Videoarchiv am Stelenfeld

So geht Erinnerung

Von Nils Minkmar
 - 10:05

Am Mahnmal für die ermordeten Juden Europas herrscht an diesem Spätsommernachmittag ein bei aller brav dargestellten Pietät sehr munteres Gewusel von Jugendgruppen. Sie waren noch nicht im Untergeschoss, beim Videoarchiv mit den Geschichten der Überlebenden, das in der kommenden Woche eröffnet wird. Ich habe es schon mal kurz besichtigen dürfen und bin entsprechend benommen.

Seltsamerweise muss ich an einen alten Schuhkarton voller Fotos denken, einen recht berühmten Karton: Als Pierre Bourdieu, der große französische Soziologe, etwas über Fotografie schreiben wollte, begann er mit dem Karton eines Freundes. Wühlte sich durch, legte sich etwas raus, wühlte weiter. Es wurde spät. Irgendwann fragte er, ob er den Karton nicht mit nach Hause nehmen dürfte. Er durfte und schrieb das Buch „Eine illegitime Kunst“, eines seiner besten. „Und wissen Sie was?“, fragte er, wenn er die Geschichte erzählte, gern dramatisch in die Runde: „Neunundneunzig Komma neun Prozent aller Soziologen hätten den Karton nie auch nur angerührt.“ Der wäre denen zu willkürlich gewesen, bruchstückhaft und ohne jede Objektivität, ganz und gar suspekt.

Beim Betrachten der Familienfotos kam Bourdieu ein einfacher Gedanke: Fotografiert werden Feste, Hochzeiten, Kinder, Reisen und Haustiere, also alles, was den Menschen freut und am Leben hält. Fotografie, dachte er plötzlich, ist das Gegenteil von Selbstmord.

Berlin
Holocaust-Mahnmal erhält Video-Archiv
© afp, afp

Die Bilder

In den rund tausend Videozeugnissen, die im Fortunoff-Archiv der Universität Yale gesammelt wurden und nun im Dokumentationszentrum digitalisiert und aufwendig aufgearbeitet zu sehen sind, hält immer wieder mal jemand ein altes Foto in die Kamera. Bilder aus der Zeit vor der Judenverfolgung, als die Individualität noch intakt war, als sie, wie man im Amerikanischen sagt, noch ein Leben hatte. Da habe ich ein Fahrrad. Das ist mein Vater. Schnappschüsse aus der Zeit vor dem Holocaust, gemacht, als noch niemand ahnen konnte, welchen Wert sie einmal haben würden.

Vom Holocaust gibt es keine Fotos. Und wovon keiner ein Foto macht, darüber wird auch nicht geredet. Es ist die dunkle Seite. Simone Veil, die ehemalige französische Politikerin, berichtet in ihrer jüngst erschienenen Autobiographie „Une Vie“, was viele Holocaustüberlebende erfahren haben: Kein Mensch wollte ihre Geschichten aus Bergen-Belsen hören. Die Résistance war angesagt, Heldengeschichten oder ihr Gegenteil, Verratsgeschichten von Frauen, die sich angeblich mit Deutschen eingelassen hatten, aber sicher keine Schilderungen der irdischen Hölle und derer, die sie überlebt haben. Man verfrachtete sie und ihre Schwester bald nach der Befreiung an den Genfer See, in eine Art Sonderinternat für jüdische Damen, wo sie zwar verpflegt wurden, aber weiterhin entmündigt und vor allem abgesondert von der Öffentlichkeit unter sich bleiben sollten. Vor allem hat keiner gefragt.

Die Erinnerung konnte auch gleich nach dem Krieg nicht abstrakt, global und knapp genug sein. Es sollte eigentlich schon 1945 Schluss sein mit der „dauernden“ Geschichte von der Judenverfolgung, die Schlussstrichforderung wird heuer ebenso alt wie das Verbrechen, dessen Aufarbeitung sie beenden möchte.

Das Schweigen

Auch die Wissenschaft tat sich, aus den von Bourdieu angesprochenen Gründen, schwer mit dem objektiven Zugriff auf die fragmentarischen Geschichten der Traumatisierten, die ja auch nicht gerade anstanden, um ihren erlebten Horror zu schildern. Viele Überlebende haben das Weiterleben nur durchgehalten, indem sie schwiegen. Ob, wie der allzu schöne Spruch verspricht, das Geheimnis der Erlösung wirklich Erinnerung heißt, das wollten sie lieber nicht ausprobieren.

