Wortschöpfung „Mansplaining“

Komm, Kleines, ich erklär’ dir die Welt

Von Julia Bähr
 - 13:58

Ungebetene Vorträge gehören zu den unangenehmeren Momenten menschlicher Kommunikation. Nicht immer lässt der Redefluss dem Zuhörer Gelegenheit, zumindest ein schnelles „Ich weiß“ einzuwerfen. Und selbst wenn, verfolgen manche Redner ihren Faden dennoch bis zum Ende. Ist einmal der Gang eingelegt, gibt es kein Zurück. Schließlich ist das alles hochinteressant, was sie zu sagen haben. Finden sie. Nennen wir diesen Typus im Folgenden den allwissenden Erzähler, kurz AE.

Peinlich wird es, wenn die Wortflut jemanden überrollt, der sich mit dem Thema auskennt, womöglich sogar besser als der AE. So passierte es der Journalistin und Autorin Rebecca Solnit im Jahre 2003, als ihr ein Mann von dem total wichtigen Buch über den Fotografen Eadweard Muybridge erzählte. Sie müsse das unbedingt lesen, bestimmte er ungefragt und gab ein paar Informationen aus dem Buch verkürzt und falsch wieder. Erst nach Versiegen des Redeflusses konnte Solnit ihn darüber aufklären, dass sie dieses Buch selbst geschrieben hatte. Anschließend prägte sie das Wort „Mansplaining“ und schrieb auch hierüber ein Buch. Ob ihr auch dessen Lektüre inzwischen jemand gönnerhaft ans Herz gelegt hat, ist leider nicht überliefert.

Vortrag statt Gespräch

Es lässt sich nur darüber spekulieren, warum dieses in jeder Konstellation üble Phänomen nun ausgerechnet in der Form „Mann erklärt Frau“ Ruhm erlangt hat. Womöglich hängt es damit zusammen, dass viele Männer kommunikativ gerade im beruflichen Umfeld noch immer eher zum Vortrag als zum Gespräch neigen. Bei anderen Männern als Gegenüber könnte es in der Vorstellung der AE ja immerhin sein, dass die sich auskennen. Da legen also einige mehr Vorsicht an den Tag. Aber die junge Kollegin, woher soll die sich denn auskennen?

Das ist der Alltagssexismus am „Mansplaining“: Dass AE automatisch annehmen, die ihnen gegenüberstehende Frau wüsste weniger als sie. AE sprechen Kolleginnen in Konferenzen gern mit „Junge Frau“ an und legen wenig Humor an den Tag, wenn sie mit „Alter Mann“ antwortet. Sie halten der Nachbarin ellenlange Vorträge über den Haselstrauch und ignorieren dabei, dass sie Landschaftsarchitektin ist. Und die fortgeschrittenen AE erklären Frauen gerne, dass eine Geburt ohne Schmerzmittel ja viel besser fürs Kind und auch durchaus auszuhalten wäre. Eine schöne Sammlung weiterer Beispiele bietet der Tumblr „Mansplained“, in dem Frauen von ihren Erlebnissen berichten.

Das Dilemma der belehrten Frau

Für die Frauen, die dem „Mansplaining“ ausgesetzt sind, ist es gleich mehrfach ärgerlich. Erstens verschwendet es ihre Zeit. Zweitens wird niemand gern für uninformiert gehalten. Drittens, und das ist fast das Schlimmste, stecken sie in einem Dilemma: Wenn ihre höflichen Hinweise auf die eigene Expertise offensiv überhört werden, haben sie nur die Wahl, zu schweigen oder laut und deutlich zu werden. Letzteres allerdings kann ein neuerliches „Mansplaining“ darüber nach sich ziehen, dass man aber Gesprächspartner nicht so bloßstellen darf, also wirklich, junge Frau, haben Ihre Eltern Ihnen keine Kinderstube beigebracht?

Darum entscheiden sich viele fürs Schweigen. Anschließend gehen sie los und schreiben Bücher darüber und Artikel, sie prägen einen Neologismus, der ins Lexikon aufgenommen und sogar zum Wort des Jahres gekürt wird, und sie tauschen sich im Internet darüber aus. Aber bestimmt warten da draußen irgendwo ein paar AE, die ihnen erklären wollen, wie man mit Sexismus viel klüger umgeht. Denn noch immer gilt die Devise: Am besten urteilt es sich unbelastet von Erfahrung.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Bähr, Julia
Julia Bähr
Redakteurin im Feuilleton.
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