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Museum Ludwig hängt um

Aktion saubere Wand

Von Patrick Bahners
 - 13:22

Die Terra Foundation for American Art finanziert im Kölner Museum Ludwig eine Wissenschaftlerstelle, die laut Mitteilung des Direktors Yilmaz Dziewior „zur Aufarbeitung“ der „amerikanischen Sammlung“ gedacht ist. Es gehe, sagte Dziewior, der 2015 aus Bregenz kam, der „Süddeutschen Zeitung“, „um die Neubewertung einer bisher minorisierten Kunstgeschichte“.

Der Neologismus „minorisieren“ stammt aus der antirassistischen Theorie und bezeichnet Diskursmechanismen, die Minderheiten als minderwertig abstempeln. Die wissenschaftliche Neubewertung der amerikanischen Bestände in Köln ist also als Aufwertung von Abgewertetem angelegt.

Dziewior erläutert: „Da besitzt das Museum Ludwig vor allem Kunst von weißen, heterosexuellen, männlichen Amerikanern.“ Wer je das für die Sammlung Peter Ludwigs errichtete Museum betreten hat, wird jetzt fragen: Und warum versteckt man diese Kunst im Depot? Die Künstler, denen das Museum seinen Weltrang verdankt, sind die Heroen der Pop-Art und Proto-Pop-Art. Amerikaner, alle. Weiße Männer, fast alle. Aber Heterosexuelle?

Die Nichtheterosexuellen bilden vielleicht nicht die Mehrheit der Gruppe, sind aber im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung so sehr überrepräsentiert und innerhalb des Kreises so wichtig, dass man den Eindruck haben kann, sie majorisierten das Feld. Andy Warhol, der Star der Stars. Jasper Johns und Robert Rauschenberg, das wohl produktivste Liebespaar der Kunstgeschichte.

Nun ist die sexuelle Orientierung dieser Meister dem Direktor durchaus bekannt: „Aber wir wissen heute, dass man Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Merce Cunningham und Cy Twombly auch anders vermitteln kann“ – aber wie? Anders als 2006, als die Ausstellung „Das achte Feld“ im Museum Ludwig den Geschlechterrollentausch als Leitmotiv der New Yorker Malerei vorführte?

In Dziewiors Programm passt besser ein Blockbuster: „Cage, Cunningham, Rauschenberg, Johns – Vier Schwule verändern die Kunstwelt“. Dziewior hat „eine parallele Erzählung“ im Sinn, eine biographische Gegenbebilderung. Wir wissen heute, so sagt er, nämlich auch, „dass in der Kunstgeschichte beispielsweise das unterdrückte sexuelle Begehren nicht abgebildet ist“. (Beispielsweise!)

Mit der Kunstgeschichte ist hier offenbar nicht die akademische Disziplin gemeint, sondern die Gesamtheit der überlieferten Kunstwerke. Und nun betrachte man „Odalisk“, ein Hauptwerk des Museums Ludwig, eine „Combine“-Skulptur von 1955, Rauschenbergs Variation auf ein Thema von Ingres: Die Postkarten klassischer Akte, die auf die Kiste geklebt sind – was tun sie, wenn sie sexuelles Begehren nicht abbilden? Ist diese Collage heterosexueller Klischees nicht pure, bloße Abbildung? Dziewior mag zurückfragen: und das Begehren des Künstlers? In der Rauschenberg-Literatur wird auf den ausgestopften Hahn auf der Kiste verwiesen und auf den Pfahl, der oben die Kiste trägt und unten ein Kissen durchbohrt.

Solche Lesarten der schmutzigen Assemblagen sind nicht unumstritten, wie Rauschenberg und Johns auch nie als Pioniere der Schwulenbefreiung auftraten. Aber dass ein Kölner Direktor sie nun postum wieder ins Closet steckt und sogar als Heterosexuelle führt, weil ihr Begehren in ihrem Werk angeblich kein Thema habe sein können, das bestätigt den Verdacht, dass mit den Umhängungen und Umwertungen des Bilderkanons die Prüderie an die Macht drängt: Aktion saubere Museumswand.

Quelle: F.A.Z.
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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