilien ist nicht Indien, Südkorea gleicht nicht den Vereinigten Staaten, deren Ost- nicht der Westküste. Selbst Stimmbänder und Schamlippen werden modelliert, Muskeln mit Hilfe von Silikonkissen vorgetäuscht; und wer will schon tiefe Furchen auf seiner Stirn? Davor könnte zum Beispiel Botox bewahren.

Dieser Artikel stammt aus der neuen Ausgabe des Magazins „Frankfurter Allgemeine Quarterly“.

Einst war das lähmende Bakteriengift als Todesbringer gefürchtet, heute zählen Injektionen damit zu den häufigsten Anwendungen in jener Medizin, die sich ästhetisch nennt. Überhaupt heißt es eher Spritze statt Skalpell: „Weltweit liegen minimalinvasive Eingriffe deutlich im Trend“, sagt Torsten Kantelhardt, Präsident der „Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie“. Solche Eingriffe sind leichter durchzuführen und weniger riskant als ein klassisches Facelifting; sie erfordern vermeintlich weniger Knowhow, außerdem ist heute mehr Natürlichkeit gefragt. Zumindest in Mitteleuropa.

Diese Besinnung freut Boris Sommer, der in der Frankfurter Goethestraße praktiziert und der „Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Botulinumtoxin-Therapie“ vorsteht. Seinen Patientinnen würde Sommer weder Schlauchbootlippen noch kleine Plastikkügelchen zur Unterfütterung zumuten; die meisten wünschen sich sowieso eine möglichst unsichtbare Behandlung: „Während sich Frauen in anderen Ländern deutlichere Effekte wünschen, wenn sie schon dafür bezahlen, sind hierzulande vor allem sanfte Veränderungen gefragt.“ Sommer nutzt dann beispielsweise das Botulinumtoxin, damit sich bestimmte Muskelpartien entspannen, und sogenannte Filler, um Falten zu unterfüttern und das gealterte Gesicht dreidimensional aufzufrischen, ihm also wieder mehr Volumen zu geben. Ziehen, straffen? Das war gestern – heute will man ein dynamisches Gesicht, und deshalb wird es fein gepolstert. Natürlich mit Bedacht; selbst das Volumen der Brustimplantate fällt in Mitteleuropa im Durchschnitt geringer aus als etwa in den Vereinigten Staaten. Das europäische Paradox: Ich will schöner aussehen. Aber niemand soll es bemerken.

An die dreizehn Millionen Eingriffe im Jahr

Wider alle Vernunft würden sich einige Frauen das Botulinumtoxin sogar in die Füße spritzen lassen, um länger schmerzfrei auf High Heels balancieren zu können. Oder in die Kopfhaut, damit im Fitnessstudio ja nicht zu viel Schweiß fließt. Schönheitschirurgen werden nicht oft darum gebeten – und seriöse lehnen es schlichtweg ab, aber derart eigenwillige Wünsche existieren ebenso wie jene fabelhaften Barbiewesen, die sich Schnitt für Schnitt ihrem Plastikidol annähern und dafür ein Vermögen ausgeben. Sie sind die Extremisten in einer Welt von Selbstdarstellern, die es eben nicht dabei belassen wollen, mittels Kleidung und Make-up ihr Erscheinungsbild, ihre Identität zu gestalten, sondern konsequent den eigenen Körper einbeziehen. Vor allem das Gesicht, schließlich ist es das wichtigste Medium in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Youtube vermittelt schon kleinen Mädchen Schminktipps, und per App gewöhnen sich Kinder spielerisch an die Versprechen der Schönheitschirurgie.

„Natürlich glaube ich, dass der Mensch ein Bedürfnis hat, sich zu verschönern, und zwar jeder für sich. Um anders wahrgenommen zu werden“, sagt Sommer. Und die Chirurgie leistet seit Jahrzehnten Hilfestellung: „Die Akzeptanz wird immer größer“, sagt Kantelhardt, der sich in Rottach-Egern am Tegernsee niedergelassen hat. Dort, wo schon 1955 die erste Schönheitsfarm Europas eröffnete. „So wie es damals noch verpönt war, Lippenstift zu tragen, sprach vor zwanzig Jahren niemand offen über Botox. Beides hat sich erheblich gewandelt“, sagt Kantelhardt und zieht eine Parallele zwischen Kosmetik und plastischer Chirurgie. Tatsächlich überrascht es heute kaum noch, wenn nicht nur Prominente über Botox- und Hyaluron-Kuren berichten, sondern auch der eigene Freundeskreis. Und wer es sich nicht leisten kann, die Zeit im Zaum zu halten, gehört vielleicht bald nicht mehr dazu.

