Widerstand gegen Datenschnüffelei

Seid Sand im Getriebe!

Von Shoshana Zuboff
 - 09:01

Edward Snowden hat den Schleier ein wenig gelüftet, und wir erblicken die jüngste Inkarnation eines uralten Traums: totale Macht durch Allwissenheit. Von An, dem Himmelsgott der Sumerer, den Gipfeln des Olymp, von Jeremy Benthams Panoptikum und der Spitze des Schicksalsbergs über Edgar J. Hoovers FBI bis hin zu den unsichtbaren Wächtern der National Security Agency (NSA) ist dieser Traum von Macht durch grenzenlose Kontrolle der Sirenengesang der Menschheit. Wie Tolkien in den frühen fünfziger Jahren schrieb: „Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden“.

Die Deutschen wissen besser als die meisten anderen, dass dieser Traum, wie nahe er der Realität auch gekommen sein mag, nicht von Dauer war. Es liegt an uns allen, dafür zu sorgen, dass er auch diesmal keine Macht über uns gewinnt. Wir müssen politische Antworten finden, also demokratische Kontrolle der Überwachungsmaßnahmen fordern und die Unternehmen dazu bringen, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen. Und wir müssen öffentlich sagen können, was Recht und was Unrecht ist.

Das Informationspanoptikum

Dass der Traum alt und einflussreich ist, zeigt, dass er kein technisches Produkt ist und nichts mit Computern oder dem Internet zu tun hat. Er zieht sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte, Jahrhundert auf Jahrhundert, und wartet im Verborgenen, bis sich eine günstige Gelegenheit ergibt.

Zehn Jahre, von 1978 bis 1988, habe ich mich mit der Computerisierung der Arbeitswelt beschäftigt, woraus mein erstes Buch „In the Age of the Smart Machine“ entstanden ist. Schon damals wurde mir klar, dass die Informationstechnologie das nächste Vehikel für den Machttraum sein wird. Ich hatte von den Erlebnissen des englischen Ingenieurs und Schiffbauers Samuel Bentham in Russland gelesen und von seinem Panoptikum. Bentham, vom Fürsten Potemkin als Verwalter der südrussischen, einst zum Großherzogtum Litauen gehörenden Provinzen eingesetzt, überlegte sich, wie sich die Produktivität von Fabriken erhöhen ließe, in denen Leibeigene aus den eroberten Territorien arbeiten mussten und Dutzende von Sprachen gesprochen wurden. Seine Lösung war ein polygonaler Bau mit einem zentralen Beobachtungsturm, von dem aus ein paar Kontrolleure viele Arbeiter beaufsichtigen konnten, ohne selbst gesehen zu werden.

Für seinen Bruder, den Philosophen und Sozialreformer Jeremy Bentham, war das eine hervorragende Methode, auch in Gefängnissen, Irrenanstalten, Hospitälern, Schulen und Armenhäusern für Ordnung und Disziplin zu sorgen. Das angestrebte Verhalten glaubte er durch permanente Beobachtung der Insassen erreichen zu können. Da sie nie wussten, ob sie gerade beobachtet würden, verhielten sie sich so, als stünden sie unter permanenter Aufsicht. Sie verinnerlichten ihren Status als beobachtete Objekte.

In den Fabriken und Büros, in denen ich Mitte der achtziger Jahre meine Studien betrieb, wurde überall mit Computersystemen gearbeitet, die dazu dienten, die Effizienz zu steigern, die Arbeitsprozesse zu steuern, die Kommunikation und innerbetriebliche Organisation zu verbessern. Die Aufseher, Manager und Chefs, die sich der neuen Kontroll- und Disziplinierungstechniken bedienten, fielen dem alten Traum anheim. Ich sah, genau wie Foucault, die phantasievolle Macht des Panoptikums am Werk, eine stumme Macht, die jedermanns Denken beeinflusste und das Verhalten quasi vorbewusst bestimmte. Ein Arbeiter sagte mir: „Wir wissen, dass wir durch irgendetwas genau beobachtet werden, deshalb klotzen wir noch mehr ran“, während die Manager von Wandbildschirmen schwärmten, auf denen noch der kleinste Arbeitsschritt detailliert dargestellt wurde. „Per Tastendruck kann ich mir alle Daten besorgen, die ich benötige.“

Ich war, Jahrhunderte nach den dunklen Visionen Benthams, auf eine neue Inkarnation des Traums gestoßen, die ich das „Informationspanoptikum“ nannte, das vorauseilendes Konformitätsdenken produziert, und zwar so subtil, dass es schließlich aus unserem Bewusstsein verschwindet. Für Überwachung stützte man sich nicht mehr auf besonders konstruierte Gebäude oder graue Aktenordner, sondern auf Informationssysteme, die automatisierte, kontinuierliche, reibungslose, perfekte, beliebig abrufbare Daten lieferten. In dieser Zeit formulierte ich die drei Zuboffschen Gesetze.

