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Philosoph Michael Sandel

Warum wir Trump noch nicht verstanden haben

Von Paul Ingendaay
 - 15:01

Der Philosoph, so könnte man sagen, erweist sich im einzelnen Wort. Jedem. Michael Sandel, Harvard-Professor und Buchautor mit millionenstarker Anhängerschaft, bezeichnet die Befindlichkeit der Trump-Wähler an diesem warmen Abend mit dem vornehmen Pluralbegriff „grievances“. Man kann sich die Polsterung gleich dazudenken. Es ist ein neutralisierendes, nicht beleidigendes Wort. „Grievances“ wären etwa körperliche Beschwerden, derentwegen man zum Arzt muss. „Grievances“ können Klagen sein, auch Unbehagen, ja selbst Groll und Ressentiment. Jedenfalls ist etwas nicht in Ordnung, es schwärt und hinterlässt Spuren, und wer solche „grievances“ im anderen erkennt, spricht ihnen schon eine gewisse Legitimität zu. Damit stellt der Redner in der American Academy in Berlin seinem Publikum im vollbesetzten Saal (in angrenzenden Räumen sitzen weitere Menschen vor Videoschirmen) die implizite Frage, ob sie den inneren Zustand dieser Menschen – der Trump-Wähler – überhaupt verstanden hätten?

Sandels Antwort heißt: Nein, eher nicht. Wir haben nicht verstanden. Fast achtzehn Monate nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten haben „wir“ (die Wähler von „Mitte-links, Mitte-rechts“, wie der Vortragende präzisiert) noch immer nicht begriffen, was im November 2016 geschehen ist, warum es geschehen musste und was daraus folgt. Er selbst hat schon ein halbes Jahr vor der Trump-Wahl in einem Interview gesagt, der Aufstand der Enttäuschten sei „legitim“, aber das dürfte ihm kaum ein Trost gewesen sein. Die Demokraten, so Sandel, hätten trotz verheerender Umfragewerte für Trump bis heute kein Gegenprogramm, ja sie schienen noch nicht einmal mit dem Nachdenken begonnen zu haben. Es ist, als hofften sie nur darauf, durch die Ermittlungen von Robert Mueller zu Trumps Russland-Connection von dem peinlichen Mann erlöst zu werden, statt an das Verfertigen frischer Ideen zu gehen.

Patriotismus lässt sich nicht einfach wegerklären

„Populismus, Trump und die Zukunft der Demokratie“ hieß der Vortrag in der American Academy, aber eigentlich ging es dem Redner um „uns“, die Nachdenklichen, die sich über ihren eigenen Demokratiebegriff schon seit langem keine Gedanken mehr machen mussten. Um uns, die den Mann im Weißen Haus unmöglich finden, ihn am liebsten schon wegen der frauenverachtenden Sprüche hochkant rauswerfen würden, zu schweigen von seiner kindischen Großsprecherei und den bedenkenlos ausgesprochenen Drohungen mit Amerikas militärischer Übermacht. Das aber tut ein Kommunitarist wie Michael Sandel: Er fragt sich, wie andere die Welt sehen und wie diese Sicht ihr Weltbild formt. Er entdeckt sogar das, was den Milliardär Trump mit seinen mittellosen Fans verbindet: gedemütigt worden zu sein und Groll zu empfinden.

Mindestens vier schwere Versäumnisse habe sich das Mainstream-Amerika vorzuwerfen, erklärt der Philosoph. Man habe nicht erkannt, was die schreiende Ungleichheit der Einkommen bewirkt; wie der Hochmut der „meritocracy“ bei einfachen Leuten ankommt; wohin es Menschen treibt, denen die Würde ihrer Arbeit genommen wurde; und dass sich Patriotismus, in welcher Färbung auch immer, nicht wegerklären lässt.

Klicks von allen Kontinenten

Hinter diesem Befund steht nicht einfach die „Globalisierung“, sondern auch der schleichende Übergang von der Marktwirtschaft in die Marktgesellschaft, der manche demokratische Selbstverständlichkeit untergraben hat. Sandel hat diesen Wandel in seinem Buch „Was man für Geld nicht kaufen kann: Die moralischen Grenzen des Marktes“ (2012) nachgezeichnet und vehement kritisiert. So viele Dinge sind heute käuflich geworden, vom Zellen-Upgrade im Knast (82 Dollar die Nacht) bis zur Schießerlaubnis fürs Schwarze Nashorn (150.000 Dollar), dass Ärmere kaum noch an den Zusammenhalt der Gesellschaft glauben können. Auch der Zugang zur Elite-Uni oder das Recht, eine Tonne Kohlenstoff in die Welt zu pusten, ist käuflich geworden. „Nicht, dass wir uns bewusst dafür entschieden hätten“, schreibt Sandel. „Es scheint einfach über uns gekommen zu sein.“

