Debatten
Münchener Kulturleben

Darüber reden wir noch einmal

Von Patrick Bahners
© Picture-Alliance, F.A.Z.

Den Münchner Kammerspielen laufen die Besucher davon. In der zweiten Spielzeit unter Matthias Lilienthal ist die Auslastung des städtischen Theaters auf 63 Prozent gesunken. Das sind zehn Prozent weniger als in Lilienthals Debütsaison. Der Intendant, der mit der ihm eigenen Offenheit von einer „deutlichen Zuschauerdelle“ spricht, lässt sich nicht beirren und kündigt für die nächste Spielzeit mehr vom Gleichen an: fast keine Theaterstücke, dafür umso mehr Romanbearbeitungen, darunter die Neubearbeitung einer Romanbearbeitung aus dem aktuellen Repertoire mit einer exklusiv schwarzen Besetzung, außerdem Interventionen von Performergruppen, Konzerte und jede Menge Diskursives. Was soll die Münchnerin tun, die ins Theater geht, um Schauspieler zu sehen, die ein Drama aufführen? Wohin kann sich der Münchner wenden, wenn ihm das Abonnement des Residenztheaters nicht genügt?

In ein paar Jahren wird es womöglich eine neue Staatsschauspielstätte in bester Innenstadtlage geben. Im Zuge der Generalsanierung des Hauses der Kunst soll der Westflügel des 175 Meter langen und fünfzig Meter breiten Baus an der Prinzregentenstraße für das Publikum geöffnet werden. Okwui Enwezor, seit 2011 Direktor des Ausstellungshauses, hat den Architekten David Chipperfield instruiert, im Westen einen Saal vorzusehen, in dem auch Bühnenkunst dargeboten werden kann. Im Interview mit dieser Zeitung sprach Enwezor von einer „Universalbühne“. Der Begriff ist als Pendant zum Universalmuseum gebildet, was auf das Haus der Kunst allerdings schon deswegen nicht passt, weil hier alle Kunst von Leihgebern stammt. Gleichwohl versteht man sich als Museum, verwendet die paradoxe Formel vom „Museum ohne Sammlung“. Demnächst: Museum ohne Sammlung plus Theater ohne Ensemble.

Eine Unmenge Diskursives

Dass Kammerspielflüchtlinge im Kunsttempelasyl glücklich sein werden, ist allerdings zu bezweifeln. Enwezors Mehrspartenhaus soll nämlich auch Raum schaffen für Interventionen von Performergruppen, Konzerte und natürlich jede Menge Diskursives. Braucht München, die Hochschulstadt mit den zwei berühmten Universitäten, die Volkshochschulstadt, die bald den Gasteig, die Burg der tausend Vortragssäle, generalsanieren lässt, die Verlagsstadt mit erlesenem Literaturhausprogramm, braucht diese Stadt einen weiteren Ort fürs Reden über alles und jedes?

Das Deutsche Museum plant etwas ganz Ähnliches. Dort hat die Generalsanierung schon begonnen, und Generaldirektor Wolfgang Heckl will den Kongresssaal von 1935 nicht für gelegentliche Fachtagungen nutzen, sondern für die permanente Animierung der Besucher zum Mitreden. Zauberwörter: „Forum“, „Zukunft“ und „Debatte“.

Tempel für Musen aller Art: das Münchener Haus der Geschichte
© Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects, F.A.Z.

Der amtliche Name des Museums lautet seit der ersten provisorischen Ausstellung von 1906 Deutsches Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik. Man orientiert sich traditionell am Kunstmuseum. Aber das Kunstmuseum, und erst recht eins ohne Sammlung, will sich heute nicht mehr mit der Pflege ererbter Dinge begnügen. Ein Haus für Ausstellungen der wichtigsten Gegenwartskünstler der Welt. Ein Haus mit der weltweit größten Sammlung zur Geschichte der Naturwissenschaft und Technik. Solche Aufgaben müssten alle Kräfte der jeweiligen Institution binden. Aber die Kunst soll nicht mehr genügen. Und die Technik auch nicht. Es muss immer und überall ums Ganze gehen, um die Gesellschaft. Und schon heute um die Gesellschaft von morgen, in Enwezors Worten: um das, „was erst noch kommt, was noch hervortreten muss“.

Hat der Freistaat dafür Geld übrig?

Der Eindruck eines gewissen Überangebots an Gesprächsangeboten drängt sich auf. Doch die Manager von Kulturinstitutionen, die Veranstaltungen nicht mehr als Beiprogramm behandeln möchten, werden von der Betriebsamkeit der Konkurrenz wohl auf eine steigende Nachfrage schließen. Wer kennt die Marktlage für Redestoff? Wie kann man sie beurteilen? Wenn die Museumsdirektoren der bayerischen Landeshauptstadt auf die Bundeshauptstadt blicken, kann sie das in ihrem Ehrgeiz bestärken, unter die Eventmanager zu gehen. In Berlin wurde Chris Dercon, dem Vorgänger Enwezors als Direktor des Hauses der Kunst, das lebendigste Landestheater Deutschlands übergeben, in der ausdrücklichen Erwartung, dass er nicht vor allem Theaterstücke auf den Spielplan der Volksbühne setzen möge, sondern jede Unmenge Diskursives. Und die Bundeskulturpolitik baut sogar ein ganzes Schloss für den Diskurs.

