Anzeige

Militärhistoriker über 1917

Europäer marschieren nicht aufrecht

Von Andreas Kilb und Tobias Rüther
 - 14:15
Der Juli-Putsch in Petrograd: Was in Russland geschieht, treibt auch die deutschen Arbeiter auf die Straße. Bild: Picture-Alliance, F.A.S.

Herr Neitzel, haben wir die Zäsur von 1917 verdrängt?

Anzeige

Sicher bestimmt die Magie der runden Zahl unseren Umgang mit Geschichte. Für das Jahr 1917 liegen die Kernaussagen allerdings auch schon seit Jahrzehnten auf dem Tisch: Wir reden über die beiden russischen Revolutionen, die neuen Ideologien, über Woodrow Wilson und den Kriegseintritt der Amerikaner, eine neue Globalität des Krieges, aber auch die starke Macht der Obersten Heeresleitung in Deutschland, den Niedergang des Liberalismus, den Versuch, in der Krise noch eine militärische Entscheidung zu erzwingen und gleichzeitig auch Frieden zu suchen. 1917 ist man endgültig im Zwanzigsten Jahrhundert angekommen. Aber das wissen wir schon lange.

Und was hat sich in der Wahrnehmung geändert?

Es sind eher Details: Wie interpretieren wir zum Beispiel das Deutsche Reich? Ist es Tolkiens Mordor oder sind da irgendwie auch ein paar Elben dabei? Die russischen Museen wiederum wissen gar nicht, wie sie im Reiche Putins die Oktoberrevolution darstellen sollen. In Frankreich ist Clemenceau ein großes Thema, der Retter, der im November 1917 kommt und die Krise beendet. Die Deutschen schauen lieber stärker auf die Ereignisse von 1918/19 – die Revolution, Weimar, die Münchner Räterepublik. Unser Desinteresse ist wiederum ein Beweis, wie provinziell wir in unserer Geschichtsbetrachtung sind: Bei allem Gerede über Globalisierung bleiben wir doch sehr stark auf uns bezogen.

Anzeige

Könnte es sein, dass die Deutschen des Jahres 1917 mehr in die Welt gehorcht haben? Nach dem Sturz des russischen Zaren im März gibt es im April die ersten Massenstreiks in der Geschichte, die USPD entsteht, aus der später die KPD wird. Und die Reichsregierung bringt Lenin im Eisenbahnwagen nach Russland.

Ich glaube nicht, dass die Deutschen damals globaler gedacht haben, aber natürlich haben sie auf ihre Nachbarländer geschaut. Und Russland war damals ein Nachbar – was in Petrograd geschah, war mental weniger weit weg als heute. Aber Amerika haben die Deutschen von 1917 offensichtlich nicht begriffen. Obwohl wir in der Zeit der ersten Globalisierung leben. Obwohl die Deutschen für die damalige Zeit viel gereist sind. Sonst hätten sie diese Eselei mit dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg nicht begangen. Man hat damals Gutachten erstellen lassen: Wir versenken so und so viel Schiffe, dann muss England kapitulieren. Wenn man das liest, fragt man sich: Wie konnten die nur die britische Volkswirtschaft so in ein Schema pressen? Und dann die Erwartung, die Amerikaner würden keine schlagkräftige Armee aufstellen können: Man hat sie überhaupt nicht verstanden.

1917 ist auch das Jahr der großen Kriegsmüdigkeit. Und doch bringt diese Situation eine unglaubliche Dynamik hervor. Woher kommt dieser Schub, nach drei Jahren Horror?

Bei den Deutschen ist der Hoffnungsschimmer der U-Boot-Krieg. Alfred von Tirpitz, der Staatssekretär im Reichsmarineamt, gab bereits im November 1914 einem amerikanischen Journalisten ein Interview und sagt: Wir können England aushungern. Dieses Gespräch schlägt wie eine Bombe in der deutschen Öffentlichkeit ein: Wir haben eine Geheimwaffe, warum setzen wir die nicht ein? Wenn England zusammenbricht, kann Frankreich auch nicht weiterkämpfen – das war das Kalkül. Die Westalliierten wiederum hoffen auf eine Massenmobilisierung in Großbritannien und eine letzte Kraftanstrengung an der Westfront. Als das mit der Nivelle-Offensive im April 1917 scheitert, stürzt Frankreich in die tiefste Krise dieses Krieges, auch in Großbritannien breitet sich massiver Pessimismus aus. Das Einzige, was Briten und Franzosen wirklich aufrechthält, ist die Hoffnung, dass irgendwann die Amerikaner kommen.

