Leitkultur-Debatte

Integriert euch selber!

Von Claudius Seidl
 - 17:23

Der Clash der Kulturen kann sich überall ereignen, mitten in Brandenburg zum Beispiel, auf einer Sommerparty nördlich von Berlin, wo man, wie man das als Bayer so tut, in der Schlange ansteht für ein Bier, und unerwartet legt sich eine Hand auf die Schulter, und dann hört man eine Stimme, im harten Berliner Dialekt:

„Du bist aus Bayern, hab’ ich gehört?“

„Hmm. Na und?“

„Ich war da kürzlich für ein paar Monate, ich hatte einen Job.“

„Aha.“

„Mensch, das ist ja eine ganz andere Kultur!“

„Ach was.“

„Ja, Mann, das Essen schmeckt. Die Leute sind freundlich. Ein ganz anderes Leben ist das! Eine ganz andere Kultur!“

Ja, hätte man da gesagt, wenn das alles nicht so freundlich gemeint gewesen wäre, ja, mir geht es genauso, nur umgekehrt. Ich finde euer Essen ungenießbar, die Umgangsformen sind unterentwickelt; und gerade bei den Männern, wenn die schnell und mit hoher, aufgeregter Stimme sprechen, verstehe ich kein Wort.

Ganz Europa ist von kulturellen Gräben durchzogen

Was ja schon deshalb kein Wunder ist, weil zwischen Brandenburg und Bayern gleich mehrere kulturelle Grenzen verlaufen. Es gibt die feine Linie, welche die protestantischen von den katholischen Gegenden trennt, es gibt tiefe kulturelle Gräben zwischen jenen Regionen, in denen die Römer waren, und jenen, in denen sie nicht waren, es gibt eine immer noch erkennbare Grenze zwischen dem alten Siedlungsgebiet westlich der Elbe und dem kolonisierten Land jenseits davon, und insofern muss man sich nicht wundern, wenn Bayern und Brandenburger einander immer wieder als Fremde begegnen.

Trotzdem können sie sich einigen, auf Begriffe und Gesetze, lesen dieselben Bücher, schauen sich dieselben Fernsehserien an – und wenn man, weil auf dem Feld der Kultur ja allseits mehr von Europa als von Deutschland geredet wird, das Verhältnis der Deutschen zu Franzosen oder Engländern betrachtet, sieht man deutlich, dass auch hier die Differenzen nicht verschwunden sind. Nur dass wir jene Unterschiede, welche noch vor hundert Jahren Thomas Mann dazu inspirierten, die unversöhnliche Gegnerschaft zwischen westlicher Zivilisation und deutscher Kultur zu postulieren, heute, da wir einander womöglich besser kennengelernt haben, als eigentliche Attraktion betrachten. Wer Frankreich liebt, liebt es, weil es anders ist. Und so ist dieses ganze Europa von kulturellen Gräben durchzogen, zwischen Osten und Westen, lateinischer und griechischer Welt, protestantischem Norden und katholischem Süden. Und dann ist da noch der Balkan, welcher, ganz egal, wo man steht, immer erst weiter hinten, südöstlich des eigenen Standorts beginnt.

Der abgelegte Begriff der Leitkultur

Wenn man fragt, was dieses heterogene Gebilde zusammenhält, läuft die Antwort meistens darauf hinaus: gemeinsame Wurzeln, gemeinsame Geschichte, gemeinsame Werte.

Wobei die stärkste der Wurzeln, die Religion, aus dem Nahen Osten kommt; wobei die gemeinsame Geschichte sich meist so erzählen lässt, dass man einander bekriegt, erobert und unterdrückt hat; und die Werte sind ihrem Wesen nach relativ, dem einen gilt die Freiheit mehr, dem anderen die Gleichheit, und das ganze Gerede von Würde und Gerechtigkeit, Loyalität, Solidarität, Toleranz ist völlig wertlos, solange daraus keine verbindlichen Rechte folgen.

Woran liegt es also, dass wir, die wir mit all der Differenz bislang gut leben konnten, jetzt aber, da Hunderttausende von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten kommen, ein Unbehagen zu spüren meinen? Dass sich das Gefühl einer kulturellen Überforderung ausbreitet, der Verdacht, dass diese Differenz nicht zu überbrücken sei, die Vorstellung, dass Syrer und Iraker anders anders seien als die üblichen anderen?

