70. Jahrestag des Kriegsendes

Das Leben ist eine einfache und grausame Sache

Von Wladimir Putin
 - 19:16

Mein Vater mochte, ehrlich gesagt, an dieses Thema eigentlich nicht rühren. Es war eher so: Ich war, wenn die Erwachsenen miteinander sprachen und Erinnerungen austauschten, einfach dabei. Alles, was ich über den Krieg erfuhr und darüber, was mit meiner Familie geschah, entnahm ich diesen Gesprächen. Manchmal wandten sie sich freilich auch direkt an mich.

Mein Vater absolvierte den Wehrdienst in Sewastopol, in einem U-Boot-Trupp, er war Matrose. 1939 wurde er einberufen. Nach seiner Rückkehr arbeitete er in einer Fabrik und wohnte mit meiner Mutter in Peterhof. Sie bauten dort, glaube ich, sogar ein Häuschen.

Bei Kriegsbeginn arbeitete er in einem Rüstungsbetrieb, dessen Mitarbeiter vom Armeedienst freigestellt waren. Er stellte aber einen Antrag auf Parteibeitritt und schrieb ein weiteres Gesuch, dass er an die Front wollte. Man teilte ihn einem Diversionstrupp des NKWD zu. Er sagte, dass sie 28 Mann waren. Sie wurden ins nahe Hinterland geschickt, wo sie Diversionsakte durchzuführen hatten, Brücken und Eisenbahngleise sprengen... Allerdings gerieten sie fast sofort in einen Hinterhalt. Jemand hatte sie verraten.

Sie kamen in ein Dorf, zogen von dort ab, und als sie wieder zurückkamen, warteten die Faschisten schon auf sie. Sie wurden durch den Wald verfolgt. Er blieb am Leben, weil er sich im Sumpf vergrub, mehrere Stunden darin blieb und durch ein Schilfrohr atmete. Wobei er sagte, dass, als er, im Sumpf eingegraben, durch dieses Schilfrohr atmete, er hörte, wie deutsche Soldaten ganz nah an ihm vorbeigingen, buchstäblich einige Schritte von ihm entfernt, dass er hörte, wie Hunde kläfften....

Kampf um den Newski-Brückenkopf

Hinzu kam, dass der Herbst begonnen hatte, es war kalt... Ich erinnere mich auch noch gut daran, wie er mir erzählte, dass seine Gruppe von einem Deutschen angeführt wurde. Es war zwar ein Sowjetbürger, aber ein Deutscher. Vor ein paar Jahren ließ man mir aus dem Verteidigungsministerium die Akte über diese Gruppe zukommen. Bei mir zu Hause in Nowo-Ogarjewo liegt eine Kopie dieser Akte. Die Liste der Gruppe: Nachnamen, Vornamen, Vatersnamen, kurze Beurteilungen. Ja, es waren 28 Mann. An der Spitze ein Deutscher. Es war genau so, wie mein Vater es erzählt hatte. Von diesen 28 Mann an der Frontlinie kehrten vier zurück. 24 kamen um.

Die Übriggebliebenen wurden danach wieder an die Front versetzt, zum Newski-Brückenkopf. Das war der wohl am heftigsten umkämpfte Ort während der gesamten Blockade. Unsere Truppen hielten einen kleinen Brückenkopf. Er war vier Kilometer breit und gut zwei Kilometer tief. Man meinte, dies sei der Brückenkopf für den künftigen Durchbruch der Blockade. Doch die Blockade wurde an einem anderen Ort durchbrochen. Dennoch wurde der Newski-Brückenkopf gehalten, es gab sehr schwere Kämpfe. Die Kommandohöhen befanden sich ringsum, der Brückenkopf wurde völlig zerschossen. Auch den Deutschen war klar, dass der Durchbruch dort gelingen könnte, sie versuchten, den Newski-Brückenkopf dem Erdboden gleichzumachen. Es gibt Berichte, wie viel Metall jeder Quadratmeter dieses Bodens enthält.