Und als die in den Krieg eintreten, beginnt das 20. Jahrhundert?

Es beginnt mit einer neuen Ideologie, die einen weltweiten Anspruch hat, mit dem amerikanischen Liberalismus. Dann kommt in Russland nach der Oktoberrevolution eine andere, gegensätzliche Ideologie an die Macht. Und auch die dritte große Ideologie, die das Jahrhundert prägt, wird in den Schützengräben von 1917 geboren: Die Niederlage im Ersten Weltkrieg ebnet dem Aufstieg des Faschismus und Nationalsozialismus den Weg, und sie ist 1917 besiegelt. Es ist auch faszinierend, wie sich die Deutschen selbst unter dem Dampfdruck des Krieges nur in homöopathischen Schritten in Richtung Parlamentarismus bewegen. Erst Ende 1916 wird am Reichstag der Schriftzug „Dem deutschen Volke“ angebracht. Dann verspricht der Kaiser in seiner Osterbotschaft das geheime, aber nicht das gleiche Wahlrecht für Preußen, aber vor Oktober 1918 geschieht nichts. Stattdessen bekommen wir faktisch einen Militärdiktator, Ludendorff. Jetzt geht es darum, so lange zu kämpfen, bis der andere zusammenbricht. Bis zur totalen Niederlage.

Warum kann keiner nachgeben?

Leider hatte das Kaiserreich keinen Bismarck mehr. Letztlich muss man aber sagen, dass alle so gedacht haben. Im Ersten Weltkrieg wird zum ersten Mal in Europa dem Gegenüber abgesprochen, auf der gleichen Kulturstufe zu stehen. Jetzt ist das perfide Albion der Feind, dem man alles Böse wünscht, und umgekehrt der „deutsche Hunne“. Und ich kann mich natürlich nicht mit dem „Hunnen“ oder dem „perfiden Albion“ mit einem guten Rotwein an einen Tisch setzen und dann auf ein Unentschieden einigen. Also weiterkämpfen.

Wohin fließen dann nur die Frustration, der Schmerz und das Grauen des Grabenkriegs? Die Erfahrungen, von denen später Remarque berichtet?

Es geht in die Kunst, es geht in die Literatur. Aber das ist nur ein Ventil für die Gebildeten. Es ziehen zehn Millionen deutsche Soldaten in diesen Krieg, zwei Millionen fallen – und doch zählt man nur sechshunderttausend posttraumatische Belastungsstörungen: Männer, die mit medizinischem Befund nicht mehr an die Front können. Die anderen sind vielleicht traumatisiert, aber sie machen irgendwie weiter. Alex Watson hat darüber ein Buch geschrieben, „Enduring the Great War“, in dem er herausarbeitet, welche Mechanismen es gibt, damit Menschen so etwas durchstehen: die Identität, der Zusammenhalt mit den Kameraden, die zur Familie werden. Und die Hoffnung, es würde schon alles gut. Nach der Schlacht an der Somme führt die Oberste Heeresleitung das Rotationsprinzip ein, so dass die Soldaten nur vierzehn Tage maximal an der vordersten Linie sind. Und vierzehn Tage lang halte ich das irgendwie aus. Im Bayerischen Kriegsarchiv habe ich eine Umfrage vom September 1918 gefunden, in der Ludendorff von den Divisionskommandeuren an der Westfront wissen will, wie es um die Moral ihrer Truppen steht. Etliche sagen: Meine Soldaten sind Bauernsöhne und Arbeiter, die interessieren sich nicht für Politik, solange sie genug zu essen haben und gut behandelt werden. Wir nehmen den Krieg oft über die Literatur wahr, aber das repräsentiert nicht die Masse. Die Überlebenden haben die Weimarer Republik aufgebaut. Die alltägliche Gewalt ist nach Kriegsende nicht angestiegen. Offenbar war ein Großteil dieser Männer bei allen Traumatisierungen in der Lage, wieder normal am öffentlichen Leben teilzunehmen.