Ein „Revival des Fettes“

Manchen geht es um Perfektion, anderen um Rekonstruktion, um Veränderung – sie erhoffen sich eine hübschere Version ihrer selbst. Oder auch nur eine etwas jüngere Version: Ein komplettes Mommy-Make-over ist längst keine Ausnahme mehr, wenn Frauen zum Beispiel fürchten, nach Schwangerschaft und Geburt jeglichen Sexappeal zu verlieren. Naturgemäß hängen die Wünsche mit dem Alter zusammen: Jüngere Frauen investieren ihr Geld öfter in eine Brustvergrößerung, zwischen 35 und 64 liegt das Fettabsaugen vor allen anderen Eingriffen, später überwiegt dann die Augenlidkorrektur. Mehr als 13,5 Milliarden Dollar geben Amerikaner jährlich für Schönheitsoperationen aus, schätzt die „American Society for Aesthetic Plastic Surgery“; an die 13 Millionen Eingriffe waren es 2015, größtenteils an Frauen. Aber Männer schrecken inzwischen nicht mehr vor der Prozedur zurück, auch sie lassen sich gerne Fett absaugen, die Nase machen, unerwünschte Brüste reduzieren oder die Spuren des Alterns beseitigen.

Dafür greifen die Mediziner zu Fruchtsäuren, Jetpeeling, Laser- oder Ultraschallgeräten. Neuerdings kommen auch kleine Metallpyramiden zum Einsatz, die sich regelmäßig auf 400 Grad Celsius erhitzen – so will jedenfalls das „Tixel“-System die Haut verjüngen. Doch am wichtigsten bleiben das Botulinumtoxin und die Hyaluronsäure als gut verträgliches Füllmaterial; von Kollagen ist nach zahlreichen Komplikationen aufgrund von tierischen Quellen kaum noch die Rede. Hyaluron, ein langkettiges Polysaccharid, kommt im körpereigenen Bindegewebe vor, schmiert die Gelenke und ist für seine besondere Strukturviskosität bekannt. „Die Hyaluronprodukte wurden immer weiter entwickelt und verbessert, die heute erhältlichen sind sehr geschmeidig und wirken vergleichsweise lange“, erklärt Boris Sommer. Dass die Entwicklung hier nicht stehen bleibt, davon ist Sommer wie auch Torsten Kantelhardt überzeugt, schließlich wünscht man sich Filler, die möglichst lange halten. Gleichzeitig beobachten sie ein „Revival des Fettes“: in Zukunft würden Behandlungen mit Eigenfett wieder zunehmen. „Es ist ein wichtiges Forschungsgebiet, seit man Stammzellen im Fettgewebe entdeckt hat. Mit großem Entwicklungspotential, und plastische Chirurgen waren die Vorreiter“, erklärt Kantelhardt.

Ein großes Thema auf den Kongressen

Diese „adipose-derived stromal cells“, kurz ASCs, könnten dafür verantwortlich sein, dass sich transplantiertes Eigenfett besonders gut an die gewünschte Körperstelle einfügt. Vor Jahrzehnten habe man begonnen, mit kleinen Mengen Falten zu unterspritzen, heute könne man damit sogar Brüste vergrößern oder rekonstruieren, sagt Kantelhardt. Allerdings müsse man gerade bei der Behandlung von Brustkrebspatientinnen kritisch sein: Noch wisse niemand, ob ASCs ein Tumorwachstum nicht sogar schüren. Und dass es sinnvoll wäre, diese noch wandelbaren Zellen gezielt aufzubereiten, um sie alleine in die Haut zu spritzen: Das wagen die Schönheitsexperten zu bezweifeln. „Was sie dann machen, können wir ja nicht ahnen“, erklärt Sommer.

Insgesamt sei eine Eigenfetttransplantation für bestimmte Areale des Körpers, etwa unter den Augen, besser als Hyaluron geeignet. Allerdings verlange das Verfahren nach einem erfahrenen Therapeuten, der nicht nur unerwünschtes Fett richtig absaugen kann, ohne dass hässliche Dellen entstehen. Sondern der es anschließend auch sorgfältig, Tröpfchen für Tröpfchen, wieder injiziert, denn das dauert. „Und der berücksichtigt, dass ein gewisser Teil schnell abgebaut wird.“ Jedenfalls ist das eigene Fett, oder vielmehr sind es die Stammzellen darin, ein großes Thema auf den Kongressen der plastischen Chirurgen. Ausgerechnet Fett wird so zum nächsten Riesenhype.

Das neue „FAQ“

In der zweiten Ausgabe unseres „Quarterly“-Magazins ist „Der neue Mensch“ das große Thema. Aber nicht nur. Autoren, Designer und Fotografen blicken in ihre Welt von morgen. Dave Eggers schreibt über den Trumpismus, Sven Regener preist den König der Straßen, und wir erfahren, wieso Medellín die innovativste Stadt der Welt ist.

In unserem FAQ-Frageteil ist unter anderem zu lesen, ob man an Männlichkeit sterben kann, ob Atomkriege zufällig passieren und wie gefährlich uns die „züchtige“ Mode wird. Das Heft ist ab sofort im Zeitschriftenhandel erhältlich. (F.A.Z.)

Quelle: F.A.Z.
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