Modetanz Kizomba

In spielerischer Umarmung

Von Daniel Haaksman
 - 21:47

Es ist Freitagabend im Berliner Kulturzentrum „Afrika Yetu“ in Prenzlauer Berg. Frauen auf hohen Absätzen und Männer in flachen Repetto-Schuhen tanzen wie in sich selbst versunken in spielerischer Umarmung. Die Paare wirken, als wären ihre Hüften zusammengeschweißt. Während die Männer die Frauen mit Oberkörper und Beinen sachte führen, sind die Wangen der Tanzenden fest aneinandergedrückt.

Plötzlich erstarren die Frauen, und die Männer lassen sie mit ihren Armen behutsam quer Richtung Boden gleiten, um sie wenige, aufregende Augenblicke danach wieder aufzurichten. Gleich darauf schweben sie weiter über die Tanzfläche. Das ist Kizomba. Ein Stil, der aus Afrika erst nach Europa und über das Internet in die Welt kam. Und jetzt die Tanzflächen regiert.

Der Lehrer dieses Workshops, Joaquim Francisco João, ist zufrieden mit seinen Tänzern. Der Angolaner, der 1987 als Maschinenbaustudent in die DDR kam und blieb, hat schon im Jahre 2000 begonnen, Kizomba in Berlin zu unterrichten. Hier war er damit der Erste.

Der Kizomba (ausgesprochen: „Kisomba“) kommt ursprünglich aus Angola und ist sowohl ein Tanz- als auch ein Musikstil. Die Geschichte dieses Stils begann, als Mitte der achtziger Jahre aus den frankophonen Ländern Afrikas der Klang des karibischen Zouk nach Angola schwappte und sich mit traditioneller angolanischer Musik und dem Sound des berühmten Semba vermischte. Anfangs wurde zu diesem neuen, seelen- und sehnsuchtsvollen Sound auch in Paaren Semba getanzt, später bildete sich der Kizomba heraus.

„Kizomba“ stammt aus dem Kimbundu, einer Bantu-Sprache in Angola, und bedeutet: „Vergnügen“. „,Kizomba‘ steht bei uns für alles, was festlich ist“, sagt Joaquim Francisco João. Als Afrika entkolonisiert wurde und vielerorts Bürgerkriege wüteten, brachte das in den achtziger Jahren viele Arbeitssuchende aus den ehemaligen portugiesischen Kolonien wie Moçambique, Guinea-Bissau, den Kapverden oder Angola nach Portugal. Und so kam auch der Kizomba nach Europa, dank angolanischer Immigranten, zuerst nach Lissabon.

Dort fanden die afrikanischen Migranten tanzend zusammen. Zum ursprünglich angolanischen Kizomba-Stil gesellten sich weitere Einflüsse, etwa von den ebenfalls portugiesischsprachigen Kapverdischen Inseln und dem westafrikanischen Guinea-Bissau. War der Sound und der Tanz des Sembas für Exilangolaner ursprünglich ein wichtiges Symbol der „Angoladade“, der kulturellen Essenz Angolas jenseits der Bürgerkriegsspaltung, wurde Kizomba in Portugal zum großen kulturellen Schmelzmittel. Das bald auch die Portugiesen begeistern sollte. Das Internet sorgte dann im Verlauf des letzten Jahrzehnts für die weltweite Verbreitung des Kizomba. Gibt man „Kizomba“ auf Youtube ein, tauchen Hunderte Videos von Wettbewerben und Tanzschulenpräsentationen aus der ganzen Welt auf, jeweils mit Abermillionen Klicks und Views. Dazu kommen etliche Musikvideos, in denen schmachtende Sänger Frauen sehnlich umwerben.

Für manche mag die Musik des Kizomba nah am Kitsch navigieren. Andere lassen sich von gefühlvoller Sinnlichkeit mitreißen. So populär der Kizomba inzwischen auf der ganzen Welt ist, so überraschend ist es, dass man in deutschen Medien vom Kizomba bislang wenig gehört hat. Dabei ist er vermutlich einer der beliebtesten Paartanzstile der Gegenwart. In Deutschland gibt es wohl kaum eine Tanzschule, die den Kizomba nicht im Angebot hätte.

Auf dem Weg von Angola über Portugal nach Mitteleuropa und den Rest der Welt hat sich der Kizomba über die Jahre weiter gewandelt. Vor allem in Paris, der Hauptstadt Afrikas in Europa, erprobte man vor einigen Jahren erfolgreich Veränderungen. Der Tanz wurde offener – und die dazugehörige Musik übernahm urbane, elektronische Musikelemente, unter anderem aus dem amerikanischen R ’n’ B. Ein Untergenre, der „Urban Kiz“, war geboren, und das ist der Sound, der heute die meisten Kizomba-Partys in Europa dominiert.

Oft spielen Kizomba-DJs in Deutschland bekannte R’n’B-Songs aus den Vereinigten Staaten im speziellen Kizomba-Remix, der einen Groove hat, der die Hüften der Tänzer und Tänzerinnen fast automatisch zum Vibrieren bringt. „Der echte Kizomba ist eher von Live-Instrumenten geprägt“, sagt Fabinho FM, der bekannteste Kizomba-DJ Berlins, der regelmäßig im „Soda-Club“ in der Kulturbrauerei spielt. Die Wellenbewegungen der Tänzer, die den Urban-Kiz auszeichnen, passen zum Rhythmus der Musik. Sie ist langsam, fast im Tempo des menschlichen Herzschlags, und es wird auf Portugiesisch gesungen.

