Berater der Bischofskonferenz

Kaltstellung nach Kritik

Von Christian Geyer
 - 11:23
zur Bildergalerie

Interessant an dem Brief, den Thomas Weinandy dem Papst geschrieben hat, ist die Klage über den Verfall der kritischen Standards unter dem aktuellen Pontifikat. Interessant in doppelter Hinsicht: als kirchengeschichtliche Situationsbeschreibung 2017 und als Reproduktion von Argumenten, welche hundert Jahre zuvor von kritischen Theologen gegen die damals sogenannte Modernistenjagd zu hören waren (und die ja eigentlich ein Stereotyp der Religionskritik zu allen Zeiten sind).

Heute wird, so legt Weinandys Brief nahe, im selben Schema, bloß an verkehrten Fronten argumentiert: Papst Franziskus, der Modernistenpapst von 2017, erscheint als autoritärer Wiedergänger von Papst Pius X., dem Antimodernistenpapst von 1907. Auf beide Päpste lässt sich beziehen, wenn eben auch mit vertauschter inhaltlicher Ausrichtung, was Weinandy in die Post an Franziskus gegeben hat – nämlich einen spektakulären Verriss seines Regierungsstils als undialogisch, repressiv und einschüchternd, innerkirchliche Kritik am Papst mit Ämterenthebung und Mobbingstrategien beantwortend.

„Heiliger Vater“, schreibt Weinandy, „Sie haben oft von der Notwendigkeit der Transparenz in der Kirche gesprochen. Sie haben oft, besonders während der Synoden, alle ermutigt, besonders die Bischöfe, ihre Meinung zu sagen und keine Angst davor zu haben, was der Papst dazu denken würde. Aber haben Sie bemerkt, dass die Mehrheit der Bischöfe weltweit bemerkenswert still ist? Warum ist das so? Bischöfe lernen schnell, und was viele von Ihrem Pontifikat gelernt haben, ist nicht, dass Sie offen für Kritik sind, sondern, dass sie Kritik übelnehmen. Viele Bischöfe schweigen, weil sie Ihnen gegenüber loyal sein möchten, und deshalb äußern sie die Sorgen nicht, die Ihr Pontifikat aufwirft, zumindest nicht öffentlich, privat liegen die Dinge anders. Viele fürchten, dass sie an den Rand gedrängt werden oder Schlimmeres erfahren, wenn sie ihre Meinung sagen.“

Papst Franziskus
Göttliche Verbindung ins All
© dpa, reuters

Das unheilvolle Bedürfnis, zum „Wir“ des Apparats zu gehören

Der Amerikaner Weinandy ist erst einmal keinem kirchenpolitischen Lager zurechenbar; er ist, wie man in der Politik sagen würde, ein Mann der Mitte, ein weltweit renommierter Theologe, ein von Franziskus 2014 bestätigtes Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission des Vatikans – lauter ehrenhafte Umstände wie diese geben seinem Fall Gewicht. Nun, unmittelbar nach der späten Veröffentlichung des bereits Ende Juli dem Papst geschickten Briefes, trat Weinandy von seinem Amt als Berater der Bischofskonferenz in den Vereinigten Staaten zurück – er gilt dort jetzt als „Papstkritiker“ und ist als solcher nicht mehr tragbar, um weiterhin jene Bischöfe zu beraten, für deren freies Wort er sich beim Papst einsetzte. Die Bischofskonferenz, so sagte ihr Sprecher zum Rücktritt Weinandys, befinde sich „in affektiver Kollegialität mit dem Heiligen Vater“ – als hätte sich Weinandy mit seinem anspruchsvollen Begriff von kritischer Kollegialität unkollegial verhalten.

Der Vorgang ist ein Symptom für das, was Weinandy in seinem Brief namhaft macht: Die Angst vor dem Rausschmiss, vor dem Kaltgestelltwerden überlagert die Bereitschaft zu freimütiger Kritik, die jederzeit als „Schlechtreden“ der päpstlichen Linie denunziert werden kann. Ein unheilvolles Bedürfnis, zum päpstlich approbierten „Wir“ des Apparats zu gehören, sich nur ja nicht vom risikofreien Mainstream zu isolieren, ersetzt demnach den individuellen Freimut der Glaubensbezeugungen, die Bereitschaft zur Reflexion. Genauso und doch ganz anders wie seinerzeit, als die Modernistenjäger Furcht und Schrecken verbreiteten.

