Nach den Schüssen von Dallas

Nicht versklavt heißt noch lange nicht frei

Von Verena Lueken
 - 19:48

Was ist los bei euch? Jeder Kontakt mit amerikanischen Freunden beginnt inzwischen mit dieser rhetorischen Frage, denn wir sehen ja fast täglich, was los ist, verstehen es aber nicht in vollem Umfang. Nicht erst seit letzter Woche. Aber seit letzter Woche hat die Verzweiflung in den Unterhaltungen zugenommen. Mit den Erschießungen von Alton B. Sterling und Philando Castile durch Polizisten und kurz darauf den gezielten Schüssen auf Polizisten in Dallas durch einen verrückt gewordenen Veteranen, der behauptete, er wolle „Polizisten töten, vor allem weiße“, ist das Entsetzen grenzenlos geworden.

„Bürgerkrieg“ stand bereits auf der Titelseite der „New York Times“ als Überschrift über einen Leitartikel, den die Zeitung vom Innenteil auf die Titelseite gehievt hatte, ein Zeichen höchsten Alarms. An verschiedenen Stellen im Netz, etwa auf der Homepage der African American Intellectual History Society, war von einer „Fortsetzung der Tradition der Lynchmorde“ zu lesen. Die Zahl schwarzer Amerikaner, die durch Polizeigewalt stürben, habe beinahe die Zahl der Opfer von Lynchmorden zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erreicht, schreibt die Historikerin Keisha N. Blain dort zur Einleitung des Abdrucks einer Rede, die die Bürgerrechtlerin und Kämpferin gegen die Lynchjustiz Ida B. Wells-Barnett im Jahr 1909 auf der National Negro Conference gehalten hat. 1909! Schon damals stand im Zentrum die Forderung nach gesetzlichen Maßnahmen, die schwarze Leben schützen würden. „Die Nation“, so sagte Wells-Barnett in dieser fast nüchternen Rede, „muss in der Lage sein, ihre Bürger zu schützen“ und Gesetzlosigkeit zu ahnden - was im Fall der Tode von Polizistenhand bis heute unzureichend geschieht.

„Wir, das schwarze Amerika“

Am selben Ort schreibt Keri Leigh Merritt einen Gastbeitrag über die Geschichte der Polizei und der Polizeigewalt gegen Schwarze in den Südstaaten. Keri Leigh Merritt ist weiß, auf die Geschichte des amerikanischen Südens im 19. Jahrhundert spezialisiert und lebt in Atlanta. Und ihr Beitrag, der gar nichts zur augenblicklichen Lage sagt, erklärt in sachlichem Ton, wie es war, nach der Befreiung im Süden Amerikas ein freier schwarzer Mann zu sein.

Ohne Land, ohne Arbeit, den gerade formulierten Gesetzen gegen Landstreicherei ausgeliefert, schutzlos gegenüber den Ordnungskräften, die einen Teil ihrer Verantwortung - etwa für schwarze Häftlinge, die in den Gefängnissen keinen Platz fanden - an Weiße abgaben, die auf diese Weise wenn nicht Sklaven, so doch eine Art Zwangsarbeiter zurückbekamen. Unter dem berühmten Foto vom Händedruck zwischen Martin Luther King und Malcolm X hat der Rapper Jay-Z hat auf der Blogseite von „Diaspora Hypertext“ unter der Überschrift „Songs for Survival“ eine Playlist zusammengestellt, und teilweise nehmen die Songs auf seiner Liste die Stimmung der Lieder auf, die damals gesungen wurden. „Free“ von Goodie Mob klingt wie ein Bürgerrechtssong aus den Sechzigern, „Inner City Blues“ von Marvin Gaye wie eine uralte Soul-Weise.

Was ist los bei euch? Es scheint, als gebe es keinen gemeinsamen Boden mehr, auf dem Schwarze und Weiße in den Vereinigten Staaten stehen. Im Augenblick muss man immer dazusagen, ob das, was gesagt wird, aus dem Mund eines Weißen oder eines Schwarzen kommt. So gespalten ist das Land, in den Medien, den Universitäten, der klassischen wie der digitalen Öffentlichkeit. Michael Eric Dyson etwa, Professor an der Universität von Georgetown und einer der wenigen schwarzen Kommentatoren der New York Times, hat dort unter der Überschrift „Tod in Schwarz und Weiß“ Ende der vergangenen Woche die Lage in einem leidenschaftlichen Text kommentiert. „Wir, das schwarze Amerika“, schrieb er dort, „sind eine Nation von annähernd vierzig Millionen Seelen in einer Nation von mehr als 320 Millionen Menschen. Und ich fürchte, es wird klarer denn je, dass ihr, das weiße Amerika, immer Probleme damit haben werdet, uns zu verstehen.“

Angst vor dem schwarzen Körper?

Eine Nation von Schwarzen in einer Nation von Weißen. Ida Well-Barnett war da vor mehr als hundert Jahren anderer Meinung. Die Schwarzen seien Bürger desselben Amerika, und darauf gründete sie ihre Forderungen. Für Dyson aber ist das heute anders. Das weiße Amerika, so fährt er fort, antworte auf die Empörung und die Trauer der Schwarzen und ihre Proteste mit dem Hinweis, täglich würden Schwarze Schwarze töten, ohne dass sich Schwarze darüber erregen würden. Was natürlich nicht stimme, schreibt Dyson, aber die Klage der Schwarzen über die Lage in ihren Vierteln würde nicht gehört - Vierteln, in denen es kein Geld und keine Hoffnung gebe, keine guten Schulen und keine sozialen oder ökonomischen Puffer gegen Gewalt. „Menschen töten da, wo sie wohnen“, schreibt er.

Weiße Leser haben mit diesem Artikel Probleme. Mehr als 2500 Kommentare zu Dysons Artikel zeigen, wie schnell offenbar Weiße beleidigt sein können. „Whiteness is blindness“, steht bei Dyson, der die Sache so beschreibt, als hätten die Weißen ein umgedrehtes Fernglas vor den Augen, durch welches das Leben der Schwarzen in weite Ferne rücke. Sein Artikel war ein Aufschrei gegen die Privilegien der Weißen, die diese in Gefahr sehen, wenn Schwarze ein paar Startvorteile in den Universitäten oder bei der Jobvergabe in staatlichen Institutionen bekommen. „Eure Weißheit ist eine Last geworden“, schreibt er, „die ihr nicht mehr tragen könnt, also übergebt ihr sie an einen niederträchtigen Politiker, der eure verabscheuungswürdigsten privaten Ansichten öffentlich verstärkt.“ Es gibt weiße Leser, die ihm zustimmen. Aber die meisten beklagen, stereotypisiert zu werden.

Was ist los bei euch? Sind die Stereotypen über Weiße das Problem? Ist es nicht eher so, wie es Marc Amont Hill beschreibt (dessen Buch „Nobody: Casualties of America’s War on the Vulnerable, from Ferguson to Flint and Beyond“ gerade erschienen ist), dass Weiße und damit weiße Polizisten Schwarze per se als Gefahr wahrnehmen, in der alten rassistischen Angst vor dem schwarzen Körper? „Wir leben“, so formulierte es Mychal Denzel Smith von „The Nation“, „in der ständigen Antizipation unseres Todes.“ Wir können das vermutlich nicht verstehen. Aber das heißt nicht, dass es nicht anders werden muss.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena (lue.)
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenJay ZAmerikaDallasNew York TimesPolizeiPolizeigewalt