Erstens: Was automatisiert werden kann, wird automatisiert. Zweitens: Was in digitalisierte Information verwandelt werden kann, wird in digitalisierte Information verwandelt. Und drittens: Jede Technologie, die für Überwachung und Kontrolle genutzt werden kann, wird, sofern dem keine Einschränkungen und Verbote entgegenstehen, für Überwachung und Kontrolle genutzt, unabhängig von ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung. In den folgenden Jahrzehnten haben Beschäftigte in Amerika und anderswo feststellen müssen, dass die Überwachung ihres Arbeitsplatzes alltäglich geworden ist.

Ein anderer Wind

Eine Zeitlang schien es, als stellte das Internet eine andere Welt in Aussicht. Es war persönlich, viele Internetaktivitäten fanden außerhalb der hierarchisierten Arbeitswelt statt. Mit dem Internet kamen die allerneuesten Werkzeuge und Ressourcen der Individualisierung: E-Mailadresse, Smartphone, Desktop, Laptop, iPad, Bookmarks. Jenseits des Arbeitsplatzes konnten wir uns frei äußern, nach Belieben suchen, lernen, kommunizieren. Unser Hunger, unsere Fragen und Bedürfnisse brachten alle möglichen neuen Angebote in unser Leben: Suchmaschinen, Facebook-Seiten, YouTube-Videos, iTunes, soziale Netzwerke mit Kontakten zu Freunden, Unbekannten, Kollegen – die alten Schranken existierten nicht mehr, es war eine Freude, Informationen zu suchen und zusammenzutragen und mit anderen zu teilen, zu jedem erdenklichen Zweck oder einfach nur so.

Eine völlig neue ökonomische und soziale Logik schien sich herauszubilden, die ich als „dezentralisierten Kapitalismus“ bezeichne. Er erkennt den Nutzer als sein wahres ökonomisches Kapital. Er ist auf unserer Seite. Er bietet uns, unter Umgehung der alten Strukturen, die verschiedensten Produkte (Musik, Studiengänge, Bücher, Dozenten, Gesundheitsinformationen, soziale Kontakte, Gitarrenunterricht, chinesische U-Bahnpläne) zu bezahlbaren Preisen direkt an und gibt uns die Möglichkeit, diese Produkte nach eigenem Geschmack zusammenzustellen. Das ist das Versprechen von iPhone, Google, Facebook und Tausenden anderer Unternehmen, Webseiten und Apps.

Das Dritte Zuboffsche Gesetz und die Herren von Silicon Valley

Kurz nachdem der „Guardian“ dank Edward Snowden die NSA-Dokumente veröffentlicht hatte, schrieb David Kirkpatrick, Technologie-Guru und Autor von „Der Facebook-Effekt“, einen Beitrag auf LinkedIn unter dem Titel „Did Obama Just Destroy the U.S. Internet Industry?“ Er hob hervor, dass der Erfolg der großen amerikanischen Internetfirmen – Google, Yahoo, Facebook, Microsoft, Skype, Apple und YouTube – auf dem außerordentlichen Wert für die Nutzer beruhe, denen eine „nie dagewesene Landschaft für Offenheit, Meinungsäußerung und Dialog“ geboten werde. Und nun, so Kirkpatrick, werde dieser historische Erfolg durch die erzwungene Mitwirkung an „Prism“, dem Überwachungsprogramm der NSA, gefährdet.

