Internet und Demokratie (4)

Digitale Wissenschaftskontrolle

Von Uwe Jochum
 - 21:26

Das größte Missverständnis bei der Digitalisierung der Wissenschaften durch die Einführung eines „Open Access“-Publikationssystems liegt in der Annahme, die Wissenschaft werde dadurch freier und demokratischer. Diesen Befreiungs- und Demokratisierungsschub denkt man sich so: Wenn die Wissenschaftler ihre Aufsätze nicht mehr in gedruckten Fachzeitschriften veröffentlichen würden, sondern digital auf Volltextservern ihrer Universitäten, müssten sie die Verwertungsrechte an ihren Veröffentlichungen nicht mehr an Verlage abtreten, die mit ebendiesen Rechten Geld verdienen.

Stattdessen soll die digitale Publikation auf den universitären Volltextservern zu „Open Access“-Konditionen erfolgen, das heißt eine beliebige und für die interessierten Leser kostenfreie Nachnutzung der Veröffentlichung erlauben. Das, so glaubt man, sei die gelungene Synthese aus einer digital sich selbst organisierenden und dank Ausschaltung der Verlage ökonomiefreien und daher billigeren Wissenschaft, die übers Internet mit der interessierten Öffentlichkeit direkt in Kontakt kommen und in diesem Direktkontakt die Demokratisierung der Gesellschaft voranbringen könne.

Nun darf man freilich bezweifeln, dass ein Wissenschaftssystem, in dem anstelle der konkurrierenden Intermediäre vom Typ Verlag ein vom Staat als Monopol betriebenes Open-Access-System installiert wird, das Publizieren wirklich billiger macht. Keines der politischen Systeme, die nichtstaatliche Konkurrenz ausgeschaltet haben, hat die systemischen Kosten wirklich gesenkt, sondern immer nur kreativ versteckt, bis zum finalen Ruin des Systems. Bezweifeln darf man allerdings auch, dass ein staatliches Publikationsmonopol die Wissenschaft freier und demokratischer macht. Noch jedes System, das auf eine Monopolisierung der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kommunikationsprozesse setzte, hat die Freiheitsgrade seiner Bürger und Wissenschaftler drastisch beschnitten.

Das sei nun aber, so hören wir, dank des Digitalen ganz anders: Milliarden digitaler Rezeptoren sollen weltweit dafür sorgen, dass die Wirklichkeit so breit und tief wie noch niemals zuvor gerade auch ins System der Wissenschaften gelangt und von dort in verarbeiteter Form über die digitalen Massenkanäle ihren Weg in die Köpfe der Menschen findet. Und weil das System vollständig transparent sein könne, wäre dadurch jedem staatsmonopolistischen Missbrauch vorgebeugt.

Kommunikation und Kontrolle

Man darf auch das bezweifeln. Denn das Digitale, wie es in den dreißiger und vierziger Jahren grundgelegt wurde, folgt einer Logik, die nicht nur das Buch durch ein assoziations- und denkfreundlicheres Medium ablösen möchte (Vannevar Bushs „Memex“), sondern alles Problemlösen als algorithmische Prozessierung von wohldefinierten Einzelschritten betrachtet (Alan Turings Rechnermodell), die von real baubaren Maschinen erledigt wird (Nobert Wieners Kybernetik). Aus dieser Logik ging der Computer hervor, der seither munter das tut, was er laut Norbert Wiener tun soll: Er betreibt das Geschäft von „Kommunikation und Kontrolle“, indem er die analoge Fülle der Welt in binäre Häppchen zerlegt und daraus Daten generiert, deren Fluss er kontrolliert und überwacht. Die Logik des Computers ist die einer Kontrolltechnik, die via Internet inzwischen weltweit operiert und dabei Welt-, Kommunikations- und Datenkontrolle zu Synonymen gemacht hat.

