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Dein ist die ganze Terz

Von Andrea Diener, Fridtjof Küchemann und Julia Bähr

15.09.2016 · Discomucke trifft Empfindsamkeit: Nicht nur Helene Fischer feiert mit modernem Schlager Erfolge. Warum sind diese Lieder so beliebt? Und warum ähneln sie einander so frappierend?

Die Popularmusikforschung führt seit einiger Zeit einen Diskurs: Wie verhält man sich zu Musik, die vielen Menschen gefällt, einem selbst jedoch körperliche Schmerzen bereitet? Reiht man sie ein unter die "alternativen, nicht-hegemonialen kulturellen Entwürfe" (Mendívil, 2008) und feiert sie als demokratische Teilhabe eines mindergeschmacksgebildeten Musikkonsumenten, nach dem Motto „besser dieser Scheiß als gar keine Musik“ – oder spricht man offen aus, dass man das Ganze eher kritisch betrachtet und sich wünschte, die Aufklärung käme und fegte die verlogenen Konstrukte hinweg, bevor sie noch mehr Hirne mit ihren siffigen Verblendungszusammenhängen verkleistern können?

Wir vom Popdossier bemühen uns ja stets um eine neutrale Haltung. Insofern unterstellen wir dem Schlager und seinen Konsumenten zwar eine eskapistische Haltung, finden das aber erst einmal nicht schlimm. Und beginnen mit der Empirie: Was macht einen Schlager aus? Den Schlager, so die Wissenschaft, kennzeichnen synthetische Klänge, die einen größeren Klangkörper simulieren, dazu deutliche Perkussion. Also Bausch und Stampf. Die Musik konzentriert sich auf die Solostimme. Im Gegensatz zum volkstümlichen Schlager gibt es keine jodlerischen Elemente, dafür größere melodische Phrasen.

Simple Melodien und wenige, einfache Harmonien: Was bei der musikalischen Beschreibung von Schlagern abfällig klingt, gilt im Grunde für viele Popsongs. Während dort allerdings die Schlichtheit mit den unterschiedlichsten Mitteln – wie Pathos, Lakonie, Morbidität, Aggression oder Ungestüm – kaschiert oder zumindest provokant bloßgestellt wird, hat sie im Schlager nur ein Ziel: Gefälligkeit. Und nur einen Weg, es zu erreichen: den direkten. Voller Verkunstungsverzicht. Sie sehen, es geht immer noch schlimmer und schlichter.

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© Helene Fischer (Official)

Die Rhythmen des Schlagers vermeiden jede Unwucht, jeden Break, jede Synkope. Die vornehmste Funktion des Basses ist nicht etwa, die Dinge in Bewegung zu bringen, sondern Halt zu geben. Harmonien und Begleitstimmen, Einwürfe – das musikalische Dekor erfüllt nur einen Zweck: die Melodie, den Gesang ins rechte Licht zu setzen. Allenfalls darf es noch – wie die Fanfaren und Schlagzeug-Crescendi in Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“ – Zeichen setzen, Behauptungen aufstellen: Tanztauglichkeit, Jugendlichkeit.

Die Melodie selbst hangelt sich vom Grundton eines Akkords zu seiner Terz, von Wohlklang zu Wohlklang, ohne große Sprünge oder andere Eskapaden. Vielleicht bezeichnet das den Schlager insgesamt ganz gut: So oft in ihm von Träumen, vom Besonderen, vom Entkommen aus dem Alltag die Rede ist: Er ist Genügsamkeitsmusik.

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Der Eskapismus der Schlagertexte führt jedoch längst nicht mehr weit weg – höchstens in die Vergangenheit. Folgen wir der Grande Dame der Schlagerforschung, Mechthild von Schoenebeck und ihrem wegweisenden Aufsatz „Wenn die Heidschnucken sich in die Äuglein gucken. Politische Inhalte des volkstümlichen Schlagers“ von 1994, gibt es verschiedene Modelle der Realitätsflucht. Nummer eins ist natürlich die Liebe, dann folgen Kategorien wie Heimat (so schön ist das Dingsbumstal), Alkohol (in meiner kleinen Kneipe sauf ich mir in Ruhe die Welt schön), Kindheit (Stefanie Hertel und ihr naives Gesummsel).

Schlager-Quiz

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Im modernen Schlager kann die Kategorie Liebe durch die Unterabteilung Erotik ergänzt werden, etwa in Andrea Bergs Lied „Diese Nacht ist jede Sünde wert“, das eine Affäre mit einem gebundenen Mann beschreibt. Das lyrische Ich ist sich dabei der Gefahr und des Unrechts bewusst, wenn es nach einer Kurzzusammenfassung der offenbar eindrücklichen Erstbegegnung („zärtliche Magie ist unser Startsignal“) folgert: „Diese Nacht ist jede Sünde wert, wenn der neue Tag den Traum auch zerstört. Und ich weiß, dass mir dein Herz nie ganz gehört.“

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© Andrea Berg (Official)

Das widerspricht dem Ideal der ewigen Liebe, das lange Zeit im Schlager als Utopie propagiert wurde und das Problem aller Utopien teilt: Sie beschreibt einen statischen, idealen Zustand und darf sich nie verändern. Im modernen Schlager geht es dagegen immer häufiger um den Augenblick, den es zu genießen gilt, oder um es mit der Gegenwartsphilosophin Helene Fischer zu sagen: „Wir sind heute ewig, tausend Glücksgefühle.“

Aber was macht man mit diesem Augenblick? Da bietet Michelles aktueller Hit „So schön ist die Zeit“ einen guten Überblick, dessen Bestandteile in diesem Genre dauernd auftauchen: „Die Freiheit erleben“, „Pferde stehlen“, „den Moment leben“, „dem Alltag entfliehen“, „das Leben feiern“, „die Sonne sehen“. Die Erreichbarkeit des Besungenen und die gleichzeitige Überhöhung des Alltäglichen machen den Reiz des modernen Schlagers aus.