Der Kommunismus ist der Gewinner dieses Krieges. Sein Bürgerkriegsvirus steckt fast alle Staaten bis hin zum Rhein und den Alpen an.

Der Kommunismus brauchte als Strömung das Stahlgewitter des Ersten Weltkrieges, um gedeihen zu können. Wenn man sich 1916 mit Russland geeinigt hätte, wäre es nie zur Revolution gekommen. Aber mit den erfolgreichen Bolschewiki entsteht ein neuer Feind. Und diese bolschewistische Gefahr sitzt auch mit am Tisch, als in Versailles und bei den anderen Pariser Vorortverträgen verhandelt wird. Die Siegermächte fragen sich, wie sie Deutschland eigentlich zurechtschneiden sollen – es darf nicht zu schwach werden, es muss ein Bollwerk bleiben gegen den Osten. Alle Mächte sind sich einig: Wenn sich der Kommunismus weiter ausbreitet, hängen wir bald am nächsten Laternenpfahl. Und diese Angst setzt sich fort bis weit in die zwanziger, dreißiger Jahre hinein.

Die Westmächte kämpfen dann gegen die kommunistischen Bewegungen bei sich zu Hause. Dieser gemeinsame äußere Feind, der auch im Inneren wirkt – das erinnert an die heutigen Konflikte des Westens mit der islamistischen Bewegung. Kann der Islamismus sich auf ganze Schichten im Westen übertragen?

Die Parallele wäre in der Tat das Ausgreifen über Ländergrenzen hinweg. Wir haben zwar muslimische Bevölkerungen in den westlichen Staaten, aber dass jetzt der radikale Islam ein Angebot machte, das viele Leute überzeugt, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Die Bolschewiki konnten wenigstens sagen: Es gibt eine klassenlose Gesellschaft, wir schaffen den neuen Menschen. Damit konnten sich sehr viele anfreunden, einfach aufgrund ihres sozialen Status. Aber in den westlichen Gesellschaften nimmt die Bedeutung der Religion immer weiter ab, auch unter den dortigen Muslimen. So gesehen ist die Gruppe, die der radikale Islam ansprechen kann, viel kleiner. Er müsste eigentlich ein Angebot an Nicht-Christen machen, an Atheisten. Aber wie soll sich ein Brandenburger Atheist, selbst wenn er dieses Land ablehnt, damit identifizieren? Ich glaube, der radikale Islam hat keine Chance, auf Dauer etwas zu ändern. Gewalt, Terror und Vernichtung sind kein Angebot an die übergroße Mehrheit der Muslime, die in Frieden leben wollen.

Trotz Gewalt, Terror und Vernichtung entstand in Russland damals aber schnell ein Bild davon, wie das kommunistische Leben aussieht: Wohnblocks, organisierte Arbeiterschaft, Gemeineigentum, die U-Bahn von Moskau, auch ein gewisser Glanz. Das kann man von den islamistischen Regimen, seien es die Taliban in Afghanistan oder auch die IS in Mossul, nicht behaupten.

In der Tat unterscheidet sich die Sogkraft des Kommunismus in den dreißiger Jahren, als auch Erich Honecker in den Ural zog, um begeistert mit aufzubauen, von der sozialen Praxis, die ein deutscher Dschihadist in Mossul erlebt. Weil sich diese Regime ständig im Krieg befinden, gelingt es ihnen nicht, innezuhalten, um sich zu konsolidieren. Das haben weder die Taliban noch der IS geschafft. Wenn ich Gruppen habe, die nur im Krieg sind – wen ziehe ich dann an? Nur Krieger. Diesen Kern gibt es immer in der islamischen Welt, bestimmt auch in der westlichen. Aber die Idee, mit Bomben Revolutionen auszulösen, widerspricht eben der Haltung der allermeisten Menschen, die in Ruhe und Frieden leben wollen.

