Unterwegs in der Ukraine

Der Soldat und die Braut

Von Anna Prizkau
 - 11:56
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Diese Liebesgeschichte geht so: Ein junger Soldat an der Front. Ein Tag beinahe ohne Beschuss. Er schaut in sein Telefon, schaut sich die Fotos der Freunde im Internet an. Ihnen schreibt er kaum noch, denn sie schreiben immer dasselbe: dass er zurückkommen solle, weg von der Front. Er sieht das Bild einer Bekannten eines Bekannten und schreibt ihr. Er sitzt im Krieg, sie sitzt im Frieden. Dann Liebe.

„Nichts daran war Romantik“, sagt der junge Soldat. Er ist 21, sieht aus wie ein Popstar, wie Justin Bieber, aber in jung. „Ich wollte da einfach mit jemandem sprechen, mit wem, war mir egal.“ Morgen heiratet er das Mädchen, mit dem er an der Front im Internet sprach. Heute sitzt er in Kropywnyzkyj, einer trägen, gemütlichen Stadt in der Zentralukraine. Hier ist die Basis des 3. Regiments der ukrainischen Spezialeinheit Speznas. Seit vier Jahren ist Krieg in der Ostukraine, und weil alle Kriege sich gleichen, gehen auch in diesem Krieg besonders viele Menschen in Kirchen, um Ringe zu tauschen. Im Frieden gibt es weniger Hochzeiten. So war das immer und überall und wird immer so sein.

Seine Einsätze sind verdeckte Einsätze

Der Name des jungen Soldaten darf hier nicht stehen, sein Gesicht dürfen Bilder nicht zeigen. Denn die Einsätze der Speznas sind verdeckte Einsätze. Es geht um die Beobachtung der Separatisten im Osten, um ihre Bewegung, um ihre Technik. Kriegssachen, die für Menschen im Frieden nach Fiktion, nach Kriegsfilmen klingen. Doch eine Stadt wie Kropywnyzkyj kommt in solchen Filmen nicht vor, sie ist zu friedlich. Liegt fünf Stunden Zugfahrt von Kiew entfernt.

Im Zug einen Tag vor dem Treffen mit dem jungen Soldaten und zwei Tage vor seiner Hochzeit, eine andere Liebesgeschichte, eine unglückliche: Die alten blauen Waggons haben seit Stunden schon keine Lust, Fahrt aufzunehmen, schleppen sich müde durch die ukrainische Nacht. Ein ohrenzerreißender Lärm kommt aus dem Durchgangsraum zwischen zwei Wagen. Es klingt so, als ob jemand dort einem Kater auf seinen Schwanz tritt – und nach vier, fünf Minuten noch einmal drauf tritt und immer so weiter. Doch da ist kein Kater, nur ein Mann, von dem die Schreie kommen. Er ist vielleicht Ende zwanzig, sitzt auf dem Boden, in der einen Hand Bier, in der anderen die Zigarette – im Durchgangsraum ist Rauchen offiziell nicht erlaubt, aber üblich. Es ist Wowa, ein Veteran. Doch ein echtes Gespräch mit ihm geht nicht. Wowa sagt immer wieder und nur, dass er Wowa und Veteran ist. „Meine Liebe“, sagt er dann doch noch; mal zur Zigarette, mal zu der Flasche, und danach schreit er wieder. Auf einmal drückt sich jemand in den Durchgangsraum rein. Ein kleinerer Mann mit dünnen Armen und alten, erfahrenen Augen. Anscheinend ist er Wowas Freund, aufmerksam und vorsichtig wie ein Chirurg nimmt er ihm das Bier aus der Hand, zündet sich auch eine an und sagt: „Alles ist in Ordnung.“ Wowa schließt seine Augen.

„Entschuldigung, der hatte heute zu viel“, sagt der erfahrene Dünne zu mir, schaut auf die Packung der Zigaretten, die meine Hand hält, sieht die deutschen Buchstaben, die auf dem Warnhinweis stehen, und fragt: „Tourist? Oder was machst du hier?“

Nein, Journalist. Ich fahre zur Hochzeit eines Soldaten, will darüber schreiben, sage ich.

