Googles Debattenkultur

Auf grenzenlose Empörung folgt ein wenig Umdenken

Von Rainer Meyer
 - 21:38
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„Bullshit Arguments“, ruft die Frau in die Kamera, und damit es auch wirklich jeder versteht, erscheinen die Worte ganz groß über ihr. Bullshit Arguments sei das, was der Google-Programmierer James Damore in seinem Text geschrieben habe, und die gleichen Argumente benutzten auch die dazu eingeblendeten Eugeniker und rassistische Nazis. Es ist der 12. August 2017. Fast eine Woche zuvor wurde dem Technikblog Gizmodo ein zehnseitiger Text aus der Feder des 23-jährigen James Damore aus dem Intranet von Google zugespielt.

„Gizmodo“ entfernte alle Grafiken und Links, Belege und Fußnoten zu wissenschaftlichen Forschungen und verbreitete das Dokument mit einer Verurteilung als „sexistisch“ im Netz. Am Samstag legte „Gizmodo“ mit diesem Video nach, in dem Damore auf eine Ebene mit Nazis gestellt wird. Zu diesem Zeitpunkt ist „Gizmodo“ in den Vereinigten Staaten bereits in der Defensive.

Die ersten Tage nach der Veröffentlichung beherrschte grenzenlose Empörung den digitalen Raum. Aus dem Google-Campus, wo Damore arbeitete, wurde bekannt, dass einige Mitarbeiterinnen so verunsichert waren, dass sie daheim bleiben mussten. Eine frühere Mitarbeiterin, die sich mit Google juristisch überworfen hatte, prangerte offenen Sexismus an.

Google
Mitarbeiter nach sexistischem Text entlassen
© AP, reuters

Medien schrieben das Memo zum Anti-Diversity-Manifest hoch, obwohl nie an eine Veröffentlichung gedacht war. Die „Süddeutsche Zeitung“ behauptete, Damore hätte Frauen die biologische Befähigung für technologische Berufe abgesprochen. Nina Bovensiepen meinte dort, Damores „antifeministisches Manifest“ sei „rückständig und dumm“ und bekomme Applaus, „weil er die Ängste vieler weißer Männer vor den Veränderungen im Arbeitsumfeld anspricht“. „Spiegel Online“ wollte folgenden Inhalt des Schreibens ausgemacht haben: „Frauen seien aus ,biologischen Gründen‘ weniger geeignet für den Job. Männer hingegen verfügten über ,natürliche Fähigkeiten‘, die sie zu besseren Programmierern machten.“ Und die „Zeit“ fragte: „Treibt die Nerds die Angst vor dem Statusverlust?“ um die Antwort gleich zu liefern: „Manche fürchten um ihre Privilegien.“

Damit war das Narrativ fixiert: Ein Mann hasst Frauen, hält sie für minderwertig und unfähig für Berufe im Techniksektor, hat Angst um seine Vormachtstellung und sollte gefeuert werden – und viele „weiße Männer“ dächten genauso. Tatsächlich kam der Vorstandschef von Google diesem Wunsch nach. Der Schriftsteller John Scalzi hatte wörtlich gefragt, wann Google den „ignorant sexist shitball“ feuern werde. Google entließ Damore wegen „advancing harmful gender stereotypes“. Damit wurde Damores These eindrucksvoll belegt, dass Andersdenkende bei Google tatsächlich zum Schweigen gebracht werden.

Erst danach setzte sich langsam die Erkenntnis durch, wer da eigentlich was veröffentlicht hatte: „Gizmodo“ ist wie seine Partnerblogs für schrille und nicht immer saubere Geschichten bekannt. Früher gehörte es zum Blognetzwerk „Gawker“, das 2015 spektakulär scheiterte: „Gawker“ hatte den Investor Peter Thiel als Homosexuellen geoutet und sich mit dem Catcher Hulk Hogan mit der Veröffentlichung pornographischen Materials angelegt. Unterstützt von Thiel, klagte Hogan „Gawker“ und dessen Gründer Nick Denton in die Insolvenz.