Reden über den Holocaust war und ist eine der schwierigsten Übungen unserer Zeit. Es muss aber sein, denn der Moment ist nicht mehr fern, an dem der letzte Überlebende verstummt.

Dass es heute ein Archiv mit den Geschichten von Überlebenden des Holocausts gibt, geht seltsamerweise nicht auf das Bestreben von Historikern zurück. Die Sache begann als Bürgerinitiative in den späten siebziger Jahren im Umkreis der Universität Yale. Laurel Vlock, eine Frau vom Fernsehen, war dabei, Dori Laub, selbst ein Überlebender und Psychologe in New Haven. Später gesellte sich Geoffrey Hartman dazu, ein gebürtiger Frankfurter, der den Holocaust überlebte, weil ihn seine Eltern auf einen Kindertransport nach England geschickt hatten.

Die Idee

Sie baten Überlebende aus ihrem Bekanntenkreis vor eine Videokamera und versuchten, sie möglichst frei berichten zu lassen, von der Verfolgung, aber auch von der Zeit davor und danach. Es sollte, so Hartmann, kein Dokument des Todes werden, sondern des Lebens. Jede Abweichung, jedes seltsame Detail, jede Assoziation war daher willkommen. Aus einigen hundert Zeugnissen wurden bald mehrere tausend, heute haben 4300 Überlebende des Holocausts aus der ganzen Welt ihre Geschichte für das Fortunoff-Archiv aufgezeichnet, wie die mittlerweile in die Universitätsbibliothek von Yale integrierte Sammlung nach einem Förderer nun heißt. Bloß die Benutzung ist alles andere als leicht: Es handelt sich um einzelne VHS-Kassetten, die nach vorheriger Anmeldung einzeln betrachtet werden dürfen, nicht außerhalb der Bibliothek, die Inhaltsangaben sind teilweise noch mit der Hand geschrieben.

Es war die deutsche Philosophin und Publizistin Carolin Emcke, die während einer Dozentur in Yale auf die Idee kam, die Geschichten, die Stimmen der Überlebenden auch in Berlin erklingen zu lassen. Bald fanden sich unter der Leitung der Historikerin Eva Brücker und mit Unterstützung der Bundeskulturstiftung Träger, die die Arbeit auf sich nahmen, die Filme aus Yale zu digitalisieren, ihren Inhalt aufzubereiten, zu transkribieren und der Öffentlichkeit unterhalb des Mahnmals zugänglich zu machen. Derzeit sind etwa tausend Filme aufbereitet, in den kommenden Jahren soll aber das gesamte Archiv hier verfügbar sein, womit es zugleich auch für die Zukunft gesichert ist. Sicher haben der prominente Ort und die überzeugende Form als eigene Stiftung dazu beigetragen, dass alle der vom Fortunoff-Archiv Befragten oder ihre Erben noch mal ausdrücklich zugestimmt haben, dass ihre Geschichte auch in Berlin gezeigt wird.

Die Erinnerung

Wer einmal anfängt, einen Film zu sehen, da geht es einem wie den Lesern von Kempowskis „Echolot“, ist verloren. Es ist eine Erfahrung, die auch das Mahnmal verändert: Oben wandelt man zwischen den Stelen und verliert sich in den Weiten der verstellten Perspektive, es ist die ästhetische Andeutung einer grundlegenden Desorientierung, des Verschwindens der Horizonte - aber es ist, bei allem Respekt vor dem Kunstwerk und seinen Unterstützern, keine spezifische Mahnung. Ich muss beim gedankenverlorenen Verlorengehen zwischen Potsdamer und Pariser Platz ebenso oft an die Killing Fields in Kambodscha und die Schlachtfelder von Verdun denken wie an Buchenwald.

