Debatten
Sexismus in der Schreibschule

Diskriminierungsdebatte am Literaturinstitut Hildesheim

Von Katharina Teutsch
© Picture-Alliance, F.A.Z.

Wie man die obskuren Mechanismen der Ungleichbehandlung – politischer gesagt: „Diskriminierung“ – artikulieren kann, das ist eines der größten Probleme aller modernen Emanzipationsbewegungen. Wie soll man über etwas reden, was seltsam unsagbar ist? Und wen soll man verantwortlich machen für die Konsolidierung unausrottbarer Geschlechtermythen, gegen die zivilisierterweise auch moderne Männer etwas haben? Wer will schon soziales Verhalten sanktionieren, wenn Diskriminierung in der westlichen Berufswelt heute nicht mehr mit justitiablem Poklatschen einhergeht, sondern viel subtiler vonstattengeht.

Vor genau diesen Problemen steht eine Diskussion, die zunächst auf dem Blog des Poetenfestivals Prosanova unter Absolventen beiderlei Geschlechts des Literaturinstituts Hildesheim und, „aus der Halbdistanz“, nun auch im Blog der Kulturzeitschrift „Merkur“, die selbst ein Proporzproblem hat, ausgetragen wird. Dass keine einzige Hildesheimer Professur oder Dozentur von einer Frau bekleidet wird: Zufall oder teuflisches Komplott? Man kennt diese Rechnungen von der Diskussion um die Frauenquote. Ist sie nur ein anderes Wort für Leistungsdiskriminierung?

Fast nur noch in Männergruppen

Mit dem Sexismus im literarischen Feld ist es eine Crux: „Mir fällt nachträglich keine einzige Situationen ein, in der ich am Institut übervorteilt oder benachteiligt wurde, weil ich eine Frau und nicht weiß bin. Keine einzige“, schreibt die aus Iran stammende Schreibschulabsolventin Shida Bazyar. Der Satz bündelt die ganze Problematik des heutigen westlichen Feminismus. Denn nur weil etwas nicht greifbar ist, ist seine Nichtexistenz noch nicht bewiesen: „Mir fallen nachträglich mehrere Situationen ein, in denen am Institut Witze gemacht wurden, in denen schelmisch augenzwinkernd mit oder über Frauen kokettiert wurde, ganz bürgerlich, ganz anzüglich, ganz schön eklig. Fast niemand hat es thematisiert. Nie hat man ein solches Verhalten gegenüber Männern erlebt (zum Glück).“

Auch im Bericht von Alina Herbing geht es nicht um sexistische Skandale, sondern um kommunikative Rituale. „Wir sind 32 Studierende in meinem Jahrgang, davon lediglich acht Männer. Im ersten Semester verlassen zwei Studentinnen den Studiengang, nach dem zweiten Semester sind zwei oder drei weitere weg, ein paar sind kaum noch in den Seminaren zu sehen, nach dem dritten Semester bin ich als einzige Frau in meiner Anfangsclique übrig geblieben. Während ‚die Jungs‘ mit den jüngeren Dozenten Fußball spielen oder gucken, lege ich viel Wert darauf, wenigstens beim Biertrinken danach dabei zu sein. Außerdem bin ich Hiwi der Institutsleitung, und so halte ich mich in den kommenden Jahren fast nur noch in Männergruppen auf, als einzige oder eine von wenigen Frauen, was ich natürlich bemerke, aber lange nicht reflektiere.“

Gekoppelt an zahlenmäßige Überlegenheit

Na und? Kann doch keiner was dafür, dass die alle ihr Studium abbrechen. Doch halt! „Homosoziale Männergemeinschaften“ lautet Herbings Stichwort, das einige Leser auf die Palme bringen wird, weil es so schlimm neidisch klingt. Der Soziologe Michael Meuser hat darüber geforscht und ist zu dem wenig überraschenden Ergebnis gekommen, dass männliche Privatzusammenkünfte außerhalb der Arbeit (Fußball, Biertrinken, Mountainbiken) den Zusammenhalt der Gruppe stärken und, in der Berufswelt, auch die Dominanz gegenüber Frauen, je unbewusster, desto effektiver.

