Amerikanisches Modewort

Auf die Stamina kommt es an

Von Christian Metz, Ithaca
 - 10:58

In Amerika kann es einem derzeit passieren, dass man in einem Café sitzt und sich am Nachbartisch die Trump-Clinton-Debatte noch einmal in Kurzform abspielt. Da sitzen zwei junge Frauen gut gelaunt beieinander. Als die eine der anderen ein Stück Kuchen vom Teller stibitzt, zischelt diese, sich leicht nach vorne beugend, ganz wie Donald Trump: „Such a nasty woman.“ Die Kuchendiebin verzieht daraufhin die Lippen zum Donald-Schmollmund und kontert mit einem genüsslich in die Luft geküssten „wrong!“, dann knufft sie ihrem Gegenüber in den Oberarm und stellt anerkennend fest: „tremendous stamina.“ Worauf die Erste kontert: „You don’t have the stamina.“

So geht das gerade immerzu und überall. „Stamina“ ist zum Schlüsselbegriff im amerikanischen Wahlkampf geworden. Das Wort bedeutet so viel wie Ausdauer oder Durchhaltevermögen, bezieht sich dabei aber zuvorderst auf die körperliche Konstitution einer Person, die notwendig ist, um einer Aufgabe gewachsen zu sein oder nicht. Im Amerikanischen ist das Wort zwar geläufig, kommt jedoch nicht so häufig vor, dass man bei seinem Gebrauch im Politischen nicht aufmerken würde. Eigentlich wird es meist im Sport verwendet, als eine Art Komplementärbegriff zu „mentaler Stärke“.

Du kannst körperlich top vorbereitet, aber mental einfach nicht zum Sieg bereit sein oder umgekehrt. Gelegentlich fällt es auch im Sexualdiskurs, hat dann eine männliche Konnotation und wie so oft in der Rhetorik der Anzüglichkeiten eine komische Note. Im Deutschen würde man in diesem Fall wahrscheinlich von männlichem Stehvermögen reden oder das Thema gleich zu den Bienchen und Blümchen wechseln lassen.

Steigerung in eine Stamina-Eloge

Was insofern passt, als Stamina bei Botanikern wie Carl von Linné jene aufrecht stehenden Staubblätter bezeichnen, die als die männlichen Geschlechtsorgane der Blüte gelten. Mit der Präsidentschaftswahl hatte das alles so lange nichts zu tun, bis Donald Trump im zweiten Fernsehduell seiner demokratischen Gegenkandidatin vorwarf, Hillary Clinton fehle es schlicht an „stamina“, um den Job der Präsidentin auszuüben: „She doesn’t have the stamina. I said she doesn’t have the stamina. And I don’t believe she does have the stamina.“

In diesem Wiederholungsfuror, der sich auch durch selbstverordnete Pausen nicht aufhalten ließ, redete Trump sich regelrecht in eine Stamina-Eloge hinein. Prompt brachte es besagtes „lack of stamina“, Clintons so diagnostiziertes mangelndes Stehvermögen also, auf die Titelseiten sämtlicher Tageszeitungen von „Washington Post“ bis „New York Times“. Seither ist der Begriff zum rhetorischen Scharnier avanciert, das drei Felder des Wahlkampfdisputs miteinander verknüpft.

Erstens zielte Trump mit seiner Bemerkung im zweiten Fernsehduell auf Clintons Abbruch einer Rede. Ausgerechnet bei der Gedenkfeier zum Jahrestag des 11.September musste Clinton aus gesundheitlichen Gründen passen. Sie litt, wie später bekanntwurde, an einer Lungenentzündung. Trump brachte die Wunde, die der Anschlag auf das World Trade Center in der amerikanischen Gesellschaft gerissen hatte, mit Clintons vermeintlich körperlicher Verletzlichkeit zusammen: Amerika könne sich eine Präsidentin nicht leisten, die womöglich nicht handlungsunfähig wäre, wenn es darauf ankäme. Das „lack of stamina“ deutete er zur Sicherheitslücke um. Als kurz darauf die Ausschnitte aus Trumps Gespräch mit Billy Bush öffentlich wurden, bekam der Begriff noch einmal eine andere Tragweite. Da wurde er zum rhetorischen Beispiel, wie Trump über den weiblichen Körper spricht, und zwar den seiner Gegenkandidatin. Die Frage, die sich jetzt stellte, lautete: Ist fehlendes Durchhaltevermögen nicht genau das, auf das Trump mit seinen im Gespräch mit Bush ausgestellten Übergriffen auf Frauen abzielte? Muss jemand, der von sich behauptet, Frauen bei ihrem Geschlechtsteil anzufassen, mit der Bemerkung: „Wenn du ein Star bist, lassen sie das zu“, nicht mangelndes Stehvermögen voraussetzen? Die Stamina-Lücke wurde zur Chiffre für Trumps Frauenbild.

