Wiens Hochhausbaupläne

Selbstzerstörung einer Kulturstadt

Von Reinhard Seiss, Wien
 - 13:30
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Mehr als dreihundert österreichische Künstler und Intellektuelle haben binnen einer Woche in einer Petition den sofortigen Stopp des umstrittensten Wiener Bauvorhabens der letzten Jahrzehnte gefordert: Zwischen Stadtpark und Konzerthaus, also noch in der Zone des Weltkulturerbes „Historisches Zentrum von Wien“, plant der Hedgefonds-Manager Michael Tojner einen siebzig Meter hohen Turm mit Luxusapartments. Das Grundstück, das der Wiener Eislaufverein pachtet und nutzt, hatten Geschäftsfreunde des Investors 2008 von der öffentlichen Hand unter dubiosen Umständen um weniger als die Hälfte des erzielbaren Preises erworben – und 2012 Tojner übertragen. Dieser brachte noch im selben Jahr auch das benachbarte Hotel Intercontinental in seinen Besitz.

Nichts hielt die rot-grüne Stadtregierung davon ab, sich voll und ganz hinter sein Projekt zu stellen – obwohl die Welterbe-Kommission der Unesco von Beginn an klargestellt hatte, dass ein Neubau nicht höher werden dürfe als die sanierungsbedürftige Hotelscheibe aus dem Jahr 1964 mit ihren 43 Metern. Damit zeigte sich die Unesco vergleichsweise generös, hatte doch nur vier Jahre zuvor der damalige Planungsdezernent Hochhäuser an diesem Standort kategorisch ausgeschlossen – und das Stadtplanungsamt noch 2012 den Maßstab der umgebenden Gründerzeithäuser als Maximum für eine etwaige Bebauung definiert.

Die Unesco droht mit Streichung aus der Welterbe-Liste

Doch zählt das architektonische Erbe wenig, wenn die Kommunalpolitik ein stadtstrukturell belangloses Projekt als richtungsweisend für die Modernisierung der Donaumetropole hochstilisiert. So erklärte Oberbürgermeister Michael Häupl, der sich stets dann in Stadtentwicklungsthemen einmischt, wenn Investoren die Felle davonzuschwimmen drohen, die „Neuorganisation“ des in die Jahre gekommenen Eislaufvereinsgeländes für notwendig, „um Wien zukunftsfit zu machen“. Seine Wirtschafts- und Finanzdezernentin Renate Brauner wiederum schwang gegenüber den zahlreichen Gegnern die klassische sozialdemokratische Keule und dichtete dem Bauvorhaben „Tausende von Arbeitsplätzen“ an, zumal der Investor nicht nur Luxuswohnungen, sondern im Intercontinental auch noch ein Spielcasino plane.

Überrascht waren unabhängige Architekten und Planer, Anrainer, Denkmalschützer und kritische Bürger jedoch, als auch die Stadtplanungsdezernentin, Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou von den Grünen, entgegen dem deklarierten Willen der eigenen Basis in den Chor der Projektbefürworter einstimmte. Während ihre Partei in der Zeit der Opposition gegen solcherart Investorenstädtebau Sturm lief, betont sie nun den öffentlichen Mehrwert des Vorhabens, im Zuge dessen der Freiraum attraktiver und außerhalb der Eislaufsaison öffentlich zugänglich werde. Hat dieses politische Engagement für den Investor vielleicht damit zu tun, dass Michael Tojner sein Casino-Hotel-Konzept gemeinsam mit Medienmogul Christoph Dichand verfolgt?

Die Familie Dichand beherrscht mit ihren beiden Boulevardzeitungen „Krone“ und „Heute“ die öffentliche Meinung im Land. Um das unpopuläre Hochhausprojekt aber nicht selbst verantworten zu müssen, regte das Rathaus ein „kooperatives Verfahren“ an, im Zuge dessen „externe Experten“ ab Mitte 2012 herausfinden sollten, welche bauliche Entwicklung auf dem Areal prinzipiell möglich sei. Die wesentlichsten Vorgaben dafür stammten allerdings nicht von der Wiener Stadtplanung, sondern vom Investor: Das bestehende Hotel könne umgebaut oder durch einen Neubau ersetzt werden. Die Eisfläche müsse erhalten bleiben, könne aber verlagert werden, um Platz für den Luxuswohnbau zu schaffen. Dieser solle dem prominenten Standort entsprechend „von internationalem architektonischen Format“ sein und „als Landmark über die Landesgrenzen hinaus Bedeutung erlangen“. Schnell war klar, dass diese Parameter nur in Form eines Hochhauses jenseits der 43 Meter realisierbar wären – weshalb die Unesco unmissverständlich mit der Streichung der Wiener Innenstadt aus der Welterbe-Liste drohte.