Auch in Hildesheim, so Herbing, handele es sich nicht um dreist ausagierten Sexismus, sondern um eine männlich dominierte Gemeinschaft, „in der Frauen zwar auch unterstützt, aber bewusst und unbewusst immer wieder von Schlüsselpositionen ferngehalten werden oder eben aus Gruppen ausgeschlossen sind, in denen die wichtigen Entscheidungen getroffen werden. So entsteht ein Hierarchieverhältnis, in dem eine überwiegend weibliche Mehrheit abhängig ist von einer überwiegend männlichen Minderheit.“ Will heißen: Da geschlechtliche Ungleichbehandlung in vielen Fällen die Folge sozialer Konventionen ist, gekoppelt an zahlenmäßige Überlegenheit, wird es nahezu unmöglich, sie frontal zu attackieren. Und wer will schon einen Prozess beginnen, wenn er am Ende die Kosten trägt?

„Nichts könnte weiter entfernt von der Wahrheit sein“

Man könnte es aber einmal mit ein paar wahllos herausgegriffenen Ergebnissen aus der Abschlussdokumentation des Projekts „Frauen in der Kultur 1994–2014“ des Deutschen Kulturrats versuchen: Der Frauenanteil in der prestigereichen Akademie für Sprache und Dichtung liegt bei zwanzig Prozent; in die Villa Massimo wurden in der Sektion Literatur in den Jahren 1994 bis 2014 dreiundzwanzig männliche und zwölf weibliche StipendiatInnen eingeladen; bei der ARD liegt der Frauenanteil der Beschäftigten in Führungspositionen bei fast fünfzig Prozent, nicht aber in der ersten, zweiten und dritten Hierarchieebene. Gleichzeitig sieht man am stetig wachsenden Anteil der Versicherungspflichtigen im Bereich Wort, dass Frauen mit einem Anteil von mehr als fünfzig Prozent auf dem Vormarsch sind. Die Einkommensdifferenz zu den männlichen Mitstreitern in den Feldern Literatur und Journalismus lag im Jahr 2014 allerdings bei immer noch vierundzwanzig Prozent.

Jede Frau, die heute im denkenden Gewerbe reüssieren möchte, kann den ungreifbaren Hildesheimer Sexismus mit greifbaren Folgen erleben. Das beginnt beim berühmten gender pay gap, erstreckt sich über die Inszenierung und Selbstinszenierung von Weiblichkeit und greift in die gesamte berufliche Identität von schreibenden Frauen ein. Niemand trägt hier die Schuld. Aber „feine Unterschiede“ im Networking zu hinterfragen sollte eine Forderung sein, die sich aus den Ergebnissen der Frauen-Studie ergibt. Das Gefühl, sein Bestes zu geben, um den öffentlichen Diskurs seriös mitzugestalten, und dann an etwas zu scheitern, was sich jeder konkreten Beschreibung entzieht, ist demütigend. Männliche Kollegen sollten, bevor sie sich in Verteidigungsstellung bringen, die eigenen Machtrituale einmal probeweise einer Kritik unterziehen. Die Akkumulation von ökonomischem und symbolischem Kapital ist, frei nach Bourdieu, nichts anderes als die gezielte Herstellung eines Machtfeldes. Werden Frauen aus diesem Feld herausgehalten, dann liegt Diskriminierung vor.

Der Hildesheim-Absolvent Martin Spieß beschreibt, wie sich sein Bewusstsein für das Ausmaß sexistischer Ausgrenzung im Laufe seiner Ausbildung geschärft hat. Das schlichte Fazit seiner Überlegungen: „Zu behaupten, in einer von Männern dominierten Welt existiere kein Sexismus: Nichts könnte weiter entfernt von der Wahrheit sein. Das gilt fraglos auch für den Fachbereich II der Uni Hildesheim, ob nun zu meiner Zeit oder heute.“

Quelle: F.A.Z.
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