Rushdies Ritterschlag

Anatomie des Aufruhrs

Von Ranjit Hoskoté und Ilija Trojanow
 - 20:29

So spielen sich viele Demonstrationen in Pakistan oder Indien ab: Einige hundert jüngere Männer, Bildnisse des jüngsten Sünders in der Hand, stehen herum, unterhalten sich, nehmen fotokopierte Zettel mit aufhetzenden Tiraden entgegen, rufen von Zeit zu Zeit einen Slogan aus und warten offensichtlich auf einen Startschuss. Zwischen ihnen bewegen sich zielstrebig einige pompöse Organisatoren, die man an den Handys am Ohr erkennt.

Dann tauchen die Fernsehkameras auf, und die Männer verwandeln sich in wütende Furien, dirigiert von den Rädelsführern mit den Handys, sie schreien sich mit verzerrten Gesichtern die Seele aus dem Leib, sie setzen die Bildnisse in Brand, bevor sie auf ihnen herumtrampeln. Kaum sind die Kameras verschwunden, beruhigt sich der Volkszorn wieder, und die Männer gehen bald darauf auseinander, um irgendwo einen Tee zu trinken, in Erwartung des nächsten Kampfaufrufes. Sie zählen die Münzen, die man ihnen zugesteckt hat - ihr einziger Tagesverdienst. Der öffentliche Zorn ist so groß wie der Fernsehbildschirm.

Ereignisse müssen im lokalen Kontext gesehen werden

Der Sünder des Augenblicks ist mal wieder Salman Rushdie, und die Empörung im Westen über die Todesdrohungen gegen ihn schlägt erneut hohe Wellen. Wieso, wundern sich viele Kommentatoren hierzulande, sind die Wunden über seine als Blasphemie empfundenen „Satanischen Verse“ in den knapp zwanzig Jahren seit ihrer Veröffentlichung nicht geheilt? Zwar wird dabei die ganze islamische Welt über einen Kamm geschoren, doch die öffentlichen Proteste finden vor allem in Iran und Pakistan statt, zwei Länder, die sich in einem dramatischen innenpolitischen Tumult befinden. Und in solchen Krisen ist der Fall Rushdie ein exzellentes Spektakel, ja eines der sichersten Instrumente öffentlicher Agitation.

Die Ereignisse der letzten Tage können nicht ohne Berücksichtigung des jeweiligen lokalen Kontextes verstanden werden: In Pakistan gilt Präsident Musharraf vielen als Marionette Washingtons, als ein Verräter an den Mudschahedin, und er muss einen Kampf gegen die säkularen Kräfte im Land ausfechten, weil er eigenmächtig den Obersten Verfassungsrichter Iftikar Chaudhuri seines Amtes enthoben hat. Zudem wird Pakistan gebeutelt von regionalen Sezessionsbestrebungen in Belutschistan und Sindh sowie parteipolitischen Konfrontationen mit den islamistischen Regierungen in einigen der Provinzen.

Aufruhren sind in Pakistan an der Tagesordnung

In diesem Zusammenhang bietet Rushdie eine einfache Chance, ein Passionsspiel zu inszenieren, bei dem sich Splitterparteien zu profilieren vermögen und die Regierung ablenken kann. Jeder kennt das Skript, die Symbolik ist allen vertraut. So muss nur noch die Logistik des Protestes zur Verfügung gestellt werden - die Lastwagen, die Megaphone, die Fahnen und Plakate. Selbst die Bühnen sind allen bekannt, die Plätze vor bestimmten Moscheen, die öffentlichen Parks. Schließlich bedarf es nur noch eines Anrufes bei den Fernsehstationen - und man hat sich mit einfachen Mitteln eine Weltöffentlichkeit gesichert. Das laute Entsetzen im Westen steigert die lokale Aufmerksamkeit. Die Organisatoren solcher Proteste verstehen sich auf die Ästhetik und die Macht des Fernsehens.