Kirkpatrick irrt. Aus Silicon Valley weht schon lange ein anderer Wind, noch bevor wir von „Prism“ oder „Boundless Informant“ erfuhren, und auch unsere Haltung hat sich verändert. Während die Herren von Silicon Valley unter Verweis auf ihre Zwangslage die Öffentlichkeit um Verständnis baten und wir fassungslos über die ganze Tragweite der Enthüllungen des „Guardian“ nachdachten, konnte man leicht einige Dinge übersehen. Unser Vertrauen in diese Unternehmen war ohnehin schon ein wenig ramponiert, wenn nicht ruiniert. Dieser Vertrauensverlust ist real, die Herren von Silicon Valley haben sich das selbst zuzuschreiben, dazu brauchte es die NSA nicht. Sie hatten ihr wichtigstes Kapital entwertet – die Nutzer, die sich sicher wähnten, und die Vorstellung, dass die Unternehmer im Grunde auf unserer Seite sind.

Wir hatten angenommen, dass uns, weil uns die Geräte gehörten, auch die Inhalte gehörten, die wir mit ihnen generierten. Doch als Google, Facebook und all die anderen noch mehr Geld verdienen wollten, verkauften sie einfach unsere Daten an Werbefirmen und Einzelhändler, die uns nun gezielt ansprechen konnten, um noch mehr Windeln oder Rasenmäher oder Diätpillen zu verkaufen. Uns gehörten die Geräte, aber ihnen gehörten die Server. Sie hatten die Macht. Im Rahmen der Arbeiten zu Google Street View wurden heimlich persönliche Daten von unseren Computern gefischt.

2012 verkündeten Facebook-Manager in New York, dass auch Marken Menschen seien, und ihre aufgemotzten Facebook-Seiten präsentierten sie als „unsere neuen Freunde“. Und, noch schlimmer, Firmen bekamen die Möglichkeit, anhand von Nutzerprofilen oder Surfgewohnheiten gezielt individualisierte Werbung zu machen. Laut „Wall Street Journal“ konnten sie die Spuren der Nutzer auch außerhalb des Facebook-Netzwerks verfolgen.

Die neuen Internetfirmen wurden reich, weil sie die Nutzer in den Mittelpunkt stellten. Doch statt diesen neuen Kapitalismus mit Phantasie umzubauen, kapitulierten sie vor den finanziellen Lockungen des alten Modells. Wir Nutzer wurden zu profitablen Datenlieferanten degradiert. Wir arbeiten für diese Unternehmen, wie wir schon für Fluggesellschaften arbeiten: Wir suchen Abflugzeiten heraus, nehmen Buchungen vor, checken uns ein, drucken unsere Boardingkarten aus – alles unbezahlte Arbeit. Wir sind die natürliche Energiequelle, die vielen Internetunternehmen glänzende Profite beschert, so wie ein Flusslauf, der ein Mühlrad antreibt.

Unser Hunger nach Informationen, Kontakten und Bequemlichkeit ist so groß, dass wir beschlossen haben, mit der neuen digitalen Gegenleistung zu leben, zumindest so lange, bis sich eine bessere Option abzeichnet. Aber die wenigsten sind wirklich zufrieden. In einer Harris-Umfrage von 2012 bezeichneten nur acht Prozent der Amerikaner die sozialen Medien als ehrlich und vertrauenswürdig und ordneten die Branche damit den anderen altbekannten Parias zu, die ebenfalls auf weniger als zehn Prozent kommen – Tabak, Öl, Managed Care und Telekommunikation. Noch weniger Vertrauen genießen Internet und soziale Medien in Europa. Die Deutschen sind besonders skeptisch, sie haben die striktesten Datenschutzbestimmungen in der EU. Während Facebook in vielen Ländern, wie etwa Indonesien und Brasilien, expandiert, ist anderswo der Höhepunkt bereits überschritten. Einer jüngeren Pew-Studie zufolge sind die meisten amerikanischen Teenager nicht mehr bei Facebook, sondern bei anderen Medien, die mehr Privatheit ermöglichen. Die Herren von Silicon Valley sind dem alten Traum erlegen und haben ihr Erstgeburtsrecht verscherbelt. Wie verkommen sie sind, hat sich in der NSA-Affäre nun besonders deutlich gezeigt.

Die jüngsten Enthüllungen liefern immer mehr Einblicke in das unsichtbare, allgegenwärtige, unergründliche Informationspanoptikum. Wir stillen seinen gigantischen Hunger mit unseren Bits und werden, ahnungslos, dabei überwacht. Selbst wenn wir einräumen, dass es nachvollziehbare Gründe für das Datenabschöpfen gibt, so lassen die jüngsten Berichte des „Guardian“ doch den Schluss zu, dass die NSA ohne demokratische Kontrolle agiert. Das können wir nicht akzeptieren.