Polarisierungen, Insinuationen, persönliche Diffamierungen

Egal, wie unterschiedlich die kritischen Talente verteilt sind, egal, wie effektiv sich ihr Mangel im „Wir“ verbirgt, egal auch, wie es in einem „geschlossenen System“ (Arthur Köstler über Katholizismus, Kommunismus und Freudianismus) überhaupt um das Schicksal kritischer Maßstäbe „von außen“ bestellt sein mag – unter Franziskus ist empirisch nachvollziehbar eingetreten, was Weinandy die „chronische Verwirrung“ dieses Pontifikats nennt: In der Auslegung dessen, was katholische Lehre ist und was nicht, steht in der Cattolica mittlerweile die eine Bischofskonferenz gegen die andere, jeweils mit Berufung auf denselben Papst, ohne dass von diesem eine Klärung in der Sache erfolgt, auch wo diese ausdrücklich erbeten wird. Tatsächlich muss das solche Gläubige verstören, die christliche Gehalte als Gewissensbindung auffassen, „oft unter Bedrohung der eigenen Reputation und des eigenen Wohlbefindens“ (Weinandy), um nun unter Franziskus den Eindruck zu bekommen, den Verpflichtungsgrad und die Bindungskraft dieser Gehalte offenbar überschätzt zu haben.

Ob solche Eindrücke sich einer Fehllektüre der Texte von Franziskus verdanken oder im Gegenteil deren korrektes Verständnis widerspiegeln, lässt sich schwer sagen, weil, wie Weinandy ja gerade beklagt, die päpstlichen Texte in wichtigen Passagen „absichtlich mehrdeutig“ gehalten seien und im übrigen auf Klärungsbitten nicht geantwortet werde. So hätten, versteht man Weinandy recht, Polarisierungen, Insinuationen und persönliche Diffamierungen unter dem gegenwärtigen Pontifikat Auftrieb erhalten und sich vor die sachliche Auseinandersetzung geschoben – ähnlich hatte es auch Kardinal Walter Brandmüller im Gespräch mit dieser Zeitung durchblicken lassen, als er die verängstigte Atmosphäre im Vatikan beschrieb.

Ein Gewebe irdischer Abhängigkeiten

Wobei Weinandy den grassierenden Anti-Diskurs ad personam aus der Schwäche des Arguments erklärt – beim Papst selbst und bei einigen seiner Berater, wenn etwa in dem Schreiben „Amoris laetitia“, aber nicht nur dort, dem Eindruck Vorschub geleistet werde, prägnante Lehräußerungen seien gleichbedeutend mit Rigorismus und Pharisäertum. „Diese Art der Verunglimpfung ist der Natur des Petrinischen Dienstes fremd“, schreibt Weinandy dem Papst. „Solches Benehmen erzeugt den Eindruck, dass Ihre Ansichten einer genauen theologischen Prüfung nicht standhalten können und deshalb gestützt werden müssen durch Argumente ad hominem.“ Starker Tobak, höflich vorgetragen und Vorhaltungen aufgreifend, die quer durch die kirchenpolitischen Lager hindurch den Jesuiten Jorge Mario Bergoglio, wie der Papst mit bürgerlichem Namen heißt, begleiten, in der ein oder anderen Form schon seit seinen argentinischen Zeiten. Dass sich hinter dem lächelnden, anti-autoritären Gestus eine autoritäre Führungspersönlichkeit verberge, die Drohkulissen aufzubauen versteht, diese These wird auch von erklärten Sympathisanten des Papstes nicht einfach abgetan. Natürlich zieht Franziskus die Wut der Traditionalisten auf sich, die seine Theologie für blanke Häresie halten, aber dann doch auch wieder erstaunlich stillhalten, weil sie sich vom Papst weitergehende Approbationen versprechen, die dieser ihnen aus taktischem Kalkül gewähren könnte – als eine Art Disziplinierung des rechten Randes oder einfach auch deshalb, weil er dort Kumpels von früher hat.

Ein Gewebe irdischer Abhängigkeiten, auf die hin die Heilsanstalt hier noch einmal durchsichtig wird, man könnte auch sagen: eine kirchliche Klientelwirtschaft, aus welcher Leute wie Weinandy herausfallen, die wegen ihres fachlichen Prestiges und ihrer Unerschrockenheit nicht auf protegierende Inklusionen angewiesen sind. Sondern sie, ad maiorem dei gloriam, offen verachten.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenPapst FranziskusKircheVatikanRücktritt