Sonntags, während der regelmäßig angebotenen Salsa-, Bachata- und Kizomba-Party im „Soda-Club“, wird unter blinkenden Disco-Lichtern ebenfalls ein Kizomba-Kurs angeboten, angeleitet vom Tanzlehrer Jens De La Fiesta. Seit vier Jahren veranstaltet er in der Kulturbrauerei Kizomba-Partys, es kommen ständig mehr Besucher. „Neue Sachen sind immer interessanter“, sagt De La Fiesta, der nebenbei auch Salsa und Bachata unterrichtet. „Aber vor allem ist Kizomba sehr einfach zu lernen.“

Im Grunde, sagt der Lehrer, besteht der Kizomba aus drei Grundschritten: Schritt eins ist eine Gewichtsverlagerung von links nach rechts. Schritt zwei ist, was man in Deutschland als Disco-Samba kennt, links tap, rechts tap, links tap, rechts tap. Und schließlich Schritt drei, bekannt aus dem Disco-Fox, Schritt-Schritt tap, Schritt-Schritt, tap. Hat man diese Grundschritte verstanden, lässt sich damit vieles ergänzen und neu kombinieren, schon nach kurzer Zeit erleben auch Anfänger Erfolge auf der Tanzfläche.

Die Körperbewegungen des Kizomba bauen sich zudem vom Boden her auf, und die Figuren werden direkt getanzt, ohne vorbereitende Schritte. Der Mann führt im Dialog mit der Frau, die ihre Hüften dabei nach hinten bewegt (die sogenannte „Ginga“). Berührungsängste sind bei diesem Tanzstil fehl am Platz, der Körperkontakt ist zumeist sehr intensiv. Respekt vor und Vertrauen zum Tanzpartner sind die wichtigsten Faktoren, wenn man beim Kizomba in den Armen des Gegenübers versinkt und sich die Körper sanft berühren. Den Kizomba prägen elegante Bewegungen. Bodenkontakt und subtile Sinnlichkeit, man tanzt Kizomba für sich und den Partner, und nicht für ein Publikum.

Und dann sind da noch die intensiven Berührungen. In einer individualisierten, entkörperlichten Welt gelingt es den Tänzern beim Kizomba, einem anderen Menschen kurzfristig emotional nah zu sein. Und Ruhe zu finden. Auch wenn der Kizomba in Tanzschulen gerne als Ergänzung zu Salsa oder Tango angeboten wird, ist er das Gegenteil des expressiven Latino-Tanz-Stils.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Für Jens De La Fiesta ist Kizomba vor allem eine internationale Sprache geworden. Und sie hat zahlreiche Dialekte. „Mir gefällt daran, dass es ein lebender, vielseitiger Tanz ist, der sich andauernd verändert“, sagt der Tanzlehrer. „Ein Social Dance.“ Im „Soda-Club“ lassen sich die vielen Spielarten des Kizomba beobachten. Die aphrodisierte Variante zum Beispiel nennt man Tarraxinha. Was ausschaut wie Engtanz auf Viagra ist bei genauerem Hinschauen viel mehr: ein die Bauchmuskulatur fordernder Tanz, bei dem die Körperspannung beständig auf kleiner Flamme simmert und es nie zum Höhepunkt kommt. Dazu ertönt basslastige, futuristisch-zeitlupenartige Instrumentalmusik. Nach einer Viertelstunde ist die Tarraxinha-Runde im „Soda-Club“ vorbei, und Fabinho FM mixt klassischen angolanischen Semba, der im Tempo schneller ist als der Kizomba. Die Tanzfläche bleibt voll.

Der Kizomba ist mittlerweile so beliebt, dass sich heute ein europaweites Netzwerk von Festivals etabliert hat. Wer es sich leisten kann, fliegt jedes Wochenende in eine andere europäische Stadt, um auf Festivals neue Tanzschritte zu lernen und Gleichgesinnte auf der Tanzfläche zu umarmen, ob in Schweden, Großbritannien oder Frankreich.

Aber so ein Erfolg gefällt nicht jedem. Jelka, eine Kulturwissenschaftlerin aus Prenzlauer Berg, die seit drei Jahren beim Kizomba dabei ist und es in der Anfangszeit auf bis zu zwanzig Festivals pro Jahr brachte, vermisst inzwischen das Kollektive: „Am Anfang“, erzählt sie, „war die Szene sehr überschaubar. Jetzt sind sehr viele neue Leute dabei, und es finden jedes Wochenende zwei Festivals irgendwo in Europa statt.“ Die angolanischen Wurzeln des Kizomba sind den jüngeren Tänzern, die sich vor allem vom aktuellen Hype angetrieben fühlen, meistens unbekannt. Doch es ist gerade diese Entwicklung hin zu einer Massenbewegung, die es dem Kizomba möglich macht, vielfältig aufzublühen: In Paris beispielsweise hat man mancherorts den Urban-Kiz schon wieder hinter sich gelassen, ist zu den Wurzeln des Kizomba zurückgekehrt, tanzt zu Live-Musik im Semba-Sound (und nennt das „Bio“). In Polen und Tschechien dagegen ist gerade das Fieber für die urbane, expressive Seite des Kizomba besonders heftig entbrannt.

Ob als Mode, Tradition oder einfach nur Körpergenuss – vermutlich lässt sich die Attraktivität und das Interesse am Kizomba mit einem Zitat des brasilianischen Autors Paulo Coelho auf den Punkt bringen: „Eine Umarmung“, hat er in „Aleph“ geschrieben, „bedeutet, dass ich mich nicht von dir bedroht fühle, ich habe keine Angst, so nah zu sein, ich kann mich entspannen, mich zu Hause fühlen, mich geschützt fühlen und in Gegenwart von jemandem, der mich versteht.“ Ob Coelho Kizomba tanzt, ist unbekannt. Aber sonst tanzt ihn gerade die ganze Welt.

Quelle: F.A.S.
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