Plurikulturalität in Thailand

Die Umdeutung von Babel

Von Stanisław Strasburger
 - 22:26
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Wenn da draußen wirklich das Paradies ist, so dicht vor der Haustür, dann kann ich auch mal hinfahren und es mit eigenen Augen anschauen . . . Wir werden Farangs sein. Touristen“, sagt die Mutter zu ihrem Sohn. Zum ersten Mal will sie Bangkok verlassen und verreisen. Eine kleine Insel in der südlichen Andamanensee ist ihr Ziel.

Ich lese die Erzählung „Sightseeing“ von Rattawut Lapcharoensap aus dessen gleichnamigem Kurzgeschichtenband. Es ist ein Beispiel für die wenige thailändische Prosa, die auf Deutsch vorliegt. „Und das, obwohl ich mich erinnere“, staunt der Sohn, „dass Ma mir als Kind erzählt hat, Thailand sei nur für Dummköpfe und Farangs ein Paradies.“ Ich wollte kein Dummkopf sein. Ich habe mich vor meiner Reise ans Lesen gemacht. Und mir Fragen überlegt: Wir Europäer reden uns den Mund fusselig über Integration, Heimat und Nation – doch wie ist das in Thailand? Gibt es eine thailändische Leitkultur? Wird die Integration von kambodschanischen Arbeitsmigranten an ihr gemessen? Und gibt es da einen Unterschied zu den chinesischen Zuwanderern in Bangkok?

Zugegeben, schon auf den ersten Blick gleicht Bangkok keinem Paradies. Vielleicht einem Turm zu Babel. In der weltweit meistbesuchten Metropole ist die Luft stickig, und die Menschen tragen Atemmasken. Man steckt andauernd im Stau, schwitzt draußen und friert drinnen (Klimaanlagen!). Auf den monströsen Straßen ohne Bürgersteige, in überfüllten Einkaufszentren und auf Märkten fühlt sich selbst ein Berliner wie ein Hinterwäldler, verloren und bedrückt.

Die Floskel der zu bewahrenden Tradition

Um mit dem Eindruckschaos und meiner Lektüre nicht ganz alleine dazustehen, verabrede ich mich mit örtlichen Schriftstellerkollegen. Einer von ihnen ist Wipas Srithong. Der Romancier und Dichter wurde im Jahr 2012 mit dem S.E.A. Write Award geehrt, einer bedeutenden südostasiatischen Auszeichnung. „Ich würde lieber in einem Land leben, wo Menschenrechte beachtet werden, als in einem, wo alle lächeln.“ Gleich zur Begrüßung zerschmettert Srithong meinen Versuch, das gesuchte Paradies aus dem gewaltigen urbanen Raum ins Zwischenmenschliche zu verlegen.

„Das ,Bewahren der Tradition‘ ist zu einer Floskel verkommen. Sie verbirgt eine Ideologie, die der Junta erlaubt, Demokratie, Gerechtigkeit und unabhängige Medien zu untergraben“, schreibt der Autor im Schatten der Ereignisse von 2010 und 2014, als Scharfschützen wiederholt auf friedliche Demonstranten schossen. „Einige von uns begannen später, die identitäre Politik zu unterstützen. Andere engagieren sich für LGBT-Rechte. Aber auch das ist ein einfacherer Weg, denn insgeheim wird er von der Junta begrüßt. So kann sie Thailand als ein modernes, fortschrittliches Land darstellen.“

Auch für Veeraporn Nitiprapha, die Trägerin des S.E.A. Write Award 2015, sind die jüngsten politischen Ereignisse im Land ein Schlüsselerlebnis für ihre nach Jahrzehnten wieder aufblühende literarische Laufbahn. Die Schriftstellerin entwirft Schmuck, ist leidenschaftliche Köchin und leitete früher sogar ein Journal namens „Hype“. Ich spreche mit ihr über mein Wohlbefinden, das mich in Thailand immer wieder überkommt. Ja, es ist ein Farang-Wohlbefinden. Ja, die Junta. Und dennoch: Die feurig-scharfen Currys in leuchtenden Farben, die köstlich gewürzten Larbs und die tropischen Früchte. Aber auch die Ruhe. Eine tiefe, innere Ruhe. In Europa sehne ich mich nach ihr.