„Über was?“

Über Liebe im Krieg. Weil im Krieg so viele heiraten.

Der Dünne schaut zu Wowa, der schläft, und dann sagt er leise, um seinen Freund nicht zu wecken: „Klar, Krieg bringt die Menschen zum Heiraten. Und danach zur Scheidung. Und später zum Saufen. Siehst du?“ Seine linke Hand streichelt den Kopf des träumenden Wowa. Dann erzählt er von seiner alten Brigade, auch Wowas alter Brigade. Sie meldeten sich freiwillig, ihre Verträge mit der Armee endeten in diesem Frühjahr. „Vier Jahre reichten“, sagt der dünne Betrunkenenfreund. In diesen vier Jahren starben 28 Männer aus seiner Truppe, sieben davon töteten keine Granatsplitter und keine Kugeln, sondern der Wodka. „Rechne das mal in Prozente“, sagt er und reicht mir die Flasche von Wowa: „Ein Schluck?“

Danke, nein. Gute Nacht.

Eine blaue Plane, die alles verrät

Am nächsten Tag schneidet die scharfe Sonne von Kropywnyzkyj Sonnenbrand in die Haut. Die Stadt sieht sehr aufgeräumt aus, ist weit weg von der Front. Dass es überhaupt eine Front gibt in diesem Land, sieht man in dieser Stadt zuerst nicht. Menschen sitzen in Restaurants, spazieren im Park, küssen sich vor den Springbrunnen, handeln um Gurken oder Tomaten an kleinen Ständen, die Gurken und Tomaten verkaufen. Doch da ist eine blaue Plane, die alles verrät, gespannt zwischen Säulen eines übergelb angemalten herrschaftlichen Gebäudes, vielleicht 19. Jahrhundert, vielleicht etwas jünger. Auf der Plane steht „Donezker Nationale Medizinische Universität“.

„2014 wurde die Universität evakuiert, ist vom Osten zu uns in die Zentralukraine gezogen“, erklärt jetzt Serjoscha, ein Elitesoldat der Speznas. Er gibt gleich eine Führung durch das Basisgelände. Dort alte arme Baracken, feierliche große Gebäude. Alles in Rot. Überall Uniformen. Auch Serjoscha trägt eine, ist Ende dreißig, igelhaarig und blond. Er spricht vom Osten, Geschichten, die sich nach blutigen Filmen anhören, die für ihn Wirklichkeit sind. Am liebsten aber spricht er über die Schutzwesten der Bundeswehr, spricht über sie wie ein Verliebter über seine Geliebte. Dann zeigt er eine, streicht sanft über sie: „Sie ist so gut. Besser als alle! Besser als amerikanische, englische Westen. Einfach am besten.“ Noch eine Liebesgeschichte. Und Hunger. Es geht in die Kantine. Das Essen ist gut. Im Moment essen vielleicht einhundert Soldaten.

Wie groß ist das Regiment?

Serjoscha darf das nicht sagen.

Warum?

„Der Feind“, er macht eine Pause und dann, „schreib: Es sind viele.“

Mal ein paar Monate Front, dann wieder Basis

Das Leben auf dem Basisgelände sieht aus wie Ferienleben. Keine Eile. Ruhe. Sonne. Nur die Rekruten müssen was tun, sie üben Fallschirmlandung, springen von einem Podest, befestigt mit Seilen an Schienen. Die Frauen und Männer dieses Regiments rotieren im Osten. Mal ein paar Monate Front, dann wieder Basis, wieder Front, wieder Basis. Mal kürzer, mal länger.

„Der Anruf, dass man an die Front muss, kann jeden Tag kommen“, sagt jetzt der junge Soldat, der morgen heiraten will. Wir trinken halbkalten Kwas, ein Brotgetränk, vor dem Park gegenüber der Basis. Er erzählt diese Geschichte vom Kennenlernen im Internet an der Front und spricht dann von Liebe mit Worten des Krieges: „Ich fühle mich wie auf einem Minenfeld“, sagt er auf die Frage, ob er aufgeregt ist vor der Hochzeit. Mit 17 ging er in den Krieg, zu einem Freiwilligenbataillon, weil die Armee, die offizielle, keine Minderjährigen nahm.

