Repressionen in Saudi-Arabien

Ein paar Kinos machen noch kein freies Land

Von Joseph Croitoru
 - 08:20
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Die jüngsten, dramatischen Ereignisse im Königreich der Sauds künden von einer tiefen Zäsur, die auf einen kulturellen Kurswechsel des wahhabitischen Landes hindeutet. Der zweiunddreißigjährige Kronprinz Mohammed will es seit seiner Ernennung zum Thronfolger im Juni 2017 im Eiltempo modernisieren. Die damit einhergehende kulturelle Öffnung nach innen wie nach außen wurde schon seit der Thronbesteigung seines Vaters Salman im Jahr 2015 immer weiter forciert. Sie gipfelte zuletzt in der Errichtung einer Unterhaltungsbehörde, die kürzlich das seit Jahrzehnten bestehende Kinoverbot aufhob.

Diese an sich erfreuliche Entwicklung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der vom königlichen Clan und dessen Protegés kontrollierte ultrakonservative saudische Staat nach wie vor repressiven Charakter besitzt und gerade bei der Gestaltung der kulturellen und religiösen Identität der Saudis das letzte Wort beansprucht.

Das gilt auch für die Überwachung der öffentlichen Diskurse in dem besonders seit den Anschlägen des 11. September 2001 von heftigen Identitätsdebatten erschütterten Land. Das zeigt die im vergangenen September begonnene Verhaftungswelle, von der nicht nur Geschäftsleute, die der Königsfamilie angehören oder ihr nahestehen und der Korruption bezichtigt werden, betroffen sind. Verhaftet wurden auch Personen, die, ob als Menschenrechtler, Richter, Religionsgelehrte, Universitätsdozenten, Kolumnisten oder Schriftsteller, die öffentliche Diskussion in Saudi-Arabien mitprägen. Deren Zahl schätzte die in London ansässige saudische Menschenrechtsorganisation Alqst im November auf etwas weniger als siebzig Menschen, anderen Schätzungen zufolge dürften es weit mehr als hundert sein.

Rechtliche Schritte gegen „Diffamierung“

Einen gemeinsamen Nenner für die auf der von Alqst erstellten Liste Verzeichneten zu finden ist nicht leicht, auch deshalb nicht, weil sich darunter auch solche befinden, die, etwa im Falle religiöser Prediger und Publizisten, sehr unterschiedliche Positionen vertreten. Etlichen ist indes gemeinsam, dass sie wegen kritischer Äußerungen zur saudischen Religions-, Außen- oder gelockerten Frauenpolitik beim Regime in Ungnade gefallen sind. Oder dass sie Sympathien für Organisationen oder Länder hegen, gegen die das Königshaus massiv vorgeht, wie etwa die Muslimbrüder und der sie unterstützende Golfstaat Katar, der von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrein und Ägypten seit Juni boykottiert wird.

Zu letzterer Kategorie der Inhaftierten zählt der einflussreiche saudische Prediger Salman al Awdah, ein früherer militanter Salafist, der vor Jahren schon zu einem der vehementesten Kritiker des salafistischen Dschihadismus mutiert ist. Er hat zahlreiche Bücher zu islamischen Fragen veröffentlicht und auch über manch heikles Thema wie etwa Revolution ausgerechnet in der Zeit des arabischen Frühlings nachgedacht. Das brachte al Awdah ein Ausreiseverbot ein, welches jedoch nach König Salmans Amtsantritt wieder aufgehoben wurde.

Dass der heute zweiundsechzigjährige Schriftgelehrte dies nutzte, um als Botschafter innerislamischer Verständigung nach Katar und in die Türkei zu reisen, hatte in Riad zunächst niemanden gestört; auch nicht, dass al Awdah dem Führungsgremium der Internationalen Union Muslimischer Gelehrter angehört, die von Katar, wo sie ihre Zentrale hat, finanziert und von der Türkei protegiert wird. Doch als der Präsident und Gründer der Union, der seit langem im katarischen Doha wirkende ägyptische Muslimbruder Jussuf al Qaradhawi, im Juni 2017 im Rahmen der Boykottmaßnahmen gegen Qatar zu einem Unterstützer des Terrors erklärt wurde, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch der Saudi al Awdah abermals ins Visier geraten würde.

Türkei und Qatar als Rivalen

Tatsächlich war dessen Verhaftung im September ein Signal für den nächsten großen Schlag der saudischen Regierung und ihrer Verbündeten gegen die Gelehrten-Union: Im November wurde diese auf eine eigens erstellte Terrorliste gesetzt. Anfang Dezember gab daraufhin der Generalsekretär der Union, Ali al-Qaradaghi, bekannt, rechtliche Schritte gegen diese „Diffamierung“ zu unternehmen.

Dieser Schlagabtausch ist Teil einer immer heftiger werdenden Auseinandersetzung zwischen zwei wichtigen Machtzentren der sunnitischen Welt: Den Saudis und ihren arabischen Mitstreitern stehen heute als Rivalen vor allem Qatar und die Türkei gegenüber. Die Kriminalisierung der Internationalen Union Muslimischer Gelehrter soll offensichtlich der konkurrierenden, im saudischen Jeddah ansässigen internationalen Organisation für Islamische Zusammenarbeit, auf die Riad großen Einfluss ausübt, noch mehr Macht verleihen. Aus saudischer Sicht ist dies momentan jedoch problematisch, weil gerade der türkische Staatschef Erdogan die Ratspräsidentschaft bekleidet und eigene Akzente setzt. So hat denn auch Ankara gegen die Abstempelung der Union der Gelehrten zur „Terrororganisation“ vehement protestiert.