Dort reibe ich mich mit zunehmendem Widerwillen an der Kultur des „Mittelfinger-ist-der-neue-Handkuss“, wie Adriano Sack es nennt: „Die Grundstimmung ist aggressiv, jeder fühlt sich permanent benachteiligt oder angegriffen, es wird geschimpft oder gleich verklagt.“ Nicht so in Thailand. Auf Märkten und in Straßenküchen kann ich loslassen. Es sind dann eben doch das Lächeln und das exakt herausgegebene Restgeld, die mir dort auf Schritt und Tritt begegnen und ein Gefühl von Vertrauen vermitteln. Das empfinde ich als Seltenheit – nicht nur in Europa, sondern auch an vielen von Touristen belagerten Orten der Welt.

„Vielleicht machst du da als Farang besondere Erfahrungen.“ Veeraporn Nitiprapha lächelt mich verschmitzt an. Hätte ich ihr doch besser nicht erzählt, wie ich kürzlich in einem Massagesalon um die Ecke in einen Hinterraum mit roten Lämpchen hineinstolperte. Schwere Vorhänge trennten die Liegen voneinander ab. Über dem Kopf hing eine Aufschrift in Englisch: „Bitte bleiben Sie leise. Stören Sie die anderen Kunden nicht.“

Viele stillen ihren Voyeurismus

„Das hat uns der Vietnamkrieg eingebrockt“, erläutert Nitiprapha: „Damals machten amerikanische Soldaten Urlaub in Thailand. Irgendeine kluge Frau überlegte, wie man ihnen zu rascher Entspannung verhelfen könnte. Die GIs bleiben heute aus, aber das Happy End hat sich gut etabliert.“ Der berüchtigte Sextourismus nimmt im Bangkoker Stadtbild aber nicht viel Raum ein. Es sind ein paar Gassen mit Klubs, auf gerade mal drei Stadtviertel verteilt. Viele stillen dort bloß ihren Voyeurismus. Sie schlürfen ein Bier am Tresen und verziehen sich gleich wieder. An den Straßenecken halten Touristenpärchen an, flüstern aufgeregt, nehmen sich an die Hand und spazieren hinein. Oder sie kehren wieder um.

Natürlich gibt es in Bangkok Zwangsprostitution und die üblichen Verdächtigen rund um käuflichen Sex. Auch mag es ekelhaft wirken, die angetrunkenen bauchigen Männer mit (zumeist) jungen Frauen oder Ladyboys für eine Handvoll Baht knutschen zu sehen. Aber es kann auch anders kommen: „Wenn eine Frau in ihrem Heimatdorf zu Besuch ist und von ihrem frisch vermählten Farang-Ehemann erzählt“, erläutert Nitiprapha, „rennen gleich andere zu ihr: Hat dein Auserwählter nicht vielleicht einen Kumpel für mich?“

Sex gehört ins Mittendrin. Er muss nicht mit Scham behaftet sein und hinter geschlossene Fenster und Türen verbannt werden, belegt mit unzähligen Restriktionen. Er kann zum Beispiel zum Teil einer Massage werden, beiläufig nach dem Einkauf in der Mall. Danach sind dann wieder die Schultern dran. Der Übergang ist fließend. Anil Bhatti, ein scharfsinniger Literatur- und Kulturwissenschaftler aus Bielefeld und Neu-Delhi, schreibt von „der Unschärfe, den fließenden Grenzen, Nuancen, Fuzzyness und Vagheit“, die „aufgewertet und begrifflich mit einer polyvalenten Sprache erfasst“ werden können.