Mein Vater wurde dort schwer verwundet. Sein ganzes Leben lang hatte er Splitter in einem Bein. Nicht alle wurden entfernt. Manchmal tat ihm das Bein weh. Er konnte den Fuß nicht mehr strecken. Man hatte die kleinen Stücke stecken lassen, um die Knochen nicht zu beschädigen. So behielt er, Gott sei Dank, sein Bein. Es hätte auch amputiert werden können. Mein Vater geriet an einen guten Arzt. Er wurde als Kriegsversehrter der zweiten Kategorie eingestuft. So bekam er eine Wohnung, unsere erste eigene Wohnung, eine kleine Zweizimmerwohnung. Freilich hatten wir bis dahin im Zentrum gewohnt und mussten nun in ein Neubaugebiet umziehen. Das geschah natürlich nicht unmittelbar nach dem Krieg, sondern als ich schon in der Verwaltung des KGB arbeitete. Ich bekam damals keine Wohnung, aber dafür endlich mein Vater.

Kameradschaft im Krieg

Nun noch ein Wort darüber, wie er verwundet wurde. Mit einem Kameraden unternahm er einen Vorstoß ins Hinterland zu den Deutschen, sie krochen mühsam voran...Was dann geschah, ist komisch und traurig zugleich. Sie pirschten zu einem deutschen Geschützschartenstand, und von dort kam, sagte mein Vater, ein riesiger Kerl und blickte sie an. Aufstehen konnten sie nicht, weil ein Maschinengewehr auf sie gerichtet war. „Der Kerl“, sagte er, „sah uns aufmerksam an, zog eine Granate heraus, dann noch eine und bewarf uns mit diesen Granaten...“. Das Leben ist eine so einfache und grausame Sache.

Worin bestand das Hauptproblem, als er wieder zu sich kam? Darin, dass Winter war und die Newa zugefroren und er irgendwie ans andere Ufer zu einer Rettungsstelle gelangen musste. Er brauchte ärztliche Hilfe, aber er konnte nicht gehen.

Er hat es tatsächlich zu den eigenen Truppen diesseits des Flusses geschafft. Doch niemand wollte ihn auf die andere Seite des Flusses schleppen, denn die Newa lag dort offen wie ein Präsentierteller und wurde durch Artillerie und mit Maschinengewehren beschossen. Doch völlig zufällig hatte es seinen Nachbarn aus Peterhof hierher verschlagen. Dieser Nachbar schleppte ihn, ohne weiter nachzudenken, zum anderen Ufer. Sie schafften es lebend bis zum Lazarett. Der Nachbar wartete dort so lange, bis er sicher war, dass mein Vater operiert würde, und sagte zu ihm: „Du wirst leben, und ich mache mich wieder auf den Weg, um zu sterben.“

Hungern im Lazarett

Er kehrte zurück an die Front. Ich fragte meinen Vater später: „Und ist dieser Nachbar gestorben?“ Ihn hat das gequält. Die beiden verloren sich aus den Augen, und mein Vater nahm an, der Nachbar sei gefallen. Doch irgendwann in den sechziger Jahren kam mein Vater eines Tages nach Hause, setzte sich hin und weinte. Er hatte seinen Retter wieder getroffen, in einem Geschäft in Leningrad, zufällig. Er war ins Geschäft gegangen, um Lebensmittel zu kaufen, und sah ihn. Beide gingen in diesem Moment in denselben Laden. Die Wahrscheinlichkeit dafür lag bei eins zu einer Million. Später trafen sie sich öfter, auch bei uns zu Hause.

Meine Mutter erzählte, wie sie meinen Vater im Lazarett besuchte, nach seiner Verwundung. Sie hatten ein kleines, dreijähriges Kind. Und da war der Hunger, die Blockade... Mein Vater gab ihr seine Essensration, heimlich, er verbarg es vor den Ärzten und Krankenschwestern. Sie versteckte das Essen, trug es nach Hause und fütterte das Kind. Doch er hatte später im Lazarett Hungerohnmachten, die Ärzte und Krankenschwestern begriffen, was vorging, und verboten die Besuche.

Und dann wurde ihr das Kind weggenommen. Man tat das, wie sie später erklärte, um die Kinder vor dem Hunger zu retten. Sie kamen in Kinderheime und sollten evakuiert werden. Die Eltern wurden nicht gefragt. Der Kleine erkrankte dort – meine Mutter sagte, an Diphtherie – und überlebte nicht. Man teilte ihnen nicht einmal mit, wo er begraben wurde. Erst im vergangenen Jahr haben mir unbekannte Leute in Eigeninitiative in Archiven recherchiert und Dokumente über meinen Bruder gefunden.