Es liegt auf der Hand, dass das keine guten Voraussetzungen für Demokratie und Freiheit sind. Wie schlecht sie jetzt schon sind, zeigt ein Blick auf die in den Naturwissenschaften populären Nachweisinstrumente für wissenschaftliche Aufsätze, das Web of Science (WoS) und den SciFinder. Sie punkten auf der Nutzerseite mit einem bequemen Zugang zu bibliographischen Informationen und digitalen Volltexten. Und auf der Seite der Universitätsverwaltungen punkten sie damit, dass sich mit ihrer Hilfe leicht ermitteln lässt, welche Aufsätze welcher Professoren wie oft zitiert wurden; daraus lassen sich Kennzahlen ableiten, mit denen man die monetären Belohnungsflüsse in den Universitäten steuern kann.

Kippt an dieser Stelle schon die Bequemlichkeit der Nutzung in eine Kontrolle der Nutzer um, zeigt sich der Charakter der Kontrolltechnik vollends, wenn man sich vor Augen führt, dass das WoS und der SciFinder die IP-Adressen der Computer abgreifen und der SciFinder sogar ein personalisiertes Login-Verfahren benutzt, so dass die an einem Computer und von einer Person durchgeführten Recherchen mitgeschnitten und statistisch ausgewertet werden können. Das Verb „können“ meint in diesem Kontext keine schwache Möglichkeit, sondern eine starke Realität: Die wissenschaftlichen Bibliotheken, die ihren Nutzern einen Zugang zu WoS und SciFinder anbieten, erhalten nicht nur monatliche Statistiken mit allgemein gehaltenen Nutzungsdaten dieser Instrumente, sondern können bis zur IP-Adresse und dem einzelnen Nutzer herunter sehen, wer an der jeweiligen Universität wie lange zu welchen Themen recherchiert hat.

Instrumente für Wissenschafts- und Industriespionage

Man darf vermuten, dass das, was den Bibliotheken als statistisches Servicepaket zur Verfügung gestellt wird, nur ein Bruchteil dessen ist, was im Hintergrund erfasst und ausgewertet wird. Mit anderen Worten: Das internationale Investorenkonsortium, in dessen Besitz sich WoS zukünftig befinden wird, und die American Chemical Society als Eigentümer des SciFinder sind in der Lage, das Rechercheverhalten ihrer Nutzer weltweit minutiös zu beobachten und für kommerzielle, aber natürlich auch für politische Zwecke auszuwerten. Kurz: Wir haben hier keine Instrumente vor uns, die für universitäre Kontrollzwecke und für die Wissenschafts- und Industriespionage missbraucht werden können, sondern Instrumente, zu deren Design die Kontrolle samt der Wissenschafts- und Industriespionage gehören.

Es gibt keinen Grund, von Open Access etwas anderes zu erwarten. Denn der von den Bibliotheken zu Open-Access-Konditionen bereitgestellte „Content“ - die Aufsätze und Bücher der Wissenschaftler - wird wie bei WoS und SciFinder weltweit übers Internet zugänglich gemacht. Zugleich aber lassen sich die Download-Zahlen der Aufsätze und Bücher mit den Personendaten der Wissenschaftler verknüpfen, um die in den Naturwissenschaften seit langem schon verbreiteten bibliometrischen Zitationsindizes endlich auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften einzuführen. Das läuft auf eine Ausweitung der Kontrollzone der Universitätsverwaltungen hinaus.

Damit ist die Logik der Kontrolle aber keineswegs erschöpft. Denn der von den Bibliotheken zu Open-Access-Konditionen ins Netz gestellte „Content“ wird zuletzt von jenen Akteuren angeeignet, die die Datenflüsse im Netz steuern und kontrollieren. Wobei der Staat hier weniger einen Anlass für eine Intervention sieht, sondern die Gelegenheit zu Kooperation, denn über die in amerikanischer Hand befindlichen Monopolisten vom Typ Google, Amazon und Facebook erfährt auch er, was seine Bürger denken und tun. Und so gelingt es diesen Monopolisten, unbehelligt vom Staat und ohne demokratische Legitimation, aber unter dem Zuckerguss der Bequemlichkeit Kontrollsysteme als gesellschaftlich-technischen Normalzustand zu installieren.