Das ist nun anders. Der kühle, unterirdische Raum des Videoarchivs wird zu einer Leitstelle der Erinnerung. Ich stieß zufällig auf den Film mit Paul D., der den Holocaust als Kind erlebt hat. Das Interview mit ihm wurde, so die eingeblendete Information zur Entstehungsgeschichte, im Sommer 1980 in Boston aufgezeichnet, da ist er gerade mal fünfundvierzig, trägt schulterlange schwarze Haare und einen Schnauzer. Er sieht aus wie Jack Nicholson oder Dustin Hoffman in einem New Hollywood Movie, er sitzt ganz gelassen in einem altmodischen Sessel. Und er fuchtelt erst einmal mit Fotos herum, einem übergroßen Ordner, aus dem er sie löst: „Ich hatte mal ein Fahrrad. Ich hatte mal einen Hund.“ Er hält die wertvollen Bilder aus einem normalen Kinderleben in die Kamera, die Befrager bewundern sie pflichtschuldigst. Das ist das Zeichen dafür, dass es auch ein Leben davor gab, dass das Leben dieses Kindes nicht von Anfang an und schicksalshaft aus den Gleisen gesprungen ist. Dann erzählt er. Vom Leben davor und von den beginnenden Transporten. Die Interviewer bitten ihn, erst mal noch ein bisschen vom Leben im ländlichen Moldawien zu erzählen. Er schaut skeptisch, wie de Niro als Travis Bickle in „Taxi Driver“: „Ich soll von Moldawien erzählen? Ich erzähl' euch mal was von Moldawien . . .“

Dann tut er das und noch mehr, von seiner Flucht als getarntes Waisenkind nach Ungarn, einer von den Eltern verlangten Konversion zum Christen und vom Albtraum, den diese ihm beschert: Sie stehen auf einer Wiese, aber alle jüdischen Kinder rennen von ihm weg, als Gott zuschlägt, ihn mit einer Axt in zwei Teile haut. „War das der jüdische und der christliche Teil?“, will die Stimme neben der Kamera wissen. „Nein, das war meine Strafe, ich sollte bestraft werden, das fühle ich ganz deutlich.“ Seitdem, sagt er, hat ihn das Gefühl, irgendwie unzulässig zu sein, nie verlassen. Die Interviewer wollen helfen: „Kannst du die Taufe nicht aufheben lassen? Wieder ganz Jude werden?“ Daran hat er schon selbst gedacht: „Nein, es gibt kein Ritual dafür.“

Die Stimmen

Es sind nun die allerletzten Minuten des Bandes, der kleine Zähler zeigt schon fast das Ende an. Paul hat noch was, er hält eilig etwas vor das Objektiv: Fotos von Michael, seinem Sohn, von seiner Tochter und seiner schönen Frau. Vorher hatte er erzählt, wie er eines morgens, noch im Bett liegend, seine Kinder zu sich gerufen hatte, weil ihm in der Nacht klar geworden war, dass er der Einzige ist, der sich an seine Gemeinde erinnert, und dass die Last zu groß ist, daher hat er noch am selben Morgen seinen beiden Kindern davon erzählt, auf dass diese die Erinnerung auch weitertragen. Nachdem er das alles stundenlang in die Videokamera gesprochen hat, strahlt er nur noch sein erschöpftes Lächeln und schwitzt und zeigt noch ein Foto von seinen Kindern, die heute auch einen Hund haben.

So geht Erinnerung: Man merkt sich ein Foto, einen Hund, eine Geschichte. Der Holocaust hat auch die Details, das Spezifische jüdischen Lebens auslöschen wollen. Daher muss ein Mahnmal genau diese Dimension, den Schuhkarton voller Fotos, würdigen.

Man steigt blinzelnd wieder hinauf ans Tageslicht, mitten unter die Erinnerungsstelen, die plötzlich wie neu orientiert sind: Das Archiv richtet sie aus. Es ist daher auch gut, dass die digitalisierten Filme nicht im Internet stehen, sie müssen einen Ort haben, und dieser hier ist genau richtig.

Dieses Archiv ist von zentraler Bedeutung, und diese Bedeutung wird noch weiter wachsen, je weniger Zeitzeugen leben. Auf Dauer wird es bei der jetzigen Regelung, die eine Benutzung nur durch Schulklassen oder Wissenschaftler nach voriger Anmeldung vorsieht, nicht bleiben können. Diese Stimmen zu hören wird bald Grund genug sein, nach Berlin zu reisen.

An diesem Ort, nur wenige Meter von der früheren Reichskanzlei entfernt, klingen sie wie ewiger Widerspruch zur Todesstille, die man auch von hier aus für sie geplant hatte.

Quelle: F.A.S.
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