Gendergerechte Sprache

Wenn die Duden gedruckt sind, ist es zu spät

Von Edo Reents
 - 09:44

Die Verunstaltungen, die der deutschen Rechtschreibung – nicht „der Sprache“, die blieb davon verschont – vor zwanzig Jahren in Gestalt einer Reform zugemutet wurden, sind nicht vergessen; aber man sollte, auch um eines gesellschaftlichen Friedens willen, nicht mehr daran rühren. Erinnert sei nur noch einmal daran, dass die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung dabei nicht gerade segensreich wirkte. Sie wurde 2004 durch den Rat für deutsche Rechtschreibung ersetzt, der seither für sich beansprucht, hier das erste und letzte Wort zu haben.

Wenn dieser Rat nun an diesem Freitag in Wien zusammenkommt, um über die sogenannte gendergerechte Sprache zu beraten, die in generischen Kollektivbezeichnungen den -innen-Plural oder ein * vorsieht, dann ist geschärfte Aufmerksamkeit vonnöten, um einem neuerlichen Desaster entgegenzuwirken – zumal Bundesjustizministerin Katarina Barley unlängst schon ihre Offenheit signalisiert hat.

Verlage und Schulen können noch reagieren

Oder soll es dermaleinst, nachdem alle Gremien ihre Arbeit gemacht haben und auch die Politik, wie damals bei der Rechtschreibreform, ihren in der Sache ja überhaupt nicht statthaften Beitrag geleistet hat, tatsächlich und verbindlich heißen: „Liebe Ärztinnen und Ärzte“ beziehungsweise, die Einbeziehung aller möglichen Geschlechter vollends garantierend, „Ärzt*nnen“? Dass dergleichen längst im Umlauf ist, mag man bedauern, ist aber nicht mehr zu ändern. Verlage (für Bücher und Zeitungen) und Schulen haben immer noch die Möglichkeit, sich zu solchen Marotten zu verhalten und sie gegebenenfalls zu unterbinden. Falls aber der Rat sich darauf verständigen sollte und die neuen Duden irgendwann gedruckt sind, dann ist es zu spät, der Rhythmus ins Stocken geraten, das Schriftbild ruiniert.

Die sprachwissenschaftlichen Argumente sind mittlerweile wohl alle ausgetauscht, jeder kann sich eine Meinung bilden. Auf keinen Fall sollte man den Kardinalfehler von damals vergessen, der darin bestand, politische Wünschbarkeiten der geschriebenen Sprache gleichsam überzustülpen, auf dass die Wirklichkeit schon dadurch eine andere werde. Es ist ein Denkfehler, anzunehmen, man könne oder dürfe auch nur alle Kollektivbezeichnungen umständlich so herrichten, dass sich auch ja niemand übergangen fühlt. Ein Menschenrecht auf Mitgemeintwerden in jeder beliebigen Äußerung gibt es (noch) für niemanden.

Quelle: F.A.Z.
Edo Reents
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.
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