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Historiker Jacob Burckhardt

Altgierig auf jede große Einzelheit

Von Jürgen Kaube
 - 14:26

In seinem Buch über die Demokratie in Amerika hat der französische Publizist Alexis de Tocqueville 1840 auch über die Wirkungen der modernen Gesellschaft auf die Geschichtsschreibung nachgedacht. In aristokratischen Epochen, schreibt er, werde viel den großen Einzelnen und deren Launen zugerechnet, in demokratischen hingegen seien zur Erklärung historischer Ereignisse anonyme Kräfte beliebt: Rasse, Geographie, Klima, Ökonomie, Kultur und so weiter. Die aristokratische Historie sehe alles abhängig von wenigen Personen, die demokratische kenne nur Individuen, die relativ unabhängig voneinander und nur durch „Gesetze“ oder „Kräfte“ verbunden seien. Aristokratische Historie komme ohne Theorien aus, hingegen sei noch die armseligste moderne Gesellschaftsdeutung voll von ihnen. Während der aristokratischen Betrachtung daher die Verbindung der Ereignisse untereinander entgehe, neige die demokratische Betrachtung dazu, überall systematische Zusammenhänge zu sehen, die sich den menschlichen Absichten entziehen.

Tocqueville deutet diesen Unterschied politisch. Die aristokratische Geschichtsschreibung sieht nur die Freiheit weniger, die demokratische nur die Ohnmacht aller. Wer alte Schriftsteller lese, lerne, dass, um Einfluss zu haben, man sich zunächst selbst im Griff haben müsse. Wer moderne Schriftsteller lese, erhalte den Eindruck, dass nicht einmal das möglich sei. Die alten Historiker, so Tocqueville, lehren herrschen, die modernen gehorchen.

Fremdling in seiner Zeit

Nach Maßgabe dieser Unterscheidung war einer der bürgerlichsten Historiker des neunzehnten Jahrhunderts ein aristokratischer Denker: Jacob Burckhardt, der am 25. Mai vor zweihundert Jahren in eine Basler Patrizierfamilie hineingeboren wurde, betrieb eine Geschichtsschreibung der gemischten Gefühle über verlorene Freiheit. Dem Individuum, das sich gegenüber religiösen, ständischen und staatlichen Mächten behauptet, hat er in seiner „Cultur der Renaissance in Italien“ ein Denkmal gesetzt. Und zwar eines, das alle Rücksichtslosigkeiten, alle Gewalttätigkeit, Niedertracht und allen Zynismus wie Hochmut dieser Epoche mit darstellt. Das Erstaunen darüber, dass etwas so Chaotisches wie die italienische Renaissance zur „Mutter unserer Civilisation“ werden konnte, liest man heute noch aus jeder Zeile Burckhardts. Es hat ihn zur Abneigung gegen lineare Geschichtsmodelle geführt: Unsere eigenen Freiheiten sind die Erben von Verbrechen, Egoismen und Lastern.

Sofern es denn noch Freiheiten sind – Burckhardt selbst fühlte sich seiner Zeit entfremdet. Überall Ismen, überall Lärm, allgemeine Unruhe, Geschwätz, Größenwahn und Geschäftssinn „Oder soll alles gar zum bloßen business werden wie in Amerika?“ Wie müsste man den Satz umformulieren, wollte man ihn gegen die heutigen Elogen auf China oder Trump wenden? Überall Wachstum, so Burckhardts Eindruck, darum aber auch überall wachsende Abhängigkeiten und Unfreiheiten, politisch wie ökonomisch und geistig. Burckhardts Diagnosen, die sich von Aufrufen fernhalten, dem Rad der Geschichte in die Speichen zu greifen, erinnern an die nur wenig späteren Max Webers, der eine ähnlich skeptische Freiheitsbilanz der Moderne aufstellte.

„Größe ist, was wir nicht sind“

„Unsern Ausgang“, so Jacob Burckhardt in seiner Vorlesung über das Studium der Geschichte, „nehmen wir von unserem Knirpstum, unserer Zerfahrenheit und Zerstreuung.“ Gehalten zwischen 1868 und 1872 und unter dem Titel „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ acht Jahre nach dem Tod Burckhardts publiziert, handelt das so eingeleitete Kapitel von der Frage, was historische Größe ist. „Größe ist“, so der berühmte eine Satz am 8. November 1870, „was wir nicht sind.“

Würde ein Historiker heute einen Vortrag damit beginnen, er handele im Folgenden von den großen Männern, in denen sich die Dynamik der Weltgeschichte individualisiert habe, er – wir nehmen einmal willkürlich an, eine Frau käme gar nicht auf so eine Idee – dürfte froh sein, wenn ihm nur Gelächter antwortete. Dass Männer Geschichte machen, hat heute allenfalls noch die Unterstützung der Massenmedien, die etwas zum Abbilden brauchen, oder von manchen Sachbuchautoren, die Biographien mit solchen Leuchtmitteln ausstatten. Auch Hollywood zeigt Geschichte so.

