#MeToo in Frankreich

Der kleine Unterschied

Von Jürg Altwegg, Genf
 - 15:57

Es ist fast schon wie damals, als der Leuchtturm Jean-Paul Sartre aus Paris in die ganze Welt hinaus strahlte. Mit Simone de Beauvoir, deren Klassiker „Das andere Geschlecht“ 1949 erschien, führte er eine offiziöse Ehe, in der es Platz gab für das Verhältnis der Feministin mit Claude Lanzmann, einen amerikanischen Geliebten und viele gemeinsame Freundinnen, die zuvor auch schon mal ihre Schülerinnen waren. Albert Camus’ außereheliche Leidenschaft galt der begnadeten Schauspielerin Maria Casarès, gerade hat Gallimard ihren Liebesbriefwechsel herausgebracht. Juliette Gréco sang „Zieht mich aus“ und „Fais-moi mal Johnny“. Saint-Germain-des-Prés feierte die Befreiung von den Deutschen, zelebrierte den Existentialismus und frönte der Freiheit, von der man schon unter der Besatzung regen Gebrauch gemacht hatte. Paris war der Nabel der Welt.

Und jetzt ist Paris endlich wieder Paris. Seit ein paar Tagen sind die Scheinwerfer der Medien auf die Hauptstadt der Mode, der Kultur und der Kunst der Liebe gerichtet. Der „dernier cri“ ist eine Petition von hundert Frauen, die ein Ende der Kampagne gegen die Männer fordern. Ein bisschen Belästigung dürfe durchaus sein, schreiben die Frauen, die sich weigern, in der Pose des unschuldigen Opfers sexgieriger Monstren zu erstarren. Sie fürchten einen neuen Puritanismus und die „Rückkehr einer neuen moralischen Ordnung“. An ihrer Spitze: Catherine Deneuve, die Ikone des französischen Films, Inkarnation der französischen „féminité“. Die Intellektuellen aus Paris feiern ihr Comeback. „Me Too“? Ohne uns!

Ohne Deneuve hätte es den Widerhall nicht gegeben

„Vergewaltigung ist ein Verbrechen“, lautet der erste Satz des Manifests. Catherine Deneuve, ohne die es den großen Widerhall dieses Aufrufs nicht geben würde, gehört zu den Unterzeichnerinnen. Für den Wortlaut sind fünf Autorinnen verantwortlich. International bekannt ist die Kunstkritikerin Catherine Millet, deren ausschweifende Autobiographie „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ in viele Sprachen übersetzt wurde und eine Millionenauflage erreichte. An ihrer Seite taucht Catherine Robbe-Grillet auf, die Witwe des „Nouveau Roman“-Schriftstellers, der auch Filme über Voyeure drehte und junge Mädchen begehrte – in einer Zeit, da man das Wünschen nicht unbedingt mit Taten gleichsetzte. Catherine Robbe-Grillet ist als Regisseurin sadomasochistischer Inszenierungen bekannt, über die sie unter dem Pseudonym Catherine de Berg berichtet hat. Ebenfalls als Mitverfasserin zeichnet die Wissenschaftsjournalistin Peggy Sastre, die sich mit dem „Polizei-Feminismus“ anlegt – Titel ihres Buchs: „La domination masculine n’existe pas“. Weiter umfasst das Autorenkollektiv zwei Schriftstellerinnen, die Französin Sarah Chiche und die Iranerin Abnousse Shalmani, Autorin eines Essays „Khomeini, Sade und ich“.

Als Erste äußerte die sozialistische Politikerin Ségolène Royale ihre Empörung über den Aufruf, „der die Frauen erstickt, die endlich das Gesetz des Schweigens brechen“. Ihr folgte Marlène Schiappa, Macrons „Ministerin für die Gleichheit“, die nicht als Blaustrumpf bekannt ist. Sie hat Ratgeber für die sexuelle Emanzipation der Frauen geschrieben und erotische Romane mit Titeln wie „Brave Mädchen schlucken nicht“. Die von „Le Monde“ lancierte Debatte verlagerte sich umgehend ins Fernsehen. Die Pornodarstellerin Brigitte Lahaie, die inzwischen als Sexratgeberin arbeitet und als Botschafterin des Appells auftritt, sagte zur Feministin Caroline de Haas, die Opfer einer Vergewaltigung geworden war, den ungeheuerlichen Satz: „Es gibt Frauen, die dabei zum Orgasmus kommen.“

