Jimmy Wales macht Presse

Wikipedia als Zeitung?

Von Axel Weidemann
 - 17:04

Die schlechte Nachricht zuerst: Die Nachrichten sind kaputt. Angeblich. Der Wettbewerb um Klicks habe sie kaputtgemacht, sagt der Wikipedia-Mitbegründer Jimmy Wales. Die gute Nachricht: Er könne das reparieren. Wales bringt ein Nachrichtenportal namens „Wikitribune“ auf den Weg, das „Fake News“ den Kampf ansagt.

Am Dienstag hat Wales eine Crowdfunding-Aktion gestartet, um Geld für die ersten zehn Journalisten zu sammeln, die für das Portal schreiben sollen. In einem peppigen Video erklärt er, einst habe man den „Gatekeepern“ – „Redakteuren, Faktencheckern und Reportern“ – getraut. Man habe sie bezahlt, damit sie die Wahrheit schrieben. Im Netz hingegen wollten alle alles umsonst und überließen die Bezahlung den Anzeigenkunden. Jetzt sei da niemand mehr, der das „Gate“ bewachen könne, und aus allen Richtungen quelle die Desinformation hervor.

Die Community ist die Redaktion

Wales will nun die Wikipedia-Community mit einem koordinierenden Generalstab von Journalisten kombinieren. Diese sollen Nachrichten zur internationalen Politik, zu Wissenschaft und Technologie schreiben, welche die Community prüft, pflegt und schützt. Finanziert werden soll das Unterfangen durch freiwillige Beiträge der Unterstützer.

Das ist der Plan. Dieser krankt aber schon an der vorangestellten Annahme, es seien die Nachrichten, die defekt seien. Wie gegen „Fake News“ vorzugehen ist, scheint immer noch so unklar wie der Begriff selbst. Doch spätestens, wenn man bedenkt, wie Teile der Wikipedia-Gemeinschaft in „Edit-Wars“ um die Stoßrichtung von Wikipedia-Artikeln ringen, schrillen die Alarmglocken. Im Nachrichtengeschäft brächten derlei Frontstellungen den ganzen Apparat zum Erliegen.

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Jimmy Wales’ Glaube an die selbstregulierenden Kräfte der Wikipedia-Community, seine Idee, Artikel zu schaffen, die zu einem „lebendigen, sich weiterentwickelnden Artefakt“ werden, geht an der Realität vorbei. Seine Vorstellung, die Faktendarstellung einer Nachricht könne sich nach und nach ihrer Zeit anpassen, führt zum Gegenteil dessen, was Wales angeblich intendiert: Fakten, Objektivität und Wahrheit lösen sich auf. Zudem ist, was der Faktendarstellung zuträglich scheint, für andere journalistische Genres von Nachteil: Einordnung und ein klarer Standpunkt sind nur schwer verhandelbar. Und schließlich wird eines gern vergessen: Das Internet war und ist nicht allein die Echokammer bedrohlicher „Fake News“. Es ist dafür gedacht, dass Menschen zu allen erdenklichen Quellen vorstoßen, sich informieren, frei ihre Meinung bilden und sich über alle Grenzen hinweg austauschen – auch über die in ihren Köpfen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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