Den klassizistischen Namen aus dem Maklerprospekt für das Humboldt-Forum, der das politische Versprechen des Schlossprojekts ausdrückt, benutzte der bayerische Kunstminister Ludwig Spaenle im Gespräch mit dieser Zeitung, um seine Vorstellung vom renovierten Haus der Kunst zu artikulieren: Es soll „Agora“ werden. Thema der Doktorarbeit des Historikers Spaenle war der bayerische Philhellenismus. Der Minister unterstützt Enwezors Vorhaben, den „Charakter“ des Hauses der Kunst „weiterzuentwickeln“. Spaenle gefällt die Idee einer bayerischen Villa Massimo, eines Hauses der Künstler unter dem Dach des Hauses der Kunst. Um die Aufenthaltsstipendien sollen sich nach Enwezors Vorstellungen auch Komponisten, Choreographen und Kunsthistoriker bewerben. Ein „Institut der Innovation“ soll gegründet werden, als „Treffpunkt für Ideen, Forschung und Gelehrsamkeit“.

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Spaenle ist auch Wissenschaftsminister. Sein Haus wird sich der strukturellen Frage stellen müssen, ob die Begriffe „Institut“ und „Forschung“ im Programm für das von Spaenle beschworene „Haus der Kunst 2.0“ etwas anderes sind als metaphorische Etiketten, wie man sie aus den mimetischen Gesellschaftsspielen des Kunstbetriebs kennt. Will Enwezor in gleichem Sinne der Gelehrsamkeit aufhelfen, wie Lilienthal der Münchner Wohnungsnot abhelfen wollte, als er vor seiner ersten Premiere in den Kammerspielen Architekturstudenten Behelfsquartiere auf der Maximilianstraße zimmern ließ? Oder soll das Institut für Innovation Forschung betreiben wie ein Universitätsinstitut? Hat der Freistaat dafür Geld übrig? Vielleicht ist die Antwort auf die letzte Frage ja, hat der Freistaat doch gerade erst angekündigt, dass er in Nürnberg eine Universität gründen will, obwohl es die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg schon gibt.

Vergessen hat man nur das Publikum

Das Haus der Kunst firmiert als Stiftung, doch das jedenfalls ist nur ein metaphorisches Etikett – Stiftungskapital wie bei amerikanischen Kulturinstitutionen („endowment“) gibt es nicht. In dieser Zeitung verglich Enwezor die anstehende Renovierung mit dem Neubau des Whitney Museum of American Art, der eine Verdoppelung von Fläche und Belegschaft mit sich brachte. Zum Vergleich: Das „endowment“ des Whitney beläuft sich auf 300 Millionen Dollar. Betrieben wird das Haus der Kunst als gemeinnützige GmbH. Die vorgesehene Erweiterung der Geschäftstätigkeit wird Veränderungen im Management erforderlich machen, die über die in der vergangenen Woche angekündigte Berufung eines kaufmännischen Direktors hinausgehen. Wie Spaenle dieser Zeitung sagte, stellt sich „die Frage der Governance“. Normalerweise, so der humanistisch gebildete Kunstminister, sei er kein Liebhaber von Anglizismen, aber in diesem Fall sei der englische Ausdruck am Platz. Ein Vorteil des Begriffs aus der jüngeren pragmatischen Verwaltungswissenschaft dürfte darin liegen, dass sich das Ministerium nicht dazu äußern muss, ob es eine Änderung der Rechtsform in Erwägung zieht.

Wie sieht die Bedarfssituation für die neuen Angebote aus? Wie muss sich die Organisation eines seit der Eröffnung 1937 auf Ausstellungen von Gegenwartskunst spezialisierten Hauses verändern, um eine Universalbühne zu bespielen? Ist das Projekt überhaupt machbar? Genau zu dieser Frage wurde bei einer Beratungsfirma eine Studie bestellt, deren Befunde die Grundlage für die Instruktionen an Chipperfield sind. Sie ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Wer beim Ministerium nachfragt, wird ans Haus der Kunst verwiesen. Das Haus der Kunst lässt wissen, das Ministerium müsse die Studie erst billigen. Enwezor sagte dieser Zeitung: „Wir können die Studie nicht öffentlich machen, bevor wir nicht wissen, dass die Mitglieder unseres Aufsichtsrats sie tatsächlich gelesen haben.“ Der Direktor betont, dass die Berater jeden einzelnen Angestellten des Hauses befragt haben.

Am Jahrestag der Eröffnung fand ein Symposion über die Archivgalerie statt, die in Kabinettausstellungen die Geschichte des Hauses aufarbeitet. Erst nach mehreren Stunden gab es Gelegenheit für Fragen aus dem Saal. Sie bezogen sich hauptsächlich auf Chipperfields Pläne. Antwort: Pläne gebe es noch nicht, nur Ideen. Die Heftigkeit der Reaktionen auf das Renovierungsprojekt hat einen Grund darin, dass man so wenig erfährt. Das Archiv ist zentral für das offizielle Selbstverständnis des Hauses der Kunst: Es soll ihm die Sammlung ersetzen. Aber eine Ausstellung mit den Entwürfen des Wettbewerbs, aus dem Chipperfield als Sieger hervorging, hat es nicht gegeben. Die Verwandlung des Hauses der Kunst in einen Ort der permanenten Diskussion ist laut dem Direktor Gegenstand einer permanenten Diskussion, in die „alle Beteiligten ihre Gesichtspunkte einbringen“. Vergessen hat man nur das Publikum, die Stadtgesellschaft. Vielleicht ist Enwezor, dem Kurator der stimulierenden Ansprache, das Diskutieren so sehr zweite Natur, dass ihm das noch nicht aufgefallen ist.

Quelle: F.A.Z.
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David Chipperfield | München