Protest der Drehbuchautoren

Ungeheuer inkompetente Einmischungen

Von Harald Staun
 - 14:53
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Seit Jahren beschweren sich deutsche Drehbuchautoren über mangelnden Respekt von Produzenten oder Redakteuren. Wie groß die Geringschätzung ist, sah man beispielhaft Anfang des Jahres bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises, zu der überhaupt keine Autoren eingeladen wurden (außer jene, die für die Kategorie „Drehbuch“ nominiert waren). Jetzt haben Sie, gemeinsam mit vielen anderen renommierten Drehbuchautoren, die Erklärung „Kontrakt 18“ veröffentlicht, in der Sie sich selbst verpflichten, nur noch unter bestimmten Bedingungen zu arbeiten. Sie fordern unter anderem kreative Kontrolle bis zum Schluss, öffentliche Anerkennung und ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Regie. War der Filmpreis eine Art Initialzündung?

Kristin Derfler: Das war im Grunde genommen nur der Punkt, an dem bei uns allen gemeinsam das Ende der Toleranz erreicht war. Die Missstände, die sich sowohl im Verhaltenskodex als auch in den Verträgen niederschlagen, bestehen schon seit über zwanzig Jahren. Auch deshalb ist Deutschland, trotz all der neuen Möglichkeiten des Fernsehens, nach wie vor Entwicklungsland. Wir haben den erneuten Aufschlag im Januar als Auslöser genommen, uns zu verständigen und zu sagen: Wir können nicht darauf warten, dass von außen etwas passiert. Wir haben diesen Kontrakt in einem mehrwöchigen Prozess entwickelt. Wir hatten zwei Konferenzen, die letzte im Mai im Berliner „Savoy Hotel“, mit dreißig Teilnehmern. Jetzt sind es knapp einhundert Unterzeichnerinnen und Unterzeichner.

Nach der Debatte um den Filmpreis hatte man den Eindruck, dass es viel Sympathie in der Branche gibt, es gab sogar die leise Hoffnung, dass endlich eine Diskussion beginnen könnte. Warum haben Sie sich nun für die Konfrontation entschieden?

Hanno Hackfort: Die Sympathiebekundungen kennen wir schon seit Jahren. Wenn wir die Missstände ansprechen, sagen uns Produzenten oder Sender immer, dass man unsere Arbeit gar nicht hoch genug schätzen kann. Aber meistens bleibt es dabei. Im Januar haben sich viele geäußert, auch von anderen Gewerken. Aber danach war Stille.

Annette Hess: Es hat sich nicht viel geändert. Auf dem Weg hierher habe ich in der Zeitung Fotos vom gestrigen Fest der Produzenten-Allianz gesehen und gedacht: Wir hätten mit unserem Kontrakt ein paar Tage vorher rauskommen müssen. Damit hätten wir für Gesprächsstoff gesorgt. Aber warum wussten wir nicht, dass das Fest stattfindet? Wir waren nicht eingeladen. Produzenten, Schauspieler, Senderverantwortliche, Regisseure, Agenten haben ein großes „Familienfest“ gefeiert. Ein entscheidendes Familienmitglied dabei aber vergessen. Wir haben uns mal spaßeshalber die Gästeliste angesehen: Der Anteil der geladenen Autoren lag bei weniger als zwei Prozent.

Derfler: Das setzt sich fort. Beim Münchner Filmfest ist es genau das Gleiche. Ich wollte gerne zur Eröffnung kommen. Und dann kam eben: Sie stehen auf Warteliste XY. Und im Netz werden Tickets verkauft, ganz offiziell.

Thorsten Wettcke: Wobei die Erklärung gar nicht konfrontativ gemeint ist. Was wir fordern, ist in anderen Ländern längst Usus: Wir wollen einfach, dass wir nicht abgekoppelt vom restlichen Produktionsprozess sind. Das gibt es nur in Deutschland: Wenn der Drehbuchautor das Buch abgibt, kann er nach Hause gehen. Wenn er Glück hat, wird er zur Premiere eingeladen. Wir wollen niemandem etwas wegnehmen, sondern wir wollen partizipieren.