Solcher Aufruhr ist in Pakistan an der Tagesordnung. Doch im Gegensatz zu den theatralischen Selbstdarstellungen der Anti-Rushdie-Demos verlaufen andere, von den Medien weniger beachtete Unruhen erheblich blutiger, wie etwa der Protest vor zwei Tagen in Karachi gegen die unzuverlässige Stromversorgung. Was für das westliche Auge außergewöhnlich erscheint, ist ein alltäglicher Teil des politischen Dramas, bei dem die Agitatoren zynisch manipulativ ihre jeweiligen Agenden massenwirksam inszenieren. Die Anatomie des Aufruhrs ist stets dieselbe, unabhängig von den jeweils verfolgten Interessen oder den religiösen Positionen.

Student verprügelt und gesetzeswidrig verhaftet

Vor wenigen Wochen gab es in der westindischen Universitätsstadt Baroda einen ähnlich gelagerten Fall: Ein junger Student hatte im Rahmen der jährlichen Sammelausstellung an seiner Kunstakademie einige Bilder gezeigt, darunter die Figur eines hinduistischen Gottes mit vielen verschiedenen Köpfen, umgarnt von rosaroten Penissen, sowie ein Kreuz, von dem ein Phallus herabhängt. Am Eröffnungsabend stürmten Aktivisten der VHP (Vishwa Hindu Parishad, der Hinduweltverband, eine faschistoide Hindubewegung) den Campus, das Fernsehen und die Polizei im Schlepptau.

Ihr Anführer rannte mit erhobenem Zeigefinger von Bild zu Bild und schrie seine Anschuldigungen heraus. Er wiederholte, wie auswendig gelernt, dies sei ein perfider Angriff gegen die religiösen Gefühle, den man nicht tolerieren werde. Es entbehrt nicht der Ironie, dass die VHP, die alle anderen Religionen am liebsten aus Indien verbannen würde und vor knapp zehn Jahren Kirchen in demselben Bundesstaat (Gujarat) niedergebrannt hatte, sich in diesem Fall auch zum Anwalt christlicher Feinfühligkeit erhob. Die Aktivisten verprügelten den Studenten, die Polizei verhaftete ihn gesetzeswidrig, und er verbrachte eine Woche im Gefängnis. Erst eine massive öffentliche Kampagne von Intellektuellen, Rechtsanwälten und Künstlern bekam ihn frei.

Politischer Aktivismus mit zirkusreifen Aufführungen

Auch in diesem Fall war die ganze Aktion offensichtlich für die Fernsehkameras vorbereitet, und ein unbekannter örtlicher Unruhestifter gelangte zu nationaler Berühmtheit. Wie so oft agierte der Anführer als Choreograph der Gewalt; die Mitläufer bildeten das Corps des Zorns. Es fällt auf, dass die Fanatiker, ob in Pakistan oder Indien, sich Künstler als Prügelknaben aussuchen, denn so können sie leicht, ohne Risiko und ohne inhaltliche Verpflichtung, politischen Profit schlagen. Die eigenen Anhänger werden um eine erfolgreich durchgefochtene Tat geschart, die Aktien der öffentlichen Bekanntheit steigen.

In diesen Länder besteht der politische Aktivismus zu großen Teilen aus solchen zirkushaften Aufführungen, bei denen Probleme geschaffen und zugleich heldenhaft gelöst werden, die mit den wahren, stillen Krisen der Gesellschaft nichts gemein haben. Mit Vernunft kann man gegen solche Proteste nichts ausrichten. Eine Offenbarung kann man mit Vernunft in Frage stellen, nicht aber Propaganda. Und diese Propaganda gibt den vielen ungebildeten und arbeitslosen jungen Männern ein erhebendes, in Momenten geradezu ekstatisches Gefühl, indem sie ihnen vorgaukelt, ihr größtes Anliegen sei dank ihrer stolzen Hilfe verteidigt worden. Jene, die sich als Opfer der Geschichte sehen, werden für eine kurze Zeit zu Verteidigern ihrer Würde. Und dafür kommt der Ritterschlag für Salman Rushdie gerade recht.

Der indische Dichter Ranjit Hoskoté veröffentlichte 2006 auf deutsch den Lyrikband „Die Ankunft der Vögel“. Von Ilija Trojanow ist gerade in der Anderen Bibliothek „Nomade auf vier Kontinenten. Auf den Spuren von Sir Richard Francis Burton“ erschienen.

Quelle: F.A.Z., 23.06.2007, Nr. 143 / Seite 33
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