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Dass die Lieder oft völlig austauschbar wirken, hat seine Gründe. Die moderne Schlagergemeinde ist nicht sehr groß – da finden sich die alten Recken Matthias Reim und Michelle, die neueren Gesichter Beatrice Egli und Vanessa Mai, aber gar nicht so viel dazwischen. Da tauscht man Texter, Produzenten und Komponisten munter aus: „Atemlos“ schrieb etwa die Schlagersängerin Kristina Bach für ihre Kollegin Helene Fischer, und Dieter Bohlen hat immens erfolgreiche Musik für Beatrice Egli und Andrea Berg verfasst – letzteres übrigens gemeinsam mit DJ Bobo. Michelle, die der Legende nach von Kristina Bach entdeckt wurde, ließ ihr Album „L’Amour“ von ihrem Kollegen und Verflossenen Matthias Reim produzieren. Vanessa Mai ist mit dem Stiefsohn von Andrea Berg verlobt und zählt auf Dieter Bohlens Künste am Mischpult. Die Liste solcher Verknüpfungen ließe sich lange fortsetzen.

Die genannten haben offenbar auch einen ähnlichen Geschmack in puncto Musikvideos. Anders lässt sich nicht erklären, wie verblüffend sie einander ähneln. Während Helene Fischer in einem weißen Cabrio umherfährt und Andrea Berg mit nackten Beinen auf einem Pferd am Strand entlang reitet, macht Claudia Jung gleich beides. Das weiße Cabrio scheint so etwas wie das Pferd der Jugend zu sein, aber beides ist natürlich eine sichere Bank, das spricht einfach alle an. Was bei den anderen gut funktionierte, kann für das eigene Video ja nicht schlecht sein. Auch in diesem Punkt geht die Schlagerbranche keine Risiken ein. Das schafft stilistische Konformität.

Von den Stränden in den Videos mal abgesehen, hat sich der moderne Schlager vom sehnsuchtsvollen Exotikrepertoire der siebziger- und achtziger Jahre fortentwickelt. Von fernen Gestaden, von „Arrividerci Napoli“ und „Die Rote Sonne von Barbados“, „Im heißen Sand von Rhodos“ und „Lotosblume“, um nur ein paar Beispiele der einstmals sehr erfolgreichen „Flippers“ anzuführen, hat sich die Sehnsucht in den Alltag verlagert. Wenn schon die Ewigkeit zum Moment zusammenschrumpfen musste, so wird auch die ganze weite Welt zu „die Straßen und die Clubs dieser Nacht“ eingedampft. In den meisten modernen Schlagern herrscht eine verblüffende Ortslosigkeit vor, die in den zugehörigen Musikvideos gerne mit einem undefinierten Strand und ein paar Pferden gefüllt wird. Je undefinierter, desto Projektionsfläche.

Lass alles atemlos die ganze Sünde Nacht: Die häufigsten Worte in drei aktuellen Schlagern von Helene Fischer, Claudia Jung und Andrea Berg

Dazu kommt eine Inszenierung der Authentizität des Interpreten. Wie bei den Texten spielt auch hier die Erreichbarkeit eine Rolle: Wenn schon die Musik aus dem Computer kommt, so soll wenigstens der Star auf dem Boden geblieben sein und „einer von uns“ – alles andere würde eine notwendige Identifizierung verhindern. Zudem soll die Musik etwas Echtes, etwas Wahres vermitteln und idealerweise realen Erkenntnissen folgen. Zudem soll es „empowernd“ wirken. Über Claudia Jungs Single schreibt die Plattenfirma: „,Alles was du willst‘ ist ein Song, der sofort Freude macht und Hoffnung auf gute Zeiten aussendet. Der perfekt zu Claudias Stimme passt und bei dem man von der ersten Note an hört, dass sich die attraktive Sängerin voll in den Sound einfühlt.“ Es gehe darin um Träume, die wahr werden und den festen Glauben an das eigene Glück. Das Lied versprühe gute Laune mit seiner Power, den „kraftvollen Dance-Sounds sowie der plakativen Hookline“.

Diese Musik beschreibt einen Idealzustand, der jeden treffen kann: „Es regnet Gefühle, ich denk nicht länger mehr nach.“ Wenn man nur lange genug wartet, kann es jeden treffen. Dann hört endlich dieses lästige Nachdenken auf, man sitzt in einem weißen Opel Cabrio, man bekommt ein paar „Flügel aus Glück“ übergestülpt und zack! Emotionen pur.

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© Claudia Jung

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15.09.2016
Quelle: F.A.Z.