Frankreichs Weinstein-Fall

Roter Teppich für Sexstraftäter?

Von Jürg Altwegg
 - 10:30

Als Roman Polanski 2009 in Zürich verhaftet wurde, unterzeichneten Politiker, Intellektuelle und Schriftsteller – unter ihnen Pascal Bruckner, Claude Lanzmann, Milan Kundera – eine von Bernard-Henri Lévy lancierte Petition. Die Justiz würde den von der Auslieferung bedrohten „Überlebenden des Nazismus und der stalinistischen Säuberungen wie einen vulgären Terroristen“ behandeln. Auch die Schauspielerinnen Mathilde Seigner, Elsa Zylberstein und Isabelle Huppert verlangten „Free Polanski“. In einem Artikel stimmte Bernard-Henri Lévy das Hohelied auf einen American Hero an, der sich nicht an der Menschen- und Hexenjagd auf den „genialen Regisseur“ und „Märtyrer“ beteilige: Harvey Weinstein.

Seit Weinstein der sexuellen Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung in vielen Fällen beschuldigt wird, haben Marion Cotillard und andere französische Schauspielerinnen erzählt, wie sie sich gegen Weinsteins Attacken wehren mussten – die glamourösen Fotos zu den Interviews erscheinen in einem merkwürdigen Licht. Dem Hashtag #Balance ton porc (stell dein Schwein an den Pranger) ist ein gewaltiges und beängstigendes Echo beschieden. In den Medien erscheinen täglich neue Berichte über sexistische Übergriffe in den Schulen und Krankenhäusern, in den Unternehmen, Universitäten, Verwaltungen. Bei Polizei und Militär. Immer mit dem gleichen Befund: Omertà und Immunität. Und notfalls wird für das Schweigen und die Straffreiheit diskret bezahlt. In Macrons Frankreich, das den Anachronismus von Linke und Rechts zu überwinden versucht, wird der Klassenkampf als Krieg der Geschlechter ausgetragen. Oben gegen unten, Mann gegen Frau: die Macht als Mittel der sexuellen Ausbeutung – unerbittlich, schamlos, in letzter Instanz mit nackter Gewalt.

Proteste gegen Sexismus
#MeToo- aus dem Internet in die reale Welt
© AFP, afp

Schwere Vorwürfe gegen Tariq Ramadan

Seit vergangener Woche hat Frankreich auch seinen „french Weinstein“. Es ist der umstrittene Islam-Intellektuelle Tariq Ramadan, den seine Biographin Caroline Fourest als „vielleicht noch schlimmer“ einstuft. Vor einem Jahr hatte Henda Ayari „Ich wählte die Freiheit“ veröffentlicht. Ayari ist eine 40 Jahre alte ehemalige Salafistin, die verschleiert durchs Leben ging. Nach den Pariser Attentaten wandte sie sich vom Islam ab. In ihrem Buch berichtet sie, wie sie in die Fänge eines prominenten Gurus geraten war, der sie vergewaltigte. Sie nennt ihn „Zoubeyr“. Unter dem Schock der Weinstein-Affäre ging sie zur Polizei und gab den wahren Namen bekannt.

Inzwischen hat eine zweite Frau Tariq Ramadan der Vergewaltigung bezichtigt. Von weiteren Klagen, die vorbereitet würden, spricht Caroline Fourest. Sie ist Verfasserin des Essays „Frère Tariq“ und wusste seit 2009 von den mutmaßlichen Verbrechen. „Je religiöser die Frauen waren, umso heftiger hat er sie bedrängt. Er setzte darauf, dass es für sie besonders schwierig ist, über Sexualität und erst recht von Vergewaltigung zu reden.“ Ramadan dementiert, sein Umfeld verbreitet die These einer „Verschwörung französisch-israelischer Kreise gegen den Antizionisten“. „Le Monde“ hat die Anschuldigungen in den übelsten Details beschrieben und das Schweigen der islamischen Instanzen Frankreichs kritisiert.

Fotograf David Hamilton wählt den Freitod

Vor einem Jahr war in Paris der Fotograf David Hamilton durch eigene Hand aus dem Leben geschieden. Wie Polanski hatte er ein minderjähriges Mädchen vergewaltigt; sein Opfer, die prominente Fernseh-Präsentatorin Flavie Flament, hatte dreißig Jahre lang geschwiegen. Doch seit die Vergewaltigungsvorwürfe eines schwarzen Zimmermädchens gegen Dominique Strauss-Kahn in New York bekanntwurden, kann man eine Veränderung in der Wahrnehmung sexueller Gewalt beobachten. Nicht nur Feministinnen fordern in einer Petition eine Absetzung der Polanski-Retrospektive, die in der Pariser Cinémathèque mit der Premiere seines neuen Films „Nach einer wahren Geschichte“ begonnen hat. Demonstranten – unter ihnen die Femen – störten die Erstaufführung und schrien „Auslieferung“. Der Filmemacher Costa-Gavras, Leiter der Cinémathèque, verteidigt sein Programm.

Er hat einen schweren Stand. Die Ministerin für Kultur, Françoise Nyssen, und die Staatssekretärin für die Gleichstellung der Geschlechter, Marlène Schiappa, stören sich daran, dass man dem „Vergewaltiger den roten Teppich ausrollt“. Inhaltliche Zensur fordern weder die frühere Verlegerin Nyssen noch Schiappa, die unter dem Pseudonym Marie Minelli erotische Romane („Brave Mädchen schlucken nicht“) veröffentlicht hat. Beide plädieren dafür, dass die Werke von „Frauen und Männern ohne sexuelle Vorstrafen“ gezeigt werden: „Es gibt sie massenhaft.“

Die nächste Retrospektive im Januar allerdings will Costa-Gavras dem Filmemacher Jean-Claude Brisseau widmen. Er wurde zweimal wegen Sittlichkeitsverbrechen verurteilt.

Quelle: F.A.Z.
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Jürg Altwegg
Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.
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