Verräterische Bilderkennung

Können wir unser Gesicht noch wahren?

Von Axel Weidemann
 - 20:46

Der Schnappschuss hat seine Unschuld verloren. Zumindest, wenn das Gesicht einer Person darauf zu erkennen ist. Der Fingerabdruck als einzigartiger Identitätsausweis wird bald ausgedient haben, da Computerprogramme Gesichter auf Bildern und Videos erfassen können. Doch scheint es, dass die reine Identitätserfassung aus der Ferne via Gesichtsabdruck („Faceprint“) nur der Anfang ist. Nun sind Wissenschaftler, die die Rechenkapazitäten künstlicher neuronaler Netze nutzen, davon überzeugt, das Gesicht eines Menschen verrate viel mehr über dessen körperliche und seelische Beschaffenheit, als die mimische Übersetzung von Emotionen in oberflächliche Muskelkontraktionen auf der Vorderseite des Schädels.

Wie der „Economist“ berichtet, soll es den Forschern Michal Kosinski und Yilun Wang von der Universität Stanford gelungen sein, einem künstlichen neuronalen Netz, also einem lernfähigen Algorithmus, beizubringen, anhand von auf Fotos abgebildeten Gesichtern, die sexuelle Präferenz der jeweiligen Person zu erkennen.

Fundamentale Fehlerquelle einer K.I.: das menschliche Hirn

Können Netzwerke ein Muster erkennen, von dem sie qua Datengrundlage noch gar nichts wissen können? Jürgen Schmidhuber, Direktor des Schweizer Forschungsinstituts IDSIA, sagt knapp: „Klar. Deswegen machen wir das ja. Ich kann zum Beispiel kein Chinesisch. Trotzdem lernt unser Netzwerk, ins Chinesische zu übersetzen. Ich verstehe nichts von Histologie. Trotzdem lernen unsere neuronalen Netzwerke, Krankheiten zu diagnostizieren wie ein Histologe.“ Gefragt nach der Fehleranfälligkeit eines solchen Netzwerks, sagt Schmidhuber: „Wohl zumindest keine fundamentaleren als Ihr Hirn.“

Die Wissenschaftler aus Stanford berufen sich auf eine in Teilen umstrittene medizinische Theorie, nach der der Einfluss bestimmter Sexualhormone im Mutterleib sowohl Auswirkungen auf die Gestalt des Gesichts, als auch auf die sexuelle Orientierung des werdenden Menschen hat. In ihrer Studie, die im „Journal of Personality and Social Psychology“ erscheinen soll, suchten die Wissenschaftler mit einer Gesichtserkennungssoftware („Face++“) aus 130.741 Bildern von 36.630 Männern und 170.360 Bildern von 38.593 Frauen, die sich bei einem amerikanischen Datingportal angemeldet hatten, alle Bilder heraus, die jeweils nur ein Gesicht in ausreichender Größe zeigten.

Gesichtsmerkmal werden in Zahlenreihen übersetzt

Übrig blieben 35.326 Bilder von 14.776 Personen, bei denen Frauen wie Männer, homo- wie heterosexuelle Personen, zu etwa gleichen Anteilen vertreten sind. Die Gesichter auf den Bildern wurden durch ein künstliches Netzwerk („VGG-Face“) in Zahlenreihen übersetzt – die mathematischen Aufschlüsselung des Gesichtsabdrucks. Unter Rückgriff auf die logistische Regression (Logit Modell) – einem statistischen Bewertungsverfahren, mit dem sich Vorhersagen zur Wahrscheinlichkeit treffen lassen, ob ein Ereignis eintritt oder nicht – untersuchten die Wissenschaftler, ob es Verbindungen zwischen den in Zahlen übersetzten Gesichtsmerkmalen und der sexuellen Präferenz der Personen gab (wie sie auf dem Profil des Datingportals angegeben war).

Bei der Entscheidungsfindung heterosexuell/homosexuell orientierte sich das Netzwerk anhand festgelegter Gesichtsmerkmale wie dem Abstand der Augen, der Form der Nase oder dem Abstand von Mund und Nase. Zudem bezog der Algorithmus auch Unterschiede im Gesichtsausdruck sowie modische Präferenzen mit ein.

Wurde dem Programm nun wahllos ein Foto eines heterosexuellen sowie eines homosexuellen Mannes vorgelegt, konnte es die sexuelle Präferenz in 81 Prozent der Fälle richtig zuordnen. Hatte es fünf Fotos zur Auswahl, lag die Trefferquote bei 91 Prozent. Mit der Einordnung von Frauen hatte das Programm größere Probleme. Bei einem Foto lag es in 71 Prozent der Fälle richtig, bei fünf Fotos in 83 Prozent der Fälle. Den Menschen hat die Maschine jedoch bereits deutlich überholt: Testpersonen, denen Kosinskis Team die Fotos vorlegte, lagen bei Männern nur zu 61 Prozent richtig, bei Frauen zu 54 Prozent.

Zudem funktioniert die maschinelle Zuordnung vor allem, wenn bekannt ist, dass von zwei Personen auf den vorgelegten Fotos eine homosexuell ist. Als die Wissenschaftler dem Netzwerk wahllos Fotos von Männern zeigten, tendierte es dazu, mehr Männern eine homosexuelle Präferenz zuzuschreiben, als es tatsächlich der Fall war.

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Nach der raschen medialen Verbreitung der Ergebnisse, traf die Forscher eine Welle der Kritik und Entrüstung. Kosinski, der schon durch seine Forschung zu psychometrischen Profilen (aus öffentlich abrufbaren Facebook-Profildaten) in Verbindung mit gezielter Wähleransprache während des amerikanischen Wahlkampfs in der Kritik stand, veröffentlichte daraufhin einen Kommentar. Darin sagt er, er habe kein Instrument zum Eindringen in die Privatsphäre geschaffen, sondern nur bestehende Technologien genutzt, wie sie bei Firmen und Regierungen in Gebrauch seien. Die Kernbotschaft seiner Studie sei: „Dass weitverbreitete Technologien ein Risiko für die Privatsphäre von Angehörigen der LGBTQ-Gemeinschaft darstellen“. In machen arabischen und afrikanischen Ländern steht Homosexualität unter Todesstrafe. Zum Vorwurf der „Pseudowissenschaft“ schreiben die Autoren: „Wir bekommen viel Resonanz dieser Art. Offengestanden wären wir glücklich, wenn unsere Ergebnisse falsch wären.“ Doch habe man das Risiko durch die Technik größer eingeschätzt als das Risiko, das eine Veröffentlichung mit sich bringe.

Dass es einen Zusammenhang zwischen der Form des Gesichts und der sexuellen Orientierung gibt, beweist die Studie aus Stanford nicht. Es könnte allenfalls ein Hinweis darauf sein. Sollte sich diese Stoßrichtung der Forschung jedoch als fruchtbar erweisen und man mithilfe künstlicher Intelligenzen – wie auch Kosinski es voraussagt – bald Dinge wie den IQ oder genetische Defekte anhand von Gesichtsvermessung erkennen können, wird man sich fragen müssen, wie öffentlich ein Gesicht ist – oder in Zukunft sein muss. Denn den Menschen anhand einer Gesichtserfassung auszulesen, führt im schlimmsten Fall zu einer ganz neuen Art der Zweiklassengesellschaft: die Tauglichen und die Untauglichen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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