Sexismus-Debatte

Im Land des Herrenwitzes

Von Alice Schwarzer
 - 18:15
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Natürlich ist ein Flirt etwas eindeutig anderes als sexuelle Belästigung. Das weiß jede Frau. Und das könnte auch jeder Mann wissen, so er nur will. Ein Flirt ist gegenseitig und auf Augenhöhe. Die sexuelle Belästigung ist einseitig und von oben nach unten. Doch sollte es tatsächlich immer noch diesen oder jenen Mann geben, dem es schwerfällt zu unterscheiden, habe ich einen ganz einfachen Tipp: Stellen Sie sich die Situation mal umgekehrt vor. Dass zum Beispiel eine ältere Politikerin mit einem jungen Journalisten über Slipgrößen und Jeansmarken scherzt und darüber, was er wie alles so ausfüllen könnte (so wie Brüderle mit Himmelreich über Körbchengrößen). Schockierend? Aber klar doch.

Kurzum: Sexuelle Belästigung hat rein gar nichts mit wahrem erotischem Interesse zu tun, sondern ist ausschließlich eine Machtdemonstration, die dem Gegenüber zeigen soll, dass es eben keines ist, sondern ein Drunter. Gerade in diesen Zeiten des Umbruchs und der Verunsicherung der Männer ist die sexuelle Belästigung von Frauen allgegenwärtig und auch im Beruf keineswegs eine Ausnahme, sondern ein Massenphänomen. Das sehen wir nicht zuletzt an der überraschenden Heftigkeit der Debatte. Auch sprechen nationale und internationale Statistiken davon, dass jede zweite oder gar zwei von drei Frauen solcherlei Erfahrungen schon am eigenen Leibe machen mussten.

Erotik auf Augenhöhe

Warum? Zum einen waren Sexualität und Gewalt über Jahrtausende untrennbar. Frauen waren Besitz und hatten zur Verfügung zu stehen. Das begann sich erst in den siebziger Jahren zu ändern. Dank der Frauenbewegung. Das Gesetz, das endlich auch in Deutschland sexuelle Gewalt gegen die eigene Ehefrau unter Strafe gestellt hat, ist erst 16 Jahre alt. Zur Verabschiedung war, nach jahrzehntelangen vergeblichen Debatten, ein Schulterschluss der Politikerinnen aller Parteien nötig, von rechts bis links.

Eine weder via Gewalt noch via Galanterie hierarchische Sexualität, sondern die einvernehmliche ist eine relativ neue Erfindung. Erotik auf Augenhöhe wird von Sexualforschern auf breiter Basis erst seit etwa einem Vierteljahrhundert registriert - also seit die Impulse der Gleichheit in den Herzen und Betten angekommen sind.

Das ist neu. Und gewöhnungsbedürftig. Und noch lange kein gesichertes Terrain. Genauso wenig wie die Präsenz von Frauen im Beruf. Doch jetzt sind sie angekommen, die Frauen. In den Schulen schreiben sie bessere Noten, an den Universitäten machen sie bessere Abschlüsse, und sie drängen in Aufsichtsräte und Kabinette, ja sind in Deutschland sogar Kanzlerin. Das ist nicht immer nur schön für die Männer. Die müssen liebgewordene Privilegien aufgeben und Posten räumen.

Widerstand gegen den Widerstand

Eine zum Glück stetig wachsende Minderheit von Männern macht das Beste draus und erobert nun ihrerseits das Familienterrain. Und auffallend ist auch in dieser öffentlichen Sexismusdebatte, wie viele Männer inzwischen auf Seiten der empörten Frauen sind. Gleichzeitig aber wächst der Widerstand. Dieser Widerstand scheint innerhalb der westlichen Welt eine Zentrale in Deutschland zu haben. Ich behaupte: Außer in Italien hätte man in keinem anderen aufgeklärten Land ungestraft so joviale Herrenwitze reißen können, wie wir sie in der Jauch-Sendung von Sonntag hören durften (in der auch ich das Vergnügen hatte, Gast zu sein).

Deutschland ist im Jahr 2013 nicht nur die europäische Drehscheibe für Prostitution und Frauenhandel, sondern auch das Land des Herrenwitzes. Vielleicht hängt das irgendwie zusammen?

Und die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz? Siebzig Prozent aller Frauen in Deutschland sind heute berufstätig, davon knapp jede zweite allerdings in Teilzeit. Diese Frauen arbeiten in drei Kategorien: in den sogenannten Lächelberufen (von der Verkäuferin über die Zimmermädchen bis zur Stewardess). In den Malocherberufen (von der Kantinenmitarbeiterin bis zur Putzfrau). Und in den Männerberufen (von der Polizistin bis zur Journalistin).

Die Karte „weibliche Attraktivität“

Die Frauen in den Malocherberufen riskieren vermutlich noch die relativ geringsten Belästigungen. Sie sind in der Regel nicht „nett“ genug. Die Frauen in den Lächelberufen sind zur Anmache prädestiniert, ja werden in den Augen mancher Männer doch dafür bezahlt. Und die Frauen in den Männerberufen? Das ist das wohl härteste Kapitel.

Nicht nur aus Studien im amerikanischen Militär wissen wir, dass sexuelle Demütigung und Gewalt zum klassischen Repertoire gehören. Ziel: das Eindringen von Frauen in Männerdomänen, also die weibliche Konkurrenz, abschrecken. Das kann weit gehen. Im Extremfall bis zur Vergewaltigung oder gar zum Mord.

