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Aleppo als Signal

Haben wir versagt?

Von Karen Krüger
 - 15:49
Aleppo im Dezember 2016 Bild: Reuters, F.A.S.

Das Versagen der westlichen Welt werden die Menschen in Syrien nicht vergessen. Die Folgen haben sich in ihre Seelen und Körper eingeschrieben. Die politische Opposition gegen Assad, die vor fünf Jahren mit Ideen wie Freiheit und Demokratie angetreten war, sieht sich von ihren internationalen Unterstützern verraten, genauso die Zivilisten. Dass die Enttäuschung bei einigen in Wut umschlägt, das war am Ende dieser Woche in den sozialen Medien in den Postings aus Aleppo ablesbar.

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Schon nach den Anschlägen von Paris war von einer „Generation Syrien“ die Rede gewesen; von jungen Männern, deren Frustration über die Indifferenz der internationalen Gemeinschaft gegenüber dem Krieg in Syrien Anlass für ein Abgleiten in den Extremismus sein könnte, der womöglich irgendwann auch Europa erreicht. Mit dem Fall von Aleppo ist dieses Risiko nicht geringer geworden. Ein Eintreten für Aleppo wäre in diesem Sinn auch eines für die eigene Sicherheit gewesen. Gleichzeitig wäre es ein Kampf gewesen um die Durchsetzung eigener Werte und ein Signal, dass ein Menschenleben in Syrien genauso viel bedeutet wie ein Menschenleben hier. Man hätte ein Zeichen setzen können - dort, aber auch hier. Denn auch in Europa gibt es mittlerweile eine „Generation Syrien“, die, wenn auch aus anderen Gründen, nicht weniger beunruhigend für die gesellschaftliche Entwicklung ist.

Kollektive Betroffenheit aus Emoticons und Likes

Die Generation Syrien, von der hier die Rede sein soll, das sind Politiker und Nicht-Politiker, die in Sicherheit und relativem Wohlstand leben. Erst jetzt, da es zu spät ist, bekundet sie angesichts der Tragödie von Aleppo Entsetzen. Warum fanden sich nicht schon früher Menschen zusammen, um wenigstens Solidarität und Mitgefühl zu zeigen? Die Botschaft hätte die Eingeschlossenen erreicht. Die Generation Syrien hörte ihre Hilferufe, bezog aber keine Stellung. Anders als bei der genozidären Gewalt in Ruanda und Srebrenica, bei der die Weltgemeinschaft ebenfalls versagte und an die nun gerne erinnert wird, konnte man das Sterben in Aleppo in Echtzeit auf Youtube, Twitter und Whatsapp mitverfolgen: Oppositionelle Syrer dokumentierten die Bombardierung von Krankenhäusern und Schulen, den Einsatz von Giftgas und Fassbomben und ihr Warten auf den Tod. Sie erzählten etwa von Kindern, die einem russischen Luftangriff zum Opfer fielen, von der Bombardierung des Beerdigungszugs durch syrische Kampfjets und wie dann auch noch die Helfer bei der Bergung der Verwundeten bombardiert wurden - allein im September und Oktober dieses Jahres sind 400 Zivilisten getötet worden, darunter 90 Kinder.

Syrien
Evakuierung Ost-Aleppos unterbrochen

Die Menschen in Aleppo glaubten daran, die Welt mit ihren Augenzeugenberichten und persönlichen Videobotschaften zum Handeln bewegen zu können. Zumal ihre Stadt ein Symbol war für den Beginn der vom Westen begrüßten Arabellion; im Ostteil Aleppos war es gelungen, eine politische Alternative zur Diktatur aufzubauen. Doch wer damals aus Aleppo um Hilfe rief, wurde zumindest von einem Großteil der linken Öffentlichkeit als mutmaßlicher Islamist abgetan - Syrien ist nicht nur fern, sondern für viele vor allem ein Land des Islams, weshalb allem, was von dort kommt, mit Misstrauen begegnet wird. Niemand weiß das besser als die Flüchtlinge. Kommen sie her, ist es nicht recht, bleiben sie in ihrer Heimat, um sich gegen das mörderische Assad-Regime zu stellen, können sie nicht auf Unterstützung vertrauen. Die Aufnahmen von Omran D., dem verletzten Jungen, der mit blutverschmiertem und mit Staub bedecktem Gesicht im Krankenwagen sitzt und apathisch in die Leere starrt, nachdem Helfer ihn aus seinem zerbombten Haus in Aleppo getragen hatten, wurden auf der ganzen Welt als ikonenhaftes Symbol für das Leid der Kinder von Aleppo aufgefasst, die Screenshots millionenfach geteilt. Aus der kollektiven Betroffenheit resultierten nur Emoticons und Likes. Aber wäre mit dem Anklicken und Weitergeben von Nachrichten aus Aleppo nicht auch eine neue Verantwortung verbunden gewesen?

