Rassismus in Amerika

Zerstörte Gleichheit

Von Didier Fassin
 - 15:34

Als ich Ende 2008 mit einem befreundeten Anthropologieprofessor in den Vereinigten Staaten über die Gewaltausbrüche sprach, zu denen es seit Jahrzehnten in den ärmeren Vierteln der französischen Großstädte kommt, wenn ein Mensch bei Polizeieinsätzen stirbt, da lachte er nur: „Wenn die Bewohner der inner cities jedes Mal auf die Barrikaden gingen, sobald einer der Ihren von der Polizei getötet wird, befände das Land sich permanent im Aufruhr.“

Ich hatte damals gerade zwei Jahre lang die Praxis der Polizei in einer französischen Banlieue untersucht. Begonnen hatte ich diese Studie nur wenige Monate vor der Welle von Unruhen, zu denen es im Herbst 2005 nach dem Tod zweier Jugendlicher gekommen war, die vor der Polizei geflüchtet waren. Meine Untersuchung endete kurz vor den öffentlichen Tumulten, die nach dem Begräbnis zweier anderer Jugendlicher ausgebrochen waren, die im Oktober 2007 ein Polizeiwagen überfahren hatte.

Eine Welle der Empörung

Auf der anderen Seite des Atlantiks waren solche Proteste seit den Unruhen, die Los Angeles im Jahr 1992 erschüttert hatten, nahezu vollständig verschwunden. Die Verfahren gegen die Polizeibeamten, die wegen ihres brutalen Vorgehens gegen den Afroamerikaner Rodney King vor Gericht standen, waren eingestellt worden. Ein Teil der schwarzen Bevölkerung reagierte mit blutiger Gewalt. Mein Kollege wusste das nur zu gut, da er selbst im Milieu armer Afroamerikaner geforscht hatte. Der Vergleich zwischen beiden Ländern war auch Gegenstand von sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, die nach Erklärungen für die unterschiedlichen Reaktionen der beiden Bevölkerungen suchten.

Im Sommer 2014 wurden die Forscher allerdings von den Ereignissen widerlegt. Die Erschießung des achtzehn Jahre alten Schülers Michael Brown in Ferguson durch einen Polizisten und das maßlose Vorgehen der Polizei gegen friedliche Demonstranten lösten eine Welle der Empörung im gesamten Land aus. Schon zwei Jahre zuvor hatte der Tod des Schülers Trayvon Martins und der Freispruch des Wachmannes, der ihn erschossen hatte, zur Entstehung einer sozialen Bewegung geführt: Black Lives Matter.

Doppeltes Leid

Nach den Ereignissen von Ferguson kam es zu einer ganzen Reihe tragischer Todesfälle dieser Art. Der Wunsch nach Rache wurde durch die Milde der Justiz verstärkt, mit der Polizisten nach den Tötungen rechnen können. Zwar werden in 99 Prozent aller Tötungsfälle Verfahren zu einer gerichtlichen Klärung der Schuld eingeleitet. Dies gilt aber nicht einmal für ein Prozent der Fälle, wenn es sich bei dem möglichen Täter um einen Polizisten handelt.

Heute scheint die Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod von Menschen durch Polizeigewalt nicht mehr die Regel zu sein. Tatsächlich galt diese Haltung schon immer nur für die Behörden, die Medien und die Mehrheitsgesellschaft. Die ethnischen oder rassischen Minderheiten hatten doppelt zu leiden: unter der Brutalität der Polizei und dem Schweigen ihres Umfelds. Bezeichnend für die noch bis vor kurzem herrschende Indifferenz ist die Tatsache, dass die Todesfälle statistisch nur summarisch und diskret festgehalten wurden.

Junge Schwarze als „Spitzenprädatoren“

Die Statistik des FBI erfasste nur ein Drittel der Tötungsfälle und wurde niemals veröffentlicht. Eine unabhängige Zählung des britischen „Guardian“ im Jahr 2015 ergab insgesamt 1134 Todesfälle, und diese Zahl ist wahrscheinlich noch zu niedrig angesetzt, da sie nur auf Daten aus Lokalnachrichten basiert. Junge Schwarze haben demnach ein fünf Mal höheres Risiko, von Polizisten erschossen zu werden, als junge Weiße und ein neun Mal höheres als die männliche Gesamtbevölkerung.

Der Waffeneinsatz wird von den Polizisten meist mit einem Gefühl der Bedrohung rechtfertigt. Es ist jedoch bemerkenswert, dass die schwarzen Opfer von Polizeigewalt doppelt so oft unbewaffnet sind wie die weißen. Es geht hier offenbar stärker um die subjektive Wahrnehmung der Situation als um objektive Bedrohung. Die subjektive Einschätzung hat zwei Faktoren: eine Kalkulation des Risikos, die wiederum mit rassischen Vorurteilen über junge Schwarze zusammenhängt (die gelegentlich als „Spitzenprädatoren“ bezeichnet werden), und eine Einschätzung des Werts der Person.

