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Die Finanzen der Bundespräsidenten

Theodor Heuss baute mit Wüstenrot

Von Martin Otto
 - 16:50

Der Bestand B 122 des Koblenzer Bundesarchivs enthält die Überlieferung des Bundespräsidialamtes. Auf seiner Homepage erklärt das Archiv, dass diesem Bestand „aufgrund der besonderen Stellung und Bedeutung des Bundespräsidenten beziehungsweise des Bundespräsidialamtes“ eine besondere Bedeutung zukomme. Zum Jahresende hat man in Koblenz ein lange vorbereitetes „Findbuch zum Bestand B 122“ vorgelegt als Abschluss des mehrjährigen Erschließungsprojektes „Amtszeiten Heuss, Lübke und Heinemann“.

Ein Findbuch ist an sich eine trockene Angelegenheit und ein reines Hilfsmittel, um Aktenbestände zu erschließen. Doch auch die zweckfreie Lektüre dieses Findbuches ist nicht ohne Reiz und kommt einer Zeitreise in die Frühzeit der Bundesrepublik gleich. Zwar ist es methodisch nicht ganz unbedenklich, aus einem Findbuch auf die Quellen zu schließen. Doch die Sorgfalt der Koblenzer Archivare ist über jeden Zweifel erhaben. Was für einen Eindruck gewinnt man?

Sparbücher und Kontoauszüge sind einsehbar

Die Bundespräsidenten Lübke und Heinemann, so unterschiedlich sie von ihren Mitbürgern wahrgenommen wurden, waren in erster Linie penible Pflichtmenschen, die jeden Beleg einzeln abheften ließen. Sie waren natürlich nicht völlig dem Alltag entrückt, und so ist auch im Findbuch von Konten und Geld die Rede. Im Falle Heinemanns handelt es sich in erster Linie um ein Sparbuch der Sparkasse Bonn, das von 1970 bis 1974 für den Sozialfonds des Bundespräsidenten geführt wurde. Auch bei dem Ehepaar Lübke finden sich die Kontoauszüge eines „privaten Sozialfonds“. Die Sparbücher und Kontoauszüge können heute problemlos im Benutzersaal des Bundesarchivs eingesehen werden.

Heinemann und Lübke waren beide mit resoluten Frauen verheiratet, deren Intelligenz auch von politischen Gegnern ihrer Ehepartner nie in Zweifel gezogen wurde. Traditionell stehen der Frau des Bundespräsidenten einige Mitarbeiter des Präsidialamtes zur Verfügung. Beim „Büro Hilda Heinemann“ finden sich Abrechnungen zu Privatreisen; sie sind sorgsam mit Datum aufgeführt; am 26. Mai 1972 „Aufenthalt in Arnheim“, vom 28. Oktober bis zum 4. November 1973 ein „Aufenthalt in Madeira“. Auch die dienstlichen Anschaffungen für die Amtssitze in Berlin und Bonn, etwa der von 1973 bis 1989 dokumentierte Vorgang „Beschaffung und Anmietung eines Schreibautomaten Redactorn MT II bis IV im Bundespräsidialamt“, hätten wohl auch jede schwäbische Hausfrau unabhängig von ihrer Parteifärbung dazu bewogen, dem jeweiligen Amtsinhaber ihr Vertrauen auszusprechen.

Am Stil der Amtsvorgänger gemessen

Einige Kommentatoren warnen in diesen Tagen vor zu hohen moralischen Erwartungen an den Bundespräsidenten; man dürfe sich den „Idealpolitiker“ nicht als „Wasser trinkenden Asketen, der noch jedes geschenkte Buch, das mehr als 50 Euro kostet, dem Bundesverwaltungsamt meldet“, vorstellen, schrieb etwa Michael Naumann, einst Kulturstaatsminister unter Bundeskanzler Schröder, im „Cicero“. Dass auch Heinemann und Lübke nicht nur Wasser getrunken haben, verdeutlichen die zahlreichen Menükarten im Findbuch, und sicher kann nicht von jedem Staatsoberhaupt erwartet werden, sein privates Eigenheim wie Theodor Heuss mit der Bausparkasse Wüstenrot zu finanzieren.

Auch der asketische Gustav Heinemann verfügte vor seinem Amtsantritt über gute Kontakte zu Unternehmern; in Essen habe er, wie Arnulf Baring in seinem Buch “Machtwechsel“ schreibt, “von den Rheinischen Stahlwerken“ eine großbürgerliche Villa in der Essener Schinkelstraße 34 zu sehr ansprechenden Bedingungen gemietet. Er blieb in ihr sein Leben lang. Hilde Heinemann darüber hinaus bis zu ihrem Tod 1979.“ Sogar bei dem Erzprotestanten Heinemann blieben Verquickungen zwischen der Sphäre des Öffentlichen und des Privaten nicht aus. Die beschränkten sich freilich auf die Leihgabe des Bildes „Landung der Heiligen Ursula in Köln“ aus dem siebzehnten Jahrhundert. Unter „B 122/ 46549“ ist das im Eigentum der Bundesrepublik Deutschland stehende Bild „Die Ankunft der Heiligen Ursula in Köln“ von Hans Memling aufgeführt. Genauestens sind die „Schätzung des Sachwertes“ und eine „Eigentumsübertragung in den Besitz der Bundesrepublik Deutschland“ dokumentiert. Das Bild befand sich in Heinemanns Amtszeit aber nicht nur im Kölner Wallraf-Richartz-Museum und im Bundespräsidialamt. Offenbar hat der Bundespräsident das Gemälde zeitweise seiner Tochter, der zum Katholizismus konvertierten Theologieprofessorin Uta Ranke-Heinemann, zur Verfügung gestellt. Das ist alles sorgfältig im Findbuch als „Leihgabeverfahren an Uta Ranke-Heinemann“ dokumentiert. Jeder kann den Vorgang noch heute überprüfen und nachvollziehen (vgl. dazu den Leserbrief von Uta Ranke-Heinemann Geschenk des Papstes an Gustav Heinemann).

Welche Spuren der amtierende Bundespräsident im Bestand B 122 hinterlassen wird, ist noch nicht abzusehen. Für Pathos standen die Präsidenten der Bundesrepublik nie. Zu ihnen gehörte eher die bundesrepublikanische Nüchternheit, mit der jedes Sparbuch, jede private Urlaubsreise oder jede Ausleihe eines Bildes in Bundesbesitz später noch im Findbuch des Bundesarchivs verzeichnet ist. Jeder Bundespräsident muss es sich gefallen lassen, an diesem Stil seiner Amtsvorgänger gemessen zu werden.

Quelle: F.A.Z.
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