Wir wissen, dass die IT-Oligarchen – Google, Facebook, Yahoo, Apple, Microsoft – sich den Datenanfragen der NSA beugten. Haben sie bereitwillig mitgemacht? Yahoos Einwand, dass pauschale Anfragen verfassungswidrig seien, wurde von einem Geheimgericht zurückgewiesen. Das hat andere Unternehmen vielleicht davon abgehalten, ähnlich aufzutreten. Was genau passiert ist, steht noch immer nicht restlos fest, täglich kommen neue Dinge heraus. Wir erfahren, dass Facebook, laut „New York Times“, eigene Teams abstellte, die für eine reibungslose Zusammenarbeit mit der NSA sorgen sollten, und dass der Sicherheitsdirektor des Unternehmens zur NSA überwechselte. „In Zukunft dürfte mit einer noch intensiveren Zusammenarbeit zwischen Silicon Valley und der NSA zu rechnen sein, weil die Datenspeicherung nach Angaben der International Data Corporation bis 2016 um durchschnittlich 53 Prozent pro Jahr zunehmen dürfte“, hieß es in der „New York Times“.

Fest steht offenbar, dass keines der Unternehmen sich Anfragen der NSA widersetzt hat. Und sie haben auch nicht beschlossen, gemeinsam zu kämpfen oder die Milliarden Nutzer über Praktiken zu informieren, die einige für illegal halten. Diesen Unternehmen gehört das Internet! Was hätten sie mit ihrer vereinten Macht ausrichten können! Statt dessen behandelten sie die ganze Sache als ein Problem, für das sie nicht zuständig sind. Was dachten sie sich dabei? Wenn sie unser Vertrauen zurückgewinnen wollen, müssen sie wegkommen von dieser Mentalität. Sie müssen für unsere Interessen einstehen. Zeichnet sich irgendwo am Horizont ab, dass ihnen das klar ist?

Die neuen Herren des Rings

Am 16. Mai, knapp einen Monat vor den NSA-Enthüllungen, fand im SRI in Menlo Park, Kalifornien, eine Konferenz zu einem der heißesten Themen in der digitalen Welt statt: „The Internet of Everything“. Eine atemberaubende Vorstellung – alles, wirklich alles wird verknüpft. Die unbezahlte Datenlieferung erstreckt sich auf unsere Körper und die Gegenstände in unserer Umgebung: Lampen, Thermostate, Autos, Kaffeetassen, Sonnenbrillen, Türen, Haushaltsgeräte, aber auch Blutdruck und Blutstatus, Körpertemperatur, Organfunktionen, Puls, Hautreaktion.

Wenn es nach den neuen Herren des Rings geht, wird alles – von unserem Telefon über den Toaster bis zu unseren Tränen – in der nächsten großen Datenflut neu geboren werden. Gewiss, für jeden Schritt gibt es einen guten Grund. Aber wie lange wird es dauern, bis der alte Traum in diesem vollkommenen Datenparadies wieder auflebt; wie lange, bis unsere Tränen ein neues Regime von Kontrolle und Konformität begründen? Wie lange, bis die Nanodrohnen so programmiert sind, dass sie unseren biometrischen Abdruck erkennen können?

Dies ist der nächste Güterzug, der, vollgestopft mit Geld, den alten Traum weitertragen soll. John Chambers, der Chef von Cisco, stellte in Menlo Park fest, dass es für globale Privatunternehmen in den nächsten zehn Jahren um 14,4 Billionen Dollar an potentiellem Profit geht. Dazu müssten technologische, organisatorische, prozessuale, juristische, kulturelle und andere Herausforderungen gemeinsam gelöst werden. Wie wird Ciscos Beitrag aussehen? Wie können wir klar machen, dass Innovationen ohne demokratische und kommerzielle Sicherheitsgarantien für uns nicht akzeptabel sind? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen muss Bestandteil von Innovation sein, darf nicht jemandem überlassen bleiben, der sich irgendwann einmal damit beschäftigt.