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Die überlebenden Blogs versuchen weiterhin, an der Spitze der progressiven Meinungsbildung zu bleiben. Letztes Jahr fand eine ähnliche Hetzjagd gegen den Sicherheitsexperten und TOR-Mitarbeiter Jacob Appelbaum statt. „Gizmodo“ ließ sich von den drei Hauptanklägern berichten, wie es gelungen sei, Appelbaum ein bereits belästigtes Opfer zu entreißen. Das Portal hätte vielleicht vorher bei der Betroffenen nachfragen sollen. Das angebliche Opfer meldete sich selbst zu Wort und beschuldigte die angeblichen Retter und „Gizmodo“ der Lüge: Sie sei gut befreundet mit Appelbaum, der mit ihr immer respektvoll umgegangen sei. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Appelbaum das Opfer einer gezielten Intrige geworden ist.

Inzwischen gibt es neben der von „Gizmodo“ verbreiteten Version des Memos auch die Vollversion, und die sorgte für eine differenzierte Meinung. Zudem meldete sich Damore, dessen Vorleben von amerikanischen Medien ohne Auffinden kompromittierenden Materials ausgewalzt worden war, mehrfach selbst zu Wort. Zum angeblichen „Manifest“ gibt es einen Kontext: Damore wurde Zeuge der an den Prinzipien der Genderideologie ausgerichteten Diversitytreffen bei Google. Zumindest in seinem Arbeitsumfeld gebe es die Überzeugung, dass die schlechtere Position von Frauen und Minderheiten auf Unterdrückung zurückzuführen sei, was durch einseitige Fördermaßnahmen ausgeglichen werden soll.

Als Reaktion auf diese Erfahrung und den Umstand, dass andere Sichtweisen keine Rolle mehr spielen, verfasste er ein internes Diskussionspapier, und dessen erste Zeile lautete: „I value diversity and inclusion, am not denying that sexism exists, and don’t endorse using stereotypes.“ Damore referiert den Stand von Biologie und Psychologie zu den Unterschieden zwischen Mann und Frau – eine Haltung, die im Widerspruch zum Feminismus der dritten Welle steht, der die meisten Unterschiede als Ergebnis sozialer Prägung definiert. Es geht Damore überhaupt nicht um Antifeminismus, sondern um die Frage der angemessenen Vertretung der verschiedenen Gruppen in der Firma. Er schreibt, man solle über Unterschiede bei diesen Gruppen reden. Tue man dies nicht, gebe es keine echte Lösung. Die aktuelle Repräsentation der Geschlechter ist seines Erachtens nicht richtig, weshalb er für ein Arbeitsumfeld plädiert, das nicht das Kollektiv, sondern den Einzelnen in den Mittelpunkt stellt. Frauen könne durch flexiblere Arbeitszeiten geholfen werden. Größere Gruppen und soziale Kompetenzen berücksichtigende Tätigkeiten könnten helfen, den Anteil der Frauen zu erhöhen, und Männer sollten aus ihren erfolgsorientierten Rollenbildern ausbrechen können.

Wenig erstaunlich, meldeten sich dann Wissenschaftler wie Debra Soh zu Wort, die nicht Damores Sichtweise stützten, sondern auch Fragen stellten, inwiefern das angebliche Manifest frauenfeindlich sei oder der Autor Frauen generell die Fähigkeit abspreche, in der Technikbranche zu arbeiten. Oder er gar, wie die „Guardian“-Autorin Jessica Valenti behauptete, schreibe, Frauen seien Männern unterlegen. Unter Führung von „The Atlantic“ tauchten unangenehme Fragen nach den Stellen im Memo auf, die all die weitreichenden Unterstellungen belegen sollten. „The Federalist“ dokumentierte, wie CNN die eigenen Beiträge umschrieb und die Bezeichnung „anti-diversity“ strich – offensichtlich, weil Damore nicht nur gegen seinen Arbeitgeber, sondern auch gegen die Medien klagen kann.

Kurz darauf zeigte die „New York Times“, wie man in einem derartigen Fall eine elegante 180-Grad-Kurve dreht und weiterhin moralisch überlegen wirkt: In einem Op-Ed wurde zuerst im Gegensatz zur Blattlinie die Entlassung kritisiert und dem CEO von Google wegen seines Einknickens vor dem Mob nahegelegt, seinen Posten zur Verfügung zu stellen. Der nächste Beitrag berichtete dann davon, dass die bislang offene Diskussionskultur bei Google einen hohen Wert darstelle. Google solle sich daran erinnern und auch offen für die Diskussion um Damore sein. „Gizmodo“ ist aus ganz anderem Holz geschnitzt: Während Journalisten endlich begannen, das Memo tatsächlich zu lesen und nicht nur die Empörung abzuschreiben, twitterte man dort das Video, in dem die Autorin den Betrachter anschreit.

Quelle: F.A.Z.
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