Protest in Polen

Die Fackel Nummer eins

Von Gerhard Gnauck, Warschau
 - 15:39

Der Defilee-Platz ist eine Kriegsbrache mitten in der polnischen Hauptstadt. Links erhebt sich der Kulturpalast, den Moskauer Wolkenkratzern nachempfunden, Stalins Geschenk an das „sozialistische Brudervolk“. Rechts befindet sich eine kapitalistische Einkaufsmeile. Auf dem Platz selbst, an der Treppe, an der bis 1989 die Diktatoren das Defilee ihrer Untergebenen abnahmen, leuchten Wachslichter.

Am 19. Oktober hat sich dort ein Einzelner, Piotr Szczęsny, mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und in Brand gesteckt. Zehn Tage später erlag er seinen Verbrennungen. Szczęsny hinterließ ein Manifest, in dem er die Sünden der rechtspopulistischen Regierung aufzählt – allen voran die Demontage des Rechtsstaats. Sein Appell, von Fanatismus so frei wie von Illusionen über die Lage, erweist sich als großes gegenüber den Regierungsanhängern geradezu versöhnliches „J’accuse“, mit dem der Mann im Augenblick seines Todes Geschichte geschrieben hat.

Die Erinnerung rumort in den Köpfen

Polens Öffentlichkeit war tagelang sprachlos. Nur die Erinnerung rumorte in den Köpfen. Im einstigen Ostblock hatten die Selbstverbrennungen als ohnmächtige Geste des Protests 1968 begonnen, als Reaktion auf den Einmarsch der Sowjetarmee und ihrer Verbündeten in der sich demokratisierenden Tschechoslowakei (polnische und DDR-Soldaten waren dabei). Der Erste, der sich öffentlich in Brand setzte – in einem Warschauer Stadion – , war der polnische Beamte Ryszard Siwiec. Wenig später folgte in Prag der tschechische Student Jan Palach. Er fand in der CSSR 29 Nachahmer, in anderen Ländern weitere. Die Motive wurden vielfältiger. Der Pfarrer Oskar Brüsewitz verbrannte sich 1976 wegen der Repressalien, die in der DDR Christen trafen. Der Letzte war 1990 Rimantas Daugintis, der gegen Moskaus Herrschaft über seine Heimat Litauen protestierte, die Staatschef Gorbatschow mit einer Energieblockade aufrechtzuerhalten versuchte.

Jan Palach nannte sich „Fackel Nummer eins“. Seine Geste richtete sich gegen die Resignation und Gleichgültigkeit seiner Mitbürger. Siwiec und jetzt Piotr Szczęsny haben in ihren Abschiedstexten dasselbe Motiv hervorgehoben; das schlafende Gewissen der Bürger wollten sie wecken, nicht das versteinerte der Herrschenden. Palachs Weckruf wirkte spät: Im Januar 1989 eröffnete eine Palach-Gedenkwoche in Prag eine neue Protestwelle, die zur samtenen Revolution des Herbstes führte.

Jetzt grübeln regierungskritische Geister in Polen: Ist Selbstverbrennung heute noch oder wieder „angemessen“? Ist Polen tatsächlich auf dem Weg in eine Einparteienherrschaft? Was bedeutet das Aufleben dieser Protestform? Dass tibetanische Mönche ein Flammenzeichen gegen die chinesische Herrschaft richten, dass die Selbstverbrennung des Tunesiers Muhammad Bouazizi 2010 den „Arabischen Frühling“ einleitete – interessante Parallelen, aber aus anderen Kulturkreisen.

Die Kirchen hatten Selbstmörder lange verdammt, „diskriminiert“, wie Adam Boniecki jetzt sagt, ein Pfarrer und Journalist aus dem Umfeld Papst Johannes Pauls II. Doch diese Haltung gelte schon lange nicht mehr, fügt Boniecki hinzu. Davon abgesehen: Von einem gewöhnlichen Selbstmord könne hier nicht die Rede sein. Piotr Szczęsny als „Opfer der Propaganda der Opposition“ hinzustellen, wie es Polens Innenminister tat, oder als psychisch krank sei billig: „Das ist Flucht, das ist ein Alibi, um selbst Ruhe zu haben.“

Eine Wunde wird bleiben

Polens rechte Presse verweist jetzt darauf, dass sich unter der Vorgängerregierung ja auch jemand selbst verbrannt habe (in der Tat: ein resignierter Arbeitsloser). Und sie drischt auf jene ein, die den Fall Szczęsny politisch instrumentalisierten, womit zum Beispiel die liberale „Gazeta Wyborcza“ gemeint ist. Aber das geht an der Sache vorbei. Die Verständnis- oder gar Sprachlosigkeit angesichts der Selbstverbrennung geht quer durch das liberale Lager. Die Aufopferung des 54 Jahre alten, leicht depressiven Mannes, der lange in der demokratischen Schulungsarbeit tätig war, scheint in unsere genussorientierte Zeit nicht recht zu passen. Viele können sich mit diesem romantisch anmutenden Akt nicht anfreunden.

Manche aber doch: Etwa die Polin Agnieszka Holland, die über Jan Palach eine Fernsehserie drehte („Der brennende Dornbusch“). Die Regisseurin fürchtet keinen „Werther-Effekt“, beklagt vielmehr einen „Vogel-Strauß-Effekt“ angesichts des Falls Szczęsny. Und sie, die Erzliberale, fragt die rechten Romantiker: Polen habe ja eine lange Tradition von Aufständen und Aufopferung. „Waren das Verrückte? Oder waren es Helden?“ Mit Boniecki ist sie sich einig: Szczęsny wird in die Geschichte eingehen. Was er in der Gegenwart bewirken wird, vermag niemand abzuschätzen. Am Montag fanden in mehreren Städten Gedenkmärsche statt. Piotr Szczęsny wird eine Wunde bleiben. Im Sinne des Gedichts, das der Autor Jaroslaw Mikolajewski an den Helden vom Defilee-Platz gerichtet hat: „es schmerzt / also bin ich /ich brenne / also lebe ich“, heißt es darin. Diese Botschaft wolle er Szczęsny „in die noch nicht / erkalteten lippen“ legen: „ich war und komme nicht wieder/wenn du mich übersiehst / ist es uns zum schaden“.

Quelle: F.A.Z.
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