Lethen und Sommerfeld

Wären nicht die Germanen im Ehebett

Von Christian Geyer
 - 11:17

Neulich war eine Journalistin der „New York Times“ bei ihnen zu Hause in Wien. Die Homestory über Caroline Sommerfeld und ihren Mann Helmut Lethen war dann überschrieben mit dem Titel: „Eine sehr deutsche Liebesgeschichte: Wenn sich Altlinks und Neurechts ein Schlafzimmer teilen“. Lethen ist einer der profiliertesten Kulturwissenschaftler seiner Generation, der Generation von Achtundsechzig, Autor vielgelesener Studien zur Charakterkunde des politischen Extremismus, von den „Verhaltenslehren der Kälte“ bis jüngst „Die Staatsräte“. Neben dem politischen Gegensatz ist es auch der Altersunterschied von beinahe vier Jahrzehnten, welcher das gemeinsame Leben der Philosophin und des Literaturwissenschaftlers als flamboyantes Thema auszeichnet, ganz abgesehen von der motivgeschichtlich ergiebigen Konversion Sommerfelds, einer anlässlich ihrer Dissertation 2005 hochgelobten Kant-Forscherin, zu einer Galionsfigur der Identitären um 2015 herum.

„Wenn sie Identität sagt, hört er Exklusion. Wenn er Vielfalt sagt, hört sie Islamisierung.“ Die Dramaturgie von Schwarzweiß, mit der die Homestory beginnt, das Auffahren von Reizworten mag die Erwartung an Popstars bedienen. Warum bloß wirkt das Abfahren auf Flamboyanz, Wohnzimmerbesuche und Bilderstrecken in diesem Fall so unheimlich?

„Kein Fünkchen Bewusstsein für das Eigene“

Caroline Sommerfeld selbst gibt die Antwort, wenn sie in der philosophisch aufgeladenen Kulisse von human touch unversehens mit der Sprache herausrückt – mit ihrer Sprache, einer unverstellt das „Deutschsein“ als „Substanzbegriff“ behandelnden Sprache. Ja, unverstellt, denn das ist gerade ihre performative Strategie: die anderen, welche „kein Fünkchen Bewusstsein für das Eigene, deine eigenen Gene, überhaupt einen Sinn für so was wie: deinesgleichen“ haben – diese anderen als Sektenmitglieder darzustellen, denen die Substanzbegriffe aberzogen worden seien, so dass sie in diesen Kategorien nicht mehr denken könnten, Kategorien, die „erkenntnistheoretisch vorgängig“ seien, aber psychosektenmäßig negiert würden, einem allgegenwärtigen Dekonstruktivismus huldigend, so eben auch von ihrem Ehemann, wie Sommerfeld in den von ihr paraphrasierten „Dialogen mit H“ (H für Helmut) bedauert, einem schillernden Genre, in welchem Beziehungsdynamiken und politische Konfrontation ineinander überzugehen scheinen: „In der täglichen Auseinandersetzung mit H entsteht so ein Spannungsfeld, in dem ich gegen Windmühlenflügel zu kämpfen scheine, aber auch wissen will: Wie ist es dazu gekommen, dass ich anscheinend über intakte Substanzbegriffe verfüge, die mein Eigenes umfassen – und er kein bißchen!?“

„Gestern hat H etwas extrem Merkwürdiges gesagt“

Die „Dialoge mit H“ sind ein propagandistischer Kunstgriff, mit dem Caroline Sommerfeld ihre fremden Anteile im Eigenen inszeniert, ihr Mann repräsentiert in diesen Dialogen ihre andere, eigentlich überwundene, aber doch stets widerstreitend gegenwärtige Seite. So wird der flachen, im Haushalt der Gene kreisenden Stereotype des Eigenen ein Erfahrungswert eingehaucht, das Eigene erscheint als Frucht einer der psychischen Überfremdung abgerungenen Beziehungsarbeit: „Gestern hat H etwas extrem Merkwürdiges gesagt: Er begrüße jegliche Bastardisierung Deutschlands. Und verwies auf das Ruhrgebiet, wohin doch sehr viele Polen eingewandert seien, und es sei ein wunderbarer Menschenschlag entstanden. Deswegen könne er der Heterogenisierung von Völkern immer nur begeistert zuschauen. Ich war einfach baff.“

Baff ist man, wenn eine Evidenzvermutung durchkreuzt wird. Sommerfelds Evidenzvermutung teilt sie mit dem ethnischen Ursprungsdenken der neuen Rechten: Was „deutsch“ sei, das sei doch „augenscheinlich“, wie sie unlängst im „Spiegel“ erklärte. Dass sich der Augenschein nicht von selbst versteht, sondern immer nur das hergibt, was man zu sehen bereit ist (Gene, Kultur, Volkscharakter, Zufälliges), dass er, der Augenschein also ohne ein Moment von Konstruktion, über deren Triftigkeit sich dann im Einzelnen streiten lässt, gar nichts mitteilen kann – dies psychosektenmäßig in Abrede zu stellen ist das Spektakel, das Caroline Sommerfeld in den „Dialogen mit H“ aufführt, als gäbe es für diese Erfahrung des Angewiesenseins auf Konstruktion, auf Reflexion, noch schlichter: auf Einordnung gar kein Organ, als sei genau dort der blinde Fleck in ihrem Gesichtsfeld, wo Sommerfeld meint, das Evidente in Augenschein zu nehmen und damit recht eigentlich dann das Dummgebliebene meint oder in ihrem welcher Ontologie auch immer entlehnten Wort: die Substanz.

