Erbe und Identität

Worauf können die Europäer stolz sein?

Von Paweł Ukielski
 - 10:59

Was ist das Erbe, was ist die Identität Europas? Worauf dürfen, worauf sollten wir stolz sein? Welche Werte haben Europa geprägt, wie wir es kennen? Im Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel erhält der Besucher auf diese Fragen leider keine umfassende Antwort. Stattdessen bekommt er ein neomarxistisches Narrativ vorgesetzt, das die komplexe Geschichte unseres Kontinents und die Vielfalt seines Erbes nicht widerspiegelt.

Das Haus der Europäischen Geschichte, das unlängst eröffnet wurde, wurde auf intransparente Weise und ohne eine ernsthafte öffentliche Debatte vorbereitet, und bis heute ist unbekannt, wer der Autor des Drehbuchs war.

Im Jahre 2012, in einer frühen Phase des Projekts, traf sich seine Chefin Taja Vovk van Gaal mit der Führung der „Plattform für das Gedächtnis und das Gewissen Europas“. Die Plattform vereint 55 Institutionen aus 19 Ländern Europas, den Vereinigten Staaten und Kanada, die sich mit der Erinnerung an die totalitären Systeme befassen; unter ihnen sind mehrere deutsche, darunter die Stasi-Unterlagen-Behörde BStU, vergleichbare Institutionen in den Ländern Mitteleuropas, Museen und Nichtregierungsorganisationen. Die Plattform bat damals ihre Zusammenarbeit an, Unterstützung bei der Erarbeitung der Dauerausstellung und der Nutzung des Potentials und der Erfahrung vieler Fachleute in verschiedenen Ländern. Dieses Angebot wurde jedoch abgelehnt.

Ein niederschmetterndes Bild

Im August dieses Jahres besuchten neunzehn Wissenschaftler aus neun Ländern im Rahmen einer Studienreise, von der Plattform organisiert, das Haus der Europäischen Geschichte. Nach einem mehrstündigen Aufenthalt in der Ausstellung konnten die Gäste, darunter ich selbst, ein Formular zur Evaluierung ausfüllen. Auf dieser Grundlage wurde ein umfassender Bericht erstellt, der am 6. November der Öffentlichkeit vorgestellt werden wird. Trotz ihrer Bitte an das Brüsseler Haus erhielten die Besucher keinen Zugang zur Gesamtheit der Texte der Dauerausstellung, die im Museum nur im Audio-Format abzurufen sind. Andere Interessierte, darunter auch Abgeordnete des Europäischen Parlaments, stießen auf ähnliche Probleme.

Dennoch ließen sich viele Eindrücke zusammentragen. Das Bild, das sich aus der Analyse der Ausstellung ergibt, ist leider niederschmetternd. Ihre Schöpfer definieren ihre raison d’être folgendermaßen: „Das Ziel des Hauses der europäischen Geschichte besteht darin, zu einem besseren Verständnis der gemeinsamen Vergangenheit und der verschiedenen Erfahrungen der Menschen in Europa beizutragen. An diesem Ort können Sie unterschiedliche und gemeinsame Standpunkte in der europäischen Geschichte entdecken. Auf diese Weise wird dieses Haus zu einem Treffpunkt für Menschen aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten.“

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Diese richtigen Worte werden in der Ausstellung leider nicht widergespiegelt. Sie ist das Gegenteil von Vielfalt und keine Darstellung verschiedener Standpunkte. Stattdessen erhält der Besucher ein stark ideologisiertes Narrativ, das sich auf eine neomarxistische Vision der Geschichte Europas stützt. In deren Sinne befindet sich Europa seit der Französischen Revolution auf dem Weg eines unaufhaltsamen Fortschritts mit Richtung auf eine ideale, klassenlose und der Nationen entledigte Gesellschaft.

In einer solchen Erzählung gibt es praktisch keinen Raum für das, was vor der Französischen Revolution stattfand – etwa für die berühmte Trias der Grundlagen unserer Zivilisation, die griechische Philosophie, das römische Recht und den jüdisch-christlichen Geist. Zwar kommt jeder dieser Begriffe in der Ausstellung vor, jedoch nur als völlig marginale Erscheinung. Zwar wird die Philosophie als einer von vierzehn Begriffen anerkannt, die die Wurzeln Europas ausmachen, doch wird sie auf geradezu kuriose Weise vorgestellt: Die Gesamtheit philosophischen Denkens repräsentieren die Porträts zweier Gestalten, Aristoteles und Slavoj Žižek. Für Sokrates, Platon, Descartes, Kant, Hume oder Wittgenstein war kein Platz mehr.

Fundamentale Begriffe fehlen

Die Reihe der Begriffe, die den Ausstellungsmachern zufolge Erbe und Gedächtnis Europas definieren, ist ebenfalls überraschend. Es sind: Rechtsstaatlichkeit, Kapitalismus, Humanismus, Philosophie, Demokratie, Aufklärung, die Allgegenwart des Christentums, Staatsterror, Nationalstaat, Revolutionen, Kolonialismus, Völkermord, Sklavenhandel sowie Marxismus, Kommunismus und Sozialismus. Es ist schwer, für diesen Satz von Begriffen verschiedener Ebenen einen gemeinsamen Nenner zu finden; ebenfalls ist unverständlich, warum hier so fundamentale Begriffe wie Freiheit oder Liberalismus fehlen. Während Marxismus, Kommunismus und Sozialismus in der ganzen Ausstellung immer wieder auftauchen, zumeist mit sehr positiven Konnotationen, sind Adam Smith und John Locke völlig abwesend.

