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Populismus-Studie

Total einverstanden?

Von Claudius Seidl
 - 10:30
Das Plenum im Bundestag: Ist man womöglich ein populismusanfälliger Verschwörungstheoretiker, wenn man nicht mit den bestehenden Verhältnissen total und absolut einverstanden ist? Bild: dapd, F.A.S.

Die Frage, welche die Bertelsmann-Stiftung in einer aufwendigen, selbstverständlich repräsentativen und naturgemäß mit allergrößter wissenschaftlicher Sorgfalt angefertigten Studie zu beantworten versucht, scheint absolut sinnlos zu sein, dumm und tautologisch: Wie populistisch sind die Deutschen – das wird auf fast achtzig Seiten untersucht. Und die Antwort ist in dieser Woche ja allseits zitiert und publiziert worden: nicht so besonders, zu einem Drittel vielleicht; nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste.

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Der Begriff Populismus ist, schon weil er immer nur den Gegner denunzieren, nie den Verbündeten charakterisieren soll, nicht besonders scharf. Aber abstrakt zumindest können die meisten sich darauf einigen, dass der Populismus eine Spielart des Opportunismus ist. Populistisch zu reden und zu handeln: das bedeutet, grundsätzliche politische Ziele und Überzeugungen, falls man überhaupt welche hat, nicht besonders ernst zu nehmen; lieber redet man dem Volk, oder wen immer man dafür hält, nach dem sogenannten Maul. Man rechtfertigt die Ressentiments, bestärkt die Sorgen – und verspricht, dass alles besser werde, ohne zu wissen, wie das gehen soll.

Trump hat sich damit lächerlich gemacht

Wenn das Volk aber danach befragt wird, wie populistisch es denke, handle, wähle, dann geht es im Kern um die Frage, ob das Volk dem Volk nach dem Maul reden könne.

Klingt als Frage, zu welcher die Antwort mit den Methoden der empirischen Sozialwissenschaft ermittelt werden kann, tatsächlich widersinnig – bis man sich an all die zornigen Menschen erinnert, die Pegida-Mitläufer, „Volksverräter“-Brüller, die sogenannten Wutbürger, die fest davon überzeugt sind, den wahren Volkswillen, eine Art vulgärer Schwundstufe von Rousseaus „volonté générale“, besser zu kennen, als das alle Wahlen, Umfragen oder gar die veröffentlichte Meinung tun. Was vor allem daran liegt, dass dieser Volkswille mit dem eigenen Willen gleichgesetzt wird. So redet, gerade wenn es wütend ist, das Volk sich selbst nach dem Maul – was dumm und hässlich ist, aber erst dann gefährlich wird, wenn eine oder einer daherkommt und mächtig genug ist zu behaupten, sie oder er verkörpere diesen Willen. Trump hat es versucht und sich dabei lächerlich gemacht, Erdogan glaubt sich zumindest selbst die Behauptung – und in Deutschland ist weit und breit niemand in Sicht, der damit eine realistische Chance hätte.

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Man soll also skeptisch sein, wenn das Volk und dessen Wille allzu heftig beschworen werden – aber wenn die Bertelsmann-Studie jeden, der sich mehr direkte Demokratie vorstellen kann, jeden, der mehr Volksentscheide und -befragungen fordert, schon unter Populismusanfangsverdacht stellt, fragt man sich schon, was die für Probleme mit dem Volk haben. Zumal das zweite Kriterium für den Populismusanfangsverdacht (das dritte ist, sehr zu Recht, die Ablehnung des Pluralismus) eine Skepsis gegenüber den deutschen Eliten ist, der Verdacht, dass es diesen Eliten mehr ums eigene als ums Gemeinwohl gehe, der Vorwurf, dass diese Eliten häufig versagten.

Muss man mit bestehenden Verhältnissen einverstanden sein?

Es gibt natürlich viele Gründe, die Sache genau andersherum zu sehen, die deutschen Eliten zu loben und ihnen grundsätzlich zu vertrauen; es fallen einem halt im Moment nur gerade sehr wenige ein. Und wenn man, wofür es gute und rationale Gründe gibt, den deutschen Eliten vorwirft, dass sie einfach nicht elitär genug sind, dass es ihnen, den politischen, ökonomischen und künstlerischen Eliten an Haltung und Stil, an Mut, Entschlossenheit, Eigensinn und generell an jenem Streben nach Höherem, welches auch andere inspirieren und mitreißen könnte, grundsätzlich mangle: Dann ist man ganz bestimmt kein Populist.

(Oder ist man womöglich ein populismusanfälliger Verschwörungstheoretiker, wenn einen, bei der Lektüre der Bertelsmann-Studie, der Verdacht ergreift, dass im Sinne dieser Umfrage nur der ein guter Demokrat und Rechtsstaatsbürger ist, der mit den bestehenden Verhältnissen total und absolut einverstanden ist?)

Quelle: F.A.S.
Claudius Seidl
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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