Die Rolle der Germanen

Die germanische Substanz. Sommerfelds Substantialisierungskampagne macht vor der Aura urzeitlich-heldischer Größe des Deutschseins nicht halt, sondern stellt sie ins Zentrum ihres Denkens – anders als mit einer derartig heroisch-kulturellen Vorannahme blieben die Gene stumm, die Sorge um sie als Inbegriff des Eigenen unverständlich. Wenn es um die deutsche Vereinnahmung der Germanen geht, zeigt auch die Konstruktivistenfresserin Sommerfeld ihren Sinn fürs Konstruktivistische: „Wenn sich der Begriff ,die Germanen‘ auf eine mannigfaltige Schar von Stämmen oder, noch eine Ebene darunter, auf Genotypen, die, anders als etwa Klone, selbstverständlich ,durchmischt‘ sind, rückbeziehen lässt, bedeutet das nicht, dass es entweder den Begriff ,nicht gibt‘, nicht mehr geben darf oder dass er keinen Inhalt hat.“

Kein seriöser Autor behauptet, was Caroline Sommerfeld behauptet, dass behauptet werde: dass es den Germanenbegriff nicht gebe, nicht mehr geben dürfe oder dass er keinen Inhalt habe. Als historische Akteure werden Personen, die man als Germanen bezeichnete, nicht in Abrede gestellt. Strittig ist, was genau der Germanenbegriff umfasst. Sommerfelds Abwehr, ihn, den Germanenbegriff, zu qualifizieren, statt ihn nur zu behaupten, gehorcht der Ahnung, vielleicht auch dem Wissen, dass die Germanenforschung heute weiter ist als 1945 und sich für mythische Annahmen über Volkscharakter und Volksseele nicht länger ausbeuten lässt. Der Althistoriker Hans-Ulrich Wiemer stellt klar: „Die Vorstellung, die Germanen seien eine Abstammungsgemeinschaft mit unveränderlichen Wesensmerkmalen gewesen, die sich in eine Vielfalt von Stämmen aufgespalten habe, ist aufgegeben, die These von der germanischen Kontinuität überholt.“

Derart in die Defensive gedrängt, nimmt Caroline Sommerfeld ihr konstruktivistisches Zugeständnis augenblicklich zurück und stellt wieder auf ahistorisches Substanzdenken um, mit welchem sie paradoxerweise die Plastizität des kulturellen Gedächtnis für beschreibbar hält: „Im übrigen ist unsere Aufgabe, wie mir immer wieder deutlich wird, offensichtlich Reparatur des erodierten kulturellen Gedächtnisses.“ Hieße das nun aber nicht, den Bock zum Gärtner zu machen? Was die Tauglichkeit des Germanenbegriffs fürs identitäre Denken angeht, sollte sich Sommerfeld ihr kulturelles Gedächtnis von Wiemers Kollegen Mischa Meier reparieren lassen.

Fremdes und Gleiches

Der skizziert den Forschungsstand wie folgt: „Bis 1945 hatte man relativ klare Vorstellungen über die Germanen, wo sie hingehören und wo sie herkommen. Die beruhten aber auf ganz wenigen wirklichen Informationen. Man verließ sich darauf, dass die Germanen eine geschlossene Kultur und Denkart entwickelt hätten, die sich kontinuierlich über lange Zeiträume bis ins Mittelalter durchgehalten habe. Das Wesen dieses Germanentums, das, wie es schien, auf Freiheit, Ehre, Treue und ähnliche Überzeugungen großen Wert legte, wollte man verstehen. Dazu wurde alles aufgeboten, was sich von Osteuropa bis Skandinavien und Island an sprachlichen, schriftlichen und archäologischen Spuren und Parallelen fand.“

Statt mit der dekonstruktivistisch verseuchten Wissenschaft – Sommerfeld: „Zumindest geisteswissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Forschung hat sich komplett der Entstrukturierung, Entmythifizierung und Auflösung verschrieben“ – hält es die germanische Substantialistin mit der apokryphen Literatur zum Thema. Alle hier zitierten Erwägungen Caroline Sommerfelds zum Germanenthema sind Teil ihrer Kommentierung des Buches „Gab es Germanen? Eine Spurensuche“ des „Anthropologen“ Andreas Vonderach, das die von Meier beschriebene akribische Spurensuche unbeirrt fortsetzt. Auf Seite 62 des Werkes entfaltet der Autor sein völkisches Forschungssetting, welches „Vertrauen“ zu einer Frage der „gemeinsamen Gene“ macht und geradewegs in die Produktion des ethnischen Ressentiments führt: „Gleichzeitig misstrauen wir Menschen umso mehr, je weniger sie mit uns gemeinsam haben“ (an genetischem Material).

Schillernd, schaurig und schriftstellerisch „unter Strom“ (Helmut Lethen) setzend: Im Hin und Her von Behaupten und einem Nachdenken, das sofort abgebrochen wird, wenn das Behauptete durch dieses Nachdenken bedroht erscheint, lässt sich Caroline Sommerfeld bei der allmählichen Verfertigung ihrer identitären Ideologie zuschauen. Misslich, dass sie selbst sich dabei nicht zuschauen kann. Das ist augenscheinlich nur H vergönnt. Caroline Sommerfeld bringt sich damit um ein intellektuelles Vergnügen, dass sie anderenfalls erschrecken ließe.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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