Reden oder handeln?

Drittens steht der Begriff im politischen Diskurs seither für die Verkehrung, die Trump seit der Veröffentlichung des Gesprächs mit Billy Bush in Hinblick auf die Unterscheidung zwischen Worten und Taten vollzogen hat. Während Trump Clinton sonst vorwirft, sie rede nur, aber handele nicht, bezog er jetzt in eigener Sache dieselbe Position: Er rede nur, handele aber nicht. Umgekehrt zielt seine Kampagne jetzt darauf ab, dass die Clintons gehandelt und nicht nur geredet hätten. Der Macher will im Fall seiner eigenen Übergriffigkeit nur ein Maulheld gewesen sein. Politische Kommentatoren witterten bei Trump, nicht ohne Sarkasmus, nun selbst mangelndes Stehvermögen. Spätestens seit diesen Vorkommnissen greift das Wort in der amerikanischen Öffentlichkeit immer mehr um sich.

Neben dem „what a nasty woman“, das Trump trotz aller Selbstbändigung zum Ende des dritten Fernsehduells entglitt und das inzwischen auf T-Shirts gedruckt wird, und neben dem lippengeschürzt in das Mikrofon geküssten „wrong!“, das inzwischen als Antwort für alle möglichen Fälle kursiert, ist „stamina“ der dritte virulente trumpistische Spracherfolg, der aus diesem Wahlkampf hervorgeht. Alle reden davon. Selbst der Shakespeare-Forscher Stephen Greenblatt bescheinigt heute in einer Rede über Königin Elisabeth I. dieser nicht mehr nur beeindruckende Intelligenz, sondern „stamina“. Vor ein paar Wochen hätte damit niemand etwas anfangen können, heute ist allen klar, was Greenblatt meint: Frauen nicht regierungsfähig? In England spätestens seit dem siebzehnten Jahrhundert erledigt.

Keine direkte Übersetzung

Man kann darüber lachen, aber es bleibt doch erstaunlich, wie sehr sich der Trumpismus schon jetzt in den Köpfen festgesetzt hat. Selbst nach einer Wahlniederlage wird seine Rhetorik in der amerikanischen Gesellschaft nicht folgenlos bleiben. Und wenn es schon bei einem harmlosen Begriff so zugeht, muss man sich fragen, wie es mit den vereinfachenden Problemlösungen wie etwa dem „Mauerbau“ an der Grenze zu Mexiko aussieht.

Auffällig ist nicht zuletzt, dass das Wort „stamina“ in der deutschsprachigen Presse bisher keine Erwähnung findet. In keiner überregionalen Zeitung oder Zeitschrift kommt es vor. Das hat zuerst einmal damit zu tun, dass es sich nicht direkt übersetzen lässt. Im Deutschen gibt es kein Wort, das in dieser Weise unmittelbar auf die physischen Bedingungen abzielt. Durchhaltevermögen, Ausdauer, Stehvermögen sind immer nur Kompromisse, die eigentlich etwas anderes als das Original bezeichnen.

Amerika
Clinton bei Souvenir-Wahl vor Trump
© reuters, reuters

Im Sinne grundsätzlicher Unübersetzbarkeit wird es damit nicht zuletzt zur Chiffre für eine in der deutschen Öffentlichkeit verbreitete Auffassung über das Phänomen „Donald Trump“. Es herrscht ja immer noch Verwunderung darüber, wie jemand den Republikaner überhaupt wählen kann. Das Phänomen erscheint dabei so unübersetzbar wie der Begriff. So führt das „lack of stamina“ in der deutschen Presse eindrücklich vor Augen, dass man sich aller globalisierten Netzwerke zum Trotz immer nur an die Mentalität der anderen annähern kann. Das ist kein Versagen des Journalismus, sondern die Erkenntnis, dass zu jeder kulturellen Differenz immer auch eine Lücke gehört, die die Unterscheidung erst möglich macht. Erst sie macht die Kommunikation zwischen den Kulturen interessant. Nicht so zu tun, als könnte man die Lücke einfach negieren oder sogar schließen, das erfordert „stamina“.

Quelle: F.A.Z.
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