FAZ plus ArtikelMachtmissbrauch am Theater

Nach Gebrauch links liegen gelassen

Von Corinna Kirchhoff
 - 13:18

Auch ich wurde gefragt und habe mir lange überlegt, ob ich unangenehme Anekdoten des Machtmissbrauchs aus dem Theaterbetrieb samt Namen preisgeben soll, und habe entschieden: nein. Wesentlicher als diese Einzelheiten erscheint mir eine ökonomische, sexuelle, autoritäre, letztlich patriarchale Machtstruktur, die sich am Theater in geradezu absolutistischer Form unter dem Mantel künstlerischen Eigenwillens erhalten konnte. Diese Struktur schürt Abhängigkeit und lädt ein zum Missbrauch beziehungsweise dazu, sich missbrauchen zu lassen. Als junge Schauspielerin war ich dieser Struktur ausgesetzt und habe zum Teil sehr darunter gelitten.

Was dagegen zunächst hilft, ist der eigene Machtzuwachs im machterhaltenden „System“, also: prominenter werden, einflussreicher, egoistischer, aggressiver. Ich wäre sofort bereit, über neuerliche Formen der Mitbestimmung am Theater nachzudenken. Vor allem aber würde ich sagen, dass die Entwicklung eines persönlichen und reiferen Einstehens für sich selbst – womit aber auch die Solidarität mit dem anderen, der in eine geschwächte Situation geraten ist, gemeint wäre – notwendig ist. Diese gehörte sozusagen dazu: zur Treue zu sich selbst, die alles andere wäre als Egoismus. Eine solche Entwicklung ist unerlässlich, um irgendwann „abstinent“ zu werden, nicht mehr anfällig für den Missbrauch, ob als Opfer oder Täter.

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Die Schauspielerin Corinna Kirchhoff gehört zu den Unterzeichnern eines offenen Briefs, in dem Matthias Hartmann, dem ehemaligen Intendanten des Burgtheaters, Machtmissbrauch vorgeworfen wird. Zur Zeit ist sie am Berliner Ensemble engagiert.

Quelle: F.A.Z.
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