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Verzweifeln an Trump

Allen Gewalten zum Trotz

Von Claudius Seidl
 - 12:08
„Ein einzelner Mann kann nicht in der Zeit zurückreisen. Das kann nur ich“, sagte der Ex-Gouverneur von Kalifornien mit österreichischem Akzent zu seinem Präsidenten in einer Videobotschaft. Bild: © 2015 Paramount Pictures, F.A.S.

Seit mehr als vier Monaten ist Donald Trump jetzt der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika – und längst ist klar, dass man von dieser Präsidentschaft nur in Form einer großen amerikanischen Erfolgsgeschichte sprechen kann.

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Es ist offensichtlich, dass dieser Präsident das Wesen und den Sinn der Gewaltenteilung, stabiler Institutionen und des Rechtsstaats nicht nur nicht verstanden hat: Er will das alles auch gar nicht verstehen. Es ist aber genau so offensichtlich, dass die Gewalten, der Rechtsstaat und die Institutionen sich davon nicht beeindrucken lassen. Die Gerichte heben die Beschlüsse des Präsidenten auf. Die Abgeordneten auch der Republikanischen Partei fühlen sich den Wählern in ihren Heimatstaaten mehr verpflichtet als diesem Präsidenten. Die Presse, von Trump als „Feind des Volks“ beschimpft, demonstriert täglich, wie frei sie ist und auch künftig bleiben wird, und das Volk will das alles lesen. Die Bundesstaaten lehnen sich auf. Und selbst die Chefs jener amerikanischen Unternehmen, welche von europäischen Linken gern als die Superschurken und natürlichen Verbündeten aller Autokraten und Tyrannen identifiziert werden, sagen diesem Präsidenten ganz offen, dass sie ihn für inkompetent, überfordert und beschränkt halten.

War Trumps Amtsantritt das Ende des amerikanischen Zeitalters?

Im Land der Freien, der Heimat der Tapferen kann man also gerade sehen, wie frei die Tapferen, wie tapfer die Freien sind – und womöglich war es noch nie so wichtig, so interessant, so erkenntnisstiftend für Europäer, amerikanische Zeitungen, Magazine und Bücher zu lesen, an amerikanischen Universitäten zu studieren, auf Youtube die bösesten der politischen Late Night Shows anzuschauen, ja teilzuhaben an der amerikanischen Kultur, den amerikanischen Diskursen, welche sich, weil der Universalismus der Wesenskern der Vereinigten Staaten ist, nicht nur an Amerikaner, sondern immer auch an alle anderen richten.

Was meint also Sigmar Gabriel, immerhin der deutsche Außenminister, wenn er vom „Ausfall der USA als wichtiger Nation“ spricht, und davon, dass „der Westen ein Stück kleiner“ geworden sei. Was meint die Kanzlerin, wenn sie ein ums andere Mal suggeriert, Europa müsse sich auf sich selbst besinnen? Was meinte Frank-Walter Steinmeier, als er noch Außenminister war, was meinten im selben Zusammenhang all die Kommentatoren, die aus dem Vorrat der verfügbaren Wörter ihre pompösesten Begriffe herausholten und einander und dem Volk erzählten, dass Donald Trumps Amtsantritt sei ein Epochenbruch gewesen, eine welthistorische Zäsur, das Ende des amerikanischen Zeitalters?

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Europa ist ja da: als Ort, als Kultur

Ist es das populäre Missverständnis, wonach, wer nur oft und laut genug behauptet, dass von hier und heute eine neue Epoche der Weltgeschichte ausgehe – „und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“ –, damit auch sich selbst historische Größe bescheinigt?

Ist es der habituelle deutsche Antiamerikanismus, der immer wieder hochkommt, von links wie von rechts, wenn die Musik zu laut, die Kultur zu bunt und zu unernst, die Zumutungen der Freiheit zu groß werden?

Und bedeutet die Aufforderung, Europa müsse sich auf sich selbst besinnen, dass, während Donald Trump an den funktionierenden Institutionen und dem Bürgersinn der Amerikaner scheitert, wir uns Leuten wie dem Polen Kaczyński zuwenden sollen, dem Ungarn Orbán, den durch und durch korrupten rumänischen sogenannten Sozialdemokraten oder dem kryptofaschistischen bulgarischen Vizeregierungschef Waleri Simeonow – jenen Europäern also, die tun, was sie nur können, um die Pressefreiheit einzuschränken und die Gewaltenteilung rückgängig zu machen. Am Freitagabend nannte der ZDF-Journalist Matthias Fornoff, Präsentator des Politbarometers, schon die Volksrepublik China unseren Verbündeten.

Auf Europa muss man sich nicht besinnen; denn Europa ist ja da: als Ort, als Kultur, als Zumutung einer Geschichte, in der sich die Ursachen und Begründungen für Kaczyński oder Orbán finden. Der Westen (um mal wieder den notorischen Heinrich August Winkler zu referieren) ist aber mehr, der Westen ist ein Projekt, das Versprechen der Freiheit, Teilhabe, Emanzipation. An diesem Projekt arbeiten weiterhin der Bürgermeister von Pittsburgh, die Reporter der „New York Times“, die Gouverneure von Washington und New York. Und jener Ex-Gouverneur von Kalifornien, der, mit österreichischem Akzent, seinem Präsidenten diese Videobotschaft übermittelte: „Ein einzelner Mann kann nicht in der Zeit zurückreisen. Das kann nur ich.“ Hasta la vista, Baby!

Quelle: F.A.S.
Claudius Seidl
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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