Königliches Dekret
Saudi-Arabien will Frauen das Autofahren erlauben
© AP, reuters

Nicht blinder Glaube, sondern Einsatz von Vernunft

Dass die saudischen Behörden auch Hassan al Maliki, einen weiteren bedeutenden saudischen Schriftgelehrten, verhaften ließen, berührt einen anderen Aspekt des innersunnitischen Machtgerangels: Der 1970 geborene Gelehrte wird zum Lager der Koran-Fundamentalisten (quraniyun) gerechnet. Diese erkennen nur die Autorität der Offenbarungsschrift an und streiten die der Hadith-Sammlungen, welche die mündlichen Überlieferungen über den Propheten enthalten, ab. Letztere würden laut al Maliki die Botschaft des Korans nur verzerren. Dabei erklärten sich seine Verse aus sich selbst heraus. Nicht blinder Glaube sei hier gefragt, sondern der Einsatz von Vernunft.

Aus dem Ruf nach Rückkehr zur Urschrift des Islams und „Rettung“ der wahren islamischen Geschichte, wie al Maliki sie in einem seiner Bücher fordert, resultiert auch sein Eintreten für die Überwindung des alten Zwists zwischen Sunniten und Schiiten. Wegen der extrem antischiitischen Ausrichtung des Wahhabismus galt allerdings in Saudi-Arabien seit jeher die Einstufung der beiden Konfessionen als ebenbürtig fast schon als Ketzerei. Dass al Maliki bis zuletzt weitgehend ungestört predigen durfte, kann als Zeichen der allgemeinen Öffnung des Landes betrachtet werden. Doch stieß die Toleranz des Staates schnell an ihre Grenzen, als al Maliki im Namen der islamischen Solidarität Sympathien für die libanesisch-schiitische Hizbullah bekundete – zusammen mit Syrien und Iran wird die proiranische Organisation heute mehr denn je von den Sauds als Erzfeind angesehen.

Al Malikis Verhaftung – sein Sohn, der dagegen protestierte, wurde ebenfalls festgenommen – ist auch vor dem Hintergrund der gesamtislamischen Diskussion über die Autorität des Hadith zu betrachten. Die Zweifel des Korangelehrten an diesem Schriftenkorpus wurden in Saudi-Arabien wohl auch deshalb toleriert, weil Muhammad Abd al Wahhab einst selbst zur Vorsicht beim Umgang mit den Hadithen geraten hatte: Man solle sich nicht, lautete sein Credo, allein mit der Überprüfung der Authentizität ihrer Überlieferungskette (isnad) begnügen, sondern die tradierten Prophetensprüche auch auf ihre inhaltliche Übereinstimmung mit dem Koran genau überprüfen. Die mit der saudischen Herrscherfamilie verbündeten Rechtsgelehrten folgten nicht nur diesem Diktat, sondern auch Abd al Wahhabs persönlichen Präferenzen bei der Konsultierung der Hadithen. Von den Gegnern des Wahhabismus wurde seine Lesart jedoch stets mit der Begründung abgelehnt, dass Abd al Wahhab nicht über die erforderliche Kompetenz eines Hadith-Gelehrten verfügt habe.

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Auffälligerweise hat nun König Salman schon kurz nach der Festnahme des Hadith-Kritikers al Maliki ein Dekret erlassen, das die Einrichtung eines internationalen Rats von Hadith-Experten in Medina vorsieht. Damit bekräftigt der saudische Staat abermals seine Treue zu dieser zentralen Säule des islamischen Erbes. Dieser Schritt, Teil der Kampagne Riads gegen Extremismus und Terrorismus, zeigt zwar, dass die Saudis hier den Dialog mit anderen islamischen Ländern suchen. Zum Leiter der neuen Institution hat der Monarch freilich den Rechtsgelehrten Mohammed bin Hassan Al al Scheich ernannt, einen direkten Nachkommen von Abd al Wahhab, der auch dem saudischen Rat der Obersten Religionsgelehrten angehört. Diesem steht übrigens ein anderes Mitglied der auf den Wahhabismus-Gründer zurückgehenden Familie vor: Es ist der Großmufti Saudi-Arabiens Abdel Aziz Al asch-Scheich. Dass dessen Verwandter Mohammed bin Hassan über den künftigen Hadith-Rat wachen wird, widerspricht einmal mehr den westlichen Spekulationen über eine allmähliche Auflösung des historischen Bündnisses der Sauds mit den wahhabitischen Religionsgelehrten.

König Salmans Entscheidung ist jedenfalls von dem qatarischen Satellitensender „Al Dschazira“ bereits als saudisches Zugeständnis an den Westen kritisiert worden. Innersunnitisch scheint der saudische Beschluss nicht zuletzt eine Antwort auf die Herausforderung seitens der Türkei zu sein, die bei der Diskussion um den islamischen Schriftenkanon immer mehr Einfluss anstrebt. 2013 hatte das Amt für Religionsangelegenheiten (Diyanet) in Zusammenarbeit mit der Universität Ankara seine eigene siebenbändige Hadith-Enzyklopädie herausgegeben. Sie erhebt den Anspruch, die bislang modernste, von reaktionären Altlasten und Fehlern bereinigte Sammlung ihrer Art zu sein, und liegt außer auf Türkisch auch schon auf Aserbaidschanisch, Albanisch und Bosnisch vor. An der chinesischen, russischen und englischen Übersetzung wird noch gearbeitet, Ausgaben auf Arabisch und Deutsch wurden bereits 2015 angekündigt.

Quelle: F.A.Z.
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