Daten sind Geld

Jedem Internetnutzer sollte inzwischen klar sein: Es sind diese Personen- und Verkehrsdaten, mit denen im Netz das Geld verdient wird, nicht der „Content“. Klar sollte auch sein, dass mit den Gewinnen eine Politik finanziert wird, die auf einen Ausbau der nichtstaatlichen Kontrollzone zielt, in der die Daten und das Geld nur so fließen können.

Das erklärt, warum ein als Philanthrop auftretender Investor wie George Soros von Anfang an zu den Finanziers und Impulsgebern der Open-Access-Bewegung gehört. Er hat ganz offensichtlich verstanden, dass Open Access das ideale Instrument darstellt, um Gewinnabsichten nun auch in den Wissenschaften durchzusetzen. Man muss dazu nur erstens der Öffentlichkeit und Politik einreden, dass Open Access dank der Ausschaltung der Verlage aus dem wissenschaftlichen „Content“ ein kostenloses Gut macht. Zweitens kann man es dann den in diesen Köder beißenden staatlichen Akteuren in der Forschungsförderung und den Universitäten überlassen, die auf Seiten des Staates bei der Erstellung von digitalem „Content“ anfallenden Kosten kreativ zu verstecken. Und schon kann man drittens den von den Bibliotheken frei Haus ins Netz gelieferten kostenlosen „Content“ zur Basis von allerlei „Geschäftsmodellen“ machen, die davon leben, dass sie den um diesen freien „Content“ sich formierenden Datenverkehr zur Handelsware machen. Am Ende hat der Staat seine Wissenschaft verschenkt, aber es ist in Wahrheit kein Geschenk an seine Bürger, sondern ein Geschenk an Google und Konsorten.

Der Staat verschenkt die Arbeit seiner Wissenschaftler

Viele glauben, das sei kein Problem, weil dadurch eine Win-win-Situation entstehe: Die Bürger bekommen im Netz eine kostenlose Wissenschaft, und andere verdienen damit auch noch Geld. Dass die Verlage bei diesem Spiel nichts mehr zu melden haben, sei ein hinnehmbarer Kollateralschaden. Sie übersehen aber, dass der eigentliche Schaden in der Wissenschaft angerichtet wird. Denn um wissenschaftliche Publikationen zu verschenken, muss man über die Geschenke auch verfügen können.

Und hier liegt die eigentliche Crux: Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen sind das Eigentum der Autoren; so will es das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit, so will es das Urheberrecht, und so wollen es die Autoren. Denn nur wenn das, was sie veröffentlichen, ihr Eigentum bleibt, greift die Logik des Widerstands, die in jedem Eigentum liegt: Es gehört mir, nicht dir und auch nicht dem Staat; und weil das so ist, habe ich in meinem Eigentum die Sphäre meiner Freiheit, die meine Mitbürger und den Staat auf Abstand hält, wenn sie meine Freiheit beschneiden wollen.

George Soros und seine Open-Access-Freunde haben auch das verstanden: Sie setzten von Anfang an auf eine Reduktion des Urheberrechts auf das einfache Recht der Autoren, „dass ihre Arbeit angemessen anerkannt und zitiert wird“, wie es in der initialen Budapester Open-Access-Erklärung aus dem Jahr 2001 heißt. In der Tat: Mehr als das Recht auf einen bibliographischen Beleg bleibt den Wissenschaftlern nicht, wenn sich der Staat anmaßt, ihre Arbeiten als einen „Content“ zu verschenken, mit dem die digitalen Kontrolleure ihre Überwachungssysteme am Laufen halten.

Quelle: F.A.Z.
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