Berliner Bauakademie

Soll Schinkel am Wettbewerb teilnehmen?

Von Ulf Meyer
 - 17:14

Der Bund baut sich eine Hauptstadt. Steuergeld ist im Überfluss da, also stellt die Bundesrepublik ihre arme Kapitale gern vor vollendete Tatsachen und finanziert den Wiederaufbau ihres historischen Zentrums. „K.-u-K.“ werden sie genannt, die beiden selbstbewussten Budget-Politiker Johannes Kahrs (SPD) und Rüdiger Kruse (CDU), die derzeit munter Steuermillionen im Dutzend über das historische Berliner Stadtzentrum gießen und über die Berliner Köpfe hinweg die Bebauung forcieren. Beide Volksvertreter, Mitglieder im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages und dort zuständig für den Etat der Kulturstaatsministerin, stammen aus Hamburg. Nach dem Flussbad, dem Einheitsdenkmal und dem Neptunbrunnen wird nun das Projekt der Schinkelschen Bauakademie mit dem bundesrepublikanischen Geldsegen überschüttet.

Bauherrenschaft und Zweck des Gebäudes sind noch unklar, aber das Geld für die „Hülle“ ist, wie damals beim Berliner Schloss, bereits da, der Rest muss sich fügen: Die Bundesstiftung Baukultur in Potsdam wurde vom Bund beauftragt, die drängenden Fragen zur Bauakademie als Gebäude und als Institution im Rahmen von drei „Werkstatt-Gesprächen“ im Hauruck-Verfahren zu klären. Der kulturelle Gestaltungswillen der Finanzpolitiker ist so flink und flüchtig, dass Kritiker von „Demokratiedefizit“ und „kurfürstlichem Gebaren“ sprechen. Pikanterweise kommt auch die Bundesstiftung Baukultur selbst als Nutzerin der Bauakademie in Frage. Im „Szenarienforum“ am 3. Mai werden erste Nutzungsvorschläge auf ihre Machbarkeit und Akzeptanz überprüft.

Berlin ist eine ausgeprägte Touristen- und Architektur-Stadt. Beide Aspekte treffen bei der Bauakademie aufeinander. Obwohl es mehrere hochkarätige Plan- und Modell-Sammlungen zur Baukunst in Berlin gibt (in der Kunst- und der Staatsbibliothek, in den Sammlungen der Technischen Universität Berlin, der Akademie der Künste und der Berlinischen Galerie), fehlt der Stadt ein ansehnliches Architekturmuseum. Mit der Bauakademie ergäbe sich unter Umständen die Chance, ein „Schaufenster der Baukultur“ in der Hauptstadt zu schaffen. Dafür müssten allerdings die Institutionen an einem Strang ziehen und die Höhepunkte ihrer Kollektionen dort vereinen.

Raum für das Zeitgemäße

Ob die neue Akademie eine Rekonstruktion des Schinkel-Baus oder eine zeitgemäße Interpretation sein soll, ist noch offen. Ein Architekturwettbewerb soll noch vor September ausgelobt und entschieden werden, um diese Frage zu klären. Wie die Auslobung formuliert, wie die Jury zusammengesetzt wird – auch darüber herrscht in Berlin Rätselraten. Für den Berliner Architekten Paul Kahlfeldt, Vorstandsmitglied des Vereins „Internationale Bauakademie Berlin“, kommt nur eine möglichst originalgetreue Rekonstruktion von Schinkels Meisterwerk in Frage. Schließlich hatte Schinkel das Erscheinungsbild der Berliner Stadtmitte hier so entscheidend geprägt wie kein Architekt vor oder nach ihm. Mit Schlossbrücke, Neuer Wache, Altem Museum, Friedrichswerderscher Kirche und der wiederaufgebauten Bauakademie wäre die Dichte an echten und nachgebauten Schinkelbauten an der Kupfergraben-Stadtlandschaft einmalig. Für die Befürworter des Wiederaufbaus geht es um die Wiederherstellung des baulichen Patrimoniums, zum Stadtgrundrisses als Palimpsest gehört auch die „Wiederaufführung“ von Gebäuden.

Kritiker wie Gabi Dolff-Bonekämper, Kunsthistorikerin an der Technischen Universität Berlin, wollen hingegen der zeitgenössischen Architektur eine Möglichkeit geben, sich zu beweisen, nachdem es schon nebenan auf dem Schlossplatz nicht geklappt hat. Die James-Simon-Galerie, in Sichtweite des Bauakademie-Grundstücks gelegen, gilt ihr als gelungene moderne, wenn auch konservative Fortführung des Erbes. „Der Zweck des Gebäudes muss bedeutend, also gestaltgebend sein“, hält sie fest. Thomas Köhler, als Direktor der Berlinischen Galerie Herr über eine wertvolle architektonische Sammlung, meint, eine Bauakademie „als Heimatmuseum aufgefasst“ würde eine „Attrappe“ bleiben. Dieser „Akt der Verhübschung“ („Unser Dorf soll schöner werden“) würde seiner Meinung nach zur „weiteren Polarisierung zwischen ödem Zentrum und Peripherie der Stadt“ beitragen.

An der Stadt Berlin geht die Diskussion vorbei

Die neue Bauakademie könnte jedoch – wie einst – wieder zwölf Läden im Erdgeschoss bekommen, um den Stadtraum am Friedrichswerder zu beleben. Eine zwanzigprozentige gewerbliche Nutzung ist laut Bebauungsplan möglich. Die Einnahmen aus der Vermietung der Gewerbeflächen könnten die Betriebskosten des Hauses mitfinanzieren.

Hermann Parzinger, dem Präsidenten der „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“, ist die Frage nach „Reko-Stil“ oder Moderne angeblich egal. Allerdings müsse, wenn es zu einer Rekonstruktion der Bauakademie käme, danach „Schluss sein mit den Rekonstruktionen in Berlin“. Hans-Dieter Nägelke, Leiter des Architekturmuseums der Technischen Universität Berlin, sieht sein Haus als legitimen Erben von Schinkels Bauakademie. Er möchte seine Mini-Institution zusammen mit der Potsdamer „Stiftung Baukultur“ zum Bauherrn und Betreiber des Neubaus machen. Damit wäre die Bundeskultur endgültig im Zentrum der Hauptstadt angekommen.

Am Berufsstand der Architekten und selbst an der Stadt Berlin geht die Diskussion um die Bauakademie vorbei. Dabei war sie als Gebäude und als Institution essentiell für die Architektenschaft hierzulande und könnte es auch wieder werden: Die Bauakademie war nicht nur Schinkels Wohn-, Arbeits- und Todesort, sie war auch der erste Ort in Preußen, an dem Architektur als akademische Disziplin gelehrt und studiert wurde. Schon seit Gründung der Akademie 1799 lag ihr Schwerpunkt auf der Ästhetik. Erst als akademische Studienabschlüsse für Architekten obligatorisch wurden, nahm man auch die Technikvermittlung im Curriculum auf.

Revolutionär und avantgardistisch

Es war der Urahn der preußischen Architektur, David Gilly, der vorgeschlagen hatte, aus der Lehranstalt eine „Bauakademie“ zu formen, „um so die theoretische und praktische Bildung tüchtiger Feldmesser und Baumeister“ zu fördern. Schinkels Bau von 1836 gilt bis heute als revolutionär und avantgardistisch: Als erstes profanes Sicht-Ziegelgebäude in Preußen, als selbstbewusster Solitär neben dem Schloss und als streng gerasterter „Industriebau“ in Anlehnung an die frühen britischen Geschoss-Fabriken ging er in die Baugeschichte ein. Der Ziegel „als erstes Fertigteil der Architekturgeschichte“ wurde hier wiederentdeckt.

Für das 1945 ausgebrannte Gebäude war noch im „Ersten Aufbauplan für das Zentrum des Neuen Berlins“ der Wiederaufbau vorgesehen, 1953 wurde sogar Richtfest gefeiert. Erst der „Ideenwettbewerb zur sozialistischen Umgestaltung des Stadtzentrums“ führte zum Abriss des fast fertig wiederaufgebauten Gebäudes im Jahr 1962. An seiner Stelle entstand das DDR-Außenministerium, das 1996 abgerissen wurde. Als Musterfassade steht heute die gemauerte Nord-Ost-Ecke der Bauakademie in einem Gerüst mit Planen, das das Volumen des Gebäudes markiert.

Jetzt hat der Bundestag, wie erwähnt, 62 Millionen Euro für den Bau eines „Schinkelforums“ freigegeben, das als Veranstaltungs-, Ausstellungs- und Konferenzzentrum dienen soll. Das „National Building Museum“ in Washington könnte als Rollenvorbild dienen. Wer es bauen und betreiben soll, sagt der Bund nicht. Wird der „Bauherr Bund in Berlin“ der Stadt ein „Mahnmal der Schinkel-Liebe“ überlassen? Wird die Bauakademie das achte Museum auf der Spreeinsel? Geht es allein um die „Rückkehr des Bildes“, eine Art „Trost-Architektur“ wie Dolff-Bonekämper es nennt?

„Heimat der Baukultur“ statt „Schinkel-Gedenkstätte“

Baurechtlich ist eine Voll-Rekonstruktion nicht möglich. Hinter einer rekonstruierten Fassade müssten innenräumlich Änderungen gegenüber Schinkels Entwurf vorgenommen werden, um heutigen Anforderungen zu genügen. Deshalb ist der wahrscheinlichste Ausgang der Berliner Querele um das nach Stadtschloss und Kommandantur dritte prominente Gebäude im historischen Zentrum der Stadt, das wiederaufgebaut werden soll, ein Kompromiss, wie ihn der Wiederaufbau der ehemaligen Kommandantur als Bertelsmann-Repräsentanz im Jahr 2003 vormachte. Es muss keine schlechte Nachricht sein, wenn eine „Heimat der Baukultur“ entsteht, in der „geforscht, ausgestellt und gelehrt“ wird – statt einer „Schinkel-Gedenkstätte“. Nach Meinung von Parzinger heißt „ausstellen heute auch nicht mehr zwingend museale, sondern mediale Präsentation“. Die wiederhergestellte Ecke und weitere erhaltene Bauteile sollen einbezogen werden, findet der Parlamentarische Staatssekretär im Bauministerium, Florian Pronold (SPD).

Auch wenn es gegen architektonischen Verfahrensregeln verstößt, erst das Gebäude und dann seinen Inhalt zu bestimmen, ist die Bauakademie eine weitgehend nutzungsneutrale Hülle. Für diese Hülle solle man „Schinkels Entwurf nicht vom Wettbewerb ausschließen“, lautet das Credo Parzingers. Inhaltliche Schwammigkeit und Wiederaufbauwille scheinen in einem vertrackt umgekehrten Verhältnis zueinander zu stehen: Je unklarer der Inhalt, desto größer der Wunsch nach einer vorhersehbaren, kalkulierbaren Form.

Quelle: F.A.Z.
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