Geplantes Referendum

Was die Katalanen vom Fußball lernen können

Von Jakob Strobel Y Serra
 - 14:28

Hass, Häme, Hochmut, Abscheu, Missgunst, Verachtung, Selbstsucht, Schadenfreude, Überheblichkeit: Diese Abgründe menschlicher Charakterschwächen prägen seit mehr als hundert Jahren das Verhältnis zwischen den Anhängern des FC Barcelona und Real Madrids, der beiden größten, unerbittlichsten Rivalen im Weltfußball. Die gegenseitige Abneigung ist so groß, so gründlich, so grundsätzlich, dass es völlig ausgeschlossen ist, den einen Verein zu lieben, ohne den anderen zu verabscheuen.

Die Duelle der Erzkonkurrenten enden jedoch nicht in einem Massaker, weil sich die Spieler bei aller Unversöhnlichkeit gegenseitig respektieren und deren Fans weder vor noch nach dem Spiel als grölende Hooligan-Horden durch die Stadt marodieren, sondern sich wie gesittete Menschen benehmen. Und wenn die Situation doch einmal zu eskalieren droht wie in den Jahren 2010 bis 2013, als José Mourinho Madrids Trainer war und beide Klubs gegeneinander aufhetzte, siegte die Vernunft: Xavi Hernández und Iker Casillas, die Kapitäne von Barça und Real, wurden 2012 gemeinsam mit dem Prinz-von-Asturien-Preis ausgezeichnet, weil sie sich Mourinhos Infamie widersetzten und es nicht zum Krieg kommen ließen.

Viele Jahre lang durften nicht nur die Anhänger von Barcelona und Madrid, sondern alle Spanier hoffen, dass sich die Politik ein Vorbild am Fußball nehmen würde. An diesem Sonntag könnte diese Hoffnung endgültig zur Schimäre werden: Die Katalanen wollen um jeden Preis über ihre Unabhängigkeit von Spanien abstimmen, die Zentralregierung in Madrid will das um jeden Preis verhindern. Und nirgendwo sind ein Xavi Hernández oder Iker Casillas in Sicht, nur Sturköpfe wie der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy und der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont, die Maß und Vernunft dem Fanatismus und der Verbohrtheit geopfert haben. Der eine ordnet Razzien in Ministerien an, hetzt die Guardia Civil auf die Barceloneser, lässt gewählte Volksvertreter verhaften; der andere gießt Öl ins Separatistenfeuer, besäuft sich am Nationalismus, pfeift auf die Konsequenzen – und beide fühlen sich dabei auch noch als patriotische Helden und nicht als das, was sie sind: politische Hooligans.

Die Fassungslosigkeit über die aktuelle Eskalation, die angesichts der politischen Besonnenheit der Spanier seit Francos Tod umso mehr verstört, hat eine lange Vorgeschichte: Das Autonomiestatut Kataloniens stammt aus dem postfranquistischen Jahr 1978 und sollte 2006 durch eine reformierte Regelung ersetzt werden. Die Cortes, das nationale Parlament, verabschiedete sie, König Juan Carlos I. unterzeichnete sie – doch der Partido Popular (PP), die Partei des heutigen Ministerpräsidenten Rajoy, zog vor das Verfassungsgericht, das nach vier quälenden Jahren Beratungszeit das neue Statut für verfassungswidrig erklärte. Seither herrscht eine Mischung aus eisigem Schweigen und hitzigen Vorwürfen zwischen Madrid und Barcelona.

Vor dem Referendum
Demonstrationen für die Unabhängigkeit von Katalonien
© AFP, Reuters

Es gibt hier nicht die Guten und die Bösen.

Spätestens seit der höchstrichterlichen Entscheidung radikalisieren sich immer mehr Katalanen, weil sie davon überzeugt sind, von den zentralistischen Kräften kompromisslos und systematisch unterdrückt zu werden – eine Grundstimmung, die sich mittlerweile bis zur Hysterie gesteigert hat und die vor allem von den konservativen Ministerpräsidenten Aznar und Rajoy geschürt wurde: Sie bauten nämlich das Netz des Hochgeschwindigkeitszuges AVE erst von Madrid in die tiefste Provinz des neuen und alten Kastiliens aus, bevor sie endlich den Katalanen eine Trasse von der Hauptstadt nach Barcelona spendierten; sie bevorzugten bei der Planung mautfreier Autobahnen jede andere Region, nur nicht Katalonien, mit der Konsequenz, dass man heute in der hintersten Extremadura auf Geisterschnellstraßen dahingleitet, während man zwischen Girona und Lleida mautpflichtig im Stau steht; und sie verteilten die Steuereinnahmen, die Katalonien fast vollständig an die Zentralregierung abzuführen hat, nach Gutsherrenart und Korruptionslaune, und zwar meistens an Landstriche, die jedes Separatismus unverdächtig sind.So wurden die Klage über die Madrider Selbstherrlichkeit und der Ruf nach der Befreiung vom zentralistischen Joch zur täglichen Litanei, angestimmt nicht nur von Politikern und Lobbyisten, sondern auch von den Bürgern Kataloniens, die Madrids Willkür Tag für Tag am eigenen Leib erleben.