Ein wesentliches Problem ist der Mangel an Objektivität und neutraler Beschreibung der Wirklichkeit. Aus unbekannten Gründen ist die einzige Religion, die im Anfangsteil der Ausstellung auftaucht, das Christentum, der einzige Begriff, der nicht neutral betitelt, sondern sofort bewertet wird („Allgegenwart des Christentums“). Judentum und Islam werden vollends ausgelassen. Die Darstellung enthält auch sachliche Fehler, wie zum Beispiel die absurde Aussage, das Christentum sei in Europa im Mittelalter auf den Plan getreten, sowie stark ideologisch gefärbte Aussagen wie diese: Das Christentum dominiere auf dem Kontinent, sei jedoch glücklicherweise auf dem Rückzug.

Dagegen weckt der Kommunismus, eine verbrecherische Idee, die Dutzende Millionen Menschen das Leben gekostet hat, bei den Ausstellungsmachern deutliche Sympathien. An einer Stelle fragen sie, ob der Kommunismus nur ein missglücktes Experiment gewesen sei oder ob er immer noch eine Zukunft habe. Für Angehörige der Völker, die unter dem kommunistischen Terror gelitten haben, ist es beleidigend, hundert Jahre nach 1917 im Herz des freien, demokratischen Europas eine Ausstellung mit dieser Botschaft zu sehen.

Meinungen und Kommentare treten vielerorts an die Stelle sachlicher historischer Angaben, was die Ausstellung weniger überzeugend macht, selbst dort, wo sie keinen Zweifel weckt. So ist es im Fall des Kolonialismus, wo die Autoren die negativen Auswirkungen erörtern, aber sich nicht die Mühe gegeben haben, Zahlen zu nennen, etwa der Opfer belgischer, deutscher oder britischer Verbrechen in den jeweiligen Kolonien.

Der Holocaust, fehlt in der Ausstellung fast völlig. Das äußerst bescheidene Element, das ihm gewidmet ist, muss viele Europäer überraschen, die gut wissen, dass gerade die Erfahrung unvorstellbarer Verbrechen mit dem größten an der Spitze beim Beginn der europäischen Integration Pate gestanden hat. Andere Verbrechen des Völkermords (an den Sinti und Roma, an den Ukrainern während der großen Hungersnot) fehlen völlig. Überhaupt ist der Teil über den Zweiten Weltkrieg erheblich unterbewertet; die Rolle der Sowjetunion bei seinem Ausbruch (Hitler-Stalin-Pakt) ist praktisch nicht wahrnehmbar.

Fehlerhafte Darstellung

Die Darstellung des Kalten Krieges ist oberflächlich und verzerrt – obwohl man ihm viel Platz gegeben hat. Der Kalte Krieg wird als Rivalität zweier gleichwertiger Blöcke dargestellt, ohne die Unterscheidung, dass er ein Konflikt der Welt der Demokratie und der europäischen Werte mit einem aufgezwungenen totalitären System war.

Höhepunkt dieser Botschaft ist das Jahr 1989, das man als Triumph der europäischen Werte hätte darstellen können, als Ende der künstlichen Teilung des Kontinents und Integration der Völker, die gegen ihren Willen hinter dem Eisernen Vorhang geblieben waren, in das Werk der europäischen Einigung. Als Augenblick, in dem das „Imperium des Bösen“ spektakulär überwunden wurde und Millionen Menschen die erhoffte Freiheit erlangen konnten. Stattdessen sehen wir einen belanglosen Film, der zwar nicht erklärt, warum der Kommunismus fiel, der uns jedoch dafür mitteilt, es sei hauptsächlich in Deutschland geschehen.

So ist die ganze Erzählung der Ausstellung nicht nur fehlerhaft, sondern der Idee der europäischen Integration und einer gemeinsamen Identität sogar abträglich. Für viele Menschen, die sich auf europäische Werte und das Erbe der Vielfalt des Alten Kontinents berufen, wird sie unannehmbar sein. Sie erhalten im Museum eine Botschaft, der zufolge sie sich dafür schämen sollten, dass sie ihren jeweiligen Völkern angehören, dass sie Erben der jüdisch-christlichen Tradition sind und außerdem sämtliche Verbrechen der letzten 200 Jahre auf dem Buckel haben. Diese Botschaft ist Wasser auf die Mühlen aller, die der EU vorwerfen, sie wolle die europäischen Gesellschaften ihrer nationalen Identität berauben und eine homogene Menschenmasse schaffen, ähnlich wie die Sowjets als Sozialingenieure den Homo Sovieticus schaffen wollten. Wer das Haus der Europäischen Geschichte besucht hat, dem wird es schwerfallen, solche Argumente zu entkräften.

Aus dem Polnischen von Gerhard Gnauck.

Paweł Ukielski, Jahrgang 1976, ist stellvertretender Direktor des Museums des Warschauer Aufstands und Vorstandsmitglied der Plattform für das Gedächtnis und das Gewissen Europas.

Quelle: F.A.Z.
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