„Viele Leute glauben, sie wissen, was auf sie zukommt, aber sie haben keine Ahnung“, sagte Dave Evans, Chef-Futurologe bei Cisco. „Die Welt wird aufwachen“, sagte Alex Hawkinson, ein anderer Konferenzteilnehmer. Ein Topmanager von Facebook warf einen Blick in die Zukunft: „Es gibt 200 Sensoren im Haus, dann hat man diesen ganzen Datenstrom. Wenn man diese Daten weitergibt, steht man vor der schwierigen Frage, ob man sie so weitergibt, dass man irgendwann sagen kann, ich möchte sie wieder zurückhaben. Aber sobald man die Daten aus der Hand gegeben hat, ist das ziemlich kompliziert.“

Der eigentliche Star der Veranstaltung war Gordon Bell, der legendäre Computeringenieur, Pionier der „Quantified Self“-Bewegung und Wissenschaftler bei Microsoft Research. Er äußerte sich pessimistisch über das Tempo des Fortschritts, beklagte, dass diese wichtige neue Entwicklungsphase auf Reibung stoße. „Ihr sagt, wir wollen keine Reibung. Woher kommt die Reibung? Es sind die Leute. Die Leute wollen in Ruhe gelassen werden. Genau das wird uns einschränken. Das bereitet mir Sorge.“

Der Schlüssel

Aber keine Angst. Die Arroganz der Herren von Silicon Valley ist nicht der Vorbote einer Endzeit, sondern ein Weckruf. Wir müssen uns an die Arbeit machen. Mit unseren Fragen und Bedürfnissen haben wir das Internet in unser Leben geholt. Aber es gibt noch viel zu tun: Eine neue Welt muss her. Auch sie kann Realität werden, wenn wir uns darum kümmern. Die Digitalisierung kann zu einer Humanisierung des Lebens beitragen. Wir sollten nicht für unsere Aufseher arbeiten, sondern Möglichkeiten entwickeln, wie sie in unserem Interesse agieren können, so dass alle davon profitieren.

Der Schlüssel heißt Reibung. Für die Unternehmen, die die nächste Metadateneskalation vorantreiben wollen, mag Reibung ein Ärgernis sein, aber sie steht für die Zukunft demokratischer Bestrebungen und unternehmerischer Erneuerung. Sie steht für eine neue Ära demokratischer Gesetze und Bestimmungen, die unsere Freiheiten in zeitgemäßer Form zum Ausdruck bringen: Transparenz, Mitsprache, Wahlfreiheit, Achtung der Menschenwürde. Reibung muss so wachsam und unerschütterlich sein wie die alte Macht. Sie ist unsere Forderung nach einem neuen unternehmerischen Modell, das unser Wohlergehen, unsere Freiheit, unsere Privatsphäre ernst nimmt und unser Recht achtet, so zu leben und mit unseren Daten so umzugehen, wie wir es für richtig halten. Sie ist die Forderung an Unternehmen, Verantwortung zu übernehmen und Transparenz zu gewährleisten. Und Reibung schließlich – das sind Sie und ich. Es ist unsere Bereitschaft, Stellung zu beziehen, zu sagen, was richtig und was falsch ist, selbst wenn daraus Konflikte mit den Mächtigen und der Mehrheit erwachsen. Dass acht Prozent der Amerikaner den sozialen Medien vertrauen, ist ein sehr gutes Zeichen. Es bedeutet, dass für zweiundneunzig Prozent, trotz jahrelanger Beeinflussung durch das Informationspanoptikum, regelmäßige Verletzungen der Privatsphäre außerhalb des Arbeitsplatzes nicht die Normalität sind. Es bedeutet, dass die neuen Herren keine Macht haben, wenn wir alle aufstehen und Nein sagen.

Shoshana Zuboff

Die amerikanische Ökonomin Shoshana Zuboff, eine der ersten Frauen mit einem Lehrstuhl an der Harvard Business School, beschäftigt sich seit dreißig Jahren mit den sozialen, psychischen und ökonomischen Folgen der Digitalisierung der Arbeitswelt. Sie sagte voraus, dass die Überwachung von Menschen zukünftig nicht nur in militärischen Sphären, sondern auch von digitalisierten Firmen betrieben und damit in die Ökonomie vordringen würde. 1988 veröffentlichte sie „In the Age of the Smart Machine: The Future of Work and Power“, das als Standardwerk zur Informationstechnologie gilt.

F.A.Z.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Quelle: F.A.Z.
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