Das war wirklich mein Bruder. Ich wusste, dass sie damals, als sie vor den heranrückenden deutschen Truppen aus Peterhof flohen, bei Bekannten wohnten, ich wusste sogar ihre Adresse. Sie wohnten, wie man bei uns sagt, am Wodny-Kanal. Korrekt würde es heißen am „Obwodny-Kanal“, in Leningrad nennt man ihn aber „Wodny-Kanal“. Ich weiß genau, dass sie dort wohnten. Nicht nur die Adresse, von wo man ihn abholte, stimmt mit den Archivdokumenten überein, auch Vorname, Nachname, Vatersname und Geburtsjahr. Das war mein Bruder. Auch der Ort, wo er begraben liegt, war angegeben: der Piskarjowskoe-Friedhof, sogar die genaue Grabstelle war benannt. Den Eltern wurde überhaupt nichts davon mitgeteilt. Damals hatte man offensichtlich anderes zu tun.

Er pflegte sie gesund

Es stellte sich heraus, dass alles, was meine Eltern über den Krieg erzählt hatten, wahr war. Kein Wort hatten sie sich ausgedacht, keinen Tag durcheinandergebracht. Alles stimmte: die Erzählungen über meinen Bruder, über den Nachbarn, über den deutschen Kommandeur der Gruppe.

Als meiner Mutter das Kind schon weggenommen worden war und sie allein daheim war und meinem Vater wieder erlaubt war zu gehen, ging er auf Krücken nach Hause. Als er ankam, sah er, wie Sanitäter Leichen aus der Eingangstür trugen, unter ihnen meine Mutter. Er trat näher heran, und ihm schien, als atmete sie noch. Er sagte den Sanitätern: „Sie lebt doch noch!“ „Den Transport“, bekam er zur Antwort, „wird sie nicht überleben.“ Da ging er mit den Krücken auf die Sanitäter los und zwang sie, sie in die Wohnung zurückzutragen. Sie sagten: „Gut, wir tun jetzt, was du willst, aber sei dir darüber im Klaren, dass wir die nächsten zwei bis vier Wochen hier nicht mehr vorbeikommen werden. Du musst dann allein zurechtkommen.“ Er pflegte sie gesund. Sie lebte bis zum Jahr 1999. Er verstarb Ende 1998.

Nach dem Ende der Blockade zogen sie in die Heimat ihrer Eltern, ins Gouvernement Twer, wo sie bis zum Ende des Krieges wohnten. Die Familie meines Vaters war recht groß. Er hatte sechs Brüder, von denen fünf gefallen sind. Eine Katastrophe für die Familie. Auch Verwandte meiner Mutter sind umgekommen. Ich selbst war ein spätgeborenes Kind. Meine Mutter war 41 Jahre alt, als sie mich zur Welt brachte.

Aber es gab ja keine einzige Familie, in der nicht jemand gefallen ist. Es gab viel Kummer, viel Unglück, Tragödien. Was verwunderlich ist: Sie empfanden keinen Hass gegenüber dem Feind. Ich kann das, ehrlich gesagt, bis heute nicht ganz begreifen. Meine Mutter war überhaupt ein sehr weichherziger, gütiger Mensch... Sie sagte: „Wie soll man diese Soldaten hassen? Es waren einfache Leute, und sie sind auch im Krieg gefallen.“ Das ist erstaunlich. Wir wurden von sowjetischen Büchern und Filmen erzogen... Und wir hassten. Aber bei ihr war das aus irgendeinem Grund überhaupt nicht so. Ich habe mir ihre Worte eingeprägt: „Was will man denn von ihnen? Sie waren fleißige Arbeiter wie wir auch. Man hat sie einfach an die Front getrieben.“ Von Kindheit an erinnere ich mich an diese Worte.

Wladimir Putin ist Präsident der Russischen Föderation. Sein Text ist auf der Website der russischen Zeitschrift „Russkij Pioner“ erschienen.

Aus dem Russischen von Joseph Wälzholz.

Quelle: F.A.Z.
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