Lenins Kommunisten und die Kämpfer des IS haben den gleichen Gegner: die Vereinigten Staaten. 1917 tritt die Idee von Amerika als globale Ordnungsmacht zum ersten Mal auf. Kann man daran heute festhalten?

1917 war Präsident Wilson der Einzige, der eine Vorstellung davon besaß, wie es weitergehen könnte. Das kann man gar nicht deutlich genug sagen. Und so glaubwürdig sind die Vereinigten Staaten im weiteren auch aufgetreten – und wahrgenommen worden. Dieses Bild hat zum ersten Mal im Vietnamkrieg Risse bekommen, und dann massiv durch die Ursünde des Irakkriegs 2003. Mit ihr hat sich der Anspruch, der moralisch höherstehende Weltpolizist zu sein, zerlegt. Die Deutschen sind zwar froh, wenn sie ihre Tornados nur in Aufklärungseinsätze schicken müssen. Man ist dankbar, wenn die Amerikaner die Kampfeinsätze übernehmen. Aber die moralische Führungsrolle, mit der das ab 1917 lange Zeit einherging, haben die Amerikaner nicht mehr. Eigentlich müsste Europa jetzt in diese Rolle hineinwachsen, weil es viel stärker wertegebunden auftritt. Aber die Europäer marschieren eben nicht aufrecht und selbstbewusst, wie es die Amerikaner von Wilson bis Trump getan haben. Sie sind, vielleicht seit 1917, Grübler und Zweifler.

Gleichzeitig erscheint eine neue Großmacht, ein postkommunistisches, postzaristisches, von Expansion träumendes Russland.

Und Putin nutzt das Machtvakuum, das der Westen hinterlassen hat, äußerst geschickt in Syrien aus. Es ist die Tragik Russlands, seit 1917 eigentlich immer auf der Verliererseite gestanden zu haben. 1917 erwächst eben nicht ein stabiles Regime, das Frieden, Wohlstand und Gleichheit schafft. Es entbrennt ein Bürgerkrieg, der genauso viele Tote fordert wie der gesamte Erste Weltkrieg. Darauf folgt die Stalin-Ära. Dann kommt der Zweite Weltkrieg, in dem Stalin den Vormarsch der Deutschen im Blut der eigenen Leute ertränkt. Nur nach Stalins Tod wird es etwas besser, die neunziger Jahre wirken als Erfahrung wie ein Schock. Die Russen verbinden Demokratie und Liberalismus mit Chaos, verständlicherweise. Was bleibt, ist die Idee: Wir sind eine Großmacht, wir wollen mit Amerika auf einer Stufe stehen. Das Zarenreich und die Sowjetunion haben zu den Großmächten gezählt. Und dorthin müssen wir zurück.

Dass die Idee einer weltweiten Demokratie dieser Tage mit Donald Trump verknüpft ist, beunruhigt. Gibt es das heute eigentlich noch – eine Idee, die von einer Figur verkörpert wird, mit der man sie identifizieren kann?

Wir haben doch Angela Merkel.

Und deren Idee wäre die eines aufgeräumten Haushalts?

Ich würde Angela Merkel durchaus mehr zubilligen wollen als die Idee des aufgeräumten Haushalts.

Seit Trump im Weißen Haus sitzt, wird Merkel „Leader of the Free World“ genannt. Bei dem Überschuss von Machismo der anderen Staatsführer wirkt ihre Art wohl beruhigend.

So sehr ich die Kanzlerin schätze, sie ist nicht auf eine Stufe mit Wilson zu stellen. Ich sehe die Figur, nach der Sie fragen, derzeit nicht – die also ein bestimmtes, wirkungsmächtiges Demokratieverständnis und Staatsmodell verkörpern würde. Helmut Kohl stand viel mehr für eine Idee, die überzeugte Europäer mittragen können, als das jetzt vielleicht Angela Merkel tut. Sie überzeugt durch Stabilität. Und viele Menschen wünschen sich, den Wohlstand zu mehren, Ruhe. Merkel kommen auch Dinge entgegen, die sie vielleicht gar nicht selbst beeinflusst hat, eine günstige Wirtschaftsentwicklung, die Entscheidung, Flüchtlinge aufzunehmen, die sie auch schon wieder massiv revidiert hat. Trotzdem: Diejenigen, die in ihr die liberale Weltretterin sehen wollen, können das tun, und diejenigen, die jetzt sagen, dass sie wieder hart geworden ist, können das ebenso.

