Barockes Opernhaus in Bayreuth

Hier könnte etwas Zukunftsweisendes entstehen

Von Jan Brachmann
 - 09:13
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Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, geborene Prinzessin von Preußen, Tochter des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I., Lieblingsschwester des späteren Königs Friedrich II., konnte in puncto Egozentrik den Männern ihres Standes und ihrer Zeit Paroli bieten. Sie kannte alle Mittel der Kunst, sich selbst ins rechte Licht zu setzen, nämlich jenes der Selbstlosigkeit. Im neuen Schloss von Bayreuth kann man eigenhändige Pastelle von ihr studieren, auf denen sie, in recht talentvoller Nachahmung der Manier von Raphael Mengs übrigens, Frauenfiguren zeigt, die sich für Glauben, Familie und Vaterland geopfert haben: Lucretia mit dem Dolch am Herzen, Kleopatra mit der Schlange am Busen, Pero im Gefängnis, mit ihrer Brust den gefangenen Vater Cimon nährend.

Fährt man dann – was man unbedingt tun sollte, wenn man in Bayreuth, dieser zauberhaften Residenz, ist – die Königsallee stadtauswärts, vorbei an der Rollwenzelei, jenem Gasthof, in dem der Romancier Jean Paul sich manche Flasche durch den Kopf goss, hinauf zum Schloss Eremitage, so setzt sich das Bildprogramm plakativer Selbstlosigkeit im Damenflügel Wilhelmines fort. An den Decken der Räume sieht man Römerinnen, die den Galliern allen Schmuck und sich selbst darbringen, um die Stadt vor Plünderung zu schützen; dann folgt der Abschied der Prinzessin von Sparta, die ihrem Ehemann nachschreitet, aber dem Vater einen wehmütigen Blick zurück schenkt. Alles mythische Spiegelbilder der Herrscherin.

Wilhelmine war schon als Dreijährige von ihrer Mutter dazu bestimmt worden, auf den englischen Thron zu heiraten. Ihre ganze Erziehung zielte darauf ab. Doch ihr Vater bezichtigte sie der Mitwisserschaft bei den Fluchtplänen des Kronprinzen Friedrich. Und so, wie er dessen Freund Hans Hermann von Katte köpfen ließ, köpfte er auch die königlichen Ambitionen seiner Tochter – die er zuvor nur „die englische Canaille“ genannt hatte – und gab sie dem Erbprinzen Friedrich von Bayreuth zur Frau. Die Königin in spe wurde zur Markgräfin degradiert. Wilhelmine fügte sich, aber sie unterstrich ihren königlichen Rang, wo sie nur konnte. Und sie ließ sich durch Mann und Bruder finanziell für das entschädigen, worauf sie verzichten musste.

Wer es vorher nicht wusste, merkt es spätestens jetzt

Das Prunkstück dieser Kompensation ist das Markgräfliche Opernhaus, 1748 von einem der berühmtesten Theaterarchitekten Europas, Giuseppe Galli Bibiena, errichtet, das Wilhelmine als Intendantin leitete und für das sie, bis zu ihrem frühen Tod 1758, Libretti schrieb und Musik komponierte. Es ist mit einer Bühne von 25 mal 27 Metern und einem Saal mit 450 Plätzen im Parkett und drei Logenrängen das größte erhaltene barocke Opernhaus dieser Art. Alle anderen – Schwetzingen, Bad Lauchstädt, Drottningholm – sind entweder kleiner, zerstört oder umgebaut worden. Der Film über den Kastraten Farinelli wurde hier gedreht, 2012 erhielt der Bau den Weltkulturerbestatus der Unesco, von 2013 an wurde das Haus für knapp dreißig Millionen Euro vom Freistaat Bayern aufwendig saniert.

Nun sieht man die hellen, heiteren Farben im Innern wieder; die Bühne hat eine moderne Maschinerie, nachdem die barocke 1962 zerstört worden war. Wer es vorher nicht wusste, merkt es spätestens jetzt: Dieses Haus ist ein Wunder.

Ein dringlicher Musiktheaterabend wollte es nicht werden

Zur Eröffnung war Bayerns Ministerpräsident Markus Söder gekommen, begrüßte nonchalant „die weltlichen und wirklichen Hoheiten“; mit Letzteren meinte er Herzog Franz von Bayern sowie Prinz Georg Friedrich von Preußen nebst Gattin Prinzessin Sophie. Die Staatsoper in Berlin hatte es ja nicht über sich gebracht, den Chef des Hauses Hohenzollern zu ihren Wiedereröffnungsfeiern im vergangenen Jahr einzuladen. In Bayern ist man da souveräner. Die Eröffnungsinszenierung vermengte Material aus den zwei Opern, die auch 1748 schon gespielt worden waren: „Ezio“ und „Artaserse“ von Johann Adolph Hasse. Doch der Regisseur Balázs Kovalik erzählte mit diesem Material die traumatische Kindheit von Wilhelmine und Friedrich unter ihren intriganten Eltern. Anja Silja, einstmals bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth als dramatischer Sopran gefeiert, sprach dazwischen Texte aus den Briefen und Memoiren der Wilhelmine.

Alles klug gedacht, aber ein dringlicher Musiktheaterabend wollte nicht recht daraus werden. Man hätte, um die Familiengeschichte zu erzählen, gleich Wilhelmines eigene Oper „Argenore“ über geschwisterliche Liebe und einen despotischen Vater wählen sollen, die hier schon 2009 zu erleben gewesen war. Auch konnte die Hofkapelle München unter der Leitung von Michael Hofstetter nur selten den bezwingenden Charme und die unwiderstehliche Süße der Musik Hasses zum Leben erwecken, vielleicht auch, weil die Stimmen der Studenten von der Theaterakademie August Everding noch auf dem Weg sind, in Technik wie Ausdruck zu reifen.

Jetzt müsste noch Intendantenintelligenz hinzukommen

Nun hat man dieses herrliche, unvergleichliche Haus hier, das Bayreuth auch abseits von Richard Wagner zu einer Musikstadt von internationaler Strahlkraft machen könnte. Doch dazu müsste groß und mutig gedacht werden. An dieses Haus gehört ein Institut nach dem Vorbild des französischen Centre de musique baroque de Versailles. Ein Institut, das die musikalische Ausbildung verknüpft mit der wissenschaftlichen Forschung, der Erstellung von Notenmaterial und der Produktion von Aufführungen – nicht zwingend mit eigenem Ensemble, aber in Kooperation mit führenden Interpreten der Welt.

Die Umgebungsbedingungen wären so schlecht dafür nicht. Es gibt bereits das Forschungsinstitut für Musiktheater an der Universität Bayreuth, es gibt hervorragende Forschungsarbeit von Sabine Henze-Döhring über die Hofmusik Wilhelmines von Bayreuth wie über deren Bruder Friedrich den Großen als Monarch und Musiker (eines der wenigen Sachbücher im Friedrich-Jahr 2012, in dem wirklich Neues zu lesen stand, nämlich stichhaltige Belege für die fachliche Exzellenz des Königs auf musikalischem Gebiet); es gibt neue Studiengänge für alte Instrumente und historische Aufführungspraxis an der Musikhochschule Nürnberg. Jetzt müsste noch Intendantenintelligenz hinzukommen. Dann könnte im Verbund aus Universität, Hochschule und Bayerischer Schlösserverwaltung in Bayreuth etwas Zukunftsweisendes entstehen, das über die bislang geplante Gelegenheitsbespielung hinausginge und diesem Traumhaus wirklich gerecht würde.

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Quelle: F.A.Z.
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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