Warum ging er?

„Ich bin ein geiziger Mensch, ich mag es nicht, wenn man mir Sachen wegnimmt, mein Land.“ Seine Popstaraugen lächeln, während er spricht. Auch dann, wenn er vom Tod spricht: „Die ersten drei Tage im Krieg saß ich zusammengekauert in irgendeinem Keller, dann erst habe ich verstanden, was der Tod ist. Dass er passieren wird. Ich musste mit ihm Frieden machen, dann ging’s.“

Es hört sich falsch an, dass der junge Mann so was erzählt, hört sich fast an, als ob er die Einsätze mag. Mag er etwa den Krieg?

Sein Blick sagt: Die Frage ist idiotisch. Dann sagt sein Mund: „Ich wollte vor zwei Jahren keinen Fuß mehr in die Kriegszone setzten, verließ das Freiwilligenbataillon. Doch danach kam nichts, keine Arbeit, kein Geld. Aber selbst wenn Arbeit da gewesen wäre, wäre es schwer, nach dem Krieg einfach so irgendetwas zu arbeiten. Da war ein Loch.“

Weggesperrt wie ein wildes Tier

Zwei Wochen war das Loch da, der junge Soldat langweilte sich in Drohobycz, seiner Heimatstadt. Dann der Anruf des dritten Regiments. Die Eliteeinheit, „eine Ehre“. Deshalb ist er jetzt hier in Kropywnyzkyj. Deshalb hat er seine Baldbraut gefunden, denn sie ist die Bekannte eines Speznas-Bekannten. Deshalb muss er jetzt weg. Hochzeitsstress, klar.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Die kleine Alte, die den Kwas verkauft– sie war vor Jahrzehnten sicher atemberaubend, das sieht man noch heute –, macht Pause, zündet sich eine an. Sie hat das Gespräch mitgehört, will auch was sagen, sagt sie. „Unsere Stadt, der friedliche Teil unseres Landes: Das ist ein Zoo. Alles ist schön und gepflegt“, sagt sie und zieht an der Slimline. „Wir schauen nach Osten wie in einen riesigen Käfig, da ist der Krieg, weggesperrt wie ein wildes Tier. Aber meistens essen wir Eis und schauen weg, das Tier interessiert uns kaum noch.“

Ist das gut oder schlecht?

Sie zuckt mit der linken Schulter, die rechte bleibt steif: „Damit wir hier Frieden haben können, brauchen wir diese Jungs, die für uns das Tier bewachen. Sie sterben, damit wir leben.“ Dann erklärt sie, dass prozentual die meisten Soldaten, die die Front tötete, aus der Region um Kropywnyzkyj kämen. Sie sagt es so, als sei das etwas Großes, etwas, worauf sie stolz ist. Vielleicht wird man im Krieg eben roh. Vielleicht werden die, die nicht sterben, trotzdem vernichtet, denke ich und dann an Wowa im Nachtzug. Vor dem Kwas-Stand versammeln sich Frauen mit Kindern. „Ich muss jetzt arbeiten“, sagt die kleine Alte.

Ist Krieg eine Arbeit?

„Arbeit“ nennen auch immer wieder Soldaten das, was sie machen. „Wir haben die Ringe nach der Arbeit zusammen ausgesucht“, sagt ein kleiner, kompakter Freund des jungen Soldaten am Hochzeitsmorgen vor dessen Haus. Der Bräutigam wird drinnen frisiert. Draußen stehen rechts die alten Freunde des jungen Soldaten aus Drohobycz und aus der Zeit, als er kein Soldat war. Links stehen die neuen Freunde, die, die er seit dem Krieg kennt. Sie sind in Zivil, denn Paradeuniformen hat im 3. Regiment noch nicht jeder. „Das Geld fehlt“, sagt einer, der neben dem kleinen Kompakten steht, ein Riese mit stechenden grüngrauen Augen. Ist Krieg eine Arbeit? Der Trauzeuge, er wird „der Tscheche“ genannt, nickt: „Eine schwere Arbeit, deshalb hör’ ich auch auf in zwei Wochen“, sagt er, und in diesem Moment kommt der junge Soldat aus dem Haus. Seine Haare sind nach oben geföhnt. Er trägt einen Verband über zwei Fingern.