Hess: Natürlich liegt eine gewisse Brisanz in der Erklärung. „So nicht mehr weiter!“ – Das ist die Ansage. Aber es geht auch darum, in einen Dialog zu kommen. Die Formulierungen sind alle so gefasst, dass man darüber sprechen kann. Filme entstehen nur in einem Miteinander.

Der Regisseur Leander Haußmann hat vor kurzem gesagt: Der Umgang mit den Autoren in Deutschland ist „weltweit einzigartig beschissen“. Was ist denn am beschissensten? Die Bezahlung, die Verträge, die Behandlung durch Produzenten und Redakteure?

Derfler: Es geht schon um das Thema Macht und Machtmissbrauch. Das sind ja große Begrifflichkeiten, auch im Zuge von #MeToo, aber man sieht eben auch in unserem Fall, dass in den vergangenen dreißig Jahren Strukturen geschaffen worden sind, durch die Einzelne extrem viel Macht haben. Aber oft wenig Kompetenz. Ich bin immer wieder schockiert gewesen, mit welcher Willkür und Inkompetenz handstreichartig hoffnungsvolle Projekte erst mal niedergemäht wurden. Da fordern wir Professionalität ein. Ein Redakteur oder Produzent sollte mir genau sagen können, was er an einem Buch nicht versteht.

Hess: Es ist ganz wichtig, wie über Stoffe gesprochen wird. Wenn ein Produzent kommt und sagt: Das ist zu teuer, das ist nicht machbar, das ist über Budget – das ist sein Job. Und ich verstehe auch, dass Redaktionen auf bestimmte Gesetzmäßigkeiten achten, auf ihre Sendeplätze oder das Publikum. Es gibt viele kompetente, wertschätzende Redakteurinnen und Redakteure. Aber in der Vergangenheit habe ich auch oft ungeheuer inkompetente Einmischungen erlebt. Da heißt es dann zum Beispiel: Ich geh irgendwie mit der Figur nicht mit. Oder: Im hinteren Teil wird es irgendwie redundant. Da fehlt es an dramaturgischer Ausbildung. Gute Redakteure sind gute Dramaturgen. Davon gibt es zu wenige.

Sie wünschen sich mehr Anerkennung und fordern etwa, zu öffentlichen Terminen eingeladen zu werden, also zum Beispiel zu Premieren. Man könnte Ihnen das als Eitelkeit auslegen.

Derfler: Man kann gar nicht oft genug sagen, dass es hier nicht um Eitelkeit geht. Wenn man sich die Punkte anschaut, sind das alles idealistische Punkte. Wir wollen mehr arbeiten – das erwartet uns ja, wenn wir Verantwortung für unsere Bücher übernehmen. Es herrscht ja gerade eine Aufbruchstimmung, wir sind auch international in einer ganz anderen Konkurrenzsituation. Wir wollen dazu beitragen, diesen Sprung zu meistern. Im Grunde geht es darum, ein Gleichgewicht herzustellen. Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass andere bei unserem Buch mitreden. Aber umgekehrt ist es nicht unbedingt gefragt. Wir würden gerne mal den Rohschnitt gucken. Wir würden gerne einen Kommentar dazu abgeben. Wir wollen nicht bestimmen, wir wollen genauso mitreden, wie bei unserem Buch mitgeredet wird.

Hess: Unser erzählerisches Potential wird von unseren Partnern oft nicht genutzt. Die allermeisten Produktionen sind zum Beispiel am Ende zu lang geraten, 100 statt 90 Minuten. Deshalb ist der Autor, der sich jahrelang mit der Geschichte befasst hat, im Rohschnitt so wichtig, wenn man entscheiden muss, was kann raus. Als Produzent kann ich natürlich auch den schlimmsten Fall annehmen: Der Autor sitzt im Rohschnitt und sagt ständig: Das muss drinbleiben, das muss drinbleiben. „Die Szene von dem Kindergeburtstag war so schön, wo ist die?“ Aber das ist unrealistisch: denn wir Autoren sind Teamworker, wir sind es gewohnt, die Zwänge einer Produktion anzuerkennen und damit zu arbeiten.