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Ein Signal an alle Despoten dieser Welt

Womöglich ist das Eintreten gegen Krieg und Vernichtung in einer Gesellschaft, in der man von manchen als „Gutmensch“ beschimpft wird, wenn man sich für Flüchtlinge engagiert, zu unpopulär geworden. Tausende gingen in den vergangenen Jahren in Europa auf die Straße, um gegen TTIP zu protestieren, und bauten damit erfolgreich Handlungsdruck auf die Regierungen auf. Massenhafte Kundgebungen gegen Syrien, Russland, Iran oder gegen das Nicht-Eingreifen der westlichen Staatengemeinschaft blieben jedoch aus. Dabei hätte Assad durch eine rechtzeitige Militärintervention gestoppt werden können. Doch Europa und seine Bürger schauten, was Präsident Obama macht: Er hatte seinen Wählern versprochen, nach den Einsätzen in Afghanistan und im Irak zurückhaltend vorzugehen. Nachdem Russland sich auf die Seite des syrischen Regimes gestellt hatte, war klar, dass ein westliches Eingreifen nicht Frieden, sondern einen weiteren Weltkrieg bedeuten würde.

Moskaus Handeln tut der offenen Russlandbewunderung, die sich breitmacht, jedoch offenbar keinen Abbruch, und das ist vielleicht das Beunruhigendste. Immer mehr wird das Autoritäre und Populistische verehrt. Die Populisten und Brexit-Nacheiferer predigen das Eintreten für nationale Interessen und pfeifen auf internationale Bündnispolitik. Sie tendieren zu unilateralen Schritten oder dazu, kleine Koalitionen zu schmieden, um anderen den eigenen Willen aufzuzwingen. Das trägt nicht dazu bei, Organisationen wie die UN als Instanz zur Konfliktlösung zu stärken. Und es ist gleichzeitig ein Signal an alle Despoten dieser Welt, dass Einmischung kaum zu befürchten ist. Nicht zufällig setzten Syrien und Russland zu ihrer Großoffensive ausgerechnet Mitte November an, eine knappe Woche nach den amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Donald Trump, der designierte Chef im Weißen Haus, hatte zuvor bekanntgegeben, er wolle gute Beziehungen zu Moskau und halte nichts von amerikanischen Interventionen bei internationalen Konflikten.

Warum sich Assad und seine Verbündeten nicht schämen

In dieser Woche, in der Baschar al-Assad und dessen Verbündete zum finalen Sturm auf Aleppo angesetzt haben, die ehemalige UN-Chefanklägerin Carla Del Ponte von einem „Genozid“ sprach und die westliche Welt in ihrer aufflammenden Erinnerung an Ruanda und Srebrenica in einen „Niemals wieder“-Klagechor verfiel, da hat die amerikanische UN-Botschafterin Samantha Power vor dem Sicherheitsrat eine Rede gehalten. Verantwortlich für den „kompletten Kollaps der Menschlichkeit“ in Aleppo seien Assad, Russland und Iran; der syrische Diktator und dessen Verbündete allein trügen die Schuld an den verübten Greueltaten. In Richtung des russischen Botschafters fragte Power: „Schämen Sie sich gar nicht? Sind Sie unfähig, so etwas zu empfinden?“

Der öffentliche Beifall, der auf die Rede folgte, war Power gewiss. Genau genommen implizierte die von der Botschafterin versuchte Zuweisung von Scham jedoch die Behauptung, das in Aleppo begangene Verbrechen sei keine beabsichtigte Tat gewesen. Scham drängt sich schließlich nur dann auf, wenn das eigene Handeln das Ideal, das man von sich selbst oder gegenüber der eigenen Bezugsgruppe hat, erheblich unterschreitet. Im Falle von Aleppo ist das bei Assad und dessen Verbündeten aber garantiert nicht der Fall. Alle drei wollen den Krieg unbedingt gewinnen; die Tötung und das Aushungern der Zivilisten waren intendiert. Zugrunde lagen Entscheidungen, die genauso bewusst getroffen worden sind wie Präsident Obamas Beschluss, auch dann von einer Intervention abzusehen, als Assad die von ihm gezogene „Rote Linie“ durch den Einsatz von Chemiewaffen längst überschritten hatte. Powers Rede war ergreifend, zielte aber nach Monaten gescheiterter Diplomatie wohl eher darauf ab, sich selbst und ihr Land ins richtige moralische Licht zu setzen. Andere, auch Bundeskanzlerin Merkel, sollten im Verlauf der Woche folgen.