Überraschend hegelianisch

Was also brachte Burckhardt dazu, sich der Größe als etwas Vergangenem – „Im Staat kann es keine Heroen mehr geben: diese kommen nur im ungebildeten Zustande vor“ (Hegel) – zuzuwenden, den Begriff selbst aber zugleich als „unentbehrlich“ zu bezeichnen? Man dürfe ihn sich nicht nehmen lassen, notiert er. Vielleicht ergibt sich eine Antwort, wenn man sieht, wem er historische Größe absprach: Erfindern zum Beispiel, fast allen Wissenschaftlern (außer Kopernikus, Galilei, Kepler), allen Entdeckern bis auf einen (Kolumbus), der aber nicht der Entdeckung Amerikas halber groß sei, die einem anderen später auch gelungen wäre, sondern weil er die Kugelgestalt der Erde bewahrheitet habe: „Alles seitherige Denken, insofern es nur durch diese Voraussetzung frei geworden, strahlt auf Columbus unvermeidlich zurück.“ Historische Größe hatte für Burckhardt mithin der, dessen Taten und Werke mit der Weltgeschichte verbunden waren, wenn die Taten nicht, wie in der Wissenschaft, überholt wurden und wenn sie zwar vergangen sind, aber weiter auf die Gegenwart als ihre Voraussetzung wirken. Hierfür wählte der Gelehrte, der sein Missvergnügen an Hegels Geschichtsphilosophie gern ins Schaufenster stellte, eine überraschend hegelianische Formulierung, als er schrieb, die Geschichte liebe es von Zeit zu Zeit, „sich auf einmal in einem Menschen zu verdichten, welchem hierauf die Welt gehorcht“, weil es sich „auf das Allgemeine“ bezieht. Es zeige sich an ihnen „eine geheimnisvolle Koinzidenz des Egoismus des Individuums mit dem, was man den gemeinen Nutzen oder die Größe, den Ruhm der Gesamtheit nennt“.

Dass in den Kreis dieser historischen Personen, die eine Statue verdienen, für Burckhardt unter anderen der Erfinder des programmierbaren Webstuhls, Joseph-Marie Jacquard, nicht gehörte, weil dieser „es eben nicht mit dem Weltganzen“ zu tun gehabt habe, hätte sein Zeitgenosse Karl Marx sicher anders gesehen. Eine Erfindung oder Aktion auf einem speziellen Sektor war Burckhardt aber einfach zu wenig, als dass sie historisches Interesse am entsprechenden Individuum auf sich ziehen könnte. Er dachte an Denkmale, nicht an Straßennamen. Den heutigen Bedarf an historischer Biographik hätte er sich außerdem wohl nicht vorstellen können, vielleicht auch nicht wollen. Seine eigene Geschichtsschreibung, etwa in der „Cultur der Renaissance in Italien“, war dabei durchaus nicht monumental, sondern farbenfroh, erstaunt, altgierig auf jede Einzelheit, grimmig und bewegt.

Nostalgisches Bedürfnis

Gerade deshalb aber war ihm Geschichtsschreibung Erziehung zur Nachdenklichkeit. Was für Kunstwerke gilt – dass sie einerseits Dokumente ihrer Zeit sind und anderseits dies nicht nur sind, nicht überboten werden durch das, was später kam –, das meinte Burckhardt auch an einigen „großen“ historischen Beständen sichern zu sollen. Das heißt: Es wäre erkennbar ein Verlust und ganz sinnwidrig, wenn an vergangener Kunst nur noch wahrgenommen würde, was fremd und „historisch“ an ihr ist. Einen entsprechend sinnwidrigen Verlust schien Burckhardt zu fühlen, wenn religiöse, politische oder kulturelle Vergangenheiten nur noch als fremd oder als behende überspringbare Vorstufen zur fortgeschrittenen Gegenwart aufgefasst würden. Denn nicht jede Zeit ist einer anderen gleich fern oder gleich nah, allein schon das Wort „Renaissance“ belegt es. Und nicht jeder Ferne in der Zeit entspricht eine Distanz im Verstehen, so dass stets am besten verstanden würde, was am nächsten liegt. Umgekehrt warnt Burckhardt vor dem nostalgischen Bedürfnis nach vergangener Größe, dem sie nur ein Rauschmittel ist.

„Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht sie auch vernünftig an“, schrieb Hegel in seinen „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“. Burckhardt dazu in seinen Notizen: „O du Zopf.“ Dass nur Gleiches Gleiches erkennt, war ihm so fremd wie die Vorstellung, die Welt zeige dem Historiker vor allem vernünftige Aspekte. Wenn Kammerdiener keine Helden kennen, wie das Sprichwort sagt, dann kennen Historiker, je näher sie sich mit ihren Gegenständen befassen, naturgemäß desto weniger Vernunft. Dass umgekehrt nur Helden Helden schätzen können und die Geschichtsschreibung vor allem dazu da sei, durch Stärkungsmittel einem gegenwärtigen Willen zum heroischen Leben zu dienen, wie es ein Zuhörer seiner Basler Vorlesung dachte, hat Burckhardt freilich ebenso abgelehnt. Sein Modus der historischen Bezugnahme auch auf vergangene Größe war der Modus einschränkender Konjunktionen: obzwar, obwohl, indes, nichtsdestoweniger. Mit der Vergangenheit sind wir für Burckhardt weder durch ein Ja noch ein Nein verbunden, sondern durch ein „Ja, aber“ und ein „Nein, obgleich“.

Quelle: F.A.Z.
Jürgen Kaube
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