Brüchiges „Wir“

Wie türkisch ist Deutschland?

Von Claudius Seidl
 - 12:46
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Wer glaubt, dass früher irgendetwas besser war, liegt damit eigentlich meistens falsch - doch in diesen Tagen, da die türkischen Zeitungen zornig fragen, ob die Deutschen jetzt komplett verrückt geworden seien, alles Heuchler, bigotte Moralprediger, die den Türken dauernd in deren innere Angelegenheiten hineinquatschen, während sie selbst die Meinungsfreiheit, die sie fordern, nicht gewähren wollen; in diesen Tagen, da so viele Deutsche zornig und empört sind, speziell und absolut zu Recht über die türkische Justiz, die den Journalisten Deniz Yücel aufgrund lächerlicher Anschuldigungen in Untersuchungshaft hält, und dann ganz generell über dieses bescheuerte Volk, welches sich anscheinend freiwillig einem Mann ausliefert, dessen Machthunger, Rachsucht, Kleinlichkeit und pompös-provinzieller Geschmack doch offensichtlich sind; in diesen Tagen des Lärms und der Wut kommt manchmal die Erinnerung an eine Zeit, als zwischen Deutschen, Türken und Deutschtürken alles besser zu werden versprach. Es war in den späten Achtzigern - und dann, nach dem Mauerfall, konnte jeder, der türkische Freunde hatte, Kommilitonen, Gesprächspartner, ein gewisses Stöhnen hören, eine Sorge, dass jetzt, da man sich doch einigermaßen arrangiert hatte, jetzt, da man anfing, die Nischen zu verlassen und Teil des deutschen Normalzustands zu werden, dass ausgerechnet zu jener Zeit die Mauer fiel - und auch noch 17 Millionen Deutsche in Deutschland integriert werden wollten.

Wie wir heute wissen, hat das nicht ganz geklappt - von der Nichtintegration vieler Deutschen in Deutschland zeugen Dresdner Montagsdemonstrationen, „Volksverräter“-Geschrei und die Reden von Björn Höcke, in denen er den Westen zum Feind, ja zum Vernichter des deutschen Volks erklärt. Aber auch da, wo sich trotzdem ein „Wir“ zu konstituieren versucht, als Gesamtheit der Steuerzahler, Meinungssager, Bewohner deutscher Städte und Landschaften, auch da ist dieses „Wir“ zu brüchig, zu instabil, als dass es, mit angemessener Selbstverständlichkeit, auch jene einschlösse, deren Eltern oder Großeltern einst aus Anatolien kamen. Dass viele von denen heute weiter draußen stehen, als das bei ihren Eltern vor dreißig Jahren der Fall war: Das hat viele Gründe, und wer behauptete, nur die einen, die Bio- oder Phänodeutschen hätten daran schuld, wäre ein Ignorant, ein Ideologe. Oder beides.

Nur noch im Modus des Befehlstons

Aber das „Wir“, das man so dahinsagt, das Volk, das gemeint ist, wenn von den Deutschen die Rede ist: Das ist in den vergangenen Jahren immer enger geworden. Erst kam der 11. September, dann, scheinbar als logische geistige Konsequenz, jene sogenannte Islamkritik, welche keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus mehr sehen wollte, im Türken zuerst den Muslim sah und die Unvereinbarkeit von Islam und Demokratie, muslimischem Glauben und Menschenrechten behauptete. Thilo Sarrazin warnte vor Kopftuchmädchen und der Selbstabschaffung Deutschlands, und wenn er las, füllten besorgte Bürger die Säle. Während selbst bestens integrierte Deutschtürken sich zu fragen begannen, ob sie geistig und politisch ausgebürgert werden sollten. Und seit dann Erdogan, mit dem doch alles so hoffnungsvoll begann (und der trotzdem zu hören bekam, die Türkei gehöre kulturell einfach nicht dazu), immer dreister und brutaler nach absoluter Macht griff, reden Deutsche mit Deutschtürken und Türken eigentlich nur noch in einem Modus: im Befehlston, im Gestus des Mahners, Aufpassers. Benehmt euch gefälligst, benehmt euch wie Deutsche!

Klar, man weiß, nach einer Rede, wie sie Erdogan am Freitag gehalten hat, erst mal gar nicht wohin mit seiner Wut, angesichts der Lügen, des Zynismus, der barbarischen Demonstration seiner Macht. Aber wenn die Wut sich legt, kommt die Einsicht, dass man trotzdem reden muss. Woraus man eigentlich folgern muss, dass man auch wissen sollte, mit wem man redet. Das möchten aber die wenigsten wissen.

Gemeinsame Geschichte

Dass unsere Kultur längst nicht nur einen Migrationshintergrund, sondern die doppelte Staatsbürgerschaft hat, merkt man nicht bloß an trivialen (und trotzdem interessanten) Produkten wie „Türkisch für Anfänger“ und „Fack ju Göhte“. Man merkt es an den Büchern von Feridun Zaimoglu, Imran Ayata, Emine Sevgi Özdamar, Renan Demirkan. Man merkt es allerdings deutlicher, wenn eine internationale Jury einen Film von Fatih Akin zum Berlinale-Sieger macht. Dass die Bücher und Filme nicht bloß auf deutsche, sondern auch auf türkische Schauplätze und Vorgeschichten verweisen, das weiß, wer sie gesehen oder gelesen hat. Dass das deutsche Publikum größer sein sollte, größer sein müsste - das lehrt das Beispiel der Vereinigten Staaten, wo man besser weiß, dass es kaum kraftvollere Geschichten, interessantere Figuren und gültigere Antworten auf die Frage, wer man selbst sei, gibt als in den Filmen und Büchern mit, zum Beispiel, irischem oder italienischem Migrationshintergrund.

Es gibt keine Pflicht, sich mit der deutschtürkischen Kultur zu befassen; wer es aber bleiben lässt, vergibt die Chance, nicht nur einen nennenswerten Teil Deutschlands besser zu verstehen. Sondern auch etwas mehr über die Türkei zu wissen. Und wenn wir uns endlich mit dem Umstand versöhnen, dass es Deutsche türkischer Herkunft gibt, dann müssen wir uns auch an den Gedanken gewöhnen, dass es eine deutsche Vorgeschichte nicht nur in den Wäldern Germaniens gibt, an den Höfen von Wien oder Potsdam. Sondern auch in Anatolien. Das mag sich seltsam anhören, entspricht aber nur dem Befremden etwa eines Bayern, wenn der Taxifahrer in Potsdam sagt: „. . . und hier hat unser König ein Belvedere errichten lassen.“ „War nicht mein König. Interessiert mich nicht“, kann man da knurren, möglichst im Dialekt. Es klingt aber trotzdem arrogant, engherzig, inkompetent.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Seidl, Claudius (cls)
Claudius Seidl
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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