„Was ist passiert?“, fragt der Tscheche.

„Du weißt doch, mein ganzes Leben ist Blut“, sagt der junge Soldat, und die Männer, die links stehen, lachen. Die, die rechts stehen, die alten Freunde, lachen nicht mit.

Dann steigen alle in einen Bus ein, der zur Braut fährt. Dort muss der junge Soldat sie „auslösen“. So ungefähr heißt der Brauch, der verlangt, dass der Vermählte beweist, wie gut er seine Frau kennt. Er muss auf Fragen antworten: die Ringgröße wissen, die Lieblingsfarbe und mehr. Erst danach darf er sie sehen. Der junge Soldat kennt sie gut, das zeigt er mit seinen Antworten. Nach zwanzig Minuten darf er zu ihr. Sie ist sanft und ist schlank, hat ein kindliches kleines Gesicht, nicht mal das viel zu dunkle Makeup lässt es erwachsen aussehen. Sie heißt Evgenija, aber alle nennen sie Schenja.

Normales Hochzeitsprogramm. Beinah

Schenja will, dass ihr junger Soldat mit dem Soldat-Sein aufhört. „Das wird er aber nicht“, sagt Oleh, ein Freund aus Drohobycz, während sich die Verliebten jetzt küssen. Sie steigen in ein weißes geschmücktes Auto. Wir in den Bus. Dann Standesamt. Kirche. Tränen. Essen im Restaurant. Normales Hochzeitsprogramm. Beinah. Denn die Sache mit den Hochzeitsaufnahmen ist kompliziert, die dürfen nicht mit Namen im Internet landen. Der kleine Kompakte und der grünäugige Riese weichen jeder Kamera aus. Nur der Tscheche posiert, denn er hört ja bald auf. Was macht er dann?

„Vielleicht gründe ich eine Familie“, sagt er.

„Familie passt besser in ein ziviles Leben“, sagt der Riese: „Meine Frau hat mich im vierten Kriegsjahr verlassen. Länger konnte sie es nicht ertragen. Es ist schwer.“

Der kleine Kompakte nickt, er ist zwar verheiratet, aber seine Frau lebt mit dem Kind Hunderte Kilometer entfernt. Will sie nicht herziehen?

„Nicht mehr“, sagt der Kompakte, mehr will er dazu nicht sagen, will tanzen.

Alle tanzen. Und zwischen den Tänzen halten sie Reden. Alle reden von Liebe und reden von Zukunft, wünschen dem Brautpaar die schönste, kinderreichste und friedlichste Zukunft der Welt. Liebe und Frieden im Krieg – es klingt schief, aber es passt. Weil Menschen sich nach Liebe und Frieden sehnen, und weil es Menschen sind, die Kriege führen.

Vor dem Restaurant wartet der igelhaarige blonde Serjoscha, er fährt mich zum Bahnhof. „Bitte schreib, dass wir hier eure Bundeswehrwesten sehr lieben. Sie retten Leben“, sagt er zum Abschied.

Im Nachtzug ist alles so, wie es auf der Hinfahrt schon war. Nur kein schreiender, bierliebender Wowa im Durchgangsraum zwischen den Wagen. Er muss nicht mehr an die Front. Anders als der junge Soldat. „Bis zum Sieg!“, sagte er auf die Frage, wie lange er Soldat bleiben will. Das war am Tag vor seiner Hochzeit. Vielleicht überredet Schenja ihn irgendwann, aufzuhören. Vielleicht hört der Krieg davor auf. Schließlich gleichen sich alle Kriege, weil sie – nach Monaten oder Jahren oder Jahrzehnten oder auch länger – doch alle enden. So war das immer und überall und wird immer so sein. Dann kommen neue Kriege. Neue Liebesgeschichten. Neue Hochzeiten.

Quelle: F.A.S.
Anna Prizkau
Redakteurin im Feuilleton.
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