Hackfort: Ich glaube, dem liegt ein Nichtanerkennen unserer speziellen Kompetenz zugrunde. Jeder hat den Eindruck: Das kann ich auch. Dabei merkt man oft, dass Redakteure und Produzenten nicht wirklich in der Lage sind, Bücher richtig zu lesen. Eine Szene mal sacken zu lassen, mal zu überlegen: Was bedeutet das? Wo ist der Subtext? Wir müssen jedes Wort in den Buch-Sitzungen tausendmal besprechen, jedes Komma wird noch mal verschoben. Dann geht das an den Regisseur, und der schreibt drin rum, und am Ende wird es dann abgenommen und gedreht, komplett am Autor oder der Autorin vorbei. Offensichtlich wird selbst dem Regisseur, was das Schreiben einer sogenannten Regiefassung angeht, mehr Kompetenz in Drehbuchschreiben zugestanden als uns. Und da liegt ein grundsätzlicher Fehler.

Hess: Wir reden jetzt von der negativen Seite, von den schwarzen Schafen, wenn da nicht so viel Willkür herrschte, wäre der Kontrakt nicht entstanden. Doch es gibt auch sehr gute Zusammenarbeiten. Bei „Ku’damm 59“ habe ich gleichberechtigt mit dem Regisseur Sven Bohse zusammengearbeitet. Das kam zunächst auch dadurch, dass ich ihn mit ausgesucht hatte und er das wusste. So sind wir gleich auf Augenhöhe gestartet, unser künstlerisches Miteinander war in meinen Augen für das Projekt sehr förderlich.

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Ku'damm 56
© ZDF, ZDF

Hängt der Respekt nicht in erster Linie davon ab, wie das Verhältnis der Autoren zu den Regisseuren oder Produzenten ist? Es gibt ja viele Beispiele für sehr konstruktive und harmonische Zusammenarbeit, oder Kollegen, die schon von vornherein mit Regisseuren arbeiten, denen sie vertrauen: Rolf Basedow und Dominik Graf, Bernd Lange und Hans-Christian Schmid, Oliver Kienle und Christian Schwochow. Was sind denn die Bedingungen dafür, konstruktiv und harmonisch zusammenarbeiten zu können?

Derfler: Dieses Modell gibt es natürlich auch. Das muss man sich aber mit der Zeit erarbeiten, indem man sagt, ich mache keine Kompromisse mehr. Aber das, was wir meinen, ist eher der Normalfall. Es gibt einen sehr langen Stoffentwicklungsprozess mit sehr vielen Leuten – und dann, drei, vier Monate vorher, kommt der Regisseur dazu. Und dann kommt diese Anmaßung und diese Übergriffigkeit. Solche Erfahrungen haben wir leider alle gemacht, nicht nur wir vier – alle dreißig, die dort gesessen sind.

In der Erklärung schreiben Sie, dass es Ihnen vor allem um die Qualität der Filme und Geschichten geht. Wen auch immer man nach dem Erfolgsgeheimnis guter Serien fragt, alle sagen: Gebt den Autoren mehr Freiheiten! Ob bei „The Wire“, bei „Breaking Bad“, bei „Mad Men“ – überall sind es Autoren, die die Verantwortung für das Gesamtprojekt tragen: David Simon, Vince Gilligan, Matthew Weiner. Die Regisseure kennt oft kaum jemand, sie sind eher die Handwerker. Warum ist die Position der Drehbuchautoren in Deutschland so schwach?

Wettcke: Ich glaube, ein Punkt ist, dass wir keine Lobby haben. Wenn die Writers Guild in Amerika „Stillstand“ sagt, dann wird nichts mehr gemacht. Das hat man ja vor ein paar Jahren erlebt. Das gibt es in Deutschland natürlich nicht so.