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Vor dem Hintergrund der Prämierung von Gier und Egoismus erhält auch das Thema von Sandels Bestseller „Gerechtigkeit“ (2013) Brisanz. Was kann, was soll der Einzelne als Teil einer größeren Gemeinschaft tun? Wonach richten sich seine Überzeugungen, und auf welche darf er bei seinem Nächsten zählen? Sandel, ein amerikanischer Linker, denkt allerdings nicht parteistrategisch. Im Lauf seines Vortrags streift er Themen, die jeden umtreiben müssten, etwa die Frustration über mangelnde Teilhabe am Prozess demokratischer Entscheidungsfindung oder die weitgehende Tatenlosigkeit der Regierung angesichts der Zockermentalität der Banken. Warum, so fragt er, habe Obama nach dem Crash der Finanzmärkte die Investmenthäuser mit vielen Milliarden Dollar im Rennen gehalten? Warum ging das Geld der Steuerzahler nicht an die Opfer, die in Not geratenen Hypothekenzahler, die überschuldeten Privathaushalte? Man ahnt die Antwort: die Finanzmärkte! Sandel sieht in der Kapitulation des Präsidenten, der mit dem gewaltigen Idealismus seiner Wählerschaft ins Amt gehoben wurde, vor der Finanzelite seines Landes eine der Kardinalsünden der ersten Legislaturperiode. Da hatte Obamas Amtszeit gerade angefangen, und bald waren die hehren Hoffnungen auf moralische Führungskraft dahin. Zurück blieb Katzenjammer.

Die eigentliche Bedeutung des Philosophen Michael Sandel liegt in seiner staunenerregenden Reichweite, darin, wen er auf welche Weise anspricht. Vor zehn Jahren, fast noch in der Frühgeschichte des Internets, dachten die Harvard-Oberen, es wäre doch mal interessant, Sandel-Vorlesungen mit mehreren Kameras zu filmen und im Fernsehen anzubieten. Streaming war damals noch kein Thema, aber eine Website, die wollte man sich basteln, weil das jeder so macht. Innerhalb kurzer Zeit, so erzählt der Philosoph im Gespräch, verwandelte sich seine unter reger Publikumsbeteiligung gehaltene Vorlesung „Justice“ in ein Phänomen im Netz, und die Klicks von allen Kontinenten ließen die Zahl der Fernsehzuschauer weit hinter sich. Wer heute Sandels Kurs auf Youtube schaut – die elfhundert Plätze im Harvard-Auditorium werden inzwischen verlost –, ist Teil einer viele Millionen Menschen umfassenden globalen Gemeinde.

Der Mut, die Argumente anderer gelten zu lassen

Auch wenn das Berliner Publikum ihm aufmerksam folgte, Sandels eigentliche Zielgruppe sind Menschen von achtzehn bis vierundzwanzig Jahren. Studenten, die lesen, sich ins Gespräch verwickeln lassen und mit sichtbarem Enthusiasmus auf die dialogische Methode ihres Professors reagieren. Dass manche Probleme dabei vereinfacht und passgerecht zugeschnitten werden müssen, gehört zum Geschäft. Das Zauberwort heißt Teilhabe: Ständig wandern Mikrofone durch den Saal und erlauben echte Dispute. Der Philosoph moderiert, stellt Fragen, sät Zweifel, aber nur, damit seinen Zuhörern die ethischen Implikationen der Debatte aufgehen und der Apparat fürs Selberdenken angeworfen wird. In der BBC-Serie „Global Philosopher“ agiert Sandel im Studio gar mit sechzig Bildschirmen zugleich, die ihm Stimmen von Studenten aus aller Welt zuspielen. Um zu wissen, wie die Zukunft unserer Gesellschaften aussieht, müssten wir uns vorstellen können, wie dieses Philosophieren in den Köpfen weiterwirkt.

Sandel ist in der Begegnung ein zurückhaltender Mann, kein Bühnentier. Höflich, abwartend, leise Stimme. Aber es spricht Stolz aus ihm, wenn er berichtet, wie sein Vortragsstil Kreise zieht und auch in Asien auf enormes Interesse stößt. Wir sprechen, mit Blick auf den Wannsee, über seine prägenden Erfahrungen mit jungen Leuten. „Ich hätte nie zu träumen gewagt, dass Dutzende Millionen Menschen auf der ganzen Welt Lust haben könnten, sich Philosophie anzuschauen“, sagt er. „Es war ein Schock für mich! Wir wollten nur experimentieren, wir fragten uns: Kann man Philosophieseminare zu einem öffentlichen Gut machen? Oder sind sie ein Privileg für wenige?“ Sein schönstes Erlebnis bleibt, wie Studenten mitten im Reden dazu gebracht wurden, ihre eigenen Prämissen in Zweifel zu ziehen und neu nachzudenken. „Es kostet Mut, innezuhalten und das Argument der anderen Seite gelten zu lassen. Nicht gewinnen zu wollen, sondern die Wahrheit zu suchen. Das ist ein bewegender Augenblick.“

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Harvard UniversitätVortrag von Professor Michael Sandel zu Gerechtigkeit

Quelle: F.A.Z.
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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