„Offensive Stadtreparatur“

Statt die Vorgaben daraufhin zu hinterfragen und die gewünschten Kubaturen zu reduzieren, stellten die Experten alsbald fest, dass ein „Höhenakzent“ aus fachlicher wie wirtschaftlicher Sicht durchaus „positiv zu bewerten“ sei. Aus einer städtebaulichen Beschäftigung mit dem Ort und seinem Umfeld wurde eine immobilienwirtschaftliche Beschäftigung mit den Renditevorstellungen des Investors. Was als Brainstorming gedacht war, wurde kurz darauf bereits als Grundlage für einen neuen Flächennutzungsplan vorgestellt – und löste eine breite Welle der Empörung aus: In seltener Einigkeit und Vehemenz verfassten sämtliche unabhängigen Architektur- und Planungsinstitutionen Wiens sowie herausragende Persönlichkeiten der heimischen Fachwelt ein umfassendes Protestschreiben an die Stadt.

Dies schien das Rathaus in seiner Absicht zu verunsichern, einen derartigen Dimensionssprung am Rande der Altstadt ohne jedes großräumige Konzept zu genehmigen. So wurde eine Projektgruppe aus Planern, Wissenschaftlern und Fachbeamten zusammengestellt, um einen Masterplan für die gesamte Ringstraßenzone auszuarbeiten, der Maßstabssprünge wie das Tojner-Projekt als „offensive Stadtreparatur“ verniedlicht – wobei die Autoren die Erklärung schuldig bleiben, welche sanierenden oder aufwertenden Effekte von Großprojekten im historischen Kontext ausgehen.

Noch vor Fertigstellung des Hochhauskonzepts wurde ein zweistufiger Architekturwettbewerb abgehalten, der – wenig überraschend – keinerlei Rücksichtnahme auf das Weltkulturerbe verlangte und von dem Brasilianer Isay Weinfeld gewonnen wurde. Das Architekturzentrum Wien reduzierte das vielschichtig zu diskutierende Projekt in einer vom Investor bezahlten Ausstellung auf eine Frage des Designs.

Bruch des Staatsvertrags mit der Unesco

Dennoch kam es Mitte Mai 2016 zu einem unerwarteten Projektstopp: Vermeintlich wegen nach wie vor bestehender Widersprüche, nicht zuletzt zu den Vorgaben der Unesco, verordnete die Planungsstadträtin Maria Vassilakou eine Nachdenkpause für unbestimmte Zeit. Es war die Zeit, als der Grüne Alexander Van der Bellen um die Bundespräsidentschaft kandidierte. Leider endete die Nachdenkpause, ohne dass viel nachgedacht wurde, bereits eine Woche nach der Stichwahl im Dezember 2016. Rathaus und Investor präsentierten den endgültigen Entwurf: In einem „Vermittlungsverfahren“, geleitet vom Autor des Hochhauskonzepts, wurde der geplante Apartmentturm um sieben Meter niedriger und etwas schlanker. Dafür soll das Intercontinental entgegen Weinfelds Plänen nun doch abgerissen und etwas breiter wieder aufgebaut werden, was die im Hochhaus verlorenen Flächen mehr als nur wettmacht.

Kritiker sehen die noch vor dem Sommer geplante Beschlussfassung des Projekts im Gemeinderat nicht nur als planungspolitischen Sündenfall, sondern auch als bewussten Bruch jenes Staatsvertrags, den die Republik Österreich 1993 mit der Unesco geschlossen hat. Die Bundesregierung allerdings denkt nicht daran, Wien zu Vertragstreue zu mahnen. Und der Oberbürgermeister gibt am Konflikt inzwischen sogar dem Welterbe-Komitee Schuld, da diese zu keinerlei Verhandlungen bereit sei. Die am Projekt beteiligten Architekten und Planer, der Investor oder auch Wiens Tourismusdirektor betonen nun schon vorsorglich, dass die Stadt das Weltkulturerbe gar nicht brauche – ja geradezu ein Hemmschuh von ihr abfallen würde. Wenn man die Architektur sieht, die so ermöglicht wurde, kann man diese frohlockende Feststellung nur als Drohung verstehen.

Quelle: F.A.Z.
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