Derfler: Ich glaube, es kommt auch aus der Tradition des Autorenfilms. Dort ist immer der Regisseur gemeint, wenn es heißt „Ein Film von . . .“. Das ist der, der den Hut aufhat, und alle müssen nach seiner Pfeife tanzen. Film ist Krieg und so. Im Fernsehbereich gibt es dagegen die klassische Zweiteilung: den Autor und den Regisseur, der inszeniert. Ich vergleiche das immer gerne mit dem Verhältnis von Komponist und Dirigent. Nur bei uns sagt der Dirigent eben gerne: Ja, aber ich bin auch der Komponist. Wir sind da eher modern unterwegs. Wir wollen in Teams arbeiten. Es geht in keiner Weise darum, die Arbeit der anderen zu diskreditieren. Ein Regisseur macht eine unglaublich wichtige, anstrengende und intensive Arbeit. Aber wir eben auch.

Bei den bekannten amerikanischen Serien sind die Autoren oft auch Produzenten. Das bedeutet mehr Einfluss, aber auch mehr Verantwortung. Ist die Ambition Ihrer Erklärung auch, dass Autoren auch hier in die Machtposition kommen, wie sie diese sogenannten Showrunner haben?

Hackfort: Das war nicht der Gedanke dahinter. Dann würden wir ja sagen: Passt mal auf, die Regisseure gehören degradiert – wie im amerikanischen Regelsystem. Da ist völlig egal, wer das macht, im Zweifelsfall werden sie einfach ausgetauscht. Nein, es war nicht der Sinn dieser Diskussion, durch die Hintertür ein Showrunner-Prinzip nach amerikanischem Vorbild zu etablieren.

Derfler: Wobei das natürlich auch eine Option ist. Wenn man eine eigene Serie verantwortet, gibt es natürlich schon die Ambition, eine gewisse Kontrolle zu haben. Denn natürlich haben wir auch eine Vision vom Look und Stil des Endprodukts.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Immerhin fordern Sie ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Regisseurin oder des Regisseurs. Das ist schon eine deutliche Ansage.

Hackfort: Da ist ja auch ein entscheidender Punkt. Es geht darum, jemanden zu finden, der die Vision, die man für seine Geschichte hat, teilt und adäquat umsetzen kann.

Hess: Es geht auch darum, dass dieser Prozess transparenter wird. Wenn man mitbestimmen möchte, wer Regie führt, hört man oft vom Produzenten, nee, das macht der Sender nicht mit. Wenn man es dem Sender sagt: Nee, das macht der Produzent nicht mit. Da wird sich gegenseitig die Verantwortung zugeschoben.

Man kann all diese Kämpfe ja auch allein führen, einige Kollegen arbeiten auch heute schon nach den Maximen der Erklärung. Wie erleichtert diese Gemeinschaftsaktion die Arbeit?

Derfler: Diese Form der Solidarität ist ein Novum. Wir tauschen uns aus. Das macht es schwieriger, Keile zwischen uns zu treiben. Ich habe schon erlebt, dass ich ein Buch eines Kollegen überarbeiten soll, der davon noch nicht einmal wusste. Das passiert dauernd. Das geht einfach nicht.

Wettcke: Oft werden Autoren als austauschbar angesehen. Wenn Autor A nicht funktioniert, dann nehme ich halt Autor B. Ich bin selber bis vor ein paar Jahren einige Male drei, vier Monate vor Dreh in Projekte eingestiegen, die ich dann „gerettet“ habe. Rückblickend betrachtet, hätte ich das so nicht tun sollen. Ich werde das nur noch machen, wenn ich vorher mit dem Kollegen sprechen konnte und auch seine Sicht der Dinge sehen darf. Die Zeit des Einzelkämpfers ist vorbei. Und das fühlt sich gut an!

Hess: Für mich war ein großes Aha-Erlebnis, dass kein einziger Punkt von jemandem hinterfragt wurde. Die meisten Kollegen hatten sich zuvor noch nie gesehen, wir sitzen immer einsam zu Hause an unserem Schreibtisch. Aber jeder von uns nimmt die Punkte, die wir aufgeschrieben haben, als Missstände wahr. In einer nächsten Runde wollen wir auch Unterstützer suchen. Ich kenne etliche Regisseure, Redakteure, Produzenten, die dafür offen sind.

Derfler: Der Team-Gedanke ist uns sehr wichtig. Es ist wirklich ein Angebot, in einen Dialog zu treten. Und keine Kampfansage.

Quelle: F.A.S.
Harald Staun
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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