Man fühlt hier keinen Widerspruch

Thomas Bauer, ein Kollege von Bhatti aus Münster, führt aus, was das konkret bedeuten kann. In seinem jüngst erschienenen Essay „Die Vereindeutigung der Welt“ untersucht er unter anderem das menschliche Sexualverhalten. Erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts habe man in Europa damit begonnen, Sexualität als Teil der menschlichen Identität anzusehen. Identität sollte helfen, das eigene Tun gegenüber sich selbst und den anderen zu rechtfertigen. Seitdem ist die Vagheit auf dem Rückzug. Das hat aber Folgen. Bauer argumentiert mit Zülfikar Çetin: „Ohne klare Identifizierung wären für Menschen Räume offen, ihre Nähe und Intimität situationsgemäß und im gemeinsamen Miteinander zu entwickeln.“

Das erste Gespräch mit Veeraporn Nitiprapha führe ich in einem schicken vietnamesischen Restaurant am Fluss Chao Phraya. Man bekommt die einzelnen Zutaten separat serviert und darf sich seine Sommerrollen selbst in Reispapier einwickeln. Ich bin mit dem Rollen nicht vertraut und brauche viel Zeit. Glücklicherweise redet Nitiprapha gerne. Die aus einer chinesischen Familie stammende und auf Thai schreibende Autorin ist mit ihrem Kollegen Srithong einer Meinung: Gesellschaftliche Herausforderungen entstammen wirtschaftlichen und politischen Spannungen. Die vermeintliche Zugehörigkeit zu einer Minderheit oder das Sich-Laben an einer „Leitkultur“ spielen hier keine Rolle. Zumal: „Man kann hier sowohl in thailändische als auch in chinesische Tempel beten gehen. Man fühlt dabei keinen Widerspruch.“

Laut Bhatti basiert auf dem fluiden Prinzip des „Sowohl-als-auch“ das plurikulturelle Gesellschaftsmodell. Es ist eben nicht das Nebeneinander von diversen, scharf voneinander getrennten identitären Gruppen, wie etwa im sogenannten Multikulturalismus, sondern ein Beziehungsgeflecht voller Überlappungen. Ein Palimpsest.

Das Essen bei dem Bangkoker Vietnamesen war zwar hervorragend. Aber wenn man sich schon mit einem „Einheimischen“ verabredet, warum nicht in einem „authentischen“ Restaurant mit lokaler Küche? „Was heißt denn für dich authentisch?“, fragt Nitiprapha. Ich muss wieder an Thomas Bauer denken: „Der Authentizitätsdiskurs sieht davon ab, dass Menschen in der Gesellschaft immer in verschiedenen Rollen agieren, die situationsbedingt wechseln, in denen die Menschen keineswegs immer auf dieselben Fragen dieselben Antworten geben.“ Ist es denn nicht durchaus „authentisch“, wenn ich immer wieder bei meinem Berliner Lieblingskebabladen um die Ecke essen gehe, aber einen angesehenen Besucher aus einem weit entfernten Land in ein, sagen wir mal, äthiopisches Restaurant am anderen Ende der Stadt führe?

Auch Bhatti stellt den Begriff der Authentizität auf den Prüfstand. Dabei greift er gerne das Bild von Babel auf. Die Entstehung der Sprach- und somit der Kulturvielfalt haben wir uns im Westen als Katastrophe eingeprägt (Strafe Gottes!). Der Erfahrungshorizont von Menschen aus Ostasien ist ein ganz anderer. Ohne die individuell gestaltete Vielsprachigkeit, also das Gleiten zwischen den Sprachen, oder anders gesagt: die Plurikulturalität, sind die dortigen kulturellen Ökosysteme nicht denkbar. Somit wäre Bhatti mit Srithong einverstanden: Identitäre Zugehörigkeiten, seien sie auch noch so progressiv, laufen Gefahr, den Bewahrern der Tradition in die Hände zu spielen. Es lebe die Fuzzyness, nieder mit dem Babeltrauma!

Stanisław Strasburger ist Schriftsteller und Kulturmanager. Sein Roman „Der Geschichtenhändler“ erschien soeben im Secession Verlag auf Deutsch. Er wurde in Warschau geboren und lebt abwechselnd in Berlin, Warschau und mediterranen Städten.

Quelle: F.A.Z.
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