Schon haben manche den abgelegten Begriff der Leitkultur wieder aus dem Archiv geholt und fordern die Ankömmlinge zum Bekenntnis dazu auf. Peter Tauber zum Beispiel, der Generalsekretär der CDU, der neulich einen Text verfasst hat (auf seiner Website nachzulesen), in welchem er sympathischerweise andeutet, dass das meiste, was er von den Flüchtlingen erwartet, bis vor kurzem in den meisten Ortsvereinen der CDU auch nicht mehrheitsfähig gewesen wäre: „dass Frauen zunehmend den Ton angeben“ oder „dass sich zwei Männer auf der Straße ganz selbstverständlich küssen“. Und zugleich wird er übergriffig, wenn er eine Liebe zu den Farben der Flagge und zum Text der Nationalhymne fordert, eine Begeisterung für Deutschland, einen Stolz – lauter Forderungen, die man, als geborener Deutscher, zurückweisen darf, ohne Begründung und ohne Sanktionen fürchten zu müssen.

Häßliche Nebenwirkung der Moderne

Julia Klöckner, die stellvertretende Parteivorsitzende, fordert eine Pflicht zur Integration, spricht von „unverrückbaren Werten“, zu welchen die Zuwanderer sich bekennen müssten, und auch sie scheint, wie Tauber, überzeugt davon zu sein, dass die Rechte und Pflichten, welche im Grundgesetz und im Bürgerlichen Gesetzbuch stehen, nicht ausreichen, wenn es darum geht, ein vollintegriertes Mitglied der deutschen Gesellschaft zu sein. Und hinter all diesen Forderungen scheint die Annahme zu stehen, dass die kulturelle Grenze, welche zwischen uns, also zwischen Deutschland, Europa, dem Westen einerseits, und dem Nahen Osten, also einer arabischen, persischen, türkischen und mehrheitlich muslimischen Welt andererseits, verläuft, von einer anderen Art ist, tiefer, schwerer zu überwinden, als es jene Grenzen sind, welche sich kreuz und quer durch den Westen ziehen.

Dass das nicht ganz stimmen kann, offenbart sich schon im Handeln jener Leute, die sich als die Todfeinde des Westens betrachten: Die Morde und die Grausamkeiten des sogenannten IS folgen ja nicht einem archaischen Sittengesetz; sie sind Inszenierungen, Gewaltpornographie, massenmediale Shows – und gerade wir Deutschen, siebzig Jahre danach, sollten uns doch daran erinnern, dass eine solche Barbarei nicht die Vorgeschichte der Moderne ist, sondern nur deren hässlichste Ausprägung. Und was so an Bildern und Tönen im Netz zu finden ist, das ist ja nicht Ausdruck einer ganz anderen, fernen und unverständlichen Kultur. Im Gegenteil; es scheint verständlich und verführerisch genug zu sein, junge Menschen aus Europa in den Krieg zu locken. Es ist, in seiner Form und Sprache, Teil unserer audiovisuellen Kultur. Und in seinem Inhalt auch: Das radikale Nein zu unseren Werten, der Ruf nach Umkehr, die Sehnsucht nach Reinheit – das war ja immer eine Nebenwirkung der westlichen Moderne.

Alle streben nach kapitalistischem Realismus

Als, um kurz von angenehmeren Zeitgenossen zu sprechen, neulich auf dem Münchner Literaturfest der ägyptische DJ Mohamed Safi von seiner Arbeit erzählte, davon, dass er arabischen Funk aus den Siebzigern elektronisch remixe und in Kairos Nachtklubs spiele, da spürte man im Publikum die ungeheure Lust, diese Differenz zu den eigenen Hörgewohnheiten möglichst schnell durch Hören, Feiern, Tanzen zu überwinden. Als auf demselben Fest der arabisch-israelische Schriftsteller Ayman Sikseck von seinem Roman „Nach Jerusalem“ sprach, war jedem im Publikum klar, dass dieser Roman, auf seinem Weg nach Deutschland, in eine andere Sprache übersetzt werden musste, aber nicht in eine andere Kultur.