Ohne Wert

Beides läuft vor dem Hintergrund einer langen Geschichte des amerikanischen Rassismus ab – von der Sklaverei über die Zeit der Rassentrennungsgesetze bis hin zu den gegenwärtigen Diskriminierungen auf dem Wohnungsmarkt, in Beruf und Justiz. Gegen die damit verbundene Vorverurteilung wendet sich Black Lives Matter. Denn die Vorurteile hängen nach Ansicht der Bewegung mit dem niedrigen Wert zusammen, den man dem Leben eines Schwarzen in den Vereinigten beimisst. „Leben“ ist hier in seinem Doppelsinn als physisches und soziales Leben zu verstehen: Leben als Lebendigsein und Leben als gelebte und erlebte Erfahrung.

Die Polizei zeigt ihre Verachtung für das Leben von Afroamerikanern nicht nur durch dessen physische Zerstörung. Sie tut es auch, indem sie die afroamerikanische Bevölkerung sozial erniedrigt. Der Tod eines Schwarzafrikaners durch Polizeigewalt ist zwar gewiss ein dramatisches, aber doch seltenes Ereignis. Die schikanöse Behandlung ist dagegen alltäglich und betrifft die gesamte schwarze Bevölkerung, vor allem deren männlichen Teil. Mehr noch als die polizeilichen Erschießungen trägt vielleicht die Tatsache, dass Afroamerikaner ständig angehalten und durchsucht, provoziert, gedemütigt und selektiv oder willkürlich bestraft werden, zu der Gewissheit bei, dass das Leben eines Afroamerikaners keinen Wert hat.

Acht Mal häufiger

Philando Castile, der bei einer wegen seines defekten Rücklichts vorgenommenen Verkehrskontrolle getötet wurde, war vor seinem Tod in knapp zwölf Jahren 46 Mal kontrolliert worden, manchmal mehrmals im Monat und fast immer wegen geringfügiger Verstöße. Sie führten ihn in einen Teufelskreis aus Geldbußen. Bei Zahlungsverzug wurden neue Bußgelder, gelegentlich auch Haftstrafen fällig. Die Willkür gegen arme Bürger ist keineswegs nur Sache einzelner Polizisten. Untersuchungen in mehreren Städten haben gezeigt, dass es sich um eine institutionalisierte Praxis handelt. Mit den willkürlichen Strafgeldern finanziert sich die Polizei auf Kosten von Minderheiten.

Die Frage nach dem Wert von Leben stellt sich aber nicht nur im Hinblick auf das Vorgehen der Polizei. Sie betrifft die gesamte Gesellschaft, wobei ein Teil sichtbar, ein anderer unsichtbar ist. Sichtbar ist das bekannte Phänomen der „massenhaften Inhaftierung“. Innerhalb von nicht einmal drei Jahrzehnten hat sich die Zahl der Gefängnisinsassen in den Vereinigten Staaten versiebenfacht – eine Entwicklung, die sich keineswegs allein durch die Erhöhung der Kriminalitätsrate erklären lässt. Der Trend setzt sich nämlich unabhängig vom faktischen Rückgang der Kriminalität fort. Gefängnisstrafen treffen Afroamerikaner acht Mal häufiger als Weiße. Einer von drei Afroamerikanern ohne Highschool-Abschluss sitzt heute im Gefängnis. Für die Gesamtbevölkerung liegt die Zahl unter einem Prozent.

Undurchsichtige Ungleichheit

Das kompromisslose Vorgehen der Polizei konzentriert sich auf Vergehen, an denen Schwarze besonderes häufig beteiligt sind: Drogenbesitz und Drogenhandel. Und selbst bei ein und demselben Delikt sind die Strafen für Afroamerikaner deutlich höher. Bei Crack, das vor allem von ärmeren Schichten konsumiert wird, liegt die Mengengrenze, von der an Haftstrafen verhängt werden, achtzehn Mal und bis vor Kurzem sogar hundert Mal niedriger als bei dem teureren und wohlhabenden Schichten vorbehaltenen Kokainpulver.

Der unsichtbare Teil dieser Realität lässt sich statistisch an der Sterblichkeit der Schwarzen oder, was auf dasselbe hinausläuft, an ihrer Lebenserwartung ablesen. In der Altersgruppe zwischen 25 und 64 Jahren ist die Sterblichkeit der Schwarzen nahezu doppelt so hoch wie die der Weißen. Die Lebenserwartung schwarzer Neugeborener männlichen Geschlechts liegt sechs Jahre, die Lebenserwartung schwarzer Neugeborener weiblichen Geschlechts 4,5 Jahre unter der Lebenserwartung der weißen Vergleichsgruppe.

Das ist natürlich nicht nur eine Frage der Hautfarbe. Das ärmste Prozent der Männer lebt im Durchschnitt fünfzehn Jahre kürzer als das reichste Prozent. Bei den Frauen beträgt der Unterschied zehn Jahre. Diese undurchsichtige Ungleichheit, die nicht weniger tragisch ist als Ungleichbehandlung, die durch die polizeilichen Tötungen zum Ausdruck kommt, wird selten bemerkt und kommt deshalb selten zur Sprache. Dabei ist sie nicht weniger empörend als die polizeilichen Tötungen und verdiente, jenen Aufstand auszulösen, von dem mein Freund, der Anthropologe, sprach.

Aus dem Französischen übersetzt von Michael Bischoff.

Didier Fassin ist Professor für Sozialwissenschaften am Institute for Advanced Study in Princeton.

Quelle: F.A.Z.
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