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Doch so recht sie auch haben, so gerechtfertigt ihr Frust, so skandalös die Totalverweigerung Rajoys, des Hauptschuldigen an dieser Staatskrise, auch ist: Es kann keine Lösung sein, aus dem gemeinsamen Haus auszuziehen und Zuflucht in der Obdachlosigkeit der Unabhängigkeit vor den verschlossenen Toren der Europäischen Union zu suchen. Es hat keinen Zweck, Madrids Sturheit mit dem Starrsinn des Esels, des katalanischen Wappentiers, zu beantworten. Es ist Unsinn, in der Diskussion nur die Maximalforderung der Unabhängigkeit zu stellen, anstatt nach Kompromissen in einzelnen Sachfragen zu suchen, von denen seit langem keine Rede mehr ist. Und es wäre weder der Untergang Spaniens noch des Abendlandes, wenn man die Katalanen in einem legalen Rahmen über ihre Unabhängigkeit abstimmen ließe – in aller Besonnenheit, mit einer nüchternen Abwägung aller Konsequenzen, vor allem der ökonomischen. Dass sich das Thema dann nicht von selbst erledigte, ist angesichts der Neigung der Katalanen, ihr Portemonnaie mit Stacheldraht zu umwickeln, ohnehin wahrscheinlich.

Es gibt hier nicht die Guten und die Bösen. Die Katalanen sind kein geknechtetes Volk in einem ausgeplünderten Land, durch das Madrids Steuereintreiber mit Schlägertrupps im Schlepptau reiten. Sie sind auch kein volkswirtschaftlicher Samson, dem die Zentralregierung heimtückisch das Haar abschneidet. Barcelona mag eine kraftstrotzende Metropolenregion sein, der Tourismus an der Costa Brava und Costa Daurada floriert, aber schon wenige Kilometer jenseits dieser Wohlstandszentren ist Katalonien alles andere als das Land des fließenden Honigs.

Die Rückständigkeit der Dörfer im Priorat oder in der Garrotxa erreicht jedenfalls spanisches Normalmaß. Die Mär von der Überlegenheit des katalanischen Unternehmergeistes lässt sich in stillen Städtchen wie Vic oder Olot auch mit der dicksten Tünche Nationalismus nicht aufrechterhalten. Und das Gerede von der Einzigartigkeit Kataloniens, das nichts mit dem Rest der Iberischen Halbinsel zu schaffen habe, entlarvt sich bei jeder Rundreise durch Spanien als Unsinn: Natürlich haben die Sevillaner ein anderes Temperament als die Tarragoneser; doch spätestens beim Kaffee an der Bar oder dem Apéritiv auf der Plaza Mayor begreift jeder, dass die Charakterunterschiede bestenfalls Nuancen sind, dass man es vielleicht nicht mit Brüdern, aber doch mit Cousins zu tun hat. Was wiederum geschähe, wenn katalanische Politiker alle Macht in ihren Händen hielten, mag man sich spätestens seit dem Fall des Nationalhelden Jordi Pujol lieber nicht vorstellen – dieses vermeintlichen Saubermannes, der als Regierungschef genauso korrupt war wie seine nationalspanischen Kumpanen und damit die Autosuggestion von der moralischen Überlegenheit des „homo politicus catalanensis“, eines Königsarguments der Separatisten, im Alleingang diskreditierte.

Im Fußball gibt es einen Schiedsrichter. In der Politik existiert er nicht, und König Felipe VI. für diese Rolle in die Pflicht nehmen zu wollen widerspricht der Verfassungswirklichkeit. Im Übrigen hat der König schon oft genug alle Beteiligten vergeblich zur Räson gerufen. Im Fußball wirft man, wenn gar nichts mehr hilft, den Trainer raus. Vermutlich ist das die letzte Hoffnung, die Spanien und Katalonien bleibt: ein Xavi statt eines Carles, ein Iker statt eines Mariano, Vernunft statt Fanatismus, wahrer Föderalismus statt des Gebells von Herr und Hund. Und uns bliebe dann die fürchterliche Vorstellung erspart, in unser wunderbares Mutterland Katalonien zu fahren, ohne dabei Spanien, das lebenswerteste aller Länder, zu betreten – in einen antiquierten Nationalkleinstaat, in dem der FC Barcelona gegen seinen eigenen Vorstadtverein FC Badalona kicken müsste.

Quelle: F.A.Z.
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