Den Bezug zur Wirklichkeit verloren

Im Internet werden die hundert Frauen als privilegierte Minderheit und Elite betrachtet, die den Bezug zur Wirklichkeit verloren hat. Ihr Plädoyer für die sexuelle Freiheit und Selbstbestimmung wird mit dem Widerstand linker Intellektueller gegen Marlène Schiappas Gesetz verglichen, das „Le harcèlement de rue“ – das Nachstellen auf der Straße – unter Strafe stellt: Sie lehnten es ab, weil es ohnehin nur auf die islamischen Einwanderer zugeschnitten sei. Vor ihnen brauchten sich Catherine Deneuve und ihre Mitstreiterinnen nicht zu fürchten. Sie führen weder mit der Untergrundbahn noch feierten sie Silvester auf dem Platz vor dem Dom in Köln. Catherine Deneuve wird sogar ein „Stockholm-Syndrom“ unterstellt: Sie habe die sexuelle Ausbeuterei durch ihre Produzenten, die Weinsteins & Co, bis zur totalen Entfremdung verinnerlicht.

„Ist die sexuelle Freiheit wirklich in Gefahr?“ überschrieb „Libération“ eine Titelgeschichte. Anthropologen und Historikerinnen werden befragt. Michelle Perrot, Spezialistin für die Geschichte des Feminismus, äußert Vorbehalte gegen den Wortlaut des Aufrufs. Seine Tragweite wird am Einfluss der Petitionen der Intellektuellen im Algerienkrieg und des Manifests der Frauen, die sich einst dazu bekannten abgetrieben zu haben, gemessen – zu dessen Unterzeichnern gehörte bereits Catherine Deneuve. Und spätestens seit dem Asyl von Roman Polanski in Paris halten die Franzosen den Amerikanern nur zu gerne den Sittenspiegel ihrer eigenen Aufgeklärtheit und Freiheiten vor.

Der Mann, das Schwein

Der Politikwissenschaftler Olivier Roy wiederum, in der Islamismus-Forschung Rivale von Gilles Kepel, hat die französischen Dschihadisten gerne als Produkt der sozialen Verhältnisse verharmlost. In der neuen Sexismus-Debatte der Feministen beider Geschlechter sieht er „den Hippie und den Salafisten als Cousins“ und den endgültigen Beweis, dass die Ursache der Gewalt – wenn auch fälschlicherweise – von „der Kultur auf die Natur“ übertragen werde: der Mann, das Schwein.

Für die hundert Frauen, die „ein anderes Gesetz des Schweigens“ zu brechen vorgeben, geht der Krieg der Geschlechter aber weiter. Die feindselige Heftigkeit vieler Frauen hat sie überrascht. Aus Amerika habe sich das Opfer von Roman Polanski gemeldet und sich voller Begeisterung mit der Petition solidarisiert, berichtet Catherine Millet. Und bekennt: „Mich belästigt der Rauch einer Zigarre mehr als die Hand eines Mannes auf dem Knie.“ Auch die Philosophin Elisabeth Badinter habe angerufen und „viel Mut“ gewünscht.

Der Vorwurf aber, dass sie die Gewalt verniedlichten, der andere Frauen wehrloser ausgeliefert sind, ist richtig. Nach der Präambel des Manifests folgen Überlegungen, die sich wie eine Relativierung sexueller Gewalt und Übergriffe in Crescendo lesen und in eine zweifelhafte Schlussfolgerung münden: „Unsere innere Freiheit kann nicht vergewaltigt werden.“ Zu dieser Freiheit darf man die Frauen mit ihrem hochentwickelten intellektuellen Rüstzeug beglückwünschen. Aber man sage diesen Satz einmal zu jemandem, der Opfer von Vergewaltigung oder Folter wurde.

Quelle: F.A.Z.
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Jürg Altwegg
Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.
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