Männerpartei SPD?

Martin Schulz und die Frauen

Von Julia Encke
 - 11:44
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Vor ein paar Wochen kursierte im Internet ein Reuters-Video, auf dem Martin Schulz den Terroranschlag in Barcelona kommentierte. Er sei „fassungslos, traurig und wütend zugleich“ über diese feige Tat, sagte er, er trauere um die Opfer – nur konnte man sich auf Schulz und seine Rede gar nicht konzentrieren, weil hinter Schulz stehend eine blonde Frau extrem gut gelaunt wilde Zeichen machte. Sie grinste, schüttelte eine Hand, winkte im Stil der englischen Königin einer anderen Person zu, die nicht im Bild zu sehen war. Und das tat ihr hinterher, als der Film in den sozialen Medien verbreitet wurde, natürlich leid.

„Es entsetzt mich und macht mich betroffen, dass aufgrund eines unglücklichen Filmausschnitts von mir während eines Pressestatements von Martin Schulz zum Terroranschlag in Barcelona ein falscher Eindruck entsteht. Ich entschuldige mich dafür – bei allen, die mein Verhalten in diesem Ausschnitt verunsichert hat. (Nicht bei den Hetzer*innen der AfD, die ständig danach suchen, um weiter zu hetzen. Denen sind meine Erklärungen sowieso egal)“, schrieb die SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl auf ihrer Homepage. Und erklärte, dass sie eigentlich zu einem fröhlichen Anlass zusammengekommen waren. Marie Juchacz, eine große Sozialdemokratin, die Gründerin der Arbeiterwohlfahrt, jene Frau, die 1918 das Frauenwahlrecht erkämpfte, die 1919 als erste Frau eine Rede im Reichstag hielt, habe in Kreuzberg ein Denkmal bekommen. Wegen des Anschlags in Barcelona verzichteten sie bei den Feierlichkeiten auf Musik und gedachten der Opfer in einer Schweigeminute. Niemand von denen, die beim Pressestatement des Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten hinter Martin Schulz standen, habe aber hören können, dass er in diesem Moment über Barcelona sprach.

Im Mittelpunkt standen nicht Schulz und sein Wahlprogramm

Dass erst durch ein Missgeschick im Hintergrund das Denkmal für eine so wichtige Frau wie Marie Juchacz die Aufmerksamkeit vieler bekam, ist für die SPD in diesem Wahlkampf typisch. Denn die SPD präsentiert sich unter Martin Schulz immer noch und immer weiter vor allem als Männerpartei. Das fing damit an, dass auf dem Parteitag in Dortmund Ende Juni Gerhard Schröder als Gastredner eingeladen war. Eigentlich hätten Schulz und sein Wahlprogramm im Mittelpunkt stehen sollen, stattdessen feierte die Partei den Mann von früher, der „Wir haben gekämpft, wir haben aufgeholt, und was damals ging, das geht heute auch“ in die Menge rief, woraufhin die Fotografen jenen Augenblick festhielten, in dem Schröder und Schulz sich in den Armen lagen.

Das war, als Schulz sich von Schröder wegen dessen Engagement im Aufsichtsrat des russischen Ölkonzerns Rosneft distanzierte, dann zwar nicht mehr so („Man muss nicht jedes Angebot annehmen, das man bekommt“). Aber schon in dieser Woche lobte der Kanzlerkandidat Gerhard Schröder im Interview mit der „Zeit“ erneut: „Er war ein großer deutscher Kanzler.“ Warum eigentlich? Wieso der dauernde Verweis auf den Altkanzler, wo es doch um die Zukunft geht? Peer Steinbrück ließ sich von Helmut Schmidt als Kanzlerkandidat ausrufen und wurde mit vierundsechzig Jahren zu „Schmidts Jungen“. Schulz versteht sich jetzt als Schröders Erbe und spricht ihm auf seiner Facebook-Seite für dessen Nein zum Irakkrieg seinen Respekt aus. Völlig zu Recht, es gibt vieles, was in den rotgrünen Jahren gut war. Nur steht Schröder eben auch für diesen ganzen Western von gestern. Und genau das wird die SPD trotz Katarina Barley, Manuela Schwesig, Aydan Özoguz oder Johanna Ueckermann nicht los, schon gar nicht, wenn die Bezugsgröße jemand ist, der im Bundestag das ganz große Lachen und Schenkelklopfen aufführte und die Regeln der Straße („Nur die Harten kommen in den Garten“) für die Sitzungssäle geltend machte. Vom „Schröderschen Lärm“ hat der Schriftsteller Rainald Goetz 2008 in „Klage“ gesprochen; vom „Beißgehabe des Alphatiertums, das von Schröder immerzu charmant und böse grinsend kultiviert wurde“.

Er hat die Mädels im Schlepptau. Mit denen ist es lustig

Inzwischen sind zehn Jahre vergangen, und der Virilitätswettbewerb der alten SPD-Männer geht weiter. Im vergangenen Jahr fand in Frankfurt eine große Veranstaltung zu Ehren von Helmut Schmidt statt. Kurz bevor es losging, standen Peer Steinbrück und der „Zeit“-Journalist Theo Sommer im Foyer des Festsaals und gaben Geschichten von den Affären des früheren Kanzlers zum Besten. Was für ein Womanizer der gewesen sei und wie sie Loki am Telefon immer hätten belügen müssen, dass er später käme, weil er angeblich im Nebel steckengeblieben sei. Ein Männergespräch vom Feinsten, bei dem es sie überhaupt nicht störte, dass eine Frau dabeistand und ihnen zuhörte. Im Gegenteil. Es befeuerte sie. Sie schüttelten sich vor Lachen. „Hohoho!“

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Martin Schulz ist kein ganz lauter Typ. Wenn er erklärt, er wolle Kriminellen „eins auf die Mappe geben“, gehört ein solcher Ausdruck aber in dasselbe Virilitätsregister. Und wenn er auf Twitter fragt: „Warum bekommen unsere Töchter Ø 21% weniger Gehalt als unsere Söhne?“ und erklärt: „Als Vater macht mich das wütend. Als Bundeskanzler will ich das ändern“, fragt die Feministin Anna Berg zu Recht zurück: „Warum werden Frauenrechte für Männer erst interessant, wenn sie Töchter haben? Als Mutter macht mich das wütend.“ Als Schulz im August auf Einladung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in der Reihe „Berliner Reden zur Integration“ einen Vortrag hielt und in der Diskussion danach zwei Professoren und eine junge Frau ohne Professorentitel vom Berliner Jüdischen Museum ihre Bemerkungen und Fragen an den Kanzlerkandidaten richteten, antwortete Schulz mit dem Satz: „Ich teile die Auffassung der beiden Professoren.“ Die Frau kam nicht vor. Und das darf einem Kanzlerkandidaten nicht unterlaufen.

Es gibt auf der Homepage der SPD ein Foto, auf dem Martin Schulz mit Manuela Schwesig und Katarina Barley zu sehen ist. Es ist das Bild, mit dem Mitglieder angeworben werden sollen: „Dafür trete ich ein. SPD“. Schulz steht lachend in der Mitte und hat die beiden ebenfalls lachenden Frauen, deren Haare dynamisch im Wind wehen, etwas ungelenk (mit geschlossenen Fäusten) untergehakt: Schwesig in Rot rechts von ihm, Barley in Blauweiß links von ihm. Er hat die Mädels im Schlepptau. Mit denen ist es lustig. Frauen sind für gute Laune da. Wäre schön, wenn die SPD mal modern werden könnte.

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© Reuters, reuters
Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Encke, Julia
Julia Encke
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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