Wie aber sieht es bei den Journalistinnen aus? Das Besondere an dem Beruf ist, dass wir Journalistinnen einerseits in ein männerdominiertes Terrain eingedrungen sind, andererseits aber gerade die sozial so gut trainierten sogenannten „weiblichen Fähigkeiten“ bestens gebrauchen können: Einfühlungsvermögen in Menschen, Diskretion bei der Recherche und so weiter. Gleichzeitig ist es keineswegs immer auszuschließen, dass eine Journalistin auch selbst auf die Karte „weibliche Attraktivität“ setzt, wenn sie mehr rauskriegen will als der Kollege.

Und genau das ist heute die Krux der gerne zitierten „jungen Frauen“. Man hat ihnen weisgemacht, es gebe keine Probleme mehr. Hauptsache, sie seien so qualifiziert wie die Männer - aber blieben dabei dennoch ganz Frau. Was immer das heißen mag. Auf jeden Fall heißt es: nicht so eine frustrierte, männerhassende Emanze sein wie Muttern, sondern trotz Intelligenz und Diplom einen kurzen Rock tragen, Highheels und immer ein Lächeln auf den Lippen. Wir neuen Frauen sind so frei.

Zu schön, wenn es wahr gewesen wäre. So aber wagten die neuen Frauen diese Gratwanderung - und fielen in den Augen gewisser Männer prompt ins alte Raster: weiblich gleich gefügig.

Journalistinnen auf schwarzer Liste

Die „Stern“-Autorin Laura Himmelreich, das belegen jetzt veröffentlichte Fotos, hatte offensichtlich nicht auf diese Karte gesetzt. Selbst ihr kurzer Jeansrock scheint eher sportlicher Natur. Dennoch steht sie jetzt auf der schwarzen Liste - und mit ihr alle emanzipationsverdächtigen Kolleginnen. Denn sie hat etwas Ungeheuerliches getan: Sie hat die Anmache nicht belächelt oder weggesteckt, sondern ernst genommen. Zwar hatte sie sich nicht schon vor Jahresfrist beklagt, dieser Herr Brüderle habe sie obszön angebaggert. Im Gegenteil: Sie hatte einfach weiter recherchiert und im passenden Moment - als Brüderle aktuell wurde - die Erfahrung, dass dieser Mann anscheinend ein notorischer Frauenanbaggerer auf Stammtischniveau ist, als einen Faktor von mehreren in ihrem Porträt verarbeitet.

Und genau das ist der Skandal! Dass ein Mann eine herablassende, sexistische Umgangsweise mit Frauen hat, das zählt nun plötzlich als Negativkriterium in einem Politikerporträt. Seit Veröffentlichung des Textes ist klar: Dieser alte neue Spitzenkandidat der FDP ist ein Mann von gestern. Diese Männer gibt es allerdings in jeder Partei. Und in jeder Redaktion.

Brüderles Parteikumpan Kubicki hat darauf eine wahrlich bedrohliche Antwort gegeben: Berufsverbot für Journalistinnen! Er wolle nun überhaupt keiner Journalistin mehr Rede und Antwort stehen, um gar nicht erst in Verdacht zu geraten, erklärte er. Müssen Journalistinnen also jetzt Burka tragen, um noch Männer interviewen zu können?

Nur noch Arbeitsbienen

Es ist übrigens beileibe nicht der erste Aufschrei. Die sexuelle Belästigung im Beruf ist in Amerika seit den siebziger Jahren ein zentrales Thema und war in Deutschland dann in den achtziger Jahren im Gespräch („Emma“ brachte die erste große Geschichte über sexuelle Belästigung im Dezember 1980). Jetzt schlägt die Empörung wieder hohe Wellen. Interessanterweise teilen die Reaktionen sich in die zwei klassischen Lager: hier die Biologistinnen, also die Frauen, die finden: „Die Männer sind nun mal so.“ Da die Universalistinnen, also die Frauen, die überzeugt sind, selbst Männer können sich ändern und selbst Frauen sind Menschen. Was auch, aber nicht nur, eine Frage der Generation ist.

Zur ersteren Sorte, die inzwischen eine hoffentlich aussterbende, aber weiterhin gerne zitierte Minderheit zu sein scheint, gehört Christiane Hoffmann, 45 Jahre alt, die im „Spiegel“ von dieser Woche den Erhalt des „kleinen Unterschieds“ beschwört. Denn sie habe keine Lust, „in einem moralpolizeilich gesicherten Umfeld zu arbeiten, wo Männer nicht mehr Männer sind und Frauen nicht mehr Frauen, sondern alle nur noch Arbeitsbienen“. Dito Wibke Bruhns, 74 Jahre alt. Sie war 1971 dank des Drucks der Frauenbewegung der erste weibliche Sprecher in der „heute“-Sendung geworden und hatte dann eine klassische Karriere gemacht, vermutlich inklusive der üblichen Erfahrungen. Die sexuelle Belästigung, erklärte Bruhns nun auf allen Wellen, habe es immer gegeben und werde es immer geben. Denn Männer und Frauen seien „wie Stiere und Kühe“, und wenn man einen Stier entmanne, werde er „zum Ochsen“.

Da offenbart sich ein Männerbild bei manchen Frauen, dass man einfach nur krass sexistisch nennen kann. Freuen dürfen sich eigentlich noch nicht einmal die Brüderles und Kubickis über solche Sympathisantinnen. Doch zum Glück gibt es immer mehr Frauen, vor allem unter den jungen, für die auch Männer Menschen sind. Und die entschlossen sind, diese Männer einzuklagen! Darunter sehr viele Journalistinnen. Und die 31 Jahre alte Kommunikationsexpertin Anne Wizorek, die den vielbeachteten Aufschrei gegen sexuelle Belästigung bei Twitter initiiert hat. Darauf haben bereits in den ersten drei Tagen über 60000 Menschen reagiert, überwiegend empörte Frauen. Das ist ernst zu nehmen. Sehr ernst.

Quelle: F.A.Z.
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