Diese Kultur, an der ägyptische DJs, hebräisch schreibende Araber und syrische Snuff-Videoproduzenten genauso teilhaben wie deutsche Maler, französische Autoren, italienische Designer, diese Kultur heiße Pop, hat vor 18 Jahren, als die drei Buchstaben noch nicht so abgenutzt waren, der Kunsthistoriker Beat Wyss in seinem Essayband „Die Welt als T-Shirt“ vorgeschlagen. Es gehe in dieser globalisierten Kultur um die Teilhabe aller am Streben nach Glück durch Konsum. Man könnte diese Kultur auch den kapitalistischen Realismus nennen, schon weil sie nach universaler Verständlichkeit strebt. Und weil es dabei, außer um den Konsum, auch um die Produktion geht. Eine Wirtschaftsweise, die auf Information und Innovation angewiesen ist, kann aufs Potential der Frauen, der ethnischen und religiösen Minderheiten nicht verzichten: Ist es im Nahen Osten wirklich das Volk, das an dieser Kultur nicht teilhaben will? Oder sind es jene gerontokratischen, klerikalfaschistischen Machthaber, die schon ahnen, dass ihre Herrschaftsformen im globalen Wettbewerb nicht konkurrenzfähig sind?

Wenn Deutsche sich in die globale Kultur integrieren

Insofern müsste uns ja gerade der sogenannte Wirtschaftsflüchtling besonders willkommen sein: Wer zu uns kommt, um seine Arbeitskraft anzubieten und seinen Lohn für Konsum wieder auszugeben, der legt damit ein wesentlich verbindlicheres Bekenntnis zu unserer Kultur ab, als wenn er, was Peter Tauber fordert, die deutsche Hymne lautstark mitsänge.

Dass auch die Integration der Deutschen in die globale Kultur noch nicht ganz gelungen ist, das konnte man in diesen Wochen immer wieder sehen und hören, wenn, nur zum Beispiel, der Siemens-Chef Joe Kaeser in die Fernsehkameras irgendetwas sagte, was nicht mehr Deutsch, aber auch noch nicht Englisch war; man konnte den Clash der Kulturen laut hören, als die patriarchalische Herrschaft des Martin Winterkorn an den amerikanischen Behörden scheiterte; man schämt sich immer ein bisschen, wenn die deutsche Obrigkeit in der Auseinandersetzung mit den globalen Internetkonzernen so tut, als müssten die Bytes auf ihrem Weg vom kalifornischen Server auf eine deutsche Festplatte an der Grenze ihren Pass vorzeigen.

Insofern ist es nur realistisch, wenn deutsche Eltern ihre Kinder schon im Vorschulalter die erste Fremdsprache lernen lassen und den Stress der Schüler dadurch ins Unermessliche steigern, dass sie ihnen einbleuen, wie stark auf dem Weltmarkt der Talente die Konkurrenz der gleichaltrigen Amerikaner oder Chinesen sein wird. Dass man die deutschen Maßstäbe vergessen, die deutschen Traditionen hinter sich lassen, sich mit der deutschen Sprache allein nicht begnügen dürfe, das scheint der allgemeine Konsens all jener zu sein, die aber genau das von den Zuwanderern fordern: dass sie deutsche Werte, deutsche Traditionen, die deutsche Sprache so ernst nehmen, wie das nur noch sehr altmodische Deutsche tun.

Ein gewisses Maß an Desintegration ist nötig

Man kann auch so herum fragen: Zeigt sich die perfekte Integration womöglich darin, dass einer morgens zum Yoga geht, sich Sushi zum Lunch bestellt und abends amerikanische Fernsehserien im Original anschaut?

Man kann aber auch mal wieder Umberto Ecos „Apokalyptiker und Integrierte“ wiederlesen und sich dann fragen, ob der ganze Begriff der Integration nicht zu eng, zu borniert verwendet wird. Der Integrierte galt, noch als Ecos Buch in den Sechzigern erschien, immer auch als der Angepasste, der Korrumpierte – ein gewisses Maß an Desintegration war schon deshalb nötig, damit sich die Gesellschaft, die Kultur versuchshalber von außen betrachten konnten.

Dass es der globalen Kultur an historischer Tiefe mangelt, das hat, in dem besagten Essayband, schon Beat Wyss als deren demokratische Qualität beschrieben – wer die profunde Kenntnis Shakespeares oder Dantes voraussetze, schlösse all jene von der Teilhabe aus, die mit dem Koran oder den Upanischaden aufgewachsen sind. Dass es diese Oberflächlichkeit ist, was die Demonstranten in Dresden oder Magdeburg stört, ist aber unwahrscheinlich. Wer von Beethoven oder Thomas Mann wirklich etwas mehr wüsste, wer also von deutscher Kultur tatsächlich ein tieferes Verständnis hätte – der wüsste doch auch, dass diese Kultur sich nicht bloß an die Deutschen richtet.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Seidl, Claudius (cls)
Claudius Seidl
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenPeter TauberThomas MannBayernBrandenburgDeutschlandEuropaBayerCDUFlüchtlingeIntegrationLeitkultur