Landleben

Der Schandfleck im Paradies

Von Christina Hucklenbroich
 - 11:37
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Gert Müller bringt seinen dunkelblauen Minivan vor dem Haupteingang der Schweinemastanlage zum Stehen. Er und seine Frau Sybilla Keitel sagen erst einmal nichts und lassen den Anblick auf den Besucher wirken. Das Berliner Ehepaar hat zehn Jahre Erfahrung damit, Journalisten ins brandenburgische Dörfchen Hassleben hinauszufahren und sie mit einer anderen, längst vergangenen Welt zu konfrontieren: mit dem landwirtschaftlichen System der DDR. 150 000 Schweine haben bis 1991 in dem Ort in der Uckermark gelebt. Seitdem steht die Anlage leer. Das still in der Herbstsonne daliegende Pförtnerhäuschen ist mit mehreren rot-weiß gestreiften Schlagbäumen gesichert, dahinter lassen sich zunächst nur die verblichenen Fassaden der Verwaltungsgebäude erkennen. Gert Müller, der hauptberuflich Jazzposaunist und Musikhochschuldozent in Berlin ist, nebenberuflich aber seit zehn Jahren Aktivist im Kampf gegen die Wiederbelebung der riesigen Anlage, wendet den Wagen und fährt an der Westseite des Betriebs entlang.

Vierhundert Meter lang und hundert Meter breit sind die beiden langen Stallhallen. Was in den achtziger Jahren hinter den Mauern vor sich ging, wissen Müller und Keitel von Zeitzeugen, die als Techniker und Tierärzte dort gearbeitet haben. „Dass Ferkel totgeschlagen wurden, war Usus“, sagt Müller. „Die Arbeiter hatten Asthma und brennende Augen. Öfter mal gab es Havarien: Pumpen gingen kaputt, der Strom fiel aus. Dann sind die schwimmbadgroßen Güllebecken übergelaufen in den Kuhzer See nebenan. Die Bäume im Dorf waren entlaubt. Die Leute haben gehustet und geflucht und nach der Wende gesagt: Nie wieder Schweinehaltung in Hassleben.“

Die Hälfte stammt aus Berlin

Als im Jahr 2003 öffentlich wurde, dass der niederländische Investor Harrie van Gennip hier wieder 85 000 Schweine halten wollte, entstand eine Bürgerinitiative. Zur Hälfte besteht sie heute aus Berlinern, die wie Müller und Keitel ein Wochenendhaus in der Uckermark haben, zur anderen Hälfte aus Einheimischen. Elf Jahre lang konnten sie die Anlage bisher aufhalten. Sie haben Bodenproben analysieren lassen, Brandschutzgutachten in Auftrag gegeben, Winddaten beim Wetterdienst erfragt und die Pipelines kartiert, mit denen die Gülle zu DDR-Zeiten auf die Äcker geleitet worden war. Dreißig Mitglieder sind in der „BI Kontra Industrieschwein“ organisiert. Doch als sie in diesem Sommer zur Demo in den 300-Seelen-Ort Hassleben in der Einöde zwischen Templin und Prenzlau einluden, kamen tausend Menschen aus ganz Deutschland.

Freihandelsabkommen
Chlorhühner - Nein, Danke!
© picture-alliance/dpa, Deutsche Welle

Viele dieser Demonstranten kämpfen in ihren eigenen Dörfern gegen große Tierställe. Denn die Hasslebener Bürgerinitiative - eine der ersten überhaupt - ist zum Flaggschiff einer deutschlandweiten Bewegung geworden: Inzwischen entsteht eine Bürgerinitiative, wo auch immer ein Landwirt sich vergrößern will. In Misselwarden bei Cuxhaven kämpft man gegen 50 000 Hühner, im schleswig-holsteinischen Satrup gegen sechstausend Ferkel, in Wrisse in Ostfriesland gegen 85 000 Junghennen, in Alt Tellin in Mecklenburg gegen zehntausend Zuchtsauen.

Gegenwind blieb aus

„Vor ein paar Jahren noch entstanden nur in Gegenden mit wenig Landwirtschaft Bürgerinitiativen“, sagt der Agrarwissenschaftler Achim Spiller von der Universität Göttingen. Im Münsterland oder um Cloppenburg waren die Landwirte traditionell so einflussreich, dass ihre Bauvorhaben nicht in Frage gestellt wurden. „Dort hatten die Bauern funktionierende Netzwerke in Bürokratie und Verwaltung hinein.“ Gegenwind blieb aus. „Aber jetzt sind auch die Kernregionen betroffen“, sagt Spiller. „Bei den letzten Prüfungen, die ich vor ein paar Wochen hier abgehalten habe, berichteten fast alle Landwirtschaftsstudenten, die auf ihren Höfen daheim Tierhaltung betreiben, Probleme mit einer Bürgerinitiative zu haben.“

Spiller hat für wissenschaftliche Projekte die Beteiligten in betroffenen Dörfern befragt, schon vor Jahren die Gegner der Ställe, kürzlich dann auch Bauern. „Überraschend war, dass Landwirte, die sich als politisch machtvoll wahrgenommen haben, besonders oft auf die Nase gefallen sind“, sagt er. Wer als Landwirt einen Stall mit Zehntausenden Tieren ins Umfeld einer Wohngegend setzen will, muss heute demütig auftreten, kompromissbereit sein. „Die Landwirte müssen werben, Überzeugungsarbeit leisten“, erklärt Spiller. Ein „kerngesundes Selbstbewusstsein“ sei dabei hinderlich. Die Bürgerinitiativen seien anfangs noch vorwiegend ein „Not-in-my-backyard“-Phänomen gewesen, man fürchtete um den Wert des Einfamilienhauses. „Jetzt vermischt sich das mit einer größeren gesellschaftlichen Debatte über Ethik in der landwirtschaftlichen Tierhaltung“, sagt Spiller. „Die ethische Seite ist das, was uns wirklich umtreibt“, sagt auch Sybilla Keitel. „Wie mit Hochleistungskühen umgegangen wird, wie man Ferkel in Großbetrieben an die Brüstung knallt.“ Aber sie weiß: „Das interessiert keine Behörde, weshalb wir immer über Stickstoff reden.“ Es geht um die Umwelt; Stickstoff aus Gülle und Abluft vergiftet Böden, lässt Arten sterben, die auf nährstoffarmen Grund angewiesen sind.

Verwunschenes Birkenwäldchen

Während Keitel und Müller erzählen, sitzen sie in der offenen Wohnküche ihres Wochenendhauses. Die West-Berliner kauften vor zwanzig Jahren ein Stück vom Paradies: ein ehemaliges Waldhüterhäuschen unweit von Templin, umgeben von einem wilden Garten, versteckt hinter einem verwunschenen Birkenwäldchen. Ein Badesee liegt nur ein paar hundert Meter entfernt im Wald. Das Paar ersetzte den PVC-Boden des Hauses durch Holz, die braunen DDR-Tapeten durch weiße Farbe. Der Musiker Müller richtete sich ein schallgedämpftes Zimmer ein, seine Frau, die Malerin ist, ein Atelier. Anfangs beobachteten ihre Kinder hier oft Feldhamster, Frösche und Schmetterlinge, doch die seien immer seltener geworden. Keitel und Müller sehen sich auch wegen des Artenschutzes in der Pflicht, Widerstand gegen die Anlage zu leisten, die sieben Kilometer Luftlinie entfernt ist.

Sie fühlen sich dabei aufgehoben in einer großen Gemeinschaft: Die deutschen Bürgerinitiativen schließen sich inzwischen überregional zusammen zu Bündnissen wie „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“. Bis zu 30 000 Menschen marschieren in jedem Januar durch Berlin, um unter dem Motto „Wir haben es satt“ gegen industrielle Tierhaltung zu protestieren.

Schwellenwerte für die Tierzahlen

Auch wenn gerade nicht demonstriert wird, laufen die Fäden in Berlin zusammen, und zwar in einer ruhigen Straße am Köllnischen Park in Mitte, in den Büroräumen des Umweltverbandes BUND. Seit mehr als einem Jahrzehnt macht die gelernte Landwirtin Reinhild Benning, Leiterin der Abteilung Agrarpolitik, von hier aus Lobbyarbeit für den BUND. „Wir haben inzwischen Kontakt zu 250 Bürgerinitiativen“, sagt Benning. Wöchentlich komme eine neue hinzu. Es gab eine Zeit, in der sich täglich mehrere Bürgerinitiativen von Benning beraten ließen - das war vor sechs bis acht Jahren. Neue gesetzliche Regelungen hatten damals die Schwellenwerte für die Tierzahlen heraufgesetzt, ab denen komplexe Genehmigungsverfahren notwendig wurden. „Wir beobachten, dass Betriebe heute nicht mehr um fünfzig oder hundert Tiere aufstocken, sondern von fünfhundert gleich auf zweitausend erhöhen“, erklärt Benning. Für viele Anwohner ist das „Massentierhaltung“. Sie beginnt, fand Achim Spiller heraus, für die Deutschen bei 500 Kühen, 1000 Schweinen oder 5000 Hühnern.

Reinhild Benning sagt, man wolle nicht einfach nur kleinere Bestände. Die Größe der Betriebe soll sich an den Flächen des Bauern orientieren, Weidehaltung im Mittelpunkt stehen, die Futtermittel sollen aus der Heimat stammen und die Produkte regional vermarktet werden. Bürgerinitiativen mit diesen Zielen trifft oft der Vorwurf, sie seien naive Romantiker, die sich einer unausweichlichen Modernisierung der Landwirtschaft verschlössen. Benning widerspricht: „Die Mitglieder der Bürgerinitiativen entwickeln sich zu hochgebildeten Experten. Im Osten finden wir viele geläuterte Mitarbeiter stillgelegter Anlagen, im Westen treten zunehmend Jugendliche bei.“ In Mecklenburg kämpften Hoteliers, im Münsterland seien es Ärzte, die vor antibiotikaresistenten Bakterien aus der Tiermast warnen.

Nebenan ist ein Atelier

Einer dieser Mediziner ist Hans Peter Ammann. Vor vierzig Jahren kauften er und seine Frau Mechthild im Westmünsterland eine alte Schule, eins der Klassenzimmer ist heute ihr Wohnzimmer, ein Flügel und eine lange Tafel passen hinein. Nebenan ist das Atelier von Mechthild Ammann, die Malerin und Bildhauerin ist. Im Garten stehen ihre Skulpturen aus Beton und Sandstein. Die Figuren sind hohl, darin haben sich Meisen, Kleiber, Fledermäuse und Hornissen eingenistet.

Auch dieses Paradies ist in Gefahr. Hans Peter Ammann sitzt an seinem Kamin und breitet die Arme aus: „In einem Kilometer Umkreis um mein Haus befinden sich eine Million Tierplätze“, sagt er. Ammann ist pensionierter Gynäkologe, ein imposanter Mann von siebzig Jahren. Er wohnt unter Bauern, im Ortsteil Westhellen, auf einem Hügel. Schaut er ins Tal hinab nach Osthellen, blickt er auf eine Halle, unter deren Photovoltaikdach 125 000 Legehennen leben. Dahinter folgen Masthähnchen, Puten, Schweine und Milchkühe in riesigen Beständen. Vor sechs Jahren gründete Ammann die „Bürgerinitiative für den Werterhalt der Region Billerbeck“. Seitdem kamen zehn Ställe hinzu. So gesehen war der Protest nicht durchschlagend erfolgreich. Aber Reinhild Benning erzählt, dass die meisten Initiativen nicht aufhören zu kämpfen, auch wenn Ställe genehmigt sind. „Sie fordern Filteranlagen, zählen verendete Schweine. Wo staatliche Kontrollen versagen, werden Bürgerinitiativen zu Kontrolleuren der industrialisierten Tierhaltung.“

Brandenburgisches Hassleben

Die Ammanns haben das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Der Widerstand habe schon mehrere Landwirte dazu gebracht, ihr Bauvorhaben wieder aufzugeben, sagt Mechthild Ammann. Einmal hat ihr eine Bäuerin im Vertrauen gesagt, sie fände ihr Engagement gut, dürfe dies aber in ihrem Bekanntenkreis nicht laut sagen, sonst würde sie ausgegrenzt. Im brandenburgischen Hassleben geht es rauher zu, hier gibt es schon eine Gegeninitiative „Pro Schwein“, deren Mitglieder den Investor stützen und auf Arbeitsplätze hoffen.

Der Widerstand gegen riesige Tierbestände bleibt vorerst ein Widerstand der Zugezogenen und zugleich gesellschaftlich Etablierten: Politisierte Künstler wie das Ehepaar Müller-Keitel, kampferprobte Altachtundsechziger wie die Ammanns. Wer in Brandenburg Kinder hat, die eine Lehrstelle brauchen, oder wer als Handwerker auf Aufträge angewiesen ist, der kann diesen Protest nicht offen mittragen. Wer sich im uckermärkischen Fall durchsetzt, ist zudem noch immer unklar. Van Gennip will inzwischen nur noch 37 000 Schweine in Hassleben halten und hat vor einem Jahr schließlich die Genehmigung erhalten. Vorerst hält ihn noch ein Widerspruch der Bürgerinitiative auf.

Vielleicht geht es am Ende nicht nur darum, wer gewinnt. Im Osten hat der Kampf gegen die Riesenmast auch etwas mit Vergangenheitsbewältigung zu tun. Viele erinnern sich noch daran, wie die Arbeiter in den riesigen DDR-Anlagen litten und verrohten. Pfarrer Horst Kasner, der inzwischen verstorbene Vater von Angela Merkel, der das Pastoralkolleg im nahen Templin geleitet hat, hielt bei einer der ersten Demos der Bürgerinitiative eine flammende Rede: „Vieh, das ist keine Sache, das sind lebende Wesen, denen eine ihnen entsprechende Ehrfurcht gebührt“, sagte Kasner. „Wer sie ihnen vorenthält, entwürdigt nicht nur das Tier, sondern auch sich selbst. Bei industrieller Massentierhaltung nimmt der Mensch Schaden.“

Quelle: F.A.Z.
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