Merkel selbst hat erklärt, es übersteige die Fähigkeiten einer einzelnen Person, die Hoffnungen aller zu erfüllen. Diese Nüchternheit, ist das der Kern ihrer politischen Vorstellungen?

Wir sind vielleicht alle auch nüchterner geworden. Wenn wir auf das 20. Jahrhundert zurückblicken, hat es viele verschiedene Modelle erlebt, Wilson, Lenin, Faschismus, Nationalsozialismus: Weswegen wir langsam erkennen, dass das Heil in der Diversität liegt. Dass wir nicht sagen können, dass alle auf dieser Erde unserem Modell folgen müssen. Wir sollten die Fähigkeit entwickeln, die Leute leben zu lassen, wie sie leben wollen. Wir können helfen und unterstützen, wenn danach gefragt wird, aber wir müssen keine Regierungsform vorschreiben und auch nicht dafür kämpfen, dass die ganze Welt so wird wie wir. Andererseits müssen wir einfach besser werden darin, andere Kulturen zu verstehen. Wahrscheinlich hätten weder Wilson noch Lenin ihre Ideologien entwickelt, wenn sie die Welt wirklich verstanden hätten. Sie hätten gemerkt, dass die Idee einer global gültigen Weltordnung politisch, moralisch, gesellschaftlich illusionär ist.

Aber was wird dann?

Wir müssen mit der Vielfalt leben. Hans Delbrück, ein bedeutender Historiker im Kaiserreich, sagte einmal: Die Menschen brauchen grob gefügte Münzen, die durch tausend Hände gehen und sich doch nicht abnutzen. Einfache Schlagwörter. Aber als Wissenschaftler kann ich nur sagen: Lasst auch mal die „Fifty Shades of Grey“ zu. Die Dinge sind kompliziert, und das steht uns besser an. Wir sehen gerade auch am Jahr 1917, dass und wie Demokratien Krieg geführt haben. Wir sehen die Hungertoten im Deutschen Reich. Wir sehen den U-Boot-Krieg. Wir sehen Rassismus britischer Offiziere bei der Intervention im russischen Bürgerkrieg. Wir können dieses Jahrhundert, diesen Ersten Weltkrieg und dieses Jahr 1917 eben nicht auf eine Formel bringen. Wir müssen versuchen, ein kulturelles Verständnis anderer Völker und Länder zu entwickeln. Und das ist extrem schwer. Schon 1914 verstand man sich untereinander nicht, auch deswegen verzocken sich die Staatslenker in der Juli-Krise. Man versteht auch 1917 den anderen nicht. Man will ihn auch nicht verstehen. Und sind wir heute so viel schlauer? Wir verstehen ja noch nicht mal die Briten, geschweige denn die Amerikaner, wie wir an Brexit und Trump sehen. Obwohl die Deutschen ihre Kinder zum Studienaufenthalt dahin geschickt haben, selbst dort studierten, dort Urlaub machen. Verstehen wir den Irak? Verstehen wir Russland? Nein. Obwohl wir eine moderne Wissensgesellschaft sind. Wie gehen wir mit dem radikalen Islam um? Um den Konflikt zu lösen, müssen wir den radikalen Islam erst einmal verstehen. Und da sehe ich noch viel Handlungsbedarf in Deutschland.

Sönke Neitzel, Jahrgang 1968, lehrt Militärgeschichte an der Universität Potsdam.

Quelle: F.A.S.
Andreas Kilb
Tobias Rüther
Feuilletonkorrespondent in Berlin.Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAngela MerkelDonald TrumpWladimir PutinAmerikaDeutschlandEnglandEuropaFrankreichGroßbritannienRusslandISTalibanIslamNationalsozialismus

Anzeige