Erdogan scheint Assads Lektion schon verinnerlicht zu haben

Die Generation Syrien hörte zu, als Russlands Außenminister Sergej Lawrow sagte: „Wer sich weigert, Aleppo freiwillig zu verlassen, der wird vernichtet.“ Die Generation Syrien sah, dass immer neue Angriffe, die das russische und syrische Fernsehen als heldenhaft feierten, den Menschen die Flucht jedoch unmöglich machten. Und nun, da die Stadt eingenommen ist, da sie „befreit“ ist, wie es in Damaskus, Moskau und Teheran heißt, da verherrlicht Assad den Sieg als Beweis für sein höheres Sein. In einer am Donnerstag veröffentlichten Videobotschaft sagte er, die „Befreiung“ von Aleppo sei ein historischer Wendepunkt, vergleichbar mit der Geburt Christi, der Offenbarung des Korans, dem Zusammenbruch des sowjetischen Reiches; ja vergleichbar mit den beiden Weltkriegen. Es werde Geschichte geschrieben in diesem Augenblick: „Das Schreiben dieser Geschichte hat jedoch nicht heute begonnen. Es begann vor sechs Jahren, als die Krise und der Krieg in Syrien ihren Anfang nahmen“, sagte Assad.

Die Generation Syrien wird sich daran gewöhnen müssen, dass mit dem Argument der Terrorbekämpfung selbst Gewalt gegen die eigene Bevölkerung gerechtfertigt werden kann. Formen von genozidärer Gewalt, wie sie in Syrien zu beobachten sind, gehen normalerweise Prozesse der rassischen oder ethnischen Zuschreibungen voraus. Sie katapultierten eine Bevölkerungsgruppe aus jenen Kategorien des Fühlens, Denkens und Handelns, die man auf sich selbst anwendet, und machten damit den Tod der Betroffenen bedeutungslos. Im Falle von Aleppo wurden die Rebellen und die übrigen Bewohner hingegen als Terroristen stigmatisiert. Zumindest der türkische Staatspräsident Erdogan scheint die Lektion, die Assad damit der Welt erteilt hat, schon verinnerlicht zu haben.

Just an dem Tag, an dem Assad die „Befreiung“ Aleppos verkündete, rief Erdogan in der Türkei zur „Nationalen Mobilisierung gegen den Terrorismus“ auf - nicht ohne freilich vorher den Niedergang Aleppos öffentlichkeitswirksam beweint zu haben. Die türkische Bevölkerung solle gegen alle vorgehen, die nach der Definition Ankaras Terroristen sind. Gemeint sind also nicht nur IS-Kämpfer, die in der Türkei wiederholt Attentate verübt haben, oder Anhänger der PKK und deren Splittergruppen, von denen sich eine zu den verheerenden Anschlägen vom 10. Dezember in Istanbul bekannt hat. Gemeint sind vielmehr auch jene, die von der türkischen Regierung überdies zu Terroristen erklärt worden sind: Anhänger von Fethullah Gülen, kritische Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Mitglieder der von Kurden dominierten Partei HDP. Und letztendlich geht auch Trump mit dem Argument der Terrorismusbekämpfung gegen die eigene Bevölkerung vor, wenn er alle muslimischen Amerikaner unter den Generalverdacht des Terrorismus stellt und ankündigt, diese ausweisen zu wollen. Schon jetzt zeichnet sich ab, welche Folgen die Stigmatisierung haben kann - seit den Präsidentschaftswahlen haben die Übergriffe auf Muslime in den Vereinigten Staaten zugenommen.

Auch wenn Samantha Power und andere Diplomaten und Politiker nun so tun, als ob: Die Zuweisung von Scham hat noch nie funktioniert. Scham überkommt einen oder nicht, und deshalb hat der russische Vertreter im Sicherheitsrat, Witalij Tschurkin, auch zynisch auf die Rede der UN-Botschafterin reagiert. Power agiere, als wäre sie Mutter Teresa, sagte er. Sie solle sich klarmachen, welches Land sie vertrete, und noch mal überlegen, ob sie wirklich aus einer moralischen Überlegenheit sprechen könne. „Am Ende wird Gott darüber richten, wer wirklich die Schuld trägt“, sagte Tschurkin. Wohl wissend freilich, dass Russland und China im UN-Sicherheitsrat alle Versuche der Strafverfolgung in Syrien blockiert haben. Doch es wäre möglich, dass die UN-Vollversammlung, in der es kein Veto-Recht gibt, eine solche Strafverfolgung beschließt. Es wäre das Mindeste, dass die Generation Syrien wenigstens dafür eintritt. Und sie sollte jetzt, da die persönlichen Nachrichten aus Syrien nach der vollständigen Eroberung von Aleppo zwar weniger werden, aber sicherlich nicht ganz abreißen, sich klarmachen, dass mit der medialen Teilhabe an dem Krieg, diesem Mitwissen an begangenen Verbrechen, auch eine neue Form der Verantwortung verbunden ist. Egal, aus welchem Teil der Welt die Botschaften kommen.

Quelle: F.A.S.
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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