Piraten & Urheberrecht

Denn sie wissen nicht, wie Werke entstehen

Von Jürgen Kaube
 - 17:10

In der Diskussion über das Urheberrecht wird seitens seiner Kritiker oft die Autorenschaft gegenüber den „Verwertern“ ausgespielt. Hier die vielen Kreativen, die auch etwas von ihrer Kreativität haben sollen; dort die wenigen Musik-, Buch-, Zeitungsverlage sowie der Handel, die technologisch durch das Internet und digitale Kopien überflüssig gemacht worden seien - und zwar zu Recht, weil sie nur Werte abschöpften, ohne selbst wertschöpfend tätig zu sein.

In einem ebenso ungewöhnlichen wie dramatischen Appell, der von dem Literaturagenten Matthias Landwehr koordiniert wird und den die Wochenzeitung „Die Zeit“ abdruckt, haben jetzt Schriftsteller diese Entgegensetzung als „abwegig“ bezeichnet. Der „Aufruf gegen den Diebstahl geistigen Eigentums“ ist als erstes von so unterschiedlichen Autoren wie Daniel Kehlmann, Elke Heidenreich, Uwe Tellkamp, Christoph Ransmayr, Günter Wallraff, Charlotte Roche, Navid Kermani, Ines Geipel und Martin Walser unterzeichnet worden. Mittlerweile haben ihn sich mehr als dreitausend Schriftsteller, Musiker, bildende Künstler und auch Wissenschaftler zueigen gemacht. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft, heißt es darin, geben Künstler die Vermarktung ihrer Werke in die Hände von Verlagen, Galerien, Produzenten und Verwertungsgesellschaften - als ihren Interessenvertretern.

„Echte“ Künstler

Das entscheidende Stichwort hierbei ist „arbeitsteilig“. In der Debatte über die Folgen des Internets und über die Programme von Netzaktivisten wie der Piratenpartei fällt es viel zu selten. Zum einen, weil es oft an Einsicht mangelt, was viele - natürlich nicht alle - Verwerter leisten. Die Vorstellung, man müsse alle „Inhalte“ frisch vom Erzeuger nur ins Netz stellen und habe dann dasselbe Produkt ohne den kostspieligen Umweg übers Verlagswesen, ist sachwidrig. Denn Inhalte brauchen Form, und zu ihr tragen Verwerter bei. Wie viel Verwerterarbeit geht nicht in jedes Pop-Video ein, das auf Youtube steht, in jedes Album, das ja nicht einfach dem Genie der Künstler entspringt, in jeden Roman, der aus den Manuskripten der Autoren oft genug aufwendig herausgeschält werden muss. Von Werbung und dergleichen ganz zu schweigen. Verlage gehen in Vorleistung, unterhalten Rechtsabteilungen, die Autoren schützen, planen Lesereisen und haben Experten für Auftritte. Oder dafür, welche guten Bassisten gerade für eine Aufnahme Zeit haben. Oder dafür, welche Illustrationen gut für ein Buch sind.

Das Kunstwerk oder auch nur der „Inhalt“ ist mehr als das Produkt eines Individuums. Die Kritiker des Urheberrechts polemisieren zutreffenderweise gegen eine Genieästhetik, die so tut, als hätte der Autor das Werk geschaffen wie der biblische Gott die Welt: aus dem Nichts, allein aufgrund eigenen Vermögens, ohne Zutaten. Das gängige Künstlervokabular legt Autoren - zumindest dann, wenn sie sich als Künstler verstehen -, eine Selbstbeschreibung nahe, derzufolge sie etwas aus innerem Drang hervorbringen müssen. Es drängt sie zum Ausdruck, das Werk ist nicht aufs Publikum hin kalkuliert, sie tun es um der Sache und nicht des Einkommens willen. So jedenfalls reden „echte“ Künstler. Da nehmen die Netzaktivisten sie beim Wort, sie antworten den Künstlern: Dann macht es ja auch nichts, wenn sich die Gemeinschaft eure Werke umstandslos aneignet. Man muss den echten Künstlern, so verstanden, gewissermaßen nur die Materialkosten bezahlen, aber wenn das Werk einmal da ist, nichts mehr darüber hinaus. Denn Kopieren ist ja kein Diebstahl, die Sache wird ja nicht weggenommen, sondern vervielfältigt. Die Metapher „geistiges Eigentum“ ist insofern tatsächlich irreführend.

Markt statt Höfen

Doch die Gegner eines strengen Copyrights übersehen dabei leicht, dass es genau so irreführend ist, so zu tun, als entstünden Werke nur durch Kombination von eigenen Ideen und „Inhalten“ anderer Autoren. Und sie folgen der sachfremden Genieästhetik, wenn sie in einer trivialisierten Fassung davon - und mit Hinweis auf die Amateurwelten des Internets - jeden zum Autor erklären. Gewiss, jeder kann irgendwo etwas hinschreiben, sich äußern, Musik machen, malen und so weiter. Weder Künstler noch Journalist oder Schriftsteller ist ein geschützter Beruf, zum Glück. Jeder soll ausprobieren dürfen, ob er einer ist. Doch Werke setzen dann Organisationen voraus, deren Arbeit bezahlt werden muss, wenn es sich um aufwendige Werke handeln soll.

Damit tritt die zweite Bedeutung des Begriffs „Arbeitsteilung“ für die Urheberrechtsdebatte hervor. Es geht nicht darum, dass es keine Kunst oder Kultur mehr geben würde, wenn das Urheberrecht verschwände. Was aus eigenem Drang produziert würde, bliebe. So, wie es ja auch Dichtung und Musik vor dem Urheberrecht gab. Der Aufruf in der „Zeit“ weist allerdings zu Recht darauf hin, dass damals die Gemeinkosten der Kunst von den Höfen übernommen wurden. Er spricht vom Urheberrecht als einer „Errungenschaft bürgerlicher Freiheit gegen feudale Abhängigkeit“. Die Autoren haben, anders formuliert, seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts die Abhängigkeit von Auftraggebern gegen die Abhängigkeit vom Markt eingetauscht.

Ohne Urheberrecht kein Film

Wer dagegen hält, wahre Kunst sei keine Ware, der Rezipient kein Konsument, begeht einen Kategorienfehler. Die Kunst wird so wenig durch Preise „kommerzialisiert“ wie die Familie dadurch, dass Kinder etwas kosten, oder der Glaube durch die Kollekte. Gerade Tätigkeiten, die sich nicht in Kommerzzwecken erschöpfen, brauchen eine Finanzierungsgrundlage, und wer von den Piraten fände eine Gesellschaft erstrebenswert, in der alle Autoren zu Stipendiaten des Staates oder zu Brotnehmern von Google und Apple gemacht würden?

Wenn aber der Markt, der demgegenüber den Vorteil hat, zu entdecken, was andere lesen, hören, sehen wollen, die Kunst finanzieren soll, muss es den Markt geben. Märkte ohne Eigentumsrechte sind unbekannt. Und Märkte sind auch nicht einfach „Plattformen“, auf denen atomisierte Individuen den Käufern ihrer in Hand- und Kopfarbeit hergestellten Waren begegnen. Gerade die Tauschobjekte bei iTunes oder den Filmbörsen sind hochaufwendig hergestellte Organisationsprodukte. Filme, so viel ist sicher, wird es in einer Welt ohne starkes Urheberrecht auf keinen Fall geben.

Kunst als Hobby?

Für zahllose andere „Inhalte“ ist die Urheberrechtsfrage weniger eine ihrer Existenz als eine ihres Niveaus. Nicht, ob es bei freiem Herunterladen und Kopieren von allem überhaupt noch Kultur gibt, ist die Frage, sondern welche Art von Werken dann noch entsteht. Das Urheberrecht sichert nicht nur Organisationen die Möglichkeit, sich zu refinanzieren. Es ermöglicht auch die Spezialisierung und Professionalisierung der Produzenten. Insofern geht es nicht um Künstler und Autoren überhaupt, sondern um hauptberuflich hergestellte Werke, Texte, Objekte.

Wenn daher ein Twitterer zum Aufruf der Autoren in der „Zeit“ herumrüpelt: „Cool, das reiche Prozent der Urheber verteidigt seinen Geldspeicher und keiner haut ihnen aufs Maul“, dann macht er sich nicht nur vom Reichtum Ralf Bönts oder Angelika Overaths einen falschen Begriff. (Viele Leser mögen sich jetzt fragen, wer das ist, und schon das könnte dem Prügel fordernden „fRED@fRANDOM74“ einen Hinweis auf die Größe des Geldspeichers dieser Schriftsteller geben.) Der, halten zu Gnaden, Dummkopf versteht offenbar auch nicht, dass etwaiger Reichtum auf einer Nachfrage beruhen würde, die keine Zwangsnachfrage war. Er hält überdies das Internet offenbar für umsonst und frei, anstatt sich einen Begriff von den Geldspeichern zu machen, für deren Inhaber seinesgleichen die nützlichen Idioten sind, die vom kulturellen Sozialismus träumen, dessen Dividende Google abschöpft.

Vor allem aber sehen die Euphoriker des freien Zugangs zu allem nicht, dass die Praxis, sich ganz auf das Verfassen von Romanen, das Schreiben von Sachbüchern oder das Komponieren von Musik zu verlegen, eine Spezialisierung darstellt, die unmöglich wird, wenn sie niemand mehr bezahlt. Wer den Anteil der Hobbyschriftstellerei, des Amateurfilms und der Gelegenheitsforschung am Gesamtaufkommen der Kultur drastisch erhöhen möchte, kann das durch Löschung von Urheberrechten tun. Doch er sollte das dann auch so sagen.